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Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858.

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Erstes Hauptstück.
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Die Poesie im System der Künste.


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Erster Abschnitt.
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Das Schöne und die Kunst.

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Der Verstand, der die Welt der Erscheinung in ihrem Zusammenhang pgo_021.006
zu erkennen sucht, sieht sich alsbald in die unendliche Kette von Ursache pgo_021.007
und Wirkung verstrickt. Jede Ursache hat eine Wirkung und ist selbst die pgo_021.008
Wirkung einer vorausgehenden Ursache. Der Verstand kann seine Untersuchungen pgo_021.009
nur willkürlich abbrechen oder beschränken, wenn er, an dieser pgo_021.010
Kette fortlaufend, zur Ruhe kommen will. Ebenso unbefriedigend sind die pgo_021.011
rastlosen Strebungen des Willens, welcher die Welt sich anzueignen sucht:

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Jn der Begierde such' ich nach Genuß pgo_021.013
Und im Genuß verschmacht' ich nach Begierde.

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der erfüllte Wunsch zeigt sich oft der Erfüllung unwerth, und der erreichte pgo_021.016
Zweck weist über sich selbst nach einem andern fernern Ziele hinaus. Nur pgo_021.017
wenn wir uns von jener Erkenntnißweise, von dieser blinden Macht der pgo_021.018
Triebe losreißen, nur wenn wir die Dinge unabhängig von unserm Wollen pgo_021.019
und von ihrem Zusammenhange mit andern Dingen betrachten, öffnet pgo_021.020
sich uns die reine Welt der Jdeeen, in der wir das einzelne Object in pgo_021.021
seiner ewigen Bedeutung erfassen und ebenso selbst als einzelnes Subject pgo_021.022
mit den Augen des ewigen Geistes sehn. Diese Anschauungsweise nennt pgo_021.023
Plato Enthusiasmus, Spinoza ein Sehen sub specie aeternitatis, pgo_021.024
Schelling intellectuelle Anschauung, Schopenhauer die Betrachtungsart pgo_021.025
der Dinge unabhängig vom Satze des Grundes; es ist die pgo_021.026
Anschauung des Denkers, der das ewige Gesetz in der Erscheinung findet, pgo_021.027
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Erstes Hauptstück.
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Erster Abschnitt.
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Jn der Begierde such' ich nach Genuß pgo_021.013
Und im Genuß verschmacht' ich nach Begierde.

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der erfüllte Wunsch zeigt sich oft der Erfüllung unwerth, und der erreichte pgo_021.016
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[E21/0043] pgo_021.001 Erstes Hauptstück. pgo_021.002 Die Poesie im System der Künste. pgo_021.003 Erster Abschnitt. pgo_021.004 Das Schöne und die Kunst. pgo_021.005 Der Verstand, der die Welt der Erscheinung in ihrem Zusammenhang pgo_021.006 zu erkennen sucht, sieht sich alsbald in die unendliche Kette von Ursache pgo_021.007 und Wirkung verstrickt. Jede Ursache hat eine Wirkung und ist selbst die pgo_021.008 Wirkung einer vorausgehenden Ursache. Der Verstand kann seine Untersuchungen pgo_021.009 nur willkürlich abbrechen oder beschränken, wenn er, an dieser pgo_021.010 Kette fortlaufend, zur Ruhe kommen will. Ebenso unbefriedigend sind die pgo_021.011 rastlosen Strebungen des Willens, welcher die Welt sich anzueignen sucht: pgo_021.012 Jn der Begierde such' ich nach Genuß pgo_021.013 Und im Genuß verschmacht' ich nach Begierde. pgo_021.014 Unerfüllt bleibt die Mehrzahl der Wünsche, welche das Herz bewegen; pgo_021.015 der erfüllte Wunsch zeigt sich oft der Erfüllung unwerth, und der erreichte pgo_021.016 Zweck weist über sich selbst nach einem andern fernern Ziele hinaus. Nur pgo_021.017 wenn wir uns von jener Erkenntnißweise, von dieser blinden Macht der pgo_021.018 Triebe losreißen, nur wenn wir die Dinge unabhängig von unserm Wollen pgo_021.019 und von ihrem Zusammenhange mit andern Dingen betrachten, öffnet pgo_021.020 sich uns die reine Welt der Jdeeen, in der wir das einzelne Object in pgo_021.021 seiner ewigen Bedeutung erfassen und ebenso selbst als einzelnes Subject pgo_021.022 mit den Augen des ewigen Geistes sehn. Diese Anschauungsweise nennt pgo_021.023 Plato Enthusiasmus, Spinoza ein Sehen sub specie aeternitatis, pgo_021.024 Schelling intellectuelle Anschauung, Schopenhauer die Betrachtungsart pgo_021.025 der Dinge unabhängig vom Satze des Grundes; es ist die pgo_021.026 Anschauung des Denkers, der das ewige Gesetz in der Erscheinung findet, pgo_021.027 die Anschauung des Künstlers, der in der Sinnenwelt die göttliche Jdee

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Zitationshilfe: Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858, S. E21. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottschall_poetik_1858/43>, abgerufen am 20.05.2022.