Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Wedekind, Frank: Erdgeist. Paris; Leipzig, 1895.

Bild:
<< vorherige Seite
Goll.
Das geht wie der Blitz. Die Frau muß Vir-
tuosin in ihrem Fach sein. Das muß jeder von
uns in seinem Fach, wenn das Leben nicht zur
Bettelei werden soll.
(Ruft.) Nellie!
Schwarz (an der Thür).
Frau Obermedizinalrat!
Lulu (von innen).
Gleich, gleich.
Goll (zu Schön).
Ich begreife solche Stockfische nicht.
Schön.
Ich beneide sie. Sie kennen nichts Heiligeres
als ihr Hungertuch. Sie fühlen sich reicher als
mit 30000 Mark Renten. Sie können nicht über
einen Menschen urteilen, der von Kindesbeinen an
von der Palette in den Mund lebt. Nehmen Sie
es auf sich, ihn flott zu machen. Es ist ein Rechen-
exempel. Mir fehlt der moralische Muth. Man
verbrennt sich leicht die Finger ...
Lulu (als Pierrot in spitzer weißer Perücke aus dem
Schlafzimmer tretend).

Da bin ich.
Goll.
Das geht wie der Blitz. Die Frau muß Vir-
tuoſin in ihrem Fach ſein. Das muß jeder von
uns in ſeinem Fach, wenn das Leben nicht zur
Bettelei werden ſoll.
(Ruft.) Nellie!
Schwarz (an der Thür).
Frau Obermedizinalrat!
Lulu (von innen).
Gleich, gleich.
Goll (zu Schön).
Ich begreife ſolche Stockfiſche nicht.
Schön.
Ich beneide ſie. Sie kennen nichts Heiligeres
als ihr Hungertuch. Sie fühlen ſich reicher als
mit 30000 Mark Renten. Sie können nicht über
einen Menſchen urteilen, der von Kindesbeinen an
von der Palette in den Mund lebt. Nehmen Sie
es auf ſich, ihn flott zu machen. Es iſt ein Rechen-
exempel. Mir fehlt der moraliſche Muth. Man
verbrennt ſich leicht die Finger …
Lulu (als Pierrot in ſpitzer weißer Perücke aus dem
Schlafzimmer tretend).

Da bin ich.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0028" n="22"/>
          <sp who="#GOL">
            <speaker> <hi rendition="#b">Goll.</hi> </speaker><lb/>
            <p>Das geht wie der Blitz. Die Frau muß Vir-<lb/>
tuo&#x017F;in in ihrem Fach &#x017F;ein. Das muß jeder von<lb/>
uns in &#x017F;einem Fach, wenn das Leben nicht zur<lb/>
Bettelei werden &#x017F;oll.</p>
            <stage>(Ruft.)</stage>
            <p>Nellie!</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#SCH">
            <speaker> <hi rendition="#b">Schwarz</hi> </speaker>
            <stage>(an der Thür).</stage><lb/>
            <p>Frau Obermedizinalrat!</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#LUL">
            <speaker> <hi rendition="#b">Lulu</hi> </speaker>
            <stage>(von innen).</stage><lb/>
            <p>Gleich, gleich.</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#GOL">
            <speaker> <hi rendition="#b">Goll</hi> </speaker>
            <stage>(zu Schön).</stage><lb/>
            <p>Ich begreife &#x017F;olche Stockfi&#x017F;che nicht.</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#SCH">
            <speaker> <hi rendition="#b">Schön.</hi> </speaker><lb/>
            <p>Ich beneide &#x017F;ie. Sie kennen nichts Heiligeres<lb/>
als ihr Hungertuch. Sie fühlen &#x017F;ich reicher als<lb/>
mit 30000 Mark Renten. Sie können nicht über<lb/>
einen Men&#x017F;chen urteilen, der von Kindesbeinen an<lb/>
von der Palette in den Mund lebt. Nehmen Sie<lb/>
es auf &#x017F;ich, ihn flott zu machen. Es i&#x017F;t ein Rechen-<lb/>
exempel. Mir fehlt der morali&#x017F;che Muth. Man<lb/>
verbrennt &#x017F;ich leicht die Finger &#x2026;</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#LUL">
            <speaker> <hi rendition="#b">Lulu</hi> </speaker>
            <stage>(als Pierrot in &#x017F;pitzer weißer Perücke aus dem<lb/>
Schlafzimmer tretend).</stage><lb/>
            <p>Da bin ich.</p>
          </sp><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[22/0028] Goll. Das geht wie der Blitz. Die Frau muß Vir- tuoſin in ihrem Fach ſein. Das muß jeder von uns in ſeinem Fach, wenn das Leben nicht zur Bettelei werden ſoll. (Ruft.) Nellie! Schwarz (an der Thür). Frau Obermedizinalrat! Lulu (von innen). Gleich, gleich. Goll (zu Schön). Ich begreife ſolche Stockfiſche nicht. Schön. Ich beneide ſie. Sie kennen nichts Heiligeres als ihr Hungertuch. Sie fühlen ſich reicher als mit 30000 Mark Renten. Sie können nicht über einen Menſchen urteilen, der von Kindesbeinen an von der Palette in den Mund lebt. Nehmen Sie es auf ſich, ihn flott zu machen. Es iſt ein Rechen- exempel. Mir fehlt der moraliſche Muth. Man verbrennt ſich leicht die Finger … Lulu (als Pierrot in ſpitzer weißer Perücke aus dem Schlafzimmer tretend). Da bin ich.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/wedekind_erdgeist_1895
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/wedekind_erdgeist_1895/28
Zitationshilfe: Wedekind, Frank: Erdgeist. Paris; Leipzig, 1895, S. 22. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wedekind_erdgeist_1895/28>, abgerufen am 01.11.2020.