Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Günther, Karl Gottlob: Europäisches Völkerrecht in Friedenszeiten nach Vernunft, Verträgen und Herkommen, mit Anwendung auf die teutschen Reichsstände. Bd. 1. Altenburg, 1787.

Bild:
<< vorherige Seite
Drittes Kapitel.
Von der ursprünglichen Gleichheit und dem nach-
her eingeführten Range der Nazionen.
§. 1.
Natürliche Gleichheit der Rechte.

Freie Völker sind, als moralische Personen, so wie
einzelne Menschen, im natürlichen Zustande einan-
der volkommen gleich. Die Unabhängigkeit, ihr wesent-
liches Erfordernis, schließt die Gleichheit nothwendig
in sich und giebt allen gleiche Rechte und Verbindlichkei-
ten gegen einander. Keines kan dem andern befehlen,
Rechenschaft von seinen Handlungen fodern, oder irgend
einen Vorzug vor ihm verlangen. Sie müssen alle glei-
che Rechte der Unabhängigkeit geniessen. Diese Gleich-
heit geht keinesweges verlohren, wenn auch mehrere Völ-
ker in eine Geselschaft zusammentreten; es müste denn
durch eine ungleiche Verbindung das Gegentheil ausdrück-
lich bedungen seyn. Unter den europäischen Nazionen
ist dergleichen Bündnis wenigstens nicht vorhanden.
San-Marino, der kleinste Staat in Europa, ist in
Ansehung der Unabhängigkeitsgerechtsame dem grösten
souverainen Staate gleich. Kein Souverain, er sey
Kayser oder König, mächtig oder nicht, darf dem an-
dern von Natur nachgeben, da der eine in seiner Art
eben so unabhängig ist, als der andere.

*] Puffendorf J. N. L. VIII. c. 4. §. 15. u. f. Wolf J. G.
c. II.
§. 237. u. f. Vattel L. II. c. 3. Schrodt P. I.
c. II.
§. 3. u. f.
§. 2.
Drittes Kapitel.
Von der urſpruͤnglichen Gleichheit und dem nach-
her eingefuͤhrten Range der Nazionen.
§. 1.
Natuͤrliche Gleichheit der Rechte.

Freie Voͤlker ſind, als moraliſche Perſonen, ſo wie
einzelne Menſchen, im natuͤrlichen Zuſtande einan-
der volkommen gleich. Die Unabhaͤngigkeit, ihr weſent-
liches Erfordernis, ſchließt die Gleichheit nothwendig
in ſich und giebt allen gleiche Rechte und Verbindlichkei-
ten gegen einander. Keines kan dem andern befehlen,
Rechenſchaft von ſeinen Handlungen fodern, oder irgend
einen Vorzug vor ihm verlangen. Sie muͤſſen alle glei-
che Rechte der Unabhaͤngigkeit genieſſen. Dieſe Gleich-
heit geht keinesweges verlohren, wenn auch mehrere Voͤl-
ker in eine Geſelſchaft zuſammentreten; es muͤſte denn
durch eine ungleiche Verbindung das Gegentheil ausdruͤck-
lich bedungen ſeyn. Unter den europaͤiſchen Nazionen
iſt dergleichen Buͤndnis wenigſtens nicht vorhanden.
San-Marino, der kleinſte Staat in Europa, iſt in
Anſehung der Unabhaͤngigkeitsgerechtſame dem groͤſten
ſouverainen Staate gleich. Kein Souverain, er ſey
Kayſer oder Koͤnig, maͤchtig oder nicht, darf dem an-
dern von Natur nachgeben, da der eine in ſeiner Art
eben ſo unabhaͤngig iſt, als der andere.

*] Puffendorf J. N. L. VIII. c. 4. §. 15. u. f. Wolf J. G.
c. II.
§. 237. u. f. Vattel L. II. c. 3. Schrodt P. I.
c. II.
§. 3. u. f.
§. 2.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0224" n="198"/>
        <div n="2">
          <head><hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Drittes Kapitel</hi>.</hi><lb/>
Von der ur&#x017F;pru&#x0364;nglichen Gleichheit und dem nach-<lb/>
her eingefu&#x0364;hrten Range der Nazionen.</head><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 1.<lb/><hi rendition="#g">Natu&#x0364;rliche Gleichheit der Rechte</hi>.</head><lb/>
            <p><hi rendition="#in">F</hi>reie Vo&#x0364;lker &#x017F;ind, als morali&#x017F;che Per&#x017F;onen, &#x017F;o wie<lb/>
einzelne Men&#x017F;chen, im natu&#x0364;rlichen Zu&#x017F;tande einan-<lb/>
der volkommen gleich. Die Unabha&#x0364;ngigkeit, ihr we&#x017F;ent-<lb/>
liches Erfordernis, &#x017F;chließt die Gleichheit nothwendig<lb/>
in &#x017F;ich und giebt allen gleiche Rechte und Verbindlichkei-<lb/>
ten gegen einander. Keines kan dem andern befehlen,<lb/>
Rechen&#x017F;chaft von &#x017F;einen Handlungen fodern, oder irgend<lb/>
einen Vorzug vor ihm verlangen. Sie mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en alle glei-<lb/>
che Rechte der Unabha&#x0364;ngigkeit genie&#x017F;&#x017F;en. Die&#x017F;e Gleich-<lb/>
heit geht keinesweges verlohren, wenn auch mehrere Vo&#x0364;l-<lb/>
ker in eine Ge&#x017F;el&#x017F;chaft zu&#x017F;ammentreten; es mu&#x0364;&#x017F;te denn<lb/>
durch eine ungleiche Verbindung das Gegentheil ausdru&#x0364;ck-<lb/>
lich bedungen &#x017F;eyn. Unter den europa&#x0364;i&#x017F;chen Nazionen<lb/>
i&#x017F;t dergleichen Bu&#x0364;ndnis wenig&#x017F;tens nicht vorhanden.<lb/>
San-Marino, der klein&#x017F;te Staat in Europa, i&#x017F;t in<lb/>
An&#x017F;ehung der Unabha&#x0364;ngigkeitsgerecht&#x017F;ame dem gro&#x0364;&#x017F;ten<lb/>
&#x017F;ouverainen Staate gleich. Kein Souverain, er &#x017F;ey<lb/>
Kay&#x017F;er oder Ko&#x0364;nig, ma&#x0364;chtig oder nicht, darf dem an-<lb/>
dern von Natur nachgeben, da der eine in &#x017F;einer Art<lb/>
eben &#x017F;o unabha&#x0364;ngig i&#x017F;t, als der andere.</p><lb/>
            <note place="end" n="*]"><hi rendition="#aq"><hi rendition="#i">Puffendorf</hi> J. N. L. VIII. c.</hi> 4. §. 15. u. f. <hi rendition="#aq"><hi rendition="#i">Wolf</hi> J. G.<lb/>
c. II.</hi> §. 237. u. f. <hi rendition="#aq"><hi rendition="#i">Vattel</hi> L. II. c. 3. <hi rendition="#i">Schrodt</hi> P. I.<lb/>
c. II.</hi> §. 3. u. f.</note>
          </div><lb/>
          <fw place="bottom" type="catch">§. 2.</fw><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[198/0224] Drittes Kapitel. Von der urſpruͤnglichen Gleichheit und dem nach- her eingefuͤhrten Range der Nazionen. §. 1. Natuͤrliche Gleichheit der Rechte. Freie Voͤlker ſind, als moraliſche Perſonen, ſo wie einzelne Menſchen, im natuͤrlichen Zuſtande einan- der volkommen gleich. Die Unabhaͤngigkeit, ihr weſent- liches Erfordernis, ſchließt die Gleichheit nothwendig in ſich und giebt allen gleiche Rechte und Verbindlichkei- ten gegen einander. Keines kan dem andern befehlen, Rechenſchaft von ſeinen Handlungen fodern, oder irgend einen Vorzug vor ihm verlangen. Sie muͤſſen alle glei- che Rechte der Unabhaͤngigkeit genieſſen. Dieſe Gleich- heit geht keinesweges verlohren, wenn auch mehrere Voͤl- ker in eine Geſelſchaft zuſammentreten; es muͤſte denn durch eine ungleiche Verbindung das Gegentheil ausdruͤck- lich bedungen ſeyn. Unter den europaͤiſchen Nazionen iſt dergleichen Buͤndnis wenigſtens nicht vorhanden. San-Marino, der kleinſte Staat in Europa, iſt in Anſehung der Unabhaͤngigkeitsgerechtſame dem groͤſten ſouverainen Staate gleich. Kein Souverain, er ſey Kayſer oder Koͤnig, maͤchtig oder nicht, darf dem an- dern von Natur nachgeben, da der eine in ſeiner Art eben ſo unabhaͤngig iſt, als der andere. *] Puffendorf J. N. L. VIII. c. 4. §. 15. u. f. Wolf J. G. c. II. §. 237. u. f. Vattel L. II. c. 3. Schrodt P. I. c. II. §. 3. u. f. §. 2.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/guenther_voelkerrecht01_1787
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/guenther_voelkerrecht01_1787/224
Zitationshilfe: Günther, Karl Gottlob: Europäisches Völkerrecht in Friedenszeiten nach Vernunft, Verträgen und Herkommen, mit Anwendung auf die teutschen Reichsstände. Bd. 1. Altenburg, 1787, S. 198. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/guenther_voelkerrecht01_1787/224>, abgerufen am 18.07.2024.