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Die Grenzboten. Jg. 9, 1850, II. Semester. I. Band.

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Berlin'S, der es liebt, auch diejenigen, die es selbst genährt, erzogen und in den
Tempel des Ruhms geführt hat, zu stürzen, sobald der herangewachsene Günstling
selbstständig geworden und zu einem europäischen Ruhme gelangt ist. Berlin pflegt
nicht gern anzuerkennen; auf seinem kritischen Throne fühlt es sich behaglicher,
wenn es rechts und links vernichten kann. Höchstens ermuntert es einen ersten,
Hoffnungen erweckenden Anfang, oder es schenkt einem Künstler schneller und
bereitwilliger Beifall, den es an seinen Kuustiustituten brauchen zu können glaubt;
aber der Künstler lasse sich nicht täusche"; gehört er erst Berlin an, so ist er bald
verbraucht und bald alt geworden. -- An Mendelssohn stellt sich das Ueberge-
wicht Berlins über Wien in intellectueller Auffassung der Musik deutlicher heraus.
Mendelssohn ist neben Beethoven der Mittelpunkt unsers musikalischen Treibens;
seine Sopran-Duette, seine gemischten Quartette, seine Lieder, seine Jnstrumental-
compositionen, in welchem musikalischen Zirkel werden sie uicht gehört? Seine
Kirchencvmpositiouen werden in der Singakademie durchaus nicht zurückgesetzt, für
den Stern'sehen Gesangverein sind sie die Basis. Das Dnftige, Leichte, Aethe-
rische, das für bloße Klangerzengnng nicht sonderlich günstig, oft hinderlich ist, ist
es, was dem Berliner diesen Componisten so lieb macht; dein Wiener ist es zu
abstract. -- Bon Schubert weiß ich uicht zu sage", ob er in Wien oder Leipzig
populärer ist, als in Berlin; hier ist er es noch nicht, wird es aber werden.
Die Mehrzahl kennt höchstens einige seiner klarsten und zugänglichsten Lieder.
Daß die Winterreise, Schubert's eigentümlichstes Werk, ein zusammenhängender
Cyklus ist, wissen selbst Viele von denen nicht, die einzelne Stücke aus ihr ge-
sungen haben. Aber die Achtung, die man vor dem Namen Schubert's trägt,
erweckt die Hoffnung, daß man ihn mit der Zeit auch wirklich keimen und ver¬
stehen werde. Daß es bald dahin komme, muß um so mehr gewünscht werden,
da Berlin sehr geneigt ist, sich in einem eigenen, specifisch Berlinischen Styl
weiter zu entwickeln. Das fremde, nicht Berlinische Element, das bereits in
Beethoven durchgedrungen ist, muß vermehrt werden. Daß Berlin Jenny Lind in
ihrer Größe sogleich erkannte, ist uicht zufällig. Eine Sängerin, die eine ange¬
nehme, aber uicht im Mindesten glänzende Stimme hatte, sich aber dnrch eine
seltene Vereinigung von Energie der Empfindung und weiblicher Milde auszeich¬
nete, hätte an andern Orten wahrscheinlich Anfangs eine unsichere Aufnahme ge¬
funden, während hier mit wunderbarem Takte gleich dnrch ihr erstes Auftreten das
Urtheil festgestellt wurde, das nachher Europa bestätigt hat. Noch die jüngste
Zeit hat einen Beweis dafür geliefert. Das Berliner Publicum sah darüber
hinweg, daß Johanna Wagner vollständig ausreichende Stimmmittel für die Partie
der Donna Anna uicht mitbrachte; die feurige Leidenschaft, der Adel ihres Spiels
und Gesangs riß Alles mit sich fort. Die Behrend-Brandt ans Frankfurt dage¬
gen, die eine frische, jugendliche (???) und für die Partie ganz ausreichende
Stimme, aber wenig Bildung hatte, mißfiel. Umgekehrt hat das Wiener Publicum


Berlin'S, der es liebt, auch diejenigen, die es selbst genährt, erzogen und in den
Tempel des Ruhms geführt hat, zu stürzen, sobald der herangewachsene Günstling
selbstständig geworden und zu einem europäischen Ruhme gelangt ist. Berlin pflegt
nicht gern anzuerkennen; auf seinem kritischen Throne fühlt es sich behaglicher,
wenn es rechts und links vernichten kann. Höchstens ermuntert es einen ersten,
Hoffnungen erweckenden Anfang, oder es schenkt einem Künstler schneller und
bereitwilliger Beifall, den es an seinen Kuustiustituten brauchen zu können glaubt;
aber der Künstler lasse sich nicht täusche»; gehört er erst Berlin an, so ist er bald
verbraucht und bald alt geworden. — An Mendelssohn stellt sich das Ueberge-
wicht Berlins über Wien in intellectueller Auffassung der Musik deutlicher heraus.
Mendelssohn ist neben Beethoven der Mittelpunkt unsers musikalischen Treibens;
seine Sopran-Duette, seine gemischten Quartette, seine Lieder, seine Jnstrumental-
compositionen, in welchem musikalischen Zirkel werden sie uicht gehört? Seine
Kirchencvmpositiouen werden in der Singakademie durchaus nicht zurückgesetzt, für
den Stern'sehen Gesangverein sind sie die Basis. Das Dnftige, Leichte, Aethe-
rische, das für bloße Klangerzengnng nicht sonderlich günstig, oft hinderlich ist, ist
es, was dem Berliner diesen Componisten so lieb macht; dein Wiener ist es zu
abstract. — Bon Schubert weiß ich uicht zu sage», ob er in Wien oder Leipzig
populärer ist, als in Berlin; hier ist er es noch nicht, wird es aber werden.
Die Mehrzahl kennt höchstens einige seiner klarsten und zugänglichsten Lieder.
Daß die Winterreise, Schubert's eigentümlichstes Werk, ein zusammenhängender
Cyklus ist, wissen selbst Viele von denen nicht, die einzelne Stücke aus ihr ge-
sungen haben. Aber die Achtung, die man vor dem Namen Schubert's trägt,
erweckt die Hoffnung, daß man ihn mit der Zeit auch wirklich keimen und ver¬
stehen werde. Daß es bald dahin komme, muß um so mehr gewünscht werden,
da Berlin sehr geneigt ist, sich in einem eigenen, specifisch Berlinischen Styl
weiter zu entwickeln. Das fremde, nicht Berlinische Element, das bereits in
Beethoven durchgedrungen ist, muß vermehrt werden. Daß Berlin Jenny Lind in
ihrer Größe sogleich erkannte, ist uicht zufällig. Eine Sängerin, die eine ange¬
nehme, aber uicht im Mindesten glänzende Stimme hatte, sich aber dnrch eine
seltene Vereinigung von Energie der Empfindung und weiblicher Milde auszeich¬
nete, hätte an andern Orten wahrscheinlich Anfangs eine unsichere Aufnahme ge¬
funden, während hier mit wunderbarem Takte gleich dnrch ihr erstes Auftreten das
Urtheil festgestellt wurde, das nachher Europa bestätigt hat. Noch die jüngste
Zeit hat einen Beweis dafür geliefert. Das Berliner Publicum sah darüber
hinweg, daß Johanna Wagner vollständig ausreichende Stimmmittel für die Partie
der Donna Anna uicht mitbrachte; die feurige Leidenschaft, der Adel ihres Spiels
und Gesangs riß Alles mit sich fort. Die Behrend-Brandt ans Frankfurt dage¬
gen, die eine frische, jugendliche (???) und für die Partie ganz ausreichende
Stimme, aber wenig Bildung hatte, mißfiel. Umgekehrt hat das Wiener Publicum


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[0306] Berlin'S, der es liebt, auch diejenigen, die es selbst genährt, erzogen und in den Tempel des Ruhms geführt hat, zu stürzen, sobald der herangewachsene Günstling selbstständig geworden und zu einem europäischen Ruhme gelangt ist. Berlin pflegt nicht gern anzuerkennen; auf seinem kritischen Throne fühlt es sich behaglicher, wenn es rechts und links vernichten kann. Höchstens ermuntert es einen ersten, Hoffnungen erweckenden Anfang, oder es schenkt einem Künstler schneller und bereitwilliger Beifall, den es an seinen Kuustiustituten brauchen zu können glaubt; aber der Künstler lasse sich nicht täusche»; gehört er erst Berlin an, so ist er bald verbraucht und bald alt geworden. — An Mendelssohn stellt sich das Ueberge- wicht Berlins über Wien in intellectueller Auffassung der Musik deutlicher heraus. Mendelssohn ist neben Beethoven der Mittelpunkt unsers musikalischen Treibens; seine Sopran-Duette, seine gemischten Quartette, seine Lieder, seine Jnstrumental- compositionen, in welchem musikalischen Zirkel werden sie uicht gehört? Seine Kirchencvmpositiouen werden in der Singakademie durchaus nicht zurückgesetzt, für den Stern'sehen Gesangverein sind sie die Basis. Das Dnftige, Leichte, Aethe- rische, das für bloße Klangerzengnng nicht sonderlich günstig, oft hinderlich ist, ist es, was dem Berliner diesen Componisten so lieb macht; dein Wiener ist es zu abstract. — Bon Schubert weiß ich uicht zu sage», ob er in Wien oder Leipzig populärer ist, als in Berlin; hier ist er es noch nicht, wird es aber werden. Die Mehrzahl kennt höchstens einige seiner klarsten und zugänglichsten Lieder. Daß die Winterreise, Schubert's eigentümlichstes Werk, ein zusammenhängender Cyklus ist, wissen selbst Viele von denen nicht, die einzelne Stücke aus ihr ge- sungen haben. Aber die Achtung, die man vor dem Namen Schubert's trägt, erweckt die Hoffnung, daß man ihn mit der Zeit auch wirklich keimen und ver¬ stehen werde. Daß es bald dahin komme, muß um so mehr gewünscht werden, da Berlin sehr geneigt ist, sich in einem eigenen, specifisch Berlinischen Styl weiter zu entwickeln. Das fremde, nicht Berlinische Element, das bereits in Beethoven durchgedrungen ist, muß vermehrt werden. Daß Berlin Jenny Lind in ihrer Größe sogleich erkannte, ist uicht zufällig. Eine Sängerin, die eine ange¬ nehme, aber uicht im Mindesten glänzende Stimme hatte, sich aber dnrch eine seltene Vereinigung von Energie der Empfindung und weiblicher Milde auszeich¬ nete, hätte an andern Orten wahrscheinlich Anfangs eine unsichere Aufnahme ge¬ funden, während hier mit wunderbarem Takte gleich dnrch ihr erstes Auftreten das Urtheil festgestellt wurde, das nachher Europa bestätigt hat. Noch die jüngste Zeit hat einen Beweis dafür geliefert. Das Berliner Publicum sah darüber hinweg, daß Johanna Wagner vollständig ausreichende Stimmmittel für die Partie der Donna Anna uicht mitbrachte; die feurige Leidenschaft, der Adel ihres Spiels und Gesangs riß Alles mit sich fort. Die Behrend-Brandt ans Frankfurt dage¬ gen, die eine frische, jugendliche (???) und für die Partie ganz ausreichende Stimme, aber wenig Bildung hatte, mißfiel. Umgekehrt hat das Wiener Publicum

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 9, 1850, II. Semester. I. Band, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341568_85583/306>, abgerufen am 26.02.2024.