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Brehm, Alfred Edmund: Illustrirtes Thierleben. Bd. 4. Hildburghausen, 1867.

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Die Späher. Klettervögel.
heit der Lebensweise unzertrennlich zusammen, da ja ein Geschöpf nicht anders leben kann, als seine
Begabung es gestattet. Somit läßt sich über die Gesammtheit zwar sehr Vieles, aber kaum etwas
Uebersichtliches sagen. Man kann hervorheben, daß die Späher alle Gürtel der Breite und der
Höhe bewohnen, in den Gleicherländern aber zahlreicher auftreten als in den gemäßigten oder
kalten, daß sie vorzugsweise Waldvögel oder doch mehr oder weniger an Bäume gebunden sind --
einzelne mehr, als alle anderen Vögel überhaupt, -- daß die meisten hinsichtlich ihrer Begabung
entschieden hinter den Knackern und Fängern zurückstehen, daß es z. B. nur sehr wenige Sänger,
aber viele und arge Schreier unter ihnen gibt, daß sie vorzugsweise thierische, jedoch auch pflanzliche
Nahrung zu sich nehmen, daß sie fast ausnahmslos in Einweibigkeit leben, größtentheils in Höhlen
brüten und weiße Eier legen, daß die wenigsten von ihnen wandern, im Gegentheil nur einzelne
größere Reisen unternehmen, daß die meisten uns nützen, wenige uns schaden, daß von der
gesammten Anzahl nur einzelne sich für die Gefangenschaft eignen: hiermit wird aber auch Alles
gesagt sein, was man im voraus zu sagen hat; denn alles Weitere muß aus der Einzelbeschreibung
hervorgehen.



Siebente Ordnung.
Die Klettervögel (Scansores).

Es gibt Benennungen, welche man nicht umgehen oder vermeiden kann. Der Name
"Klettervogel", welcher stets im weitesten Sinne gebraucht wurde, ist so bezeichnend für gewisse
Mitglieder der zweiten Klasse, daß er geradezu als unersetzbar erscheint. Dies erklärt sich, wenn
man bedenkt, daß der Naturforscher wie der Mathematiker von dem Grundgesetz seiner Wissenschaft,
der Thatsächlichkeit, nicht abweichen darf, daß seiner Phantasie bestimmte, unverrückbare Grenzen
gesteckt sind. Die Naturwissenschaft verlangt auch im Rebensächlichen Klarheit und Bestimmtheit.
Sie gestattet, den einzelnen Gegenstand in der freiesten Weise aufzufassen oder zu behandeln, aber
sie fordert Beachtung ihrer Gesetze und Regeln, sobald dieser einzelne Gegenstand mit andern
verglichen oder sonstwie in Beziehung gebracht wird. Ein einzelnes Thier zu benennen, ist sehr
leicht, für eine Gruppe von Thieren einen Namen zu erfinden, ungemein schwierig. Jm ersteren
Falle darf Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt werden, im letzteren will Alles wohl erwogen
und bedacht sein. Zur Benennung des Einzelwesens werden die Namen von Göttern und Helden,
von Berggeistern, Feen, Sylphen, Niren und ähnlichem luftigen Gesindel mit Erfolg verwandt; ja,
es würde wahrscheinlich allgemein befriedigen, wenn man ein noch unbeschriebenes Schwein zu
Ehren des heiligen Anton oder eine -- Taube zu größerem Ruhme irgend einer selig gesprochenen
Nonne benennen wollte, da innige Beziehungen genannter Thiere zu gedachten Persönlichkeiten kaum
in Frage gestellt werden können: aber dergleichen Kühnheiten verbieten sich von selbst, sobald es sich
um eine Gesammtbezeichnung handelt. Diese soll eben eine Bezeichnung, sie soll bedeutsam sein,
d. h. irgend etwas der Gesammtheit Gemeinsames ausdrücken.

Der Name Klettervögel ist alt hergebracht; aber er ist verschieden gebraucht worden. Man hat
mit ihm auch Vogelfamilien bezeichnet, für welche er aus dem Grunde kaum passend erscheint, weil
kein einziges ihrer Mitglieder die Fähigkeit besitzt, welche er ausdrücken will. Jch habe oben die
Gründe angegeben, welche mich bestimmten, die Papageien von den Klettervögeln zu trennen, und ich
werde später noch mehr zu sagen haben: einstweilen will ich bemerken, daß ich, fast übereinstimmend mit
Reichenbach, unter den Klettervögeln nur einen Theil der sogenannten Dünnschnäbler und die
Spechtvögel verstehe. Diese beiden Vogelgruppen gehen so ersichtlich in einander über und

Die Späher. Klettervögel.
heit der Lebensweiſe unzertrennlich zuſammen, da ja ein Geſchöpf nicht anders leben kann, als ſeine
Begabung es geſtattet. Somit läßt ſich über die Geſammtheit zwar ſehr Vieles, aber kaum etwas
Ueberſichtliches ſagen. Man kann hervorheben, daß die Späher alle Gürtel der Breite und der
Höhe bewohnen, in den Gleicherländern aber zahlreicher auftreten als in den gemäßigten oder
kalten, daß ſie vorzugsweiſe Waldvögel oder doch mehr oder weniger an Bäume gebunden ſind —
einzelne mehr, als alle anderen Vögel überhaupt, — daß die meiſten hinſichtlich ihrer Begabung
entſchieden hinter den Knackern und Fängern zurückſtehen, daß es z. B. nur ſehr wenige Sänger,
aber viele und arge Schreier unter ihnen gibt, daß ſie vorzugsweiſe thieriſche, jedoch auch pflanzliche
Nahrung zu ſich nehmen, daß ſie faſt ausnahmslos in Einweibigkeit leben, größtentheils in Höhlen
brüten und weiße Eier legen, daß die wenigſten von ihnen wandern, im Gegentheil nur einzelne
größere Reiſen unternehmen, daß die meiſten uns nützen, wenige uns ſchaden, daß von der
geſammten Anzahl nur einzelne ſich für die Gefangenſchaft eignen: hiermit wird aber auch Alles
geſagt ſein, was man im voraus zu ſagen hat; denn alles Weitere muß aus der Einzelbeſchreibung
hervorgehen.



Siebente Ordnung.
Die Klettervögel (Scansores).

Es gibt Benennungen, welche man nicht umgehen oder vermeiden kann. Der Name
Klettervogel“, welcher ſtets im weiteſten Sinne gebraucht wurde, iſt ſo bezeichnend für gewiſſe
Mitglieder der zweiten Klaſſe, daß er geradezu als unerſetzbar erſcheint. Dies erklärt ſich, wenn
man bedenkt, daß der Naturforſcher wie der Mathematiker von dem Grundgeſetz ſeiner Wiſſenſchaft,
der Thatſächlichkeit, nicht abweichen darf, daß ſeiner Phantaſie beſtimmte, unverrückbare Grenzen
geſteckt ſind. Die Naturwiſſenſchaft verlangt auch im Rebenſächlichen Klarheit und Beſtimmtheit.
Sie geſtattet, den einzelnen Gegenſtand in der freieſten Weiſe aufzufaſſen oder zu behandeln, aber
ſie fordert Beachtung ihrer Geſetze und Regeln, ſobald dieſer einzelne Gegenſtand mit andern
verglichen oder ſonſtwie in Beziehung gebracht wird. Ein einzelnes Thier zu benennen, iſt ſehr
leicht, für eine Gruppe von Thieren einen Namen zu erfinden, ungemein ſchwierig. Jm erſteren
Falle darf Himmel und Hölle in Bewegung geſetzt werden, im letzteren will Alles wohl erwogen
und bedacht ſein. Zur Benennung des Einzelweſens werden die Namen von Göttern und Helden,
von Berggeiſtern, Feen, Sylphen, Niren und ähnlichem luftigen Geſindel mit Erfolg verwandt; ja,
es würde wahrſcheinlich allgemein befriedigen, wenn man ein noch unbeſchriebenes Schwein zu
Ehren des heiligen Anton oder eine — Taube zu größerem Ruhme irgend einer ſelig geſprochenen
Nonne benennen wollte, da innige Beziehungen genannter Thiere zu gedachten Perſönlichkeiten kaum
in Frage geſtellt werden können: aber dergleichen Kühnheiten verbieten ſich von ſelbſt, ſobald es ſich
um eine Geſammtbezeichnung handelt. Dieſe ſoll eben eine Bezeichnung, ſie ſoll bedeutſam ſein,
d. h. irgend etwas der Geſammtheit Gemeinſames ausdrücken.

Der Name Klettervögel iſt alt hergebracht; aber er iſt verſchieden gebraucht worden. Man hat
mit ihm auch Vogelfamilien bezeichnet, für welche er aus dem Grunde kaum paſſend erſcheint, weil
kein einziges ihrer Mitglieder die Fähigkeit beſitzt, welche er ausdrücken will. Jch habe oben die
Gründe angegeben, welche mich beſtimmten, die Papageien von den Klettervögeln zu trennen, und ich
werde ſpäter noch mehr zu ſagen haben: einſtweilen will ich bemerken, daß ich, faſt übereinſtimmend mit
Reichenbach, unter den Klettervögeln nur einen Theil der ſogenannten Dünnſchnäbler und die
Spechtvögel verſtehe. Dieſe beiden Vogelgruppen gehen ſo erſichtlich in einander über und

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[2/0014] Die Späher. Klettervögel. heit der Lebensweiſe unzertrennlich zuſammen, da ja ein Geſchöpf nicht anders leben kann, als ſeine Begabung es geſtattet. Somit läßt ſich über die Geſammtheit zwar ſehr Vieles, aber kaum etwas Ueberſichtliches ſagen. Man kann hervorheben, daß die Späher alle Gürtel der Breite und der Höhe bewohnen, in den Gleicherländern aber zahlreicher auftreten als in den gemäßigten oder kalten, daß ſie vorzugsweiſe Waldvögel oder doch mehr oder weniger an Bäume gebunden ſind — einzelne mehr, als alle anderen Vögel überhaupt, — daß die meiſten hinſichtlich ihrer Begabung entſchieden hinter den Knackern und Fängern zurückſtehen, daß es z. B. nur ſehr wenige Sänger, aber viele und arge Schreier unter ihnen gibt, daß ſie vorzugsweiſe thieriſche, jedoch auch pflanzliche Nahrung zu ſich nehmen, daß ſie faſt ausnahmslos in Einweibigkeit leben, größtentheils in Höhlen brüten und weiße Eier legen, daß die wenigſten von ihnen wandern, im Gegentheil nur einzelne größere Reiſen unternehmen, daß die meiſten uns nützen, wenige uns ſchaden, daß von der geſammten Anzahl nur einzelne ſich für die Gefangenſchaft eignen: hiermit wird aber auch Alles geſagt ſein, was man im voraus zu ſagen hat; denn alles Weitere muß aus der Einzelbeſchreibung hervorgehen. Siebente Ordnung. Die Klettervögel (Scansores). Es gibt Benennungen, welche man nicht umgehen oder vermeiden kann. Der Name „Klettervogel“, welcher ſtets im weiteſten Sinne gebraucht wurde, iſt ſo bezeichnend für gewiſſe Mitglieder der zweiten Klaſſe, daß er geradezu als unerſetzbar erſcheint. Dies erklärt ſich, wenn man bedenkt, daß der Naturforſcher wie der Mathematiker von dem Grundgeſetz ſeiner Wiſſenſchaft, der Thatſächlichkeit, nicht abweichen darf, daß ſeiner Phantaſie beſtimmte, unverrückbare Grenzen geſteckt ſind. Die Naturwiſſenſchaft verlangt auch im Rebenſächlichen Klarheit und Beſtimmtheit. Sie geſtattet, den einzelnen Gegenſtand in der freieſten Weiſe aufzufaſſen oder zu behandeln, aber ſie fordert Beachtung ihrer Geſetze und Regeln, ſobald dieſer einzelne Gegenſtand mit andern verglichen oder ſonſtwie in Beziehung gebracht wird. Ein einzelnes Thier zu benennen, iſt ſehr leicht, für eine Gruppe von Thieren einen Namen zu erfinden, ungemein ſchwierig. Jm erſteren Falle darf Himmel und Hölle in Bewegung geſetzt werden, im letzteren will Alles wohl erwogen und bedacht ſein. Zur Benennung des Einzelweſens werden die Namen von Göttern und Helden, von Berggeiſtern, Feen, Sylphen, Niren und ähnlichem luftigen Geſindel mit Erfolg verwandt; ja, es würde wahrſcheinlich allgemein befriedigen, wenn man ein noch unbeſchriebenes Schwein zu Ehren des heiligen Anton oder eine — Taube zu größerem Ruhme irgend einer ſelig geſprochenen Nonne benennen wollte, da innige Beziehungen genannter Thiere zu gedachten Perſönlichkeiten kaum in Frage geſtellt werden können: aber dergleichen Kühnheiten verbieten ſich von ſelbſt, ſobald es ſich um eine Geſammtbezeichnung handelt. Dieſe ſoll eben eine Bezeichnung, ſie ſoll bedeutſam ſein, d. h. irgend etwas der Geſammtheit Gemeinſames ausdrücken. Der Name Klettervögel iſt alt hergebracht; aber er iſt verſchieden gebraucht worden. Man hat mit ihm auch Vogelfamilien bezeichnet, für welche er aus dem Grunde kaum paſſend erſcheint, weil kein einziges ihrer Mitglieder die Fähigkeit beſitzt, welche er ausdrücken will. Jch habe oben die Gründe angegeben, welche mich beſtimmten, die Papageien von den Klettervögeln zu trennen, und ich werde ſpäter noch mehr zu ſagen haben: einſtweilen will ich bemerken, daß ich, faſt übereinſtimmend mit Reichenbach, unter den Klettervögeln nur einen Theil der ſogenannten Dünnſchnäbler und die Spechtvögel verſtehe. Dieſe beiden Vogelgruppen gehen ſo erſichtlich in einander über und

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Zitationshilfe: Brehm, Alfred Edmund: Illustrirtes Thierleben. Bd. 4. Hildburghausen, 1867, S. 2. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brehm_thierleben04_1867/14>, abgerufen am 15.04.2024.