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Fontane, Theodor: Effi Briest. Berlin, 1896.

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Effi Briest
Stufen nach dem Garten hinunter führten; die
Marquise, ihnen zu Häupten, war aufgezogen, um
den Genuß der frischen Luft in nichts zu beschränken,
und sowohl Effi wie die Geheimrätin waren ziemlich
emsig bei ihrer Handarbeit. Nur dann und wann
wurden ein paar Worte gewechselt.

"Ich begreife nicht," sagte Effi, "daß ich schon
seit vier Tagen keinen Brief habe; er schreibt sonst
täglich. Ob Annie krank ist? Oder er selbst?"

Die Zwicker lächelte: "Sie werden erfahren,
liebe Freundin, daß er gesund ist, ganz gesund."

Effi fühlte sich durch den Ton, in dem dies
gesagt wurde, wenig angenehm berührt und schien
antworten zu wollen, aber in eben diesem Augen¬
blicke trat das aus der Umgegend von Bonn stammende
Hausmädchen, das sich von Jugend an daran ge¬
wöhnt hatte, die mannigfachsten Erscheinungen des
Lebens an Bonner Studenten und Bonner Husaren
zu messen, vom Salon her auf den Vorplatz hinaus,
um hier den Frühstückstisch abzuräumen. Sie hieß
Afra.

"Afra," sagte Effi, "es muß doch schon neun
sein; war der Postbote noch nicht da?"

"Nein, noch nicht, gnäd'ge Frau."

"Woran liegt es?"

"Natürlich an dem Postboten; er ist aus dem

Effi Brieſt
Stufen nach dem Garten hinunter führten; die
Marquiſe, ihnen zu Häupten, war aufgezogen, um
den Genuß der friſchen Luft in nichts zu beſchränken,
und ſowohl Effi wie die Geheimrätin waren ziemlich
emſig bei ihrer Handarbeit. Nur dann und wann
wurden ein paar Worte gewechſelt.

„Ich begreife nicht,“ ſagte Effi, „daß ich ſchon
ſeit vier Tagen keinen Brief habe; er ſchreibt ſonſt
täglich. Ob Annie krank iſt? Oder er ſelbſt?“

Die Zwicker lächelte: „Sie werden erfahren,
liebe Freundin, daß er geſund iſt, ganz geſund.“

Effi fühlte ſich durch den Ton, in dem dies
geſagt wurde, wenig angenehm berührt und ſchien
antworten zu wollen, aber in eben dieſem Augen¬
blicke trat das aus der Umgegend von Bonn ſtammende
Hausmädchen, das ſich von Jugend an daran ge¬
wöhnt hatte, die mannigfachſten Erſcheinungen des
Lebens an Bonner Studenten und Bonner Huſaren
zu meſſen, vom Salon her auf den Vorplatz hinaus,
um hier den Frühſtückstiſch abzuräumen. Sie hieß
Afra.

„Afra,“ ſagte Effi, „es muß doch ſchon neun
ſein; war der Poſtbote noch nicht da?“

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„Woran liegt es?“

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[437/0446] Effi Brieſt Stufen nach dem Garten hinunter führten; die Marquiſe, ihnen zu Häupten, war aufgezogen, um den Genuß der friſchen Luft in nichts zu beſchränken, und ſowohl Effi wie die Geheimrätin waren ziemlich emſig bei ihrer Handarbeit. Nur dann und wann wurden ein paar Worte gewechſelt. „Ich begreife nicht,“ ſagte Effi, „daß ich ſchon ſeit vier Tagen keinen Brief habe; er ſchreibt ſonſt täglich. Ob Annie krank iſt? Oder er ſelbſt?“ Die Zwicker lächelte: „Sie werden erfahren, liebe Freundin, daß er geſund iſt, ganz geſund.“ Effi fühlte ſich durch den Ton, in dem dies geſagt wurde, wenig angenehm berührt und ſchien antworten zu wollen, aber in eben dieſem Augen¬ blicke trat das aus der Umgegend von Bonn ſtammende Hausmädchen, das ſich von Jugend an daran ge¬ wöhnt hatte, die mannigfachſten Erſcheinungen des Lebens an Bonner Studenten und Bonner Huſaren zu meſſen, vom Salon her auf den Vorplatz hinaus, um hier den Frühſtückstiſch abzuräumen. Sie hieß Afra. „Afra,“ ſagte Effi, „es muß doch ſchon neun ſein; war der Poſtbote noch nicht da?“ „Nein, noch nicht, gnäd'ge Frau.“ „Woran liegt es?“ „Natürlich an dem Poſtboten; er iſt aus dem

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Effi Briest. Berlin, 1896, S. 437. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/fontane_briest_1896/446>, abgerufen am 21.10.2021.