Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Frapan, Ilse [i. e. Ilse Akunian]: Flügel auf! Novellen. Berlin, 1895.

Bild:
<< vorherige Seite

hörte sie um mich rauschen, denn ich flog. Es war herrlich. Und plötzlich warst Du auch da, und wir flogen zusammen. Du hieltest mich an der Hand fest, und auf einmal wirbelten tausend Feuerfunken um uns. "Aha, jetzt sind wir bei den Asteroiden!" rief ich ganz selig. Dann fühlte ich mich stürzen, reißend schnell. Es war wie Vernichtung. Ich erwachte halb, athemlos und glühend, wußte gar nicht, wo die Thür und wo das Fenster war. "Lisbeth, warum schreist Du so?" rief es kläglich aus dem Nebenzimmer, wo Tante schläft. Aber der Traum geht mir noch immer nach, besonders das Rauschen, es war, als wenn der Wind in die Segel fährt. Ach, wie unrecht ist es, daß wir keine Flügel haben!

Deine Lisbeth.


Axel Lorenzen an Pastor Markwort.

Lieber Onkel Vormund! Dieser Brief ist mit der Bemerkung "eigenhändig" versehen, ich möchte Dich nämlich gern auf ein paar Augenblicke allein sprechen. Tante muß es natürlich später auch erfahren, aber vorläufig bitte ich um Deine Diskretion. Es handelt sich nämlich um Eure Lisbeth. Das Mädel verkommt ganz bei der Lebensweise, die sie bei Euch führt; sie ist kein solch Hausküken, und man muß etwas für sie thun. Ich möchte Dich daher dringend

hörte sie um mich rauschen, denn ich flog. Es war herrlich. Und plötzlich warst Du auch da, und wir flogen zusammen. Du hieltest mich an der Hand fest, und auf einmal wirbelten tausend Feuerfunken um uns. „Aha, jetzt sind wir bei den Asteroiden!“ rief ich ganz selig. Dann fühlte ich mich stürzen, reißend schnell. Es war wie Vernichtung. Ich erwachte halb, athemlos und glühend, wußte gar nicht, wo die Thür und wo das Fenster war. „Lisbeth, warum schreist Du so?“ rief es kläglich aus dem Nebenzimmer, wo Tante schläft. Aber der Traum geht mir noch immer nach, besonders das Rauschen, es war, als wenn der Wind in die Segel fährt. Ach, wie unrecht ist es, daß wir keine Flügel haben!

Deine Lisbeth.


Axel Lorenzen an Pastor Markwort.

Lieber Onkel Vormund! Dieser Brief ist mit der Bemerkung „eigenhändig“ versehen, ich möchte Dich nämlich gern auf ein paar Augenblicke allein sprechen. Tante muß es natürlich später auch erfahren, aber vorläufig bitte ich um Deine Diskretion. Es handelt sich nämlich um Eure Lisbeth. Das Mädel verkommt ganz bei der Lebensweise, die sie bei Euch führt; sie ist kein solch Hausküken, und man muß etwas für sie thun. Ich möchte Dich daher dringend

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div type="letter" n="2">
          <p><pb facs="#f0348" n="340"/>
hörte sie um mich rauschen, denn ich flog. Es war herrlich. Und plötzlich warst Du auch da, und wir flogen zusammen. Du hieltest mich an der Hand fest, und auf einmal wirbelten tausend Feuerfunken um uns. &#x201E;Aha, jetzt sind wir bei den Asteroiden!&#x201C; rief ich ganz selig. Dann fühlte ich mich stürzen, reißend schnell. Es war wie Vernichtung. Ich erwachte halb, athemlos und glühend, wußte gar nicht, wo die Thür und wo das Fenster war. &#x201E;Lisbeth, warum schreist Du so?&#x201C; rief es kläglich aus dem Nebenzimmer, wo Tante schläft. Aber der Traum geht mir noch immer nach, besonders das Rauschen, es war, als wenn der Wind in die Segel fährt. Ach, wie unrecht ist es, daß wir keine Flügel haben!</p>
          <closer>
            <salute> <hi rendition="#right">Deine Lisbeth.</hi> </salute>
          </closer>
        </div>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        <div type="letter" n="2">
          <head>Axel Lorenzen an Pastor Markwort.</head>
          <opener>
            <dateline> <hi rendition="#right">Kopenhagen, 1. November 1892.</hi> </dateline>
          </opener>
          <p>Lieber Onkel Vormund! Dieser Brief ist mit der Bemerkung &#x201E;eigenhändig&#x201C; versehen, ich möchte Dich nämlich gern auf ein paar Augenblicke allein sprechen. Tante muß es natürlich später auch erfahren, aber vorläufig bitte ich um Deine Diskretion. Es handelt sich nämlich um Eure Lisbeth. Das Mädel verkommt ganz bei der Lebensweise, die sie bei Euch führt; sie ist kein solch Hausküken, und man muß etwas für sie thun. Ich möchte Dich daher dringend
</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[340/0348] hörte sie um mich rauschen, denn ich flog. Es war herrlich. Und plötzlich warst Du auch da, und wir flogen zusammen. Du hieltest mich an der Hand fest, und auf einmal wirbelten tausend Feuerfunken um uns. „Aha, jetzt sind wir bei den Asteroiden!“ rief ich ganz selig. Dann fühlte ich mich stürzen, reißend schnell. Es war wie Vernichtung. Ich erwachte halb, athemlos und glühend, wußte gar nicht, wo die Thür und wo das Fenster war. „Lisbeth, warum schreist Du so?“ rief es kläglich aus dem Nebenzimmer, wo Tante schläft. Aber der Traum geht mir noch immer nach, besonders das Rauschen, es war, als wenn der Wind in die Segel fährt. Ach, wie unrecht ist es, daß wir keine Flügel haben! Deine Lisbeth. Axel Lorenzen an Pastor Markwort. Kopenhagen, 1. November 1892. Lieber Onkel Vormund! Dieser Brief ist mit der Bemerkung „eigenhändig“ versehen, ich möchte Dich nämlich gern auf ein paar Augenblicke allein sprechen. Tante muß es natürlich später auch erfahren, aber vorläufig bitte ich um Deine Diskretion. Es handelt sich nämlich um Eure Lisbeth. Das Mädel verkommt ganz bei der Lebensweise, die sie bei Euch führt; sie ist kein solch Hausküken, und man muß etwas für sie thun. Ich möchte Dich daher dringend

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Wikisource: Bereitstellung der Texttranskription und Auszeichnung in Wikisource-Syntax. (2012-10-26T10:30:31Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme aus Wikisource entsprechen muss.
Wikimedia Commons: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2012-10-26T10:30:31Z)
Frank Wiegand: Konvertierung von Wikisource-Markup nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat. (2012-10-26T10:30:31Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • Als Grundlage dienen die Wikisource:Editionsrichtlinien.
  • Der Seitenwechsel erfolgt bei Worttrennung nach dem gesamten Wort.
  • Geviertstriche (—) wurden durch Halbgeviertstriche ersetzt (–).



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/frapan_fluegel_1895
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/frapan_fluegel_1895/348
Zitationshilfe: Frapan, Ilse [i. e. Ilse Akunian]: Flügel auf! Novellen. Berlin, 1895, S. 340. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/frapan_fluegel_1895/348>, abgerufen am 07.03.2021.