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Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835.

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sie rasch und ribbelte sie mit beiden Händen wieder rund,
da lief sie hin als wenn ihr nichts gefehlt hätt, und
die Krankheit ist auch vorbei, sie macht sich gar nicht
mehr dick, sie frißt, sie säuft, badet sich und singt, alles
staunt die Wachtel an.


Heute gingen wir auf's Feld um die Wirkung ei-
ner Maschine zu sehen mit der Christian bei großer
Dürre die Saaten wässern will, ein sich weit verbrei-
tender Perlenregen spielte in der Sonne und machte uns
viel Vergnügen. Mit diesem Bruder geh ich gern spa-
zieren, er schlendert so vor mir her, und findet überall
was merkwürdiges; er kennt das Leben der kleinen In-
sekte und ihre Wohnungen und wie sie sich nähren und
mehren; alle Pflanzen nennt er, und kennt ihre Abkunft
und Eigenschaften, manchmal bleibt er den ganzen Tag
auf einem Fleck liegen und simulirt wer weiß was er
da alles denkt, in keiner Stadt gäb's so viel zu thun
als was seine Erfindsamkeit jeden Augenblick ausheckt;
bald hab ich beim Schmidt, bald bei dem Zimmermann
oder Maurer subtile Geschäfte für ihn, bei dem einen
zieh ich den Blasbalg, bei dem andern halte ich Schnur

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ſie raſch und ribbelte ſie mit beiden Händen wieder rund,
da lief ſie hin als wenn ihr nichts gefehlt hätt, und
die Krankheit iſt auch vorbei, ſie macht ſich gar nicht
mehr dick, ſie frißt, ſie ſäuft, badet ſich und ſingt, alles
ſtaunt die Wachtel an.


Heute gingen wir auf's Feld um die Wirkung ei-
ner Maſchine zu ſehen mit der Chriſtian bei großer
Dürre die Saaten wäſſern will, ein ſich weit verbrei-
tender Perlenregen ſpielte in der Sonne und machte uns
viel Vergnügen. Mit dieſem Bruder geh ich gern ſpa-
zieren, er ſchlendert ſo vor mir her, und findet überall
was merkwürdiges; er kennt das Leben der kleinen In-
ſekte und ihre Wohnungen und wie ſie ſich nähren und
mehren; alle Pflanzen nennt er, und kennt ihre Abkunft
und Eigenſchaften, manchmal bleibt er den ganzen Tag
auf einem Fleck liegen und ſimulirt wer weiß was er
da alles denkt, in keiner Stadt gäb's ſo viel zu thun
als was ſeine Erfindſamkeit jeden Augenblick ausheckt;
bald hab ich beim Schmidt, bald bei dem Zimmermann
oder Maurer ſubtile Geſchäfte für ihn, bei dem einen
zieh ich den Blasbalg, bei dem andern halte ich Schnur

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[225/0235] ſie raſch und ribbelte ſie mit beiden Händen wieder rund, da lief ſie hin als wenn ihr nichts gefehlt hätt, und die Krankheit iſt auch vorbei, ſie macht ſich gar nicht mehr dick, ſie frißt, ſie ſäuft, badet ſich und ſingt, alles ſtaunt die Wachtel an. Mittwoch. Heute gingen wir auf's Feld um die Wirkung ei- ner Maſchine zu ſehen mit der Chriſtian bei großer Dürre die Saaten wäſſern will, ein ſich weit verbrei- tender Perlenregen ſpielte in der Sonne und machte uns viel Vergnügen. Mit dieſem Bruder geh ich gern ſpa- zieren, er ſchlendert ſo vor mir her, und findet überall was merkwürdiges; er kennt das Leben der kleinen In- ſekte und ihre Wohnungen und wie ſie ſich nähren und mehren; alle Pflanzen nennt er, und kennt ihre Abkunft und Eigenſchaften, manchmal bleibt er den ganzen Tag auf einem Fleck liegen und ſimulirt wer weiß was er da alles denkt, in keiner Stadt gäb's ſo viel zu thun als was ſeine Erfindſamkeit jeden Augenblick ausheckt; bald hab ich beim Schmidt, bald bei dem Zimmermann oder Maurer ſubtile Geſchäfte für ihn, bei dem einen zieh ich den Blasbalg, bei dem andern halte ich Schnur 10**

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Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835, S. 225. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/235>, abgerufen am 09.03.2021.