Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Gleditsch, Johann Gottlieb: Vermischte botanische Abhandlungen. Bd. 1. Berlin, 1789.

Bild:
<< vorherige Seite

fleißige Herr Needham mit seinen mikroskopischen
Observationen zum Vorschein, und setzte damit ei-
nige Gelehrte von neuen in große Verlegenheit.
Diesem Naturforscher kam es vor, als ob er auf
dem Griffel einer Lilienblume, in der Höhle eines
auf der Narbe stehenden Wärzgens eine ganze ein-
gedrungene Staubkugel gesehen hätte, von welcher
er zugleich eine Figur gab. Dadurch wurde die
vorgedachte alte Meynung wieder rege, und man
hielte sie nunmehro völlig für bewiesen, ob gleich,
nach Hrn. Needhams Observation, niemand diese
Wahrheit außer dessen gegebenen Figur weiter fin-
den können, wenn er auch mit den besten englischen
Vergrößerungsgläsern versehen gewesen ist.

24. Nach Hrn. Needham hat sich ein anderer
englischer Naturforscher, nehmlich Hr. D. Hill ge-
funden, welcher zwar nichts in die Oefnungen der
Wärzchen eindringen sehen, demohngeachtet aber,
noch viel weiter bey der Wahrheit vorbey spazieret;
und sogar Zeichnungen von solchen Umständen des
befruchtenden Blumenstaubes nach seinen bey sich
gehabten Vorstellungen gegeben, welche so viel be-
weisen, daß er das, was er gesehen, gar nicht ge-
kannt hat, folglich gar nicht nöthig gehabt hätte,
außer seiner falschen Angabe, noch falsche Sätze
zu erdichten, welche beyde ein mittelmäßiges refle-
etirendes Vergrößerungsglas zu widerlegen im
Stande ist.

Er

fleißige Herr Needham mit ſeinen mikroſkopiſchen
Obſervationen zum Vorſchein, und ſetzte damit ei-
nige Gelehrte von neuen in große Verlegenheit.
Dieſem Naturforſcher kam es vor, als ob er auf
dem Griffel einer Lilienblume, in der Hoͤhle eines
auf der Narbe ſtehenden Waͤrzgens eine ganze ein-
gedrungene Staubkugel geſehen haͤtte, von welcher
er zugleich eine Figur gab. Dadurch wurde die
vorgedachte alte Meynung wieder rege, und man
hielte ſie nunmehro voͤllig fuͤr bewieſen, ob gleich,
nach Hrn. Needhams Obſervation, niemand dieſe
Wahrheit außer deſſen gegebenen Figur weiter fin-
den koͤnnen, wenn er auch mit den beſten engliſchen
Vergroͤßerungsglaͤſern verſehen geweſen iſt.

24. Nach Hrn. Needham hat ſich ein anderer
engliſcher Naturforſcher, nehmlich Hr. D. Hill ge-
funden, welcher zwar nichts in die Oefnungen der
Waͤrzchen eindringen ſehen, demohngeachtet aber,
noch viel weiter bey der Wahrheit vorbey ſpazieret;
und ſogar Zeichnungen von ſolchen Umſtaͤnden des
befruchtenden Blumenſtaubes nach ſeinen bey ſich
gehabten Vorſtellungen gegeben, welche ſo viel be-
weiſen, daß er das, was er geſehen, gar nicht ge-
kannt hat, folglich gar nicht noͤthig gehabt haͤtte,
außer ſeiner falſchen Angabe, noch falſche Saͤtze
zu erdichten, welche beyde ein mittelmaͤßiges refle-
etirendes Vergroͤßerungsglas zu widerlegen im
Stande iſt.

Er
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0070" n="58"/>
fleißige Herr <hi rendition="#fr">Needham</hi> mit &#x017F;einen mikro&#x017F;kopi&#x017F;chen<lb/>
Ob&#x017F;ervationen zum Vor&#x017F;chein, und &#x017F;etzte damit ei-<lb/>
nige Gelehrte von neuen in große Verlegenheit.<lb/>
Die&#x017F;em Naturfor&#x017F;cher kam es vor, als ob er auf<lb/>
dem <hi rendition="#fr">Griffel</hi> einer <hi rendition="#fr">Lilienblume</hi>, in der Ho&#x0364;hle eines<lb/>
auf der <hi rendition="#fr">Narbe</hi> &#x017F;tehenden Wa&#x0364;rzgens eine ganze ein-<lb/>
gedrungene Staubkugel ge&#x017F;ehen ha&#x0364;tte, von welcher<lb/>
er zugleich eine Figur gab. Dadurch wurde die<lb/>
vorgedachte alte Meynung wieder rege, und man<lb/>
hielte &#x017F;ie nunmehro vo&#x0364;llig fu&#x0364;r bewie&#x017F;en, ob gleich,<lb/>
nach Hrn. <hi rendition="#fr">Needhams</hi> Ob&#x017F;ervation, niemand die&#x017F;e<lb/>
Wahrheit außer de&#x017F;&#x017F;en gegebenen Figur weiter fin-<lb/>
den ko&#x0364;nnen, wenn er auch mit den be&#x017F;ten engli&#x017F;chen<lb/>
Vergro&#x0364;ßerungsgla&#x0364;&#x017F;ern ver&#x017F;ehen gewe&#x017F;en i&#x017F;t.</p><lb/>
          <p>24. Nach Hrn. <hi rendition="#fr">Needham</hi> hat &#x017F;ich ein anderer<lb/>
engli&#x017F;cher Naturfor&#x017F;cher, nehmlich Hr. <hi rendition="#aq">D. <hi rendition="#i">Hill</hi></hi> ge-<lb/>
funden, welcher zwar nichts in die Oefnungen der<lb/>
Wa&#x0364;rzchen eindringen &#x017F;ehen, demohngeachtet aber,<lb/>
noch viel weiter bey der Wahrheit vorbey &#x017F;pazieret;<lb/>
und &#x017F;ogar Zeichnungen von &#x017F;olchen Um&#x017F;ta&#x0364;nden des<lb/>
befruchtenden Blumen&#x017F;taubes nach &#x017F;einen bey &#x017F;ich<lb/>
gehabten Vor&#x017F;tellungen gegeben, welche &#x017F;o viel be-<lb/>
wei&#x017F;en, daß er das, was er ge&#x017F;ehen, gar nicht ge-<lb/>
kannt hat, folglich gar nicht no&#x0364;thig gehabt ha&#x0364;tte,<lb/>
außer &#x017F;einer fal&#x017F;chen Angabe, noch fal&#x017F;che Sa&#x0364;tze<lb/>
zu erdichten, welche beyde ein mittelma&#x0364;ßiges refle-<lb/>
etirendes Vergro&#x0364;ßerungsglas zu widerlegen im<lb/>
Stande i&#x017F;t.</p><lb/>
          <fw place="bottom" type="catch">Er</fw><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[58/0070] fleißige Herr Needham mit ſeinen mikroſkopiſchen Obſervationen zum Vorſchein, und ſetzte damit ei- nige Gelehrte von neuen in große Verlegenheit. Dieſem Naturforſcher kam es vor, als ob er auf dem Griffel einer Lilienblume, in der Hoͤhle eines auf der Narbe ſtehenden Waͤrzgens eine ganze ein- gedrungene Staubkugel geſehen haͤtte, von welcher er zugleich eine Figur gab. Dadurch wurde die vorgedachte alte Meynung wieder rege, und man hielte ſie nunmehro voͤllig fuͤr bewieſen, ob gleich, nach Hrn. Needhams Obſervation, niemand dieſe Wahrheit außer deſſen gegebenen Figur weiter fin- den koͤnnen, wenn er auch mit den beſten engliſchen Vergroͤßerungsglaͤſern verſehen geweſen iſt. 24. Nach Hrn. Needham hat ſich ein anderer engliſcher Naturforſcher, nehmlich Hr. D. Hill ge- funden, welcher zwar nichts in die Oefnungen der Waͤrzchen eindringen ſehen, demohngeachtet aber, noch viel weiter bey der Wahrheit vorbey ſpazieret; und ſogar Zeichnungen von ſolchen Umſtaͤnden des befruchtenden Blumenſtaubes nach ſeinen bey ſich gehabten Vorſtellungen gegeben, welche ſo viel be- weiſen, daß er das, was er geſehen, gar nicht ge- kannt hat, folglich gar nicht noͤthig gehabt haͤtte, außer ſeiner falſchen Angabe, noch falſche Saͤtze zu erdichten, welche beyde ein mittelmaͤßiges refle- etirendes Vergroͤßerungsglas zu widerlegen im Stande iſt. Er

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/gleditsch_abhandlungen01_1789
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/gleditsch_abhandlungen01_1789/70
Zitationshilfe: Gleditsch, Johann Gottlieb: Vermischte botanische Abhandlungen. Bd. 1. Berlin, 1789, S. 58. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gleditsch_abhandlungen01_1789/70>, abgerufen am 12.04.2024.