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Die Grenzboten. Jg. 29, 1870, I. Semester. II. Band.

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Bildes kurz zur Spracht kamen. Zuvörderst kann es schon im Allgemeinen
verdächtig erscheinen, daß das nach Borigem als ächt anzusehende Darmstädter
Exemplar früherhin in Amsterdam war, ebendaher aber auch das Dresdener
Exemplar gekommen ist. da es ja, wie bemerkt, aus Amsterdam nach seinem
Ankaufsorte für Dresden, d. i. Venedig, überging. Denn wenn es schon
möglich wäre, daß einmal zwei ächte Exemplare durch Zufall in Amsterdam
zusammengetroffen, liegt es doch näher zu denken, daß von dem ächten Darm-
städter Exemplare eine Copie in Amsterdam gemacht worden und mit dem
Ruf eines ächten Bildes nach Venedig gelangt sei. Und dieser Verdacht ge¬
winnt zugleich eine Verstärkung und bestimmtere Gestaltung dadurch, daß,
während nach Sandrart Leblon das Darmstädter Bild an den Buchhalter
Lössert verkaufte, wie oben angegeben, nach Fesch's Angabe derselbe Leblon
ein Exemplar unseres Bildes, was dann nur das Dresdener sein kann, an
die französische Königin Wittwe Marie von Medicis, während sie in den
Niederlanden war. verkaufte. Dahin nämlich war die Königin aus Frankreich,
wo sie wegen Zerwürfnissen mit ihrem Sohne Ludwig XIII. und dessen Minister
Cardinal Richelieu gefangen gehalten wurde, im Jahre 1631 geflohen und hielt
sich bis 1638 in Brüssel auf. Umstände, die sich für das Folgende von Einfluß
zeigen werden. Offenbar also, sagt man, hat sich das ächte Bild, was Leblon
aus Basel erhalten, das Darmstädter, unter seinen Händen verdoppelt. Er hat
davon eine Copie machen lassen, und während er das ächte Bild an Lössert ver>
kaufte, die Copie (das Dresdener Bild) der Königin Marie verkauft. Und
als fernere Verstärkung des Verdachtes tritt noch hinzu, dqß nach einer
anderweiten Notiz der Charakter Leblon's als Kunstmäkler keinesweges un¬
verdächtig war, denn er wird an einer gewissen Stelle*) geradezu als ein
gewinnsüchtiger Schwindler bezeichnet.

Man kann nicht leugnen, daß alles dies zusammengenommen wirklich
einen ernsthaften, nicht zu leicht zu nehmenden Verdacht begründet. Aber es
ist eben auch Alles dabei zusammengenommen, was ihn begründen und ver¬
stärken kann, und, wie seither allgemein von den Gegnern des Dresdener
Bildes geschehen. Alles bet Seite gelassen, was ihn abschwächen und heben
kann. Rechnet man aber dies ebenfalls zusammen, so erleichtert sich der
anfangs so schwer scheinende Verdacht fast bis zur Gewichtslosigkeit. um
nicht zu sagen, er überträgt sich auf die andere Seite der Waage. Der
Hauptverbande gegen unser Bild knüpft sich daran, daß derselbe Leblon beide
Bilder verkauft haben soll, das eine ächte an Lössert, das andere an die
Königin Marie, während es doch ganz unwahrscheinlich wäre, daß er in
den Besitz zweier ächter Exemplare gelangt sei; also müsse das Dresdener



') Vgl. den oben angeführten Aufsatz von v. in den Grenzboten.

Bildes kurz zur Spracht kamen. Zuvörderst kann es schon im Allgemeinen
verdächtig erscheinen, daß das nach Borigem als ächt anzusehende Darmstädter
Exemplar früherhin in Amsterdam war, ebendaher aber auch das Dresdener
Exemplar gekommen ist. da es ja, wie bemerkt, aus Amsterdam nach seinem
Ankaufsorte für Dresden, d. i. Venedig, überging. Denn wenn es schon
möglich wäre, daß einmal zwei ächte Exemplare durch Zufall in Amsterdam
zusammengetroffen, liegt es doch näher zu denken, daß von dem ächten Darm-
städter Exemplare eine Copie in Amsterdam gemacht worden und mit dem
Ruf eines ächten Bildes nach Venedig gelangt sei. Und dieser Verdacht ge¬
winnt zugleich eine Verstärkung und bestimmtere Gestaltung dadurch, daß,
während nach Sandrart Leblon das Darmstädter Bild an den Buchhalter
Lössert verkaufte, wie oben angegeben, nach Fesch's Angabe derselbe Leblon
ein Exemplar unseres Bildes, was dann nur das Dresdener sein kann, an
die französische Königin Wittwe Marie von Medicis, während sie in den
Niederlanden war. verkaufte. Dahin nämlich war die Königin aus Frankreich,
wo sie wegen Zerwürfnissen mit ihrem Sohne Ludwig XIII. und dessen Minister
Cardinal Richelieu gefangen gehalten wurde, im Jahre 1631 geflohen und hielt
sich bis 1638 in Brüssel auf. Umstände, die sich für das Folgende von Einfluß
zeigen werden. Offenbar also, sagt man, hat sich das ächte Bild, was Leblon
aus Basel erhalten, das Darmstädter, unter seinen Händen verdoppelt. Er hat
davon eine Copie machen lassen, und während er das ächte Bild an Lössert ver>
kaufte, die Copie (das Dresdener Bild) der Königin Marie verkauft. Und
als fernere Verstärkung des Verdachtes tritt noch hinzu, dqß nach einer
anderweiten Notiz der Charakter Leblon's als Kunstmäkler keinesweges un¬
verdächtig war, denn er wird an einer gewissen Stelle*) geradezu als ein
gewinnsüchtiger Schwindler bezeichnet.

Man kann nicht leugnen, daß alles dies zusammengenommen wirklich
einen ernsthaften, nicht zu leicht zu nehmenden Verdacht begründet. Aber es
ist eben auch Alles dabei zusammengenommen, was ihn begründen und ver¬
stärken kann, und, wie seither allgemein von den Gegnern des Dresdener
Bildes geschehen. Alles bet Seite gelassen, was ihn abschwächen und heben
kann. Rechnet man aber dies ebenfalls zusammen, so erleichtert sich der
anfangs so schwer scheinende Verdacht fast bis zur Gewichtslosigkeit. um
nicht zu sagen, er überträgt sich auf die andere Seite der Waage. Der
Hauptverbande gegen unser Bild knüpft sich daran, daß derselbe Leblon beide
Bilder verkauft haben soll, das eine ächte an Lössert, das andere an die
Königin Marie, während es doch ganz unwahrscheinlich wäre, daß er in
den Besitz zweier ächter Exemplare gelangt sei; also müsse das Dresdener



') Vgl. den oben angeführten Aufsatz von v. in den Grenzboten.
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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 29, 1870, I. Semester. II. Band, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341811_123619/57>, abgerufen am 26.02.2024.