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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893.

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1.
DIE PHRATRIE DER DEMOTIONIDEN.


Ich möchte nicht die ganze urkunde zum abdruck bringen, die uns
allein einen einblick in das leben einer phratrie gewährt, bin aber über-
zeugt, dass die erklärer deshalb nicht richtige folgerungen gezogen haben,
weil sie die urkunde aus den meinungen über die phratrien erklärt haben,
die doch alle ungewiss sind, statt dies wie jedes schriftstück erst aus sich
zu erklären. ich bitte also den leser, meine paraphrase selbst zu con-
trolliren, indem er den text zur hand nimmt. 1)

Der stein stand in Dekeleia vor dem altar des Zeus phratrios (65. 1).Paraphrase
der ur-
kunde.

er enthält zuerst den tarif für die beiden opfer, die für die anmeldung
und einführung eines mitgliedes in die bruderschaft zu leisten sind, d. h.
den anteil, den der priester erhält. darauf die überschrift "beschluss
der brüder unter dem archon Phormion, bruderschaftsvorsteher Panta-
kles". 2) genaure praescripta fehlen, es muss also dahin stehn, ob der
beschluss in der einmaligen ordentlichen versammlung (agora) der bruder-
schaft an den Apaturien stattgefunden hat, oder ausserordentlich. auch
ist nicht bezeichnet, wie weit das folgende zu demselben beschlusse von
396 gehört; das letzte gesetz (von 113 ab) ist der schrift und ortho-
graphie nach mehrere jahrzehnte jünger. es ist auch durch alinea ge-
trennt. da das alles für die beiden andern nicht gilt, auch die identität
des steinmetzen von Lolling angemerkt wird, so muss ich alles für gleich-

1) Majuskelpublication des zweiten teiles von Pantazidis Eph. arkh. 88, 1. an
ein par stellen (67. 79) berichtigt von Lolling Delt. 88, 161, der das letzte pse-
phisma vollständiger gibt. der früher schon bekannte erste teil steht schon CIA
II 841b.
2) Man erwarte nicht den namen der bruderschaft: edoxen tois phuletais, de-
motais ist die regel. so sagt auch die demokratie edoxen to demo: die alte weise
war gewesen thesmia tade Athenaiois.
17*
1.
DIE PHRATRIE DER DEMOTIONIDEN.


Ich möchte nicht die ganze urkunde zum abdruck bringen, die uns
allein einen einblick in das leben einer phratrie gewährt, bin aber über-
zeugt, daſs die erklärer deshalb nicht richtige folgerungen gezogen haben,
weil sie die urkunde aus den meinungen über die phratrien erklärt haben,
die doch alle ungewiſs sind, statt dies wie jedes schriftstück erst aus sich
zu erklären. ich bitte also den leser, meine paraphrase selbst zu con-
trolliren, indem er den text zur hand nimmt. 1)

Der stein stand in Dekeleia vor dem altar des Zeus phratrios (65. 1).Paraphrase
der ur-
kunde.

er enthält zuerst den tarif für die beiden opfer, die für die anmeldung
und einführung eines mitgliedes in die bruderschaft zu leisten sind, d. h.
den anteil, den der priester erhält. darauf die überschrift “beschluſs
der brüder unter dem archon Phormion, bruderschaftsvorsteher Panta-
kles”. 2) genaure praescripta fehlen, es muſs also dahin stehn, ob der
beschluſs in der einmaligen ordentlichen versammlung (ἀγοϱά) der bruder-
schaft an den Apaturien stattgefunden hat, oder auſserordentlich. auch
ist nicht bezeichnet, wie weit das folgende zu demselben beschluſse von
396 gehört; das letzte gesetz (von 113 ab) ist der schrift und ortho-
graphie nach mehrere jahrzehnte jünger. es ist auch durch alinea ge-
trennt. da das alles für die beiden andern nicht gilt, auch die identität
des steinmetzen von Lolling angemerkt wird, so muſs ich alles für gleich-

1) Majuskelpublication des zweiten teiles von Pantazidis Ἐφ. ἀϱχ. 88, 1. an
ein par stellen (67. 79) berichtigt von Lolling Δελτ. 88, 161, der das letzte pse-
phisma vollständiger gibt. der früher schon bekannte erste teil steht schon CIA
II 841b.
2) Man erwarte nicht den namen der bruderschaft: ἔδοξεν τοῖς φυλέταις, δη-
μόταις ist die regel. so sagt auch die demokratie ἔδοξεν τῷ δήμῳ: die alte weise
war gewesen ϑέσμια τάδε Ἀϑηναίοις.
17*
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[[259]/0269] 1. DIE PHRATRIE DER DEMOTIONIDEN. Ich möchte nicht die ganze urkunde zum abdruck bringen, die uns allein einen einblick in das leben einer phratrie gewährt, bin aber über- zeugt, daſs die erklärer deshalb nicht richtige folgerungen gezogen haben, weil sie die urkunde aus den meinungen über die phratrien erklärt haben, die doch alle ungewiſs sind, statt dies wie jedes schriftstück erst aus sich zu erklären. ich bitte also den leser, meine paraphrase selbst zu con- trolliren, indem er den text zur hand nimmt. 1) Der stein stand in Dekeleia vor dem altar des Zeus phratrios (65. 1). er enthält zuerst den tarif für die beiden opfer, die für die anmeldung und einführung eines mitgliedes in die bruderschaft zu leisten sind, d. h. den anteil, den der priester erhält. darauf die überschrift “beschluſs der brüder unter dem archon Phormion, bruderschaftsvorsteher Panta- kles”. 2) genaure praescripta fehlen, es muſs also dahin stehn, ob der beschluſs in der einmaligen ordentlichen versammlung (ἀγοϱά) der bruder- schaft an den Apaturien stattgefunden hat, oder auſserordentlich. auch ist nicht bezeichnet, wie weit das folgende zu demselben beschluſse von 396 gehört; das letzte gesetz (von 113 ab) ist der schrift und ortho- graphie nach mehrere jahrzehnte jünger. es ist auch durch alinea ge- trennt. da das alles für die beiden andern nicht gilt, auch die identität des steinmetzen von Lolling angemerkt wird, so muſs ich alles für gleich- Paraphrase der ur- kunde. 1) Majuskelpublication des zweiten teiles von Pantazidis Ἐφ. ἀϱχ. 88, 1. an ein par stellen (67. 79) berichtigt von Lolling Δελτ. 88, 161, der das letzte pse- phisma vollständiger gibt. der früher schon bekannte erste teil steht schon CIA II 841b. 2) Man erwarte nicht den namen der bruderschaft: ἔδοξεν τοῖς φυλέταις, δη- μόταις ist die regel. so sagt auch die demokratie ἔδοξεν τῷ δήμῳ: die alte weise war gewesen ϑέσμια τάδε Ἀϑηναίοις. 17*

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893, S. [259]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles02_1893/269>, abgerufen am 21.04.2019.