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Braun, Lily: Die Frauen und die Politik. Berlin, 1903.

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die Frauen auch noch nicht selbst mit dem Stimmzettel vor die Urne
treten können, so haben sie doch Mittel und Wege genug, ihren Willen
zur Geltung zu bringen. Jede öffentliche Volksversammlung giebt
ihnen die Gelegenheit, sich auszusprechen, die Zuhörer zu überzeugen
und anzufeuern. Keine dünke sich zu gering hierfür. Oft wirkt ein
von Herzen kommendes Wort aus dem Munde einer einfachen
Arbeiterin mehr, als tausend Gründe geschulter Redner. Aber
wichtiger noch ist die Agitation unter den Nachbarn, den Bewohnern
desselben Dorfes oder Stadtviertels. Hier liegt ein weites Feld für
jede Art der Thätigkeit; hier heißt es Körper- und Geisteskräfte nicht
zu schonen, furchtlos zu sein auch dem Spott, der Rohheit selbst gegen-
über, an jede Thüre anklopfen, überall ein Flugblatt, eine Zeitung
zurückzulassen, selbst mit jedem Einzelnen reden, seine Meinung, seine
Jnteressen erforschen, um, daran anknüpfend, ihn für die Sache der
Unterdrückten zu gewinnen. Und am Tage der Wahl selbst, welch eine
Fülle von Arbeit wartet der Frauen! Aus dem Sorgenstuhl daheim
hat sie den alten säumigen Wähler, aus dem Wirthshaus manch einen
jungen, leichtsinnigen zu holen, vor der Werkstatt und der Fabrik soll
sie stehen, um jeden Einzelnen, der heraustritt, an seine Wahlpflicht
zu mahnen. Den, von dem sie glaubt, daß er doch vielleicht lieber
nach Hause geht, als zum Wahllokal, hat sie bis vor die Thüre zu
begleiten, damit er sich schämen lernt, er, der Staatsbürger, vor ihr,
der rechtlosen Frau. Thut eine Jede in Stadt und Land auf diese
Weise ihre Pflicht, so wird der Sieg der Partei am Tage der Wahl
mit die Frucht ihrer Arbeit sein.

Mehr denn je steht des Volkes Wohl und Wehe jetzt auf dem
Spiel. Pfui über das Weib, das sich faul und feige zurückzieht!
Der Jammer hungernder Kinder, der Fluch der ausgebeuteten, ge-
knebelten Menschheit wird auf ihrem Leben lasten. Verächtlich wird
Jeder an ihr, der Heilen, vorübergehen, der die Wundmale des
Kampfes als Siegeszeichen am Körper trägt. Und das gilt nicht nur
für einen Tag des Triumphes oder der Niederlage: jede Einzelne ist
schuldig, wenn der endgiltige Sieg unserer Sache auch nur um eine
Spanne Zeit sich verzögert. Wohl fordert sie Opfer von uns, und
wer der rothen Fahne folgt, thut es nicht zu einem vorübergehenden
Spaziergang, dem jedesmal eine fröhliche Heimkehr folgt. Nein, er
tritt einen Lebensweg an durch fremde dunkle Gefilde, er zerbricht
selbst die Brücken hinter sich, und einen Heimweg giebt es nicht mehr.

"Es wird ein Schwert durch deine Seele gehen," sagte der Engel
der Verkündigung nach der christlichen Sage zu Maria, der Mutter
Jesu. Und allen Frauen, die sich einer großen Aufgabe bewußt
werden, wird dasselbe gesagt. Viel leichter ist es und lustiger für das
Mädchen, nach des Tages Arbeit daheim zu sitzen, oder in Wald und
Feld mit den Freundinnen zu scherzen, als dem Rufe zu folgen, der
sie hinauslockt zum Ernst des Lebens, zu Leid und Kampf. Und viel
bequemer und dem weicher gearteten Wesen der Frau viel wohl-

die Frauen auch noch nicht selbst mit dem Stimmzettel vor die Urne
treten können, so haben sie doch Mittel und Wege genug, ihren Willen
zur Geltung zu bringen. Jede öffentliche Volksversammlung giebt
ihnen die Gelegenheit, sich auszusprechen, die Zuhörer zu überzeugen
und anzufeuern. Keine dünke sich zu gering hierfür. Oft wirkt ein
von Herzen kommendes Wort aus dem Munde einer einfachen
Arbeiterin mehr, als tausend Gründe geschulter Redner. Aber
wichtiger noch ist die Agitation unter den Nachbarn, den Bewohnern
desselben Dorfes oder Stadtviertels. Hier liegt ein weites Feld für
jede Art der Thätigkeit; hier heißt es Körper- und Geisteskräfte nicht
zu schonen, furchtlos zu sein auch dem Spott, der Rohheit selbst gegen-
über, an jede Thüre anklopfen, überall ein Flugblatt, eine Zeitung
zurückzulassen, selbst mit jedem Einzelnen reden, seine Meinung, seine
Jnteressen erforschen, um, daran anknüpfend, ihn für die Sache der
Unterdrückten zu gewinnen. Und am Tage der Wahl selbst, welch eine
Fülle von Arbeit wartet der Frauen! Aus dem Sorgenstuhl daheim
hat sie den alten säumigen Wähler, aus dem Wirthshaus manch einen
jungen, leichtsinnigen zu holen, vor der Werkstatt und der Fabrik soll
sie stehen, um jeden Einzelnen, der heraustritt, an seine Wahlpflicht
zu mahnen. Den, von dem sie glaubt, daß er doch vielleicht lieber
nach Hause geht, als zum Wahllokal, hat sie bis vor die Thüre zu
begleiten, damit er sich schämen lernt, er, der Staatsbürger, vor ihr,
der rechtlosen Frau. Thut eine Jede in Stadt und Land auf diese
Weise ihre Pflicht, so wird der Sieg der Partei am Tage der Wahl
mit die Frucht ihrer Arbeit sein.

Mehr denn je steht des Volkes Wohl und Wehe jetzt auf dem
Spiel. Pfui über das Weib, das sich faul und feige zurückzieht!
Der Jammer hungernder Kinder, der Fluch der ausgebeuteten, ge-
knebelten Menschheit wird auf ihrem Leben lasten. Verächtlich wird
Jeder an ihr, der Heilen, vorübergehen, der die Wundmale des
Kampfes als Siegeszeichen am Körper trägt. Und das gilt nicht nur
für einen Tag des Triumphes oder der Niederlage: jede Einzelne ist
schuldig, wenn der endgiltige Sieg unserer Sache auch nur um eine
Spanne Zeit sich verzögert. Wohl fordert sie Opfer von uns, und
wer der rothen Fahne folgt, thut es nicht zu einem vorübergehenden
Spaziergang, dem jedesmal eine fröhliche Heimkehr folgt. Nein, er
tritt einen Lebensweg an durch fremde dunkle Gefilde, er zerbricht
selbst die Brücken hinter sich, und einen Heimweg giebt es nicht mehr.

„Es wird ein Schwert durch deine Seele gehen,“ sagte der Engel
der Verkündigung nach der christlichen Sage zu Maria, der Mutter
Jesu. Und allen Frauen, die sich einer großen Aufgabe bewußt
werden, wird dasselbe gesagt. Viel leichter ist es und lustiger für das
Mädchen, nach des Tages Arbeit daheim zu sitzen, oder in Wald und
Feld mit den Freundinnen zu scherzen, als dem Rufe zu folgen, der
sie hinauslockt zum Ernst des Lebens, zu Leid und Kampf. Und viel
bequemer und dem weicher gearteten Wesen der Frau viel wohl-

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[46/0045] die Frauen auch noch nicht selbst mit dem Stimmzettel vor die Urne treten können, so haben sie doch Mittel und Wege genug, ihren Willen zur Geltung zu bringen. Jede öffentliche Volksversammlung giebt ihnen die Gelegenheit, sich auszusprechen, die Zuhörer zu überzeugen und anzufeuern. Keine dünke sich zu gering hierfür. Oft wirkt ein von Herzen kommendes Wort aus dem Munde einer einfachen Arbeiterin mehr, als tausend Gründe geschulter Redner. Aber wichtiger noch ist die Agitation unter den Nachbarn, den Bewohnern desselben Dorfes oder Stadtviertels. Hier liegt ein weites Feld für jede Art der Thätigkeit; hier heißt es Körper- und Geisteskräfte nicht zu schonen, furchtlos zu sein auch dem Spott, der Rohheit selbst gegen- über, an jede Thüre anklopfen, überall ein Flugblatt, eine Zeitung zurückzulassen, selbst mit jedem Einzelnen reden, seine Meinung, seine Jnteressen erforschen, um, daran anknüpfend, ihn für die Sache der Unterdrückten zu gewinnen. Und am Tage der Wahl selbst, welch eine Fülle von Arbeit wartet der Frauen! Aus dem Sorgenstuhl daheim hat sie den alten säumigen Wähler, aus dem Wirthshaus manch einen jungen, leichtsinnigen zu holen, vor der Werkstatt und der Fabrik soll sie stehen, um jeden Einzelnen, der heraustritt, an seine Wahlpflicht zu mahnen. Den, von dem sie glaubt, daß er doch vielleicht lieber nach Hause geht, als zum Wahllokal, hat sie bis vor die Thüre zu begleiten, damit er sich schämen lernt, er, der Staatsbürger, vor ihr, der rechtlosen Frau. Thut eine Jede in Stadt und Land auf diese Weise ihre Pflicht, so wird der Sieg der Partei am Tage der Wahl mit die Frucht ihrer Arbeit sein. Mehr denn je steht des Volkes Wohl und Wehe jetzt auf dem Spiel. Pfui über das Weib, das sich faul und feige zurückzieht! Der Jammer hungernder Kinder, der Fluch der ausgebeuteten, ge- knebelten Menschheit wird auf ihrem Leben lasten. Verächtlich wird Jeder an ihr, der Heilen, vorübergehen, der die Wundmale des Kampfes als Siegeszeichen am Körper trägt. Und das gilt nicht nur für einen Tag des Triumphes oder der Niederlage: jede Einzelne ist schuldig, wenn der endgiltige Sieg unserer Sache auch nur um eine Spanne Zeit sich verzögert. Wohl fordert sie Opfer von uns, und wer der rothen Fahne folgt, thut es nicht zu einem vorübergehenden Spaziergang, dem jedesmal eine fröhliche Heimkehr folgt. Nein, er tritt einen Lebensweg an durch fremde dunkle Gefilde, er zerbricht selbst die Brücken hinter sich, und einen Heimweg giebt es nicht mehr. „Es wird ein Schwert durch deine Seele gehen,“ sagte der Engel der Verkündigung nach der christlichen Sage zu Maria, der Mutter Jesu. Und allen Frauen, die sich einer großen Aufgabe bewußt werden, wird dasselbe gesagt. Viel leichter ist es und lustiger für das Mädchen, nach des Tages Arbeit daheim zu sitzen, oder in Wald und Feld mit den Freundinnen zu scherzen, als dem Rufe zu folgen, der sie hinauslockt zum Ernst des Lebens, zu Leid und Kampf. Und viel bequemer und dem weicher gearteten Wesen der Frau viel wohl-

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Texte der ersten Frauenbewegung, betreut von Anna Pfundt und Thomas Gloning, JLU Gießen: Bereitstellung der Texttranskription. (2022-08-30T16:52:29Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Anna Pfundt, Dennis Dietrich: Bearbeitung der digitalen Edition. (2022-08-30T16:52:29Z)

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Zitationshilfe: Braun, Lily: Die Frauen und die Politik. Berlin, 1903, S. 46. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/braun_frauen_1903/45>, abgerufen am 06.02.2023.