Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Günther, Karl Gottlob: Europäisches Völkerrecht in Friedenszeiten nach Vernunft, Verträgen und Herkommen, mit Anwendung auf die teutschen Reichsstände. Bd. 1. Altenburg, 1787.

Bild:
<< vorherige Seite
Algemeine Grundsätze des Völkerrechts.
§. 14.
Verbindlichkeit dazu.

Alle Verbindlichkeiten zu Geselligkeit und Liebe sind
im ursprünglich natürlichen Zustande unvolkommen, und
deren Erfüllung kann durch äussere Zwangsmittel nicht
erlangt werden. Sie enthalten beiahende Pflichten,
wobey es, vermöge der natürlichen Freiheit, auf das
Ermessen des Leistenden ankomt, ob die Gelegenheit da-
zu vorhanden ist. Ausserdem ist die Liebe, als eine
Hauptquelle derselben, eine innerliche Regung, die sich
durch äussere Gewalt nicht erzwingen läßt. Ein Volk,
das dem andern dergleichen Pflichten abschlägt, wenn
es schon sie leisten könte, beleidigt dasselbe daher nicht,
ob es gleich gegen die Billigkeit handelt.

*] Grotius L. 2. c. 2. §. 11. giebt die Pflichten unschädli-
cher Gefälligkeit zwar für volkomne an, weil bey ihnen
die ursprünglichen Gemeinschaftsrechte wieder auflebten;
aber Puffendorf und andre rechnen sie mit mehrerm Fug
zu den unvolkomnen, weil iedes freie Volk das Recht
hat, über sein einmal erworbenes Eigenthum zu schalten.
Schrodt P. I. c. 3. §. 10.
§. 15.
Rechte darauf.

So unvolkommen die Verbindlichkeit zu Leistung der
Liebespflichten auf der einen Seite ist, so unvolkom-
men ist auch das Recht, dergleichen mit Gewalt zu er-
zwingen, auf der andern Seite. Indes hat das bedür-
fende Volk, in Rücksicht sein selbst, doch das Recht,
dieselben von andern zu begehren a], dergestalt, daß es
niemand daran hindern, oder die Forderung für eine
Beleidigung aufnehmen darf; denn es ist verbunden,

seine
Algemeine Grundſaͤtze des Voͤlkerrechts.
§. 14.
Verbindlichkeit dazu.

Alle Verbindlichkeiten zu Geſelligkeit und Liebe ſind
im urſpruͤnglich natuͤrlichen Zuſtande unvolkommen, und
deren Erfuͤllung kann durch aͤuſſere Zwangsmittel nicht
erlangt werden. Sie enthalten beiahende Pflichten,
wobey es, vermoͤge der natuͤrlichen Freiheit, auf das
Ermeſſen des Leiſtenden ankomt, ob die Gelegenheit da-
zu vorhanden iſt. Auſſerdem iſt die Liebe, als eine
Hauptquelle derſelben, eine innerliche Regung, die ſich
durch aͤuſſere Gewalt nicht erzwingen laͤßt. Ein Volk,
das dem andern dergleichen Pflichten abſchlaͤgt, wenn
es ſchon ſie leiſten koͤnte, beleidigt daſſelbe daher nicht,
ob es gleich gegen die Billigkeit handelt.

*] Grotius L. 2. c. 2. §. 11. giebt die Pflichten unſchaͤdli-
cher Gefaͤlligkeit zwar fuͤr volkomne an, weil bey ihnen
die urſpruͤnglichen Gemeinſchaftsrechte wieder auflebten;
aber Puffendorf und andre rechnen ſie mit mehrerm Fug
zu den unvolkomnen, weil iedes freie Volk das Recht
hat, uͤber ſein einmal erworbenes Eigenthum zu ſchalten.
Schrodt P. I. c. 3. §. 10.
§. 15.
Rechte darauf.

So unvolkommen die Verbindlichkeit zu Leiſtung der
Liebespflichten auf der einen Seite iſt, ſo unvolkom-
men iſt auch das Recht, dergleichen mit Gewalt zu er-
zwingen, auf der andern Seite. Indes hat das beduͤr-
fende Volk, in Ruͤckſicht ſein ſelbſt, doch das Recht,
dieſelben von andern zu begehren a], dergeſtalt, daß es
niemand daran hindern, oder die Forderung fuͤr eine
Beleidigung aufnehmen darf; denn es iſt verbunden,

ſeine
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0425" n="399"/>
          <fw place="top" type="header">Algemeine Grund&#x017F;a&#x0364;tze des Vo&#x0364;lkerrechts.</fw><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 14.<lb/><hi rendition="#g">Verbindlichkeit dazu</hi>.</head><lb/>
            <p>Alle Verbindlichkeiten zu Ge&#x017F;elligkeit und Liebe &#x017F;ind<lb/>
im ur&#x017F;pru&#x0364;nglich natu&#x0364;rlichen Zu&#x017F;tande unvolkommen, und<lb/>
deren Erfu&#x0364;llung kann durch a&#x0364;u&#x017F;&#x017F;ere Zwangsmittel nicht<lb/>
erlangt werden. Sie enthalten beiahende Pflichten,<lb/>
wobey es, vermo&#x0364;ge der natu&#x0364;rlichen Freiheit, auf das<lb/>
Erme&#x017F;&#x017F;en des Lei&#x017F;tenden ankomt, ob die Gelegenheit da-<lb/>
zu vorhanden i&#x017F;t. Au&#x017F;&#x017F;erdem i&#x017F;t die Liebe, als eine<lb/>
Hauptquelle der&#x017F;elben, eine innerliche Regung, die &#x017F;ich<lb/>
durch a&#x0364;u&#x017F;&#x017F;ere Gewalt nicht erzwingen la&#x0364;ßt. Ein Volk,<lb/>
das dem andern dergleichen Pflichten ab&#x017F;chla&#x0364;gt, wenn<lb/>
es &#x017F;chon &#x017F;ie lei&#x017F;ten ko&#x0364;nte, beleidigt da&#x017F;&#x017F;elbe daher nicht,<lb/>
ob es gleich gegen die Billigkeit handelt.</p><lb/>
            <note place="end" n="*]"><hi rendition="#aq"><hi rendition="#i">Grotius</hi> L. 2. c.</hi> 2. §. 11. giebt die Pflichten un&#x017F;cha&#x0364;dli-<lb/>
cher Gefa&#x0364;lligkeit zwar fu&#x0364;r volkomne an, weil bey ihnen<lb/>
die ur&#x017F;pru&#x0364;nglichen Gemein&#x017F;chaftsrechte wieder auflebten;<lb/>
aber Puffendorf und andre rechnen &#x017F;ie mit mehrerm Fug<lb/>
zu den unvolkomnen, weil iedes freie Volk das Recht<lb/>
hat, u&#x0364;ber &#x017F;ein einmal erworbenes Eigenthum zu &#x017F;chalten.<lb/><hi rendition="#aq"><hi rendition="#i">Schrodt</hi> P. I. c.</hi> 3. §. 10.</note>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 15.<lb/><hi rendition="#g">Rechte darauf</hi>.</head><lb/>
            <p>So unvolkommen die Verbindlichkeit zu Lei&#x017F;tung der<lb/>
Liebespflichten auf der einen Seite i&#x017F;t, &#x017F;o unvolkom-<lb/>
men i&#x017F;t auch das Recht, dergleichen mit Gewalt zu er-<lb/>
zwingen, auf der andern Seite. Indes hat das bedu&#x0364;r-<lb/>
fende Volk, in Ru&#x0364;ck&#x017F;icht &#x017F;ein &#x017F;elb&#x017F;t, doch das Recht,<lb/>
die&#x017F;elben von andern zu begehren <hi rendition="#aq"><hi rendition="#sup">a</hi></hi>], derge&#x017F;talt, daß es<lb/>
niemand daran hindern, oder die Forderung fu&#x0364;r eine<lb/>
Beleidigung aufnehmen darf; denn es i&#x017F;t verbunden,<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">&#x017F;eine</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[399/0425] Algemeine Grundſaͤtze des Voͤlkerrechts. §. 14. Verbindlichkeit dazu. Alle Verbindlichkeiten zu Geſelligkeit und Liebe ſind im urſpruͤnglich natuͤrlichen Zuſtande unvolkommen, und deren Erfuͤllung kann durch aͤuſſere Zwangsmittel nicht erlangt werden. Sie enthalten beiahende Pflichten, wobey es, vermoͤge der natuͤrlichen Freiheit, auf das Ermeſſen des Leiſtenden ankomt, ob die Gelegenheit da- zu vorhanden iſt. Auſſerdem iſt die Liebe, als eine Hauptquelle derſelben, eine innerliche Regung, die ſich durch aͤuſſere Gewalt nicht erzwingen laͤßt. Ein Volk, das dem andern dergleichen Pflichten abſchlaͤgt, wenn es ſchon ſie leiſten koͤnte, beleidigt daſſelbe daher nicht, ob es gleich gegen die Billigkeit handelt. *] Grotius L. 2. c. 2. §. 11. giebt die Pflichten unſchaͤdli- cher Gefaͤlligkeit zwar fuͤr volkomne an, weil bey ihnen die urſpruͤnglichen Gemeinſchaftsrechte wieder auflebten; aber Puffendorf und andre rechnen ſie mit mehrerm Fug zu den unvolkomnen, weil iedes freie Volk das Recht hat, uͤber ſein einmal erworbenes Eigenthum zu ſchalten. Schrodt P. I. c. 3. §. 10. §. 15. Rechte darauf. So unvolkommen die Verbindlichkeit zu Leiſtung der Liebespflichten auf der einen Seite iſt, ſo unvolkom- men iſt auch das Recht, dergleichen mit Gewalt zu er- zwingen, auf der andern Seite. Indes hat das beduͤr- fende Volk, in Ruͤckſicht ſein ſelbſt, doch das Recht, dieſelben von andern zu begehren a], dergeſtalt, daß es niemand daran hindern, oder die Forderung fuͤr eine Beleidigung aufnehmen darf; denn es iſt verbunden, ſeine

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/guenther_voelkerrecht01_1787
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/guenther_voelkerrecht01_1787/425
Zitationshilfe: Günther, Karl Gottlob: Europäisches Völkerrecht in Friedenszeiten nach Vernunft, Verträgen und Herkommen, mit Anwendung auf die teutschen Reichsstände. Bd. 1. Altenburg, 1787, S. 399. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/guenther_voelkerrecht01_1787/425>, abgerufen am 23.07.2024.