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Die Grenzboten. Jg. 46, 1887, Erstes Vierteljahr.

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Jugenderinnerungen.

Von der Galerie dieses Observatoriums genießt man in der That eine ent¬
zückende Aussicht, denn man überblickt ein Landschaftspanorama, an dessen Ost¬
ende die Kuppen des Riesengebirges in violettem Dufte schwimmen und das
viele Meilen weit ein schimmerndes Mosaik großer, blühender Dörfer, rauschender
Wälder, fruchtbarer Saaten mit dazwischen gestreuten Kirchen, Schlössern und
Edelhöfen und malerischer Bergspitzen in bunter Abwechslung bildet. Freunde
und Anhänger der Brüdergemeinden finden auf diesem Gottesacker manchen
interessanten Grabstein, denn es wurden die sterblichen Überreste der verstorbenen
Bischöfe und Ältesten sowie auch hervorragender Missionäre, welche, nachdem
sie der Gemeinde ihre Kräfte gewidmet hatten, lebensmüde heimkehrten, hier
beigesetzt.




7.

Die amtliche Stellung meines Vaters war, wie die aller Lcmdprcdiger,
sehr gebunden. Zwar fehlte es nicht an arbeitsfreien Tagen, uur ließen sich
diese niemals mit Bestimmtheit voraus berechnen, und so kam es, daß der Vater
nur äußerst selten über seine Zeit verfüge" konnte. Ich kenne die in meinem
Geburtslande gegenwärtig den Landpastoren obliegenden Geschäfte zu wenig,
um "mir ein Urteil über die Arbeiten anmaßen, die sie allein zu besorgen haben.
Es will mir aber nach den mancherlei Umgestaltungen in Kirche und Schule
doch scheinen, als hätten sie lange nicht mehr so viel zu predigen wie vor vier,
fünf und sechs Jahrzehnten. In den ersten zwanzig Jahren meines Lebens
war der Pastor auf dem Lande wesentlich Prediger. Von ihm verlangte die
seinem Hirteuamte unterstellte Gemeinde vor allem, daß er redegewandt sei,
daß ihm bei jeder vorkommenden Gelegenheit stets das passende Wort zu Ge¬
bote stehe, und daß er die nicht allen verliehene Gabe besitze, immer und unter
allen Umständen, bei freudigen wie bei traurigen Ereignissen, den rechten Ton
zu treffen. Allen diesen Anforderungen zu genügen, war nicht leicht. Natürliche
Begabung allein reichte nicht aus; es gehörten dazu noch gründliche Kenntnis
des Volkes, seiner geistigen Bedürfnisse und seines tiefern Gefühlslebens, und
endlich bedürfte es großer Pastoralklugheit, die in weiterem Umfange nur durch
längere Amtsführung wie durch vertraulichen Umgang mit allen Schichten des
Volkes gewonnen werden konnte.

Es ist ein großer Irrtum, zu glauben, das Volk, der Bauer, wie man
sich gewöhnlich auszudrücken beliebt, sei leicht zu befriedigen; verstehe es nur
der Prediger, ihm mit kräftiger Stimme ab und zu die Hölle heiß zu macheu
und bei schicklichen Anlässen ihn wieder durch Benutzung des Thrcineu-
registers zu berühren, so habe er gewonnenes Spiel. Dieser falschen Ansicht
muß, wem das Wohl der ländlichen Bevölkerung und ihrer Seelsorger wahr¬
haft am Herzen liegt, entschieden widersprechen. Niemand ist heikler als der
Bauer in weltlichen wie in geistlichen Dingen, und ums er sich einmal in den-


Jugenderinnerungen.

Von der Galerie dieses Observatoriums genießt man in der That eine ent¬
zückende Aussicht, denn man überblickt ein Landschaftspanorama, an dessen Ost¬
ende die Kuppen des Riesengebirges in violettem Dufte schwimmen und das
viele Meilen weit ein schimmerndes Mosaik großer, blühender Dörfer, rauschender
Wälder, fruchtbarer Saaten mit dazwischen gestreuten Kirchen, Schlössern und
Edelhöfen und malerischer Bergspitzen in bunter Abwechslung bildet. Freunde
und Anhänger der Brüdergemeinden finden auf diesem Gottesacker manchen
interessanten Grabstein, denn es wurden die sterblichen Überreste der verstorbenen
Bischöfe und Ältesten sowie auch hervorragender Missionäre, welche, nachdem
sie der Gemeinde ihre Kräfte gewidmet hatten, lebensmüde heimkehrten, hier
beigesetzt.




7.

Die amtliche Stellung meines Vaters war, wie die aller Lcmdprcdiger,
sehr gebunden. Zwar fehlte es nicht an arbeitsfreien Tagen, uur ließen sich
diese niemals mit Bestimmtheit voraus berechnen, und so kam es, daß der Vater
nur äußerst selten über seine Zeit verfüge» konnte. Ich kenne die in meinem
Geburtslande gegenwärtig den Landpastoren obliegenden Geschäfte zu wenig,
um »mir ein Urteil über die Arbeiten anmaßen, die sie allein zu besorgen haben.
Es will mir aber nach den mancherlei Umgestaltungen in Kirche und Schule
doch scheinen, als hätten sie lange nicht mehr so viel zu predigen wie vor vier,
fünf und sechs Jahrzehnten. In den ersten zwanzig Jahren meines Lebens
war der Pastor auf dem Lande wesentlich Prediger. Von ihm verlangte die
seinem Hirteuamte unterstellte Gemeinde vor allem, daß er redegewandt sei,
daß ihm bei jeder vorkommenden Gelegenheit stets das passende Wort zu Ge¬
bote stehe, und daß er die nicht allen verliehene Gabe besitze, immer und unter
allen Umständen, bei freudigen wie bei traurigen Ereignissen, den rechten Ton
zu treffen. Allen diesen Anforderungen zu genügen, war nicht leicht. Natürliche
Begabung allein reichte nicht aus; es gehörten dazu noch gründliche Kenntnis
des Volkes, seiner geistigen Bedürfnisse und seines tiefern Gefühlslebens, und
endlich bedürfte es großer Pastoralklugheit, die in weiterem Umfange nur durch
längere Amtsführung wie durch vertraulichen Umgang mit allen Schichten des
Volkes gewonnen werden konnte.

Es ist ein großer Irrtum, zu glauben, das Volk, der Bauer, wie man
sich gewöhnlich auszudrücken beliebt, sei leicht zu befriedigen; verstehe es nur
der Prediger, ihm mit kräftiger Stimme ab und zu die Hölle heiß zu macheu
und bei schicklichen Anlässen ihn wieder durch Benutzung des Thrcineu-
registers zu berühren, so habe er gewonnenes Spiel. Dieser falschen Ansicht
muß, wem das Wohl der ländlichen Bevölkerung und ihrer Seelsorger wahr¬
haft am Herzen liegt, entschieden widersprechen. Niemand ist heikler als der
Bauer in weltlichen wie in geistlichen Dingen, und ums er sich einmal in den-


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[0620] Jugenderinnerungen. Von der Galerie dieses Observatoriums genießt man in der That eine ent¬ zückende Aussicht, denn man überblickt ein Landschaftspanorama, an dessen Ost¬ ende die Kuppen des Riesengebirges in violettem Dufte schwimmen und das viele Meilen weit ein schimmerndes Mosaik großer, blühender Dörfer, rauschender Wälder, fruchtbarer Saaten mit dazwischen gestreuten Kirchen, Schlössern und Edelhöfen und malerischer Bergspitzen in bunter Abwechslung bildet. Freunde und Anhänger der Brüdergemeinden finden auf diesem Gottesacker manchen interessanten Grabstein, denn es wurden die sterblichen Überreste der verstorbenen Bischöfe und Ältesten sowie auch hervorragender Missionäre, welche, nachdem sie der Gemeinde ihre Kräfte gewidmet hatten, lebensmüde heimkehrten, hier beigesetzt. 7. Die amtliche Stellung meines Vaters war, wie die aller Lcmdprcdiger, sehr gebunden. Zwar fehlte es nicht an arbeitsfreien Tagen, uur ließen sich diese niemals mit Bestimmtheit voraus berechnen, und so kam es, daß der Vater nur äußerst selten über seine Zeit verfüge» konnte. Ich kenne die in meinem Geburtslande gegenwärtig den Landpastoren obliegenden Geschäfte zu wenig, um »mir ein Urteil über die Arbeiten anmaßen, die sie allein zu besorgen haben. Es will mir aber nach den mancherlei Umgestaltungen in Kirche und Schule doch scheinen, als hätten sie lange nicht mehr so viel zu predigen wie vor vier, fünf und sechs Jahrzehnten. In den ersten zwanzig Jahren meines Lebens war der Pastor auf dem Lande wesentlich Prediger. Von ihm verlangte die seinem Hirteuamte unterstellte Gemeinde vor allem, daß er redegewandt sei, daß ihm bei jeder vorkommenden Gelegenheit stets das passende Wort zu Ge¬ bote stehe, und daß er die nicht allen verliehene Gabe besitze, immer und unter allen Umständen, bei freudigen wie bei traurigen Ereignissen, den rechten Ton zu treffen. Allen diesen Anforderungen zu genügen, war nicht leicht. Natürliche Begabung allein reichte nicht aus; es gehörten dazu noch gründliche Kenntnis des Volkes, seiner geistigen Bedürfnisse und seines tiefern Gefühlslebens, und endlich bedürfte es großer Pastoralklugheit, die in weiterem Umfange nur durch längere Amtsführung wie durch vertraulichen Umgang mit allen Schichten des Volkes gewonnen werden konnte. Es ist ein großer Irrtum, zu glauben, das Volk, der Bauer, wie man sich gewöhnlich auszudrücken beliebt, sei leicht zu befriedigen; verstehe es nur der Prediger, ihm mit kräftiger Stimme ab und zu die Hölle heiß zu macheu und bei schicklichen Anlässen ihn wieder durch Benutzung des Thrcineu- registers zu berühren, so habe er gewonnenes Spiel. Dieser falschen Ansicht muß, wem das Wohl der ländlichen Bevölkerung und ihrer Seelsorger wahr¬ haft am Herzen liegt, entschieden widersprechen. Niemand ist heikler als der Bauer in weltlichen wie in geistlichen Dingen, und ums er sich einmal in den-

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 46, 1887, Erstes Vierteljahr, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341845_200104/620>, abgerufen am 26.02.2024.