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Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 1. Hamburg, 1832.

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Kann man es besser haben als ich? die Tage
wachsen schnell und mit ihnen meine Hoffnungen.
Das Wetter ist sehr gelinde; schon sind die Wander¬
vögel dem Norden zugezogen: bald endet der Winter,
bald thauet der deutsche Bund auf, bald blühn
alle Veilchen
; über meinem Kopfe Saphirs
Fußtritte, und eine deutsche Küche. Ja, ich habe eine
deutsche Köchin entdeckt, eine vortreffliche Augsburgerin,
die eine Table d'Hote hält, wo man lauter vater¬
ländische Gerichte und Gäste findet. Rindfleisch mit
rothen Rüben und Kräutersauce, Kartoffeln, Sauer¬
kraut mit Schweinefleisch, Reisauflauf und Kommis
in Menge. Man wird doch satt und es kostet nicht
viel. Was aber mein Glück stört, ist, wie man hier
mit Bestimmtheit behauptet, daß Metternich das
Ruder verliert. Darüber bin ich sehr verdrießlich,
es ist ein Unglück. Metternich war eine reine
Farbe, die der feindlichen entgegengesetzt, es bald zu
irgend einer Entscheidung gebracht hätte; wenn aber
nach ihm die graue Neutralität regiert, wird keiner
wissen, wo seine Fahne ist, alle werden durch ein¬
ander laufen und keiner das Ziel finden. Metternich
war starr, eigensinnig und der Sturm hätte ihn
bald gebrochen; sein Nachfolger wird auch nicht wei¬


Kann man es beſſer haben als ich? die Tage
wachſen ſchnell und mit ihnen meine Hoffnungen.
Das Wetter iſt ſehr gelinde; ſchon ſind die Wander¬
vögel dem Norden zugezogen: bald endet der Winter,
bald thauet der deutſche Bund auf, bald blühn
alle Veilchen
; über meinem Kopfe Saphirs
Fußtritte, und eine deutſche Küche. Ja, ich habe eine
deutſche Köchin entdeckt, eine vortreffliche Augsburgerin,
die eine Table d'Hôte hält, wo man lauter vater¬
ländiſche Gerichte und Gäſte findet. Rindfleiſch mit
rothen Rüben und Kräuterſauce, Kartoffeln, Sauer¬
kraut mit Schweinefleiſch, Reisauflauf und Kommis
in Menge. Man wird doch ſatt und es koſtet nicht
viel. Was aber mein Glück ſtört, iſt, wie man hier
mit Beſtimmtheit behauptet, daß Metternich das
Ruder verliert. Darüber bin ich ſehr verdrießlich,
es iſt ein Unglück. Metternich war eine reine
Farbe, die der feindlichen entgegengeſetzt, es bald zu
irgend einer Entſcheidung gebracht hätte; wenn aber
nach ihm die graue Neutralität regiert, wird keiner
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ander laufen und keiner das Ziel finden. Metternich
war ſtarr, eigenſinnig und der Sturm hätte ihn
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[181/0195] Montag, den 10. Januar. Kann man es beſſer haben als ich? die Tage wachſen ſchnell und mit ihnen meine Hoffnungen. Das Wetter iſt ſehr gelinde; ſchon ſind die Wander¬ vögel dem Norden zugezogen: bald endet der Winter, bald thauet der deutſche Bund auf, bald blühn alle Veilchen; über meinem Kopfe Saphirs Fußtritte, und eine deutſche Küche. Ja, ich habe eine deutſche Köchin entdeckt, eine vortreffliche Augsburgerin, die eine Table d'Hôte hält, wo man lauter vater¬ ländiſche Gerichte und Gäſte findet. Rindfleiſch mit rothen Rüben und Kräuterſauce, Kartoffeln, Sauer¬ kraut mit Schweinefleiſch, Reisauflauf und Kommis in Menge. Man wird doch ſatt und es koſtet nicht viel. Was aber mein Glück ſtört, iſt, wie man hier mit Beſtimmtheit behauptet, daß Metternich das Ruder verliert. Darüber bin ich ſehr verdrießlich, es iſt ein Unglück. Metternich war eine reine Farbe, die der feindlichen entgegengeſetzt, es bald zu irgend einer Entſcheidung gebracht hätte; wenn aber nach ihm die graue Neutralität regiert, wird keiner wiſſen, wo ſeine Fahne iſt, alle werden durch ein¬ ander laufen und keiner das Ziel finden. Metternich war ſtarr, eigenſinnig und der Sturm hätte ihn bald gebrochen; ſein Nachfolger wird auch nicht wei¬

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Zitationshilfe: Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 1. Hamburg, 1832, S. 181. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris01_1832/195>, abgerufen am 23.07.2024.