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Forster, Georg: Johann Reinhold Forster's [...] Reise um die Welt. Bd. 1. Berlin, 1778.

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in den Jahren 1772 bis 1775.

Ohnerachtet sie Mitglieder gesitteter Nationen sind, so machen sie doch gleich-1773.
Decem-
ber.

sam eine besondere Classe von Menschen aus, die ohne Gefühl, voll Leiden-
schaft, rachsüchtig, zugleich aber auch tapfer, aufrichtig und treu gegen ein-
ander sind.

Um Mittag ward die Sonnenhöhe genommen, da sich denn zeigte, daß
wir in 66 Grad 22 Minuten südlicher Breite, mithin so eben über den antarcti-
schen Zirkel wieder zurückgegangen waren. Während unsers Aufenthalts innerhalb
desselben hatten wir fast gar keine Nacht, und ich finde in meines Vaters Jour-
nal viele Stellen, die wenig Minuten vor Mitternacht, bey Sonnenschein, ge-
schrieben sind. Auch heute Nacht war die Sonne so kurze Zeit unter dem Ho-
rizont, daß wir immer eine helle Dämmerung behielten. Maheine erstaunte
über dies Phänomenon und wollte kaum seinen Augen trauen. Alle Bemühun-
gen ihm die Sache zu erklären, waren umsonst; und er versicherte uns, er dürfe nicht
hoffen bey seinen Landsleuten Glauben zu finden, wenn er ihnen bey seiner Zu-
rückkunft die Wunder des "versteinerten Regens, und des beständigen Tages"
erzählen werde. Die ersten Venetianer welche die nördlichen Spitzen von Eu-
ropa
umschifften, waren eben so erstaunt darüber, die Sonne beständig am Hori-
zont zu sehen. "Wir konnten, sagen sie, Tag und Nacht nicht anders als an dem
Instinct der Seevögel unterscheiden, die ohngefähr auf vier Stunden,
zur Ruhe ans Land zu gehen pflegten."*) Da aber allem Ansehen nach, in dieser
Gegend weit und breit kein Land vorhanden war, so konnten wir die Richtig-
keit dieser Bemerkung nicht untersuchen, wir haben vielmehr oftmals noch des
Nachts um 11 Uhr, ja die ganze Nacht hindurch, viel Vögel im Fluge um das
Schiff gehabt.

Um 6 Uhr des Morgens zählten wir ein hundert und fünf große Eis-
Maßen um uns her. Das Wetter blieb sehr klar, schön und still. Am Mittag
des folgenden Tages befanden wir uns noch in eben der Lage, nur daß unsre
Leute toll und voll waren und daß wir oben vom Mast 168 Eis-Inseln sehen

*) Pietro Qvirino reißte dahin im April 1431. Er litte Schiffbruch auf der Insel Röst
oder Rüsten unterm Polar-Zirkel an der Küste von Norwegen. Raccolta di Ramusio.
Venezia, 1574. Vol. II. p.
204-210.
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in den Jahren 1772 bis 1775.

Ohnerachtet ſie Mitglieder geſitteter Nationen ſind, ſo machen ſie doch gleich-1773.
Decem-
ber.

ſam eine beſondere Claſſe von Menſchen aus, die ohne Gefuͤhl, voll Leiden-
ſchaft, rachſuͤchtig, zugleich aber auch tapfer, aufrichtig und treu gegen ein-
ander ſind.

Um Mittag ward die Sonnenhoͤhe genommen, da ſich denn zeigte, daß
wir in 66 Grad 22 Minuten ſuͤdlicher Breite, mithin ſo eben uͤber den antarcti-
ſchen Zirkel wieder zuruͤckgegangen waren. Waͤhrend unſers Aufenthalts innerhalb
deſſelben hatten wir faſt gar keine Nacht, und ich finde in meines Vaters Jour-
nal viele Stellen, die wenig Minuten vor Mitternacht, bey Sonnenſchein, ge-
ſchrieben ſind. Auch heute Nacht war die Sonne ſo kurze Zeit unter dem Ho-
rizont, daß wir immer eine helle Daͤmmerung behielten. Maheine erſtaunte
uͤber dies Phaͤnomenon und wollte kaum ſeinen Augen trauen. Alle Bemuͤhun-
gen ihm die Sache zu erklaͤren, waren umſonſt; und er verſicherte uns, er duͤrfe nicht
hoffen bey ſeinen Landsleuten Glauben zu finden, wenn er ihnen bey ſeiner Zu-
ruͤckkunft die Wunder des „verſteinerten Regens, und des beſtaͤndigen Tages“
erzaͤhlen werde. Die erſten Venetianer welche die noͤrdlichen Spitzen von Eu-
ropa
umſchifften, waren eben ſo erſtaunt daruͤber, die Sonne beſtaͤndig am Hori-
zont zu ſehen. “Wir konnten, ſagen ſie, Tag und Nacht nicht anders als an dem
Inſtinct der Seevoͤgel unterſcheiden, die ohngefaͤhr auf vier Stunden,
zur Ruhe ans Land zu gehen pflegten.”*) Da aber allem Anſehen nach, in dieſer
Gegend weit und breit kein Land vorhanden war, ſo konnten wir die Richtig-
keit dieſer Bemerkung nicht unterſuchen, wir haben vielmehr oftmals noch des
Nachts um 11 Uhr, ja die ganze Nacht hindurch, viel Voͤgel im Fluge um das
Schiff gehabt.

Um 6 Uhr des Morgens zaͤhlten wir ein hundert und fuͤnf große Eis-
Maßen um uns her. Das Wetter blieb ſehr klar, ſchoͤn und ſtill. Am Mittag
des folgenden Tages befanden wir uns noch in eben der Lage, nur daß unſre
Leute toll und voll waren und daß wir oben vom Maſt 168 Eis-Inſeln ſehen

*) Pietro Qvirino reißte dahin im April 1431. Er litte Schiffbruch auf der Inſel Roͤſt
oder Ruͤſten unterm Polar-Zirkel an der Kuͤſte von Norwegen. Raccolta di Ramuſio.
Venezia, 1574. Vol. II. p.
204-210.
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[405/0464] in den Jahren 1772 bis 1775. Ohnerachtet ſie Mitglieder geſitteter Nationen ſind, ſo machen ſie doch gleich- ſam eine beſondere Claſſe von Menſchen aus, die ohne Gefuͤhl, voll Leiden- ſchaft, rachſuͤchtig, zugleich aber auch tapfer, aufrichtig und treu gegen ein- ander ſind. 1773. Decem- ber. Um Mittag ward die Sonnenhoͤhe genommen, da ſich denn zeigte, daß wir in 66 Grad 22 Minuten ſuͤdlicher Breite, mithin ſo eben uͤber den antarcti- ſchen Zirkel wieder zuruͤckgegangen waren. Waͤhrend unſers Aufenthalts innerhalb deſſelben hatten wir faſt gar keine Nacht, und ich finde in meines Vaters Jour- nal viele Stellen, die wenig Minuten vor Mitternacht, bey Sonnenſchein, ge- ſchrieben ſind. Auch heute Nacht war die Sonne ſo kurze Zeit unter dem Ho- rizont, daß wir immer eine helle Daͤmmerung behielten. Maheine erſtaunte uͤber dies Phaͤnomenon und wollte kaum ſeinen Augen trauen. Alle Bemuͤhun- gen ihm die Sache zu erklaͤren, waren umſonſt; und er verſicherte uns, er duͤrfe nicht hoffen bey ſeinen Landsleuten Glauben zu finden, wenn er ihnen bey ſeiner Zu- ruͤckkunft die Wunder des „verſteinerten Regens, und des beſtaͤndigen Tages“ erzaͤhlen werde. Die erſten Venetianer welche die noͤrdlichen Spitzen von Eu- ropa umſchifften, waren eben ſo erſtaunt daruͤber, die Sonne beſtaͤndig am Hori- zont zu ſehen. “Wir konnten, ſagen ſie, Tag und Nacht nicht anders als an dem Inſtinct der Seevoͤgel unterſcheiden, die ohngefaͤhr auf vier Stunden, zur Ruhe ans Land zu gehen pflegten.” *) Da aber allem Anſehen nach, in dieſer Gegend weit und breit kein Land vorhanden war, ſo konnten wir die Richtig- keit dieſer Bemerkung nicht unterſuchen, wir haben vielmehr oftmals noch des Nachts um 11 Uhr, ja die ganze Nacht hindurch, viel Voͤgel im Fluge um das Schiff gehabt. Um 6 Uhr des Morgens zaͤhlten wir ein hundert und fuͤnf große Eis- Maßen um uns her. Das Wetter blieb ſehr klar, ſchoͤn und ſtill. Am Mittag des folgenden Tages befanden wir uns noch in eben der Lage, nur daß unſre Leute toll und voll waren und daß wir oben vom Maſt 168 Eis-Inſeln ſehen *) Pietro Qvirino reißte dahin im April 1431. Er litte Schiffbruch auf der Inſel Roͤſt oder Ruͤſten unterm Polar-Zirkel an der Kuͤſte von Norwegen. Raccolta di Ramuſio. Venezia, 1574. Vol. II. p. 204-210. E e e 3

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Zitationshilfe: Forster, Georg: Johann Reinhold Forster's [...] Reise um die Welt. Bd. 1. Berlin, 1778, S. 405. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/forster_reise01_1778/464>, abgerufen am 22.04.2024.