Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Braun, Lily: Die Frauen und die Politik. Berlin, 1903.

Bild:
<< vorherige Seite

1877, 1884 und 1890, sei es für besondere Spezialgebiete, alljährlich
im Reichstage gestellt. Fragen von weittragender Bedeutung, wie die
des durch besondere Arbeitsämter zu regelnden Arbeitsnachweises
und die der Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, wurden von der
Sozialdemokratie zuerst aufgerollt und nach und nach auch auf bürger-
licher Seite in Erwägung gezogen. Kein Mißstand innerhalb der
Arbeitsverhältnisse bleibt von ihr unbeachtet - begreiflich genug,
da sie nicht nur das Proletariat vertritt, sondern von ihm gebildet
wird, und daher genau wissen muß, wo sie selbst der Schuh drückt.
So mußte sie es auch sein, die gegen indirekte Steuern und Zölle,
vor Allem die auf Lebensmittel, im Namen des arbeitenden Volks
immer aufs Neue geharnischten Protest erhebt, die ein Gegner ist vom
Militarismus und Marinismus, nicht nur, weil die Milliarden, die
dafür vom Volk aufgebracht werden müssen, für Kulturaufgaben
höherer Art nützlicher angelegt werden könnten, nicht nur, weil die
Rüstungen den Wetteifer aller anderen Nationen erregen, so zu einer
Schraube ohne Ende werden und den Frieden ernstlich gefährden,
sondern vor Allem auch, weil der Militarismus zu Wasser und zu
Lande volksfeindlichen Zwecken dient, indem er die Hauptstütze des
bestehenden Wirthschaftssystems bildet. Die Abschaffung der stehenden
Heere ist für die Sozialdemokratie nicht Zweck allein, sondern Mittel
zu einem höheren: der Ablösung der kapitalistischen Gesellschafts-
ordnung durch die sozialistische.

Nur die wichtigsten Punkte aus dem großen Gebiet ihrer Be-
strebungen haben wir an dieser Stelle herausheben können, aber sie
genügen, um zu beweisen, daß sie für die Gegenwart nichts Anderes
will, als die Erhöhung der Lebenshaltung, der physischen und geistigen
Kultur des Volkes, vor Allem der jetzt Entrechteten und Unterdrückten,
der Proletarier; und für die Zukunft eine Neuordnung der Dinge,
die Jedem ein menschenwürdiges Dasein sichert. Diese Ziele aber
können nicht anders erreicht werden, als durch die Einschränkung der
Vorrechte und Vortheile der herrschenden Klassen, soweit die Gegen-
wart in Betracht kommt, und der schließlichen völligen Niederwerfung
ihrer auf dem Privatbesitz beruhenden Herrschaft. Jn Folge dessen
sieht die gesammte bürgerliche Welt in der Sozialdemokratie ihre
gefährlichste Feindin, die sie, je nach dem Grade ihrer Einsicht, ent-
weder durch alle Mittel der Gewalt, gesetzliche und ungesetzliche,
niederzuwerfen, oder ihr, durch möglichstes Entgegenkommen auf
Wünsche der Arbeiter, den Boden abzugraben versucht. Vom Sozia-
listengesetz über die Umsturz- und die Zuchthaus-Vorlage bis zur
neuesten Zeit löst eine Verfolgung oder zum Mindesten der Versuch
dazu, die andere ab: manchmal wird grobes Geschütz gegen die
Arbeiter aufgefahren, dann wieder sind es Nadelstiche, die sie in der
Form von Koalitionseinschränkungen, Vereinsauflösungen, Ver-
sammlungsverboten, Gefängnißstrafen für Preßvergehen und
Majestätsbeleidigungen treffen. Gegen die Sozialdemokratie als

1877, 1884 und 1890, sei es für besondere Spezialgebiete, alljährlich
im Reichstage gestellt. Fragen von weittragender Bedeutung, wie die
des durch besondere Arbeitsämter zu regelnden Arbeitsnachweises
und die der Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, wurden von der
Sozialdemokratie zuerst aufgerollt und nach und nach auch auf bürger-
licher Seite in Erwägung gezogen. Kein Mißstand innerhalb der
Arbeitsverhältnisse bleibt von ihr unbeachtet – begreiflich genug,
da sie nicht nur das Proletariat vertritt, sondern von ihm gebildet
wird, und daher genau wissen muß, wo sie selbst der Schuh drückt.
So mußte sie es auch sein, die gegen indirekte Steuern und Zölle,
vor Allem die auf Lebensmittel, im Namen des arbeitenden Volks
immer aufs Neue geharnischten Protest erhebt, die ein Gegner ist vom
Militarismus und Marinismus, nicht nur, weil die Milliarden, die
dafür vom Volk aufgebracht werden müssen, für Kulturaufgaben
höherer Art nützlicher angelegt werden könnten, nicht nur, weil die
Rüstungen den Wetteifer aller anderen Nationen erregen, so zu einer
Schraube ohne Ende werden und den Frieden ernstlich gefährden,
sondern vor Allem auch, weil der Militarismus zu Wasser und zu
Lande volksfeindlichen Zwecken dient, indem er die Hauptstütze des
bestehenden Wirthschaftssystems bildet. Die Abschaffung der stehenden
Heere ist für die Sozialdemokratie nicht Zweck allein, sondern Mittel
zu einem höheren: der Ablösung der kapitalistischen Gesellschafts-
ordnung durch die sozialistische.

Nur die wichtigsten Punkte aus dem großen Gebiet ihrer Be-
strebungen haben wir an dieser Stelle herausheben können, aber sie
genügen, um zu beweisen, daß sie für die Gegenwart nichts Anderes
will, als die Erhöhung der Lebenshaltung, der physischen und geistigen
Kultur des Volkes, vor Allem der jetzt Entrechteten und Unterdrückten,
der Proletarier; und für die Zukunft eine Neuordnung der Dinge,
die Jedem ein menschenwürdiges Dasein sichert. Diese Ziele aber
können nicht anders erreicht werden, als durch die Einschränkung der
Vorrechte und Vortheile der herrschenden Klassen, soweit die Gegen-
wart in Betracht kommt, und der schließlichen völligen Niederwerfung
ihrer auf dem Privatbesitz beruhenden Herrschaft. Jn Folge dessen
sieht die gesammte bürgerliche Welt in der Sozialdemokratie ihre
gefährlichste Feindin, die sie, je nach dem Grade ihrer Einsicht, ent-
weder durch alle Mittel der Gewalt, gesetzliche und ungesetzliche,
niederzuwerfen, oder ihr, durch möglichstes Entgegenkommen auf
Wünsche der Arbeiter, den Boden abzugraben versucht. Vom Sozia-
listengesetz über die Umsturz- und die Zuchthaus-Vorlage bis zur
neuesten Zeit löst eine Verfolgung oder zum Mindesten der Versuch
dazu, die andere ab: manchmal wird grobes Geschütz gegen die
Arbeiter aufgefahren, dann wieder sind es Nadelstiche, die sie in der
Form von Koalitionseinschränkungen, Vereinsauflösungen, Ver-
sammlungsverboten, Gefängnißstrafen für Preßvergehen und
Majestätsbeleidigungen treffen. Gegen die Sozialdemokratie als

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0040" n="41"/>
1877, 1884 und 1890, sei es für besondere                         Spezialgebiete, alljährlich<lb/>
im Reichstage gestellt. Fragen von                         weittragender Bedeutung, wie die<lb/>
des durch besondere Arbeitsämter zu                         regelnden Arbeitsnachweises<lb/>
und die der Versicherung gegen                         Arbeitslosigkeit, wurden von der<lb/>
Sozialdemokratie zuerst aufgerollt und                         nach und nach auch auf bürger-<lb/>
licher Seite in Erwägung gezogen. Kein                         Mißstand innerhalb der<lb/>
Arbeitsverhältnisse bleibt von ihr unbeachtet                         &#x2013; begreiflich genug,<lb/>
da sie nicht nur das Proletariat vertritt,                         sondern von ihm gebildet<lb/>
wird, und daher genau wissen muß, wo sie                         selbst der Schuh drückt.<lb/>
So mußte sie es auch sein, die gegen indirekte                         Steuern und Zölle,<lb/>
vor Allem die auf Lebensmittel, im Namen des                         arbeitenden Volks<lb/>
immer aufs Neue geharnischten Protest erhebt, die ein                         Gegner ist vom<lb/>
Militarismus und Marinismus, nicht nur, weil die                         Milliarden, die<lb/>
dafür vom Volk aufgebracht werden müssen, für                         Kulturaufgaben<lb/>
höherer Art nützlicher angelegt werden könnten, nicht                         nur, weil die<lb/>
Rüstungen den Wetteifer aller anderen Nationen erregen,                         so zu einer<lb/>
Schraube ohne Ende werden und den Frieden ernstlich                         gefährden,<lb/>
sondern vor Allem auch, weil der Militarismus zu Wasser und                         zu<lb/>
Lande volksfeindlichen Zwecken dient, indem er die Hauptstütze                         des<lb/>
bestehenden Wirthschaftssystems bildet. Die Abschaffung der                         stehenden<lb/>
Heere ist für die Sozialdemokratie nicht Zweck allein,                         sondern Mittel<lb/>
zu einem höheren: der Ablösung der kapitalistischen                         Gesellschafts-<lb/>
ordnung durch die sozialistische.</p><lb/>
          <p>Nur die wichtigsten Punkte aus dem großen Gebiet ihrer Be-<lb/>
strebungen                         haben wir an dieser Stelle herausheben können, aber sie<lb/>
genügen, um zu                         beweisen, daß sie für die Gegenwart nichts Anderes<lb/>
will, als die                         Erhöhung der Lebenshaltung, der physischen und geistigen<lb/>
Kultur des                         Volkes, vor Allem der jetzt Entrechteten und Unterdrückten,<lb/>
der                         Proletarier; und für die Zukunft eine Neuordnung der Dinge,<lb/>
die Jedem                         ein menschenwürdiges Dasein sichert. Diese Ziele aber<lb/>
können nicht                         anders erreicht werden, als durch die Einschränkung der<lb/>
Vorrechte und                         Vortheile der herrschenden Klassen, soweit die Gegen-<lb/>
wart in Betracht                         kommt, und der schließlichen völligen Niederwerfung<lb/>
ihrer auf dem                         Privatbesitz beruhenden Herrschaft. Jn Folge dessen<lb/>
sieht die gesammte                         bürgerliche Welt in der Sozialdemokratie ihre<lb/>
gefährlichste Feindin,                         die sie, je nach dem Grade ihrer Einsicht, ent-<lb/>
weder durch alle Mittel                         der Gewalt, gesetzliche und ungesetzliche,<lb/>
niederzuwerfen, oder ihr,                         durch möglichstes Entgegenkommen auf<lb/><choice><sic>Wünche</sic><corr>Wünsche</corr></choice> der Arbeiter, den Boden abzugraben versucht. Vom Sozia-<lb/>
listengesetz über die Umsturz- und die Zuchthaus-Vorlage bis zur<lb/>
neuesten Zeit löst eine Verfolgung oder zum Mindesten der Versuch<lb/>
dazu,                         die andere ab: manchmal wird grobes Geschütz gegen die<lb/>
Arbeiter                         aufgefahren, dann wieder sind es Nadelstiche, die sie in der<lb/>
Form von                         Koalitionseinschränkungen, Vereinsauflösungen, Ver-<lb/>
sammlungsverboten,                         Gefängnißstrafen für Preßvergehen und<lb/>
Majestätsbeleidigungen treffen.                         Gegen die Sozialdemokratie als<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[41/0040] 1877, 1884 und 1890, sei es für besondere Spezialgebiete, alljährlich im Reichstage gestellt. Fragen von weittragender Bedeutung, wie die des durch besondere Arbeitsämter zu regelnden Arbeitsnachweises und die der Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, wurden von der Sozialdemokratie zuerst aufgerollt und nach und nach auch auf bürger- licher Seite in Erwägung gezogen. Kein Mißstand innerhalb der Arbeitsverhältnisse bleibt von ihr unbeachtet – begreiflich genug, da sie nicht nur das Proletariat vertritt, sondern von ihm gebildet wird, und daher genau wissen muß, wo sie selbst der Schuh drückt. So mußte sie es auch sein, die gegen indirekte Steuern und Zölle, vor Allem die auf Lebensmittel, im Namen des arbeitenden Volks immer aufs Neue geharnischten Protest erhebt, die ein Gegner ist vom Militarismus und Marinismus, nicht nur, weil die Milliarden, die dafür vom Volk aufgebracht werden müssen, für Kulturaufgaben höherer Art nützlicher angelegt werden könnten, nicht nur, weil die Rüstungen den Wetteifer aller anderen Nationen erregen, so zu einer Schraube ohne Ende werden und den Frieden ernstlich gefährden, sondern vor Allem auch, weil der Militarismus zu Wasser und zu Lande volksfeindlichen Zwecken dient, indem er die Hauptstütze des bestehenden Wirthschaftssystems bildet. Die Abschaffung der stehenden Heere ist für die Sozialdemokratie nicht Zweck allein, sondern Mittel zu einem höheren: der Ablösung der kapitalistischen Gesellschafts- ordnung durch die sozialistische. Nur die wichtigsten Punkte aus dem großen Gebiet ihrer Be- strebungen haben wir an dieser Stelle herausheben können, aber sie genügen, um zu beweisen, daß sie für die Gegenwart nichts Anderes will, als die Erhöhung der Lebenshaltung, der physischen und geistigen Kultur des Volkes, vor Allem der jetzt Entrechteten und Unterdrückten, der Proletarier; und für die Zukunft eine Neuordnung der Dinge, die Jedem ein menschenwürdiges Dasein sichert. Diese Ziele aber können nicht anders erreicht werden, als durch die Einschränkung der Vorrechte und Vortheile der herrschenden Klassen, soweit die Gegen- wart in Betracht kommt, und der schließlichen völligen Niederwerfung ihrer auf dem Privatbesitz beruhenden Herrschaft. Jn Folge dessen sieht die gesammte bürgerliche Welt in der Sozialdemokratie ihre gefährlichste Feindin, die sie, je nach dem Grade ihrer Einsicht, ent- weder durch alle Mittel der Gewalt, gesetzliche und ungesetzliche, niederzuwerfen, oder ihr, durch möglichstes Entgegenkommen auf Wünsche der Arbeiter, den Boden abzugraben versucht. Vom Sozia- listengesetz über die Umsturz- und die Zuchthaus-Vorlage bis zur neuesten Zeit löst eine Verfolgung oder zum Mindesten der Versuch dazu, die andere ab: manchmal wird grobes Geschütz gegen die Arbeiter aufgefahren, dann wieder sind es Nadelstiche, die sie in der Form von Koalitionseinschränkungen, Vereinsauflösungen, Ver- sammlungsverboten, Gefängnißstrafen für Preßvergehen und Majestätsbeleidigungen treffen. Gegen die Sozialdemokratie als

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Texte der ersten Frauenbewegung, betreut von Anna Pfundt und Thomas Gloning, JLU Gießen: Bereitstellung der Texttranskription. (2022-08-30T16:52:29Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Anna Pfundt, Dennis Dietrich: Bearbeitung der digitalen Edition. (2022-08-30T16:52:29Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: gekennzeichnet; Druckfehler: gekennzeichnet; fremdsprachliches Material: keine Angabe; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): gekennzeichnet; I/J in Fraktur: wie Vorlage; i/j in Fraktur: keine Angabe; Kolumnentitel: keine Angabe; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine Angabe; rundes r (ꝛ): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: wie Vorlage; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: ja;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/braun_frauen_1903
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/braun_frauen_1903/40
Zitationshilfe: Braun, Lily: Die Frauen und die Politik. Berlin, 1903, S. 41. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/braun_frauen_1903/40>, abgerufen am 06.02.2023.