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Freudenberg, Ika: Ein Manifest gegen das Frauenstimmrecht. In: Die Frau. Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit. Heft 16 (1908), S. 18–25.

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Ein Manifest gegen das Frauenstimmrecht.


Nachdruck verboten.

Nach einem Gespräch mit einer geistvollen Schriftstellerin beklagte ich mich einmal
bei ihren Freunden, daß eine so hervorragende Frau den Bestrebungen ihres
Geschlechts fast ablehnend gegenüberstehe. Man sagte mir, es sei nicht so schlimm
mit dieser Ablehnung; wahrscheinlich habe mein Eifer in der Verteidigung der Frauen-
rechte sie zur Opposition gereizt. Jch könne sicher sein, daß, wenn ihr morgen irgend
ein wirklicher Gegner der Frauenbewegung in den Weg träte, sie die erste sein würde,
ihm mit scharfen Gründen zu Leibe zu gehen.

Daran mußte ich denken, als ich Mrs. Humphry Ward's Manifest las, das
Programm der am 21. Juli in London gegründeten Women's National Anti-Suffrage
League
. Ob dieses Schriftstück ohne das demonstrative Verhalten der suffragettes
entstanden wäre? Ob eine Frau, die für ihr Geschlecht eine volle Beteiligung an
allen kommunalen Vertretungskörperschaften fordert, weibliche Sachverständige zu allen
Kommissionen der Regierung zugezogen sehen möchte und den Einfluß der Frauen in
allen Fragen der Bildung und der öffentlichen Wohlfahrt für unentbehrlich hält --
ob sie wohl dazu gekommen wäre, sich der Agitation für das politische Stimmrecht
mit solchem Aufwand an Gründen entgegenzustemmen, wenn sie nicht gerade diese
Agitation, so wie sie neuerdings betrieben worden ist, als eine Art Herausforderung
empfunden hätte?

England wird von Kennern gern "das Land der Kontraste" genannt, und einen
größeren Gegensatz als zwischen der typischen englischen Gemessenheit und dem leiden-
schaftlichen Gebahren der suffragettes ist wohl kaum denkbar. Wir Deutschen hörten
mit Staunen von dem gewaltsamen Eindringen in die Parlamentssitzungen, von regel-
rechten Belagerungen und persönlichen Attacken, von eingeworfenen Fenstern usw.;
einem Staunen, welches sich zunächst darauf bezog, daß es gerade London war, wo
diese Szenen sich ereigneten; aus Andalusien oder Apulien würden sie uns weniger
verwunderlich erklungen sein. Allerdings spielt ja die Demonstration in jeder Gestalt,
die öffentliche Rede, der öffentliche Auszug im englischen Straßenleben eine große Rolle;
aber von solchen mehr oder weniger lebhaften Verkündigungen bis zu den erwähnten
Tätlichkeiten ist für die gebildete Engländerin, in deren Augen die persönliche Haltung
eine Sache von Ernst und Bedeutung zu sein pflegt, doch noch ein weiter Schritt.

Auch die gemäßigteren englischen Stimmrechtskämpferinnen hatten noch im vorigen
Jahre eine Art von Verwahrung gegen dies plötzlich üblich gewordene heftige
Vorgehen Einzelner eingelegt und dem Parlament gegenüber die Mitverantwortung
abgelehnt. Auf dem diesjährigen internationalen Stimmrechtskongreß in Amsterdam
milderte jedoch Mrs. Fawcett diese Abwehr durch das Zugeständnis, daß die aufsehen-

Ein Manifest gegen das Frauenstimmrecht.


Nachdruck verboten.

Nach einem Gespräch mit einer geistvollen Schriftstellerin beklagte ich mich einmal
bei ihren Freunden, daß eine so hervorragende Frau den Bestrebungen ihres
Geschlechts fast ablehnend gegenüberstehe. Man sagte mir, es sei nicht so schlimm
mit dieser Ablehnung; wahrscheinlich habe mein Eifer in der Verteidigung der Frauen-
rechte sie zur Opposition gereizt. Jch könne sicher sein, daß, wenn ihr morgen irgend
ein wirklicher Gegner der Frauenbewegung in den Weg träte, sie die erste sein würde,
ihm mit scharfen Gründen zu Leibe zu gehen.

Daran mußte ich denken, als ich Mrs. Humphry Ward's Manifest las, das
Programm der am 21. Juli in London gegründeten Women's National Anti-Suffrage
League
. Ob dieses Schriftstück ohne das demonstrative Verhalten der suffragettes
entstanden wäre? Ob eine Frau, die für ihr Geschlecht eine volle Beteiligung an
allen kommunalen Vertretungskörperschaften fordert, weibliche Sachverständige zu allen
Kommissionen der Regierung zugezogen sehen möchte und den Einfluß der Frauen in
allen Fragen der Bildung und der öffentlichen Wohlfahrt für unentbehrlich hält —
ob sie wohl dazu gekommen wäre, sich der Agitation für das politische Stimmrecht
mit solchem Aufwand an Gründen entgegenzustemmen, wenn sie nicht gerade diese
Agitation, so wie sie neuerdings betrieben worden ist, als eine Art Herausforderung
empfunden hätte?

England wird von Kennern gern „das Land der Kontraste“ genannt, und einen
größeren Gegensatz als zwischen der typischen englischen Gemessenheit und dem leiden-
schaftlichen Gebahren der suffragettes ist wohl kaum denkbar. Wir Deutschen hörten
mit Staunen von dem gewaltsamen Eindringen in die Parlamentssitzungen, von regel-
rechten Belagerungen und persönlichen Attacken, von eingeworfenen Fenstern usw.;
einem Staunen, welches sich zunächst darauf bezog, daß es gerade London war, wo
diese Szenen sich ereigneten; aus Andalusien oder Apulien würden sie uns weniger
verwunderlich erklungen sein. Allerdings spielt ja die Demonstration in jeder Gestalt,
die öffentliche Rede, der öffentliche Auszug im englischen Straßenleben eine große Rolle;
aber von solchen mehr oder weniger lebhaften Verkündigungen bis zu den erwähnten
Tätlichkeiten ist für die gebildete Engländerin, in deren Augen die persönliche Haltung
eine Sache von Ernst und Bedeutung zu sein pflegt, doch noch ein weiter Schritt.

Auch die gemäßigteren englischen Stimmrechtskämpferinnen hatten noch im vorigen
Jahre eine Art von Verwahrung gegen dies plötzlich üblich gewordene heftige
Vorgehen Einzelner eingelegt und dem Parlament gegenüber die Mitverantwortung
abgelehnt. Auf dem diesjährigen internationalen Stimmrechtskongreß in Amsterdam
milderte jedoch Mrs. Fawcett diese Abwehr durch das Zugeständnis, daß die aufsehen-

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[18/0001] Ein Manifest gegen das Frauenstimmrecht. Von Jka Freudenberg. Nachdruck verboten. Nach einem Gespräch mit einer geistvollen Schriftstellerin beklagte ich mich einmal bei ihren Freunden, daß eine so hervorragende Frau den Bestrebungen ihres Geschlechts fast ablehnend gegenüberstehe. Man sagte mir, es sei nicht so schlimm mit dieser Ablehnung; wahrscheinlich habe mein Eifer in der Verteidigung der Frauen- rechte sie zur Opposition gereizt. Jch könne sicher sein, daß, wenn ihr morgen irgend ein wirklicher Gegner der Frauenbewegung in den Weg träte, sie die erste sein würde, ihm mit scharfen Gründen zu Leibe zu gehen. Daran mußte ich denken, als ich Mrs. Humphry Ward's Manifest las, das Programm der am 21. Juli in London gegründeten Women's National Anti-Suffrage League. Ob dieses Schriftstück ohne das demonstrative Verhalten der suffragettes entstanden wäre? Ob eine Frau, die für ihr Geschlecht eine volle Beteiligung an allen kommunalen Vertretungskörperschaften fordert, weibliche Sachverständige zu allen Kommissionen der Regierung zugezogen sehen möchte und den Einfluß der Frauen in allen Fragen der Bildung und der öffentlichen Wohlfahrt für unentbehrlich hält — ob sie wohl dazu gekommen wäre, sich der Agitation für das politische Stimmrecht mit solchem Aufwand an Gründen entgegenzustemmen, wenn sie nicht gerade diese Agitation, so wie sie neuerdings betrieben worden ist, als eine Art Herausforderung empfunden hätte? England wird von Kennern gern „das Land der Kontraste“ genannt, und einen größeren Gegensatz als zwischen der typischen englischen Gemessenheit und dem leiden- schaftlichen Gebahren der suffragettes ist wohl kaum denkbar. Wir Deutschen hörten mit Staunen von dem gewaltsamen Eindringen in die Parlamentssitzungen, von regel- rechten Belagerungen und persönlichen Attacken, von eingeworfenen Fenstern usw.; einem Staunen, welches sich zunächst darauf bezog, daß es gerade London war, wo diese Szenen sich ereigneten; aus Andalusien oder Apulien würden sie uns weniger verwunderlich erklungen sein. Allerdings spielt ja die Demonstration in jeder Gestalt, die öffentliche Rede, der öffentliche Auszug im englischen Straßenleben eine große Rolle; aber von solchen mehr oder weniger lebhaften Verkündigungen bis zu den erwähnten Tätlichkeiten ist für die gebildete Engländerin, in deren Augen die persönliche Haltung eine Sache von Ernst und Bedeutung zu sein pflegt, doch noch ein weiter Schritt. Auch die gemäßigteren englischen Stimmrechtskämpferinnen hatten noch im vorigen Jahre eine Art von Verwahrung gegen dies plötzlich üblich gewordene heftige Vorgehen Einzelner eingelegt und dem Parlament gegenüber die Mitverantwortung abgelehnt. Auf dem diesjährigen internationalen Stimmrechtskongreß in Amsterdam milderte jedoch Mrs. Fawcett diese Abwehr durch das Zugeständnis, daß die aufsehen-  

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Anna Pfundt: Bearbeitung der digitalen Edition. (2015-05-11T13:25:31Z)

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Zitationshilfe: Freudenberg, Ika: Ein Manifest gegen das Frauenstimmrecht. In: Die Frau. Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit. Heft 16 (1908), S. 18–25, hier S. 18. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/freudenberg_manifest_1908/1>, abgerufen am 01.03.2024.