Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Günther, Karl Gottlob: Europäisches Völkerrecht in Friedenszeiten nach Vernunft, Verträgen und Herkommen, mit Anwendung auf die teutschen Reichsstände. Bd. 1. Altenburg, 1787.

Bild:
<< vorherige Seite
Fünftes Kapitel.
Von der Macht der Nazionen und deren
Gleichgewicht
.
§. 1.
Recht der Nazionen sich zu vergrößern.

Das Verlangen nach Glückseligkeit ist, wie schon
oben [2. Kap. §. 8.] gedacht worden, die Haupt-
triebfeder menschlicher Handlungen, der Grund der
Staatsvereine sowohl, als der geselschaftlichen Verbin-
dung der Völker. Dieser Trieb ist von der Natur selbst
eingepflanzt. Ihm zu Folge sind einzelne Menschen und
ganze Nazionen verbunden, für ihre Erhaltung und
Vervollkomnung möglichst zu sorgen, und berechtigt
aller erlaubten Mittel sich zu bedienen, welche dieser
Absicht entsprechen a]. Macht und Ansehn sind Haupt-
vollkommenheiten eines Volks und die vorzüglichsten
Mittel zu Beförderung seiner Erhaltung, Sicherheit und
Ruhe, indem sie es nicht nur gegen innere Zerrüttungen,
sondern auch gegen äussere Anfälle und Unterdrückung in
erfoderlichen Vertheidigungsstand setzen. Das Bestre-
ben nach Vergrösserung der Macht ist daher ohnstreitig
eine der ersten Pflichten der Völker gegen sich selbst: und
vermöge der algemeinen Freiheit, ihre Handlungen nach
Gefallen einzurichten, ist keine Nazion befugt, der
andern hierunter Einhalt zu thun, so lange iene sich
rechtmäsiger dieser unschädlicher Mittel bedient.

a] Wolf. J. G. c. I. §. 35. u. 70. c. VI. §. 640.
§. 2.
X
Fuͤnftes Kapitel.
Von der Macht der Nazionen und deren
Gleichgewicht
.
§. 1.
Recht der Nazionen ſich zu vergroͤßern.

Das Verlangen nach Gluͤckſeligkeit iſt, wie ſchon
oben [2. Kap. §. 8.] gedacht worden, die Haupt-
triebfeder menſchlicher Handlungen, der Grund der
Staatsvereine ſowohl, als der geſelſchaftlichen Verbin-
dung der Voͤlker. Dieſer Trieb iſt von der Natur ſelbſt
eingepflanzt. Ihm zu Folge ſind einzelne Menſchen und
ganze Nazionen verbunden, fuͤr ihre Erhaltung und
Vervollkomnung moͤglichſt zu ſorgen, und berechtigt
aller erlaubten Mittel ſich zu bedienen, welche dieſer
Abſicht entſprechen a]. Macht und Anſehn ſind Haupt-
vollkommenheiten eines Volks und die vorzuͤglichſten
Mittel zu Befoͤrderung ſeiner Erhaltung, Sicherheit und
Ruhe, indem ſie es nicht nur gegen innere Zerruͤttungen,
ſondern auch gegen aͤuſſere Anfaͤlle und Unterdruͤckung in
erfoderlichen Vertheidigungsſtand ſetzen. Das Beſtre-
ben nach Vergroͤſſerung der Macht iſt daher ohnſtreitig
eine der erſten Pflichten der Voͤlker gegen ſich ſelbſt: und
vermoͤge der algemeinen Freiheit, ihre Handlungen nach
Gefallen einzurichten, iſt keine Nazion befugt, der
andern hierunter Einhalt zu thun, ſo lange iene ſich
rechtmaͤſiger dieſer unſchaͤdlicher Mittel bedient.

a] Wolf. J. G. c. I. §. 35. u. 70. c. VI. §. 640.
§. 2.
X
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0347" n="321"/>
        <div n="2">
          <head><hi rendition="#g"><hi rendition="#b">Fu&#x0364;nftes Kapitel.</hi><lb/>
Von der Macht der Nazionen und deren<lb/>
Gleichgewicht</hi>.</head><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 1.<lb/><hi rendition="#g">Recht der Nazionen &#x017F;ich zu vergro&#x0364;ßern</hi>.</head><lb/>
            <p><hi rendition="#in">D</hi>as Verlangen nach Glu&#x0364;ck&#x017F;eligkeit i&#x017F;t, wie &#x017F;chon<lb/>
oben [2. Kap. §. 8.] gedacht worden, die Haupt-<lb/>
triebfeder men&#x017F;chlicher Handlungen, der Grund der<lb/>
Staatsvereine &#x017F;owohl, als der ge&#x017F;el&#x017F;chaftlichen Verbin-<lb/>
dung der Vo&#x0364;lker. Die&#x017F;er Trieb i&#x017F;t von der Natur &#x017F;elb&#x017F;t<lb/>
eingepflanzt. Ihm zu Folge &#x017F;ind einzelne Men&#x017F;chen und<lb/>
ganze Nazionen verbunden, fu&#x0364;r ihre Erhaltung und<lb/>
Vervollkomnung mo&#x0364;glich&#x017F;t zu &#x017F;orgen, und berechtigt<lb/>
aller erlaubten Mittel &#x017F;ich zu bedienen, welche die&#x017F;er<lb/>
Ab&#x017F;icht ent&#x017F;prechen <hi rendition="#aq"><hi rendition="#sup">a</hi></hi>]. Macht und An&#x017F;ehn &#x017F;ind Haupt-<lb/>
vollkommenheiten eines Volks und die vorzu&#x0364;glich&#x017F;ten<lb/>
Mittel zu Befo&#x0364;rderung &#x017F;einer Erhaltung, Sicherheit und<lb/>
Ruhe, indem &#x017F;ie es nicht nur gegen innere Zerru&#x0364;ttungen,<lb/>
&#x017F;ondern auch gegen a&#x0364;u&#x017F;&#x017F;ere Anfa&#x0364;lle und Unterdru&#x0364;ckung in<lb/>
erfoderlichen Vertheidigungs&#x017F;tand &#x017F;etzen. Das Be&#x017F;tre-<lb/>
ben nach Vergro&#x0364;&#x017F;&#x017F;erung der Macht i&#x017F;t daher ohn&#x017F;treitig<lb/>
eine der er&#x017F;ten Pflichten der Vo&#x0364;lker gegen &#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t: und<lb/>
vermo&#x0364;ge der algemeinen Freiheit, ihre Handlungen nach<lb/>
Gefallen einzurichten, i&#x017F;t keine Nazion befugt, der<lb/>
andern hierunter Einhalt zu thun, &#x017F;o lange iene &#x017F;ich<lb/>
rechtma&#x0364;&#x017F;iger die&#x017F;er un&#x017F;cha&#x0364;dlicher Mittel bedient.</p><lb/>
            <note place="end" n="a]"><hi rendition="#aq">Wolf. J. G. c. I.</hi> §. 35. u. 70. <hi rendition="#aq">c. VI.</hi> §. 640.</note>
          </div><lb/>
          <fw place="bottom" type="sig">X</fw>
          <fw place="bottom" type="catch">§. 2.</fw><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[321/0347] Fuͤnftes Kapitel. Von der Macht der Nazionen und deren Gleichgewicht. §. 1. Recht der Nazionen ſich zu vergroͤßern. Das Verlangen nach Gluͤckſeligkeit iſt, wie ſchon oben [2. Kap. §. 8.] gedacht worden, die Haupt- triebfeder menſchlicher Handlungen, der Grund der Staatsvereine ſowohl, als der geſelſchaftlichen Verbin- dung der Voͤlker. Dieſer Trieb iſt von der Natur ſelbſt eingepflanzt. Ihm zu Folge ſind einzelne Menſchen und ganze Nazionen verbunden, fuͤr ihre Erhaltung und Vervollkomnung moͤglichſt zu ſorgen, und berechtigt aller erlaubten Mittel ſich zu bedienen, welche dieſer Abſicht entſprechen a]. Macht und Anſehn ſind Haupt- vollkommenheiten eines Volks und die vorzuͤglichſten Mittel zu Befoͤrderung ſeiner Erhaltung, Sicherheit und Ruhe, indem ſie es nicht nur gegen innere Zerruͤttungen, ſondern auch gegen aͤuſſere Anfaͤlle und Unterdruͤckung in erfoderlichen Vertheidigungsſtand ſetzen. Das Beſtre- ben nach Vergroͤſſerung der Macht iſt daher ohnſtreitig eine der erſten Pflichten der Voͤlker gegen ſich ſelbſt: und vermoͤge der algemeinen Freiheit, ihre Handlungen nach Gefallen einzurichten, iſt keine Nazion befugt, der andern hierunter Einhalt zu thun, ſo lange iene ſich rechtmaͤſiger dieſer unſchaͤdlicher Mittel bedient. a] Wolf. J. G. c. I. §. 35. u. 70. c. VI. §. 640. §. 2. X

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/guenther_voelkerrecht01_1787
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/guenther_voelkerrecht01_1787/347
Zitationshilfe: Günther, Karl Gottlob: Europäisches Völkerrecht in Friedenszeiten nach Vernunft, Verträgen und Herkommen, mit Anwendung auf die teutschen Reichsstände. Bd. 1. Altenburg, 1787, S. 321. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/guenther_voelkerrecht01_1787/347>, abgerufen am 18.07.2024.