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Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1887.

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der arianischen Germanen.

Die Vandalen sitzen um die Zeit des Markomannenkrieges an
den nördlichen Abhängen des Riesengebirges. Nicht lange darnach
finden wir sie in Dacien als Nachbarn der Goten. Von diesen in
einer Schlacht an der Marosch geschlagen, liessen sie sich durch
Konstantin in Pannonien ansiedeln. In zwei Stämme, Astingen und
Silingen, geteilt, brachen sie im Bunde mit Alanen und Sueben 406
in Gallien ein, überstiegen 409 die Pyrenäen und machten sich zu
Herren des grösseren Teiles von Spanien. Von den vier verbündeten
Völkerschaften, die sich durch das Los in die eroberten Landschaften
geteilt hatten, vermochten die Silingen und Alanen ihre Selbständig-
keit nicht zu behaupten. Durch unglückliche Kämpfe mit den West-
goten geschwächt, schlossen sie sich dem Reiche der Astingen an,
deren Könige sich nunmehr als reges Vandalorum et Alanorum be-
zeichnen. Mit einem Heere von ungefähr fünfzigtausend Vandalen
und Alanen setzte 429 der Vandalenkönig Genserich nach Afrika über.
Im Jahre 435 schloss er mit den Römern einen Frieden ab, in
welchem die Vandalen das in Afrika besetzte Gebiet zunächst gegen
die Pflicht der Tributzahlung behielten. Nachdem der Krieg aufs
neue ausgebrochen war, kam es 442 zwischen Genserich und Valentinian
zu einem Vertrag, durch welchen Afrika in der Weise geteilt wurde,
dass von nun ab der Vandalenstaat dem römischen Reiche gegenüber
selbständig und unabhängig dasteht. Nach dem Tode Genserichs (477),
der noch die letzten römischen Besitzungen in Afrika erobert hatte,
geriet das vandalische Reich in Verfall. Dem oströmischen Kaiser
Justinian gelang es 534 mit geringer Mühe die vandalische Herrschaft
in Afrika zu stürzen.

Die Burgunder wohnten im ersten und zweiten Jahrhundert
als östliche Nachbarn der Semnonen zwischen Oder und Weichsel.
Um die Mitte des dritten Jahrhunderts von den Gepiden geschlagen,
wandten sie sich bald darauf gegen Westen und setzten sich im Rücken
der Alamannen in den Maingegenden fest. Hier traten sie frühzeitig
in freundschaftliche Beziehungen zu den Römern, von welchen sie sich
gegen die Alamannen gebrauchen liessen 1. Zu Anfang des fünften

1 Fast möchte es scheinen, als hätten sie ihren Volksnamen aus der römischen
Institution der milites castellani erklärt, wenn sie es gelegentlich für passend hielten
ihre angeblich uralte Waffengenossenschaft mit den Römern geltend zu machen.
Eine bei Orosius, Hist. VII 32 erwähnte Sage führt den Namen der Burgunder
auf eine unter Drusus und Tiberius zum Schutz der Grenzkastelle vorgenommene
Ansiedelung des Volkes zurück: hos (Burgundiones) quondam subacta interiore Ger-
mania a Druso et Tiberio per castra dispositos aiunt in magnam coaluisse gentem
atque etiam nomen ex opere praesumpsisse, quia crebra per limitem habitacula
Binding, Handbuch. II. 1. I: Brunner, Deutsche Rechtsgesch. I. 4
der arianischen Germanen.

Die Vandalen sitzen um die Zeit des Markomannenkrieges an
den nördlichen Abhängen des Riesengebirges. Nicht lange darnach
finden wir sie in Dacien als Nachbarn der Goten. Von diesen in
einer Schlacht an der Marosch geschlagen, lieſsen sie sich durch
Konstantin in Pannonien ansiedeln. In zwei Stämme, Astingen und
Silingen, geteilt, brachen sie im Bunde mit Alanen und Sueben 406
in Gallien ein, überstiegen 409 die Pyrenäen und machten sich zu
Herren des gröſseren Teiles von Spanien. Von den vier verbündeten
Völkerschaften, die sich durch das Los in die eroberten Landschaften
geteilt hatten, vermochten die Silingen und Alanen ihre Selbständig-
keit nicht zu behaupten. Durch unglückliche Kämpfe mit den West-
goten geschwächt, schlossen sie sich dem Reiche der Astingen an,
deren Könige sich nunmehr als reges Vandalorum et Alanorum be-
zeichnen. Mit einem Heere von ungefähr fünfzigtausend Vandalen
und Alanen setzte 429 der Vandalenkönig Genserich nach Afrika über.
Im Jahre 435 schloſs er mit den Römern einen Frieden ab, in
welchem die Vandalen das in Afrika besetzte Gebiet zunächst gegen
die Pflicht der Tributzahlung behielten. Nachdem der Krieg aufs
neue ausgebrochen war, kam es 442 zwischen Genserich und Valentinian
zu einem Vertrag, durch welchen Afrika in der Weise geteilt wurde,
daſs von nun ab der Vandalenstaat dem römischen Reiche gegenüber
selbständig und unabhängig dasteht. Nach dem Tode Genserichs (477),
der noch die letzten römischen Besitzungen in Afrika erobert hatte,
geriet das vandalische Reich in Verfall. Dem oströmischen Kaiser
Justinian gelang es 534 mit geringer Mühe die vandalische Herrschaft
in Afrika zu stürzen.

Die Burgunder wohnten im ersten und zweiten Jahrhundert
als östliche Nachbarn der Semnonen zwischen Oder und Weichsel.
Um die Mitte des dritten Jahrhunderts von den Gepiden geschlagen,
wandten sie sich bald darauf gegen Westen und setzten sich im Rücken
der Alamannen in den Maingegenden fest. Hier traten sie frühzeitig
in freundschaftliche Beziehungen zu den Römern, von welchen sie sich
gegen die Alamannen gebrauchen lieſsen 1. Zu Anfang des fünften

1 Fast möchte es scheinen, als hätten sie ihren Volksnamen aus der römischen
Institution der milites castellani erklärt, wenn sie es gelegentlich für passend hielten
ihre angeblich uralte Waffengenossenschaft mit den Römern geltend zu machen.
Eine bei Orosius, Hist. VII 32 erwähnte Sage führt den Namen der Burgunder
auf eine unter Drusus und Tiberius zum Schutz der Grenzkastelle vorgenommene
Ansiedelung des Volkes zurück: hos (Burgundiones) quondam subacta interiore Ger-
mania a Druso et Tiberio per castra dispositos aiunt in magnam coaluisse gentem
atque etiam nomen ex opere praesumpsisse, quia crebra per limitem habitacula
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[49/0067] der arianischen Germanen. Die Vandalen sitzen um die Zeit des Markomannenkrieges an den nördlichen Abhängen des Riesengebirges. Nicht lange darnach finden wir sie in Dacien als Nachbarn der Goten. Von diesen in einer Schlacht an der Marosch geschlagen, lieſsen sie sich durch Konstantin in Pannonien ansiedeln. In zwei Stämme, Astingen und Silingen, geteilt, brachen sie im Bunde mit Alanen und Sueben 406 in Gallien ein, überstiegen 409 die Pyrenäen und machten sich zu Herren des gröſseren Teiles von Spanien. Von den vier verbündeten Völkerschaften, die sich durch das Los in die eroberten Landschaften geteilt hatten, vermochten die Silingen und Alanen ihre Selbständig- keit nicht zu behaupten. Durch unglückliche Kämpfe mit den West- goten geschwächt, schlossen sie sich dem Reiche der Astingen an, deren Könige sich nunmehr als reges Vandalorum et Alanorum be- zeichnen. Mit einem Heere von ungefähr fünfzigtausend Vandalen und Alanen setzte 429 der Vandalenkönig Genserich nach Afrika über. Im Jahre 435 schloſs er mit den Römern einen Frieden ab, in welchem die Vandalen das in Afrika besetzte Gebiet zunächst gegen die Pflicht der Tributzahlung behielten. Nachdem der Krieg aufs neue ausgebrochen war, kam es 442 zwischen Genserich und Valentinian zu einem Vertrag, durch welchen Afrika in der Weise geteilt wurde, daſs von nun ab der Vandalenstaat dem römischen Reiche gegenüber selbständig und unabhängig dasteht. Nach dem Tode Genserichs (477), der noch die letzten römischen Besitzungen in Afrika erobert hatte, geriet das vandalische Reich in Verfall. Dem oströmischen Kaiser Justinian gelang es 534 mit geringer Mühe die vandalische Herrschaft in Afrika zu stürzen. Die Burgunder wohnten im ersten und zweiten Jahrhundert als östliche Nachbarn der Semnonen zwischen Oder und Weichsel. Um die Mitte des dritten Jahrhunderts von den Gepiden geschlagen, wandten sie sich bald darauf gegen Westen und setzten sich im Rücken der Alamannen in den Maingegenden fest. Hier traten sie frühzeitig in freundschaftliche Beziehungen zu den Römern, von welchen sie sich gegen die Alamannen gebrauchen lieſsen 1. Zu Anfang des fünften 1 Fast möchte es scheinen, als hätten sie ihren Volksnamen aus der römischen Institution der milites castellani erklärt, wenn sie es gelegentlich für passend hielten ihre angeblich uralte Waffengenossenschaft mit den Römern geltend zu machen. Eine bei Orosius, Hist. VII 32 erwähnte Sage führt den Namen der Burgunder auf eine unter Drusus und Tiberius zum Schutz der Grenzkastelle vorgenommene Ansiedelung des Volkes zurück: hos (Burgundiones) quondam subacta interiore Ger- mania a Druso et Tiberio per castra dispositos aiunt in magnam coaluisse gentem atque etiam nomen ex opere praesumpsisse, quia crebra per limitem habitacula Binding, Handbuch. II. 1. I: Brunner, Deutsche Rechtsgesch. I. 4

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Zitationshilfe: Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1887, S. 49. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brunner_rechtsgeschichte01_1887/67>, abgerufen am 19.04.2024.