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Burckhardt, Jacob: Der Cicerone. Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens. Basel, 1855.

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Romanische Architektur. Alte venez. Bauten.
ten Goldfarbe der sphärischen und cylindrischen Flächen, und auf der
ernsten Farbigkeit aller plastischen Gegenstände; abgesehen von dem
hier sehr stark mitwirkenden historisch-phantastischen Eindruck.


Diesem Gebäude kann schon desshalb in und um Venedig nichts
mehr gleichkommen, weil nur Ein politisch-religiöses Palladium, nur
Ein Leichnam des Evangelisten vorhanden war.

Von den Kirchen der umliegenden Inseln wurden diejenigen auf
aTorcello schon bei einem frühern Anlass (S. 91, a; 94 a) erwähnt.
bDer Dom (S. Donato) in Murano aus dem XII. Jahrhundert, eine ge-
wölbte Säulenkirche mit Querschiff auf Pfeilern, ist in der innern De-
coration mit aller Anstrengung der Pracht von S. Marco genähert;
Säulen von griechischem Marmor, ein ähnliches Bodenmosaik u. s. w.
Aussen dagegen zeigt die Chorseite, auf welche Art sich dieser Styl
ohne Marmorbekleidung in Backstein zu helfen suchte.

c

Von weltlichen Gebäuden dieses Styles ist der sog. Fondaco
de' Turchi
, ein alter Privatpalast, das bedeutendste; eine lange Log-
gia mit überhöhten Rundbogen über einer starken Säulenhalle im untern
Stockwerk giebt ihm ein bedeutendes Ansehen. (Mit den Türken hat
das Gebäude erst seit 1621 zu schaffen.)

Ausserdem: Palast Farsetti, jetziges Municipio (nahe bei der
Post) mit einer durchgehenden Stellung von Doppelsäulchen im ersten
Stock und einer viersäuligen Halle im Erdgeschoss, deren Basen um-
gekehrte Capitäle sind. (Innen ein schönes Treppenhaus des Barock-
estyls.) -- Noch bedeutender der anstossende Palast Loredan, mit
bunten Incrustationen. (Soll in einen Gasthof verwandelt werden).
f-- Ein kleiner Palast zwischen Palast Micheli und Palast Civran hat
sogar von jenen kleinen Zierfensterchen, wie sie an S. Marco vor-
kommen.

Diese sämmtlichen Gebäude mögen uns etwa das Venedig des vier-
ten Kreuzzuges (1202) vergegenwärtigen helfen.


Zwischen Venedig und Toscana, in der Lombardie und stellen-
weise die ganze Via Aemilia abwärts bis ans adriatische Meer

Romanische Architektur. Alte venez. Bauten.
ten Goldfarbe der sphärischen und cylindrischen Flächen, und auf der
ernsten Farbigkeit aller plastischen Gegenstände; abgesehen von dem
hier sehr stark mitwirkenden historisch-phantastischen Eindruck.


Diesem Gebäude kann schon desshalb in und um Venedig nichts
mehr gleichkommen, weil nur Ein politisch-religiöses Palladium, nur
Ein Leichnam des Evangelisten vorhanden war.

Von den Kirchen der umliegenden Inseln wurden diejenigen auf
aTorcello schon bei einem frühern Anlass (S. 91, a; 94 a) erwähnt.
bDer Dom (S. Donato) in Murano aus dem XII. Jahrhundert, eine ge-
wölbte Säulenkirche mit Querschiff auf Pfeilern, ist in der innern De-
coration mit aller Anstrengung der Pracht von S. Marco genähert;
Säulen von griechischem Marmor, ein ähnliches Bodenmosaik u. s. w.
Aussen dagegen zeigt die Chorseite, auf welche Art sich dieser Styl
ohne Marmorbekleidung in Backstein zu helfen suchte.

c

Von weltlichen Gebäuden dieses Styles ist der sog. Fondaco
de’ Turchi
, ein alter Privatpalast, das bedeutendste; eine lange Log-
gia mit überhöhten Rundbogen über einer starken Säulenhalle im untern
Stockwerk giebt ihm ein bedeutendes Ansehen. (Mit den Türken hat
das Gebäude erst seit 1621 zu schaffen.)

Ausserdem: Palast Farsetti, jetziges Municipio (nahe bei der
Post) mit einer durchgehenden Stellung von Doppelsäulchen im ersten
Stock und einer viersäuligen Halle im Erdgeschoss, deren Basen um-
gekehrte Capitäle sind. (Innen ein schönes Treppenhaus des Barock-
estyls.) — Noch bedeutender der anstossende Palast Loredan, mit
bunten Incrustationen. (Soll in einen Gasthof verwandelt werden).
f— Ein kleiner Palast zwischen Palast Micheli und Palast Civran hat
sogar von jenen kleinen Zierfensterchen, wie sie an S. Marco vor-
kommen.

Diese sämmtlichen Gebäude mögen uns etwa das Venedig des vier-
ten Kreuzzuges (1202) vergegenwärtigen helfen.


Zwischen Venedig und Toscana, in der Lombardie und stellen-
weise die ganze Via Aemilia abwärts bis ans adriatische Meer

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[118/0140] Romanische Architektur. Alte venez. Bauten. ten Goldfarbe der sphärischen und cylindrischen Flächen, und auf der ernsten Farbigkeit aller plastischen Gegenstände; abgesehen von dem hier sehr stark mitwirkenden historisch-phantastischen Eindruck. Diesem Gebäude kann schon desshalb in und um Venedig nichts mehr gleichkommen, weil nur Ein politisch-religiöses Palladium, nur Ein Leichnam des Evangelisten vorhanden war. Von den Kirchen der umliegenden Inseln wurden diejenigen auf Torcello schon bei einem frühern Anlass (S. 91, a; 94 a) erwähnt. Der Dom (S. Donato) in Murano aus dem XII. Jahrhundert, eine ge- wölbte Säulenkirche mit Querschiff auf Pfeilern, ist in der innern De- coration mit aller Anstrengung der Pracht von S. Marco genähert; Säulen von griechischem Marmor, ein ähnliches Bodenmosaik u. s. w. Aussen dagegen zeigt die Chorseite, auf welche Art sich dieser Styl ohne Marmorbekleidung in Backstein zu helfen suchte. a b Von weltlichen Gebäuden dieses Styles ist der sog. Fondaco de’ Turchi, ein alter Privatpalast, das bedeutendste; eine lange Log- gia mit überhöhten Rundbogen über einer starken Säulenhalle im untern Stockwerk giebt ihm ein bedeutendes Ansehen. (Mit den Türken hat das Gebäude erst seit 1621 zu schaffen.) Ausserdem: Palast Farsetti, jetziges Municipio (nahe bei der Post) mit einer durchgehenden Stellung von Doppelsäulchen im ersten Stock und einer viersäuligen Halle im Erdgeschoss, deren Basen um- gekehrte Capitäle sind. (Innen ein schönes Treppenhaus des Barock- styls.) — Noch bedeutender der anstossende Palast Loredan, mit bunten Incrustationen. (Soll in einen Gasthof verwandelt werden). — Ein kleiner Palast zwischen Palast Micheli und Palast Civran hat sogar von jenen kleinen Zierfensterchen, wie sie an S. Marco vor- kommen. e f Diese sämmtlichen Gebäude mögen uns etwa das Venedig des vier- ten Kreuzzuges (1202) vergegenwärtigen helfen. Zwischen Venedig und Toscana, in der Lombardie und stellen- weise die ganze Via Aemilia abwärts bis ans adriatische Meer

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Der Cicerone. Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens. Basel, 1855, S. 118. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_cicerone_1855/140>, abgerufen am 22.02.2024.