Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 1. Frankfurt (Main) u. a., 1766.

Bild:
<< vorherige Seite

Zweytes Buch, drittes Capitel.
lerinnen, die durch die Reizungen ihrer Gestalt so sehr
als durch ihre Geschiklichkeit bezauberten, und die
nachahmenden Tänze, in denen sie die Geschichte der Le-
da oder Danae durch blosse Bewegungen mit einer Leb-
haftigkeit vorstellten, die einen Nestor hätte verjüngern
können; wie er die üppigen Bäder, die bezauberten
Gärten, kurz, wie er alles sah, was das Haus des wei-
sen Hippias zu einem Tempel der ausgekünsteltsten Sinn-
lichkeit machte, so stieg seine Verwunderung bis zum
Erstaunen; und er konnte nicht begreifen, was dieser
Sybarite gethan haben müsse, um den Namen eines
Weisen zu verdienen, oder wie er sich einer Benennung
nicht schäme, die ihm, seinen Gedanken nach, eben so
gut anstund, als dem Alexander von Phera, wenn man
ihn den Leutseligen, oder der Phryne, wenn man sie die
Keusche hätte nennen wollen. Alle Auflösungen, die
er sich selbst hierüber machen konnte, befriedigten ihn so
wenig, daß er sich vornahm, bey der ersten Gelegen-
heit dieses Problem dem Hippias selbst vorzulegen.

Viertes Capitel.
Welches bey einigen den Verdacht erweken
wird, daß diese Geschichte erdichtet sey.

Die Verrichtungen des Agathon liessen ihm so viel
Zeit übrig, daß er in wenigen Tagen in einem Hause,

wo
[Agath. I. Th.] D

Zweytes Buch, drittes Capitel.
lerinnen, die durch die Reizungen ihrer Geſtalt ſo ſehr
als durch ihre Geſchiklichkeit bezauberten, und die
nachahmenden Taͤnze, in denen ſie die Geſchichte der Le-
da oder Danae durch bloſſe Bewegungen mit einer Leb-
haftigkeit vorſtellten, die einen Neſtor haͤtte verjuͤngern
koͤnnen; wie er die uͤppigen Baͤder, die bezauberten
Gaͤrten, kurz, wie er alles ſah, was das Haus des wei-
ſen Hippias zu einem Tempel der ausgekuͤnſteltſten Sinn-
lichkeit machte, ſo ſtieg ſeine Verwunderung bis zum
Erſtaunen; und er konnte nicht begreifen, was dieſer
Sybarite gethan haben muͤſſe, um den Namen eines
Weiſen zu verdienen, oder wie er ſich einer Benennung
nicht ſchaͤme, die ihm, ſeinen Gedanken nach, eben ſo
gut anſtund, als dem Alexander von Phera, wenn man
ihn den Leutſeligen, oder der Phryne, wenn man ſie die
Keuſche haͤtte nennen wollen. Alle Aufloͤſungen, die
er ſich ſelbſt hieruͤber machen konnte, befriedigten ihn ſo
wenig, daß er ſich vornahm, bey der erſten Gelegen-
heit dieſes Problem dem Hippias ſelbſt vorzulegen.

Viertes Capitel.
Welches bey einigen den Verdacht erweken
wird, daß dieſe Geſchichte erdichtet ſey.

Die Verrichtungen des Agathon lieſſen ihm ſo viel
Zeit uͤbrig, daß er in wenigen Tagen in einem Hauſe,

wo
[Agath. I. Th.] D
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0071" n="49"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Zweytes Buch, drittes Capitel.</hi></fw><lb/>
lerinnen, die durch die Reizungen ihrer Ge&#x017F;talt &#x017F;o &#x017F;ehr<lb/>
als durch ihre Ge&#x017F;chiklichkeit bezauberten, und die<lb/>
nachahmenden Ta&#x0364;nze, in denen &#x017F;ie die Ge&#x017F;chichte der Le-<lb/>
da oder Danae durch blo&#x017F;&#x017F;e Bewegungen mit einer Leb-<lb/>
haftigkeit vor&#x017F;tellten, die einen Ne&#x017F;tor ha&#x0364;tte verju&#x0364;ngern<lb/>
ko&#x0364;nnen; wie er die u&#x0364;ppigen Ba&#x0364;der, die bezauberten<lb/>
Ga&#x0364;rten, kurz, wie er alles &#x017F;ah, was das Haus des wei-<lb/>
&#x017F;en Hippias zu einem Tempel der ausgeku&#x0364;n&#x017F;telt&#x017F;ten Sinn-<lb/>
lichkeit machte, &#x017F;o &#x017F;tieg &#x017F;eine Verwunderung bis zum<lb/>
Er&#x017F;taunen; und er konnte nicht begreifen, was die&#x017F;er<lb/>
Sybarite gethan haben mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;e, um den Namen eines<lb/>
Wei&#x017F;en zu verdienen, oder wie er &#x017F;ich einer Benennung<lb/>
nicht &#x017F;cha&#x0364;me, die ihm, &#x017F;einen Gedanken nach, eben &#x017F;o<lb/>
gut an&#x017F;tund, als dem Alexander von Phera, wenn man<lb/>
ihn den Leut&#x017F;eligen, oder der Phryne, wenn man &#x017F;ie die<lb/>
Keu&#x017F;che ha&#x0364;tte nennen wollen. Alle Auflo&#x0364;&#x017F;ungen, die<lb/>
er &#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t hieru&#x0364;ber machen konnte, befriedigten ihn &#x017F;o<lb/>
wenig, daß er &#x017F;ich vornahm, bey der er&#x017F;ten Gelegen-<lb/>
heit die&#x017F;es Problem dem Hippias &#x017F;elb&#x017F;t vorzulegen.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Viertes Capitel.</hi><lb/>
Welches bey einigen den Verdacht erweken<lb/>
wird, daß die&#x017F;e Ge&#x017F;chichte erdichtet &#x017F;ey.</hi> </head><lb/>
            <p><hi rendition="#in">D</hi>ie Verrichtungen des Agathon lie&#x017F;&#x017F;en ihm &#x017F;o viel<lb/>
Zeit u&#x0364;brig, daß er in wenigen Tagen in einem Hau&#x017F;e,<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">[Agath. <hi rendition="#aq">I.</hi> Th.] D</fw><fw place="bottom" type="catch">wo</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[49/0071] Zweytes Buch, drittes Capitel. lerinnen, die durch die Reizungen ihrer Geſtalt ſo ſehr als durch ihre Geſchiklichkeit bezauberten, und die nachahmenden Taͤnze, in denen ſie die Geſchichte der Le- da oder Danae durch bloſſe Bewegungen mit einer Leb- haftigkeit vorſtellten, die einen Neſtor haͤtte verjuͤngern koͤnnen; wie er die uͤppigen Baͤder, die bezauberten Gaͤrten, kurz, wie er alles ſah, was das Haus des wei- ſen Hippias zu einem Tempel der ausgekuͤnſteltſten Sinn- lichkeit machte, ſo ſtieg ſeine Verwunderung bis zum Erſtaunen; und er konnte nicht begreifen, was dieſer Sybarite gethan haben muͤſſe, um den Namen eines Weiſen zu verdienen, oder wie er ſich einer Benennung nicht ſchaͤme, die ihm, ſeinen Gedanken nach, eben ſo gut anſtund, als dem Alexander von Phera, wenn man ihn den Leutſeligen, oder der Phryne, wenn man ſie die Keuſche haͤtte nennen wollen. Alle Aufloͤſungen, die er ſich ſelbſt hieruͤber machen konnte, befriedigten ihn ſo wenig, daß er ſich vornahm, bey der erſten Gelegen- heit dieſes Problem dem Hippias ſelbſt vorzulegen. Viertes Capitel. Welches bey einigen den Verdacht erweken wird, daß dieſe Geſchichte erdichtet ſey. Die Verrichtungen des Agathon lieſſen ihm ſo viel Zeit uͤbrig, daß er in wenigen Tagen in einem Hauſe, wo [Agath. I. Th.] D

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon01_1766
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon01_1766/71
Zitationshilfe: Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 1. Frankfurt (Main) u. a., 1766, S. 49. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon01_1766/71>, abgerufen am 20.06.2019.