Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Gutzkow, Karl:] Briefe eines Narren an eine Närrin. Hamburg, 1832.

Bild:
<< vorherige Seite

Ungeheuere traut man sich zu, nicht nur die tief, ach! so tief geschlagenen Wurzeln des Hasses auszuheben, sondern sogar an ihre Stelle junge, frische Reiser, Liebe und Vertrauen, zu pflanzen. Neulich hieß es irgendwo, daß die republicanische Richtung, die das Leben in Süddeutschlands constitutionellen Staaten zu nehmen drohe, gefürchtet wird. In der That, dieser Brand ist noch klein, und doch hat er schon so weit um sich gegriffen, daß ich nur noch ein einziges Mittel kenne. Wie man am besten einen Brand erstickt; die Hoheiten müßten sich den Hermelinmantel ihrer Fürstengerechtsame vom Leibe reißen, und die Flamme mit dem Verlust der alten Schönheit ihres Kleides, mit der Entsagung ihrer meisten Vorrechte dämpfen. Aber dazu gehört Entschlossenheit, dazu gehört Demuth, Bescheidenheit. O welche sonderbare Pietät der Fürsten und des Adels! Sie schätzen die Ahnen nicht so hoch, als die Nachkommen, die ihnen noch in der Lende sitzen. Sie wollen ihren Kindeskindern nichts entziehen. Aber es wird eine Zeit kommen, wo die gierige Flamme, die die Väter jetzt noch unschädlich machen könnten, an die Kronen der gesalbten Enkel hinauflecken, und sie auf ihren Häuptern jämmerlich schmelzen wird.

Nicht wahr? Du hast mich doch nicht falsch verstanden? Wir sprachen doch von den Telegra-

Ungeheuere traut man sich zu, nicht nur die tief, ach! so tief geschlagenen Wurzeln des Hasses auszuheben, sondern sogar an ihre Stelle junge, frische Reiser, Liebe und Vertrauen, zu pflanzen. Neulich hieß es irgendwo, daß die republicanische Richtung, die das Leben in Süddeutschlands constitutionellen Staaten zu nehmen drohe, gefürchtet wird. In der That, dieser Brand ist noch klein, und doch hat er schon so weit um sich gegriffen, daß ich nur noch ein einziges Mittel kenne. Wie man am besten einen Brand erstickt; die Hoheiten müßten sich den Hermelinmantel ihrer Fürstengerechtsame vom Leibe reißen, und die Flamme mit dem Verlust der alten Schönheit ihres Kleides, mit der Entsagung ihrer meisten Vorrechte dämpfen. Aber dazu gehört Entschlossenheit, dazu gehört Demuth, Bescheidenheit. O welche sonderbare Pietät der Fürsten und des Adels! Sie schätzen die Ahnen nicht so hoch, als die Nachkommen, die ihnen noch in der Lende sitzen. Sie wollen ihren Kindeskindern nichts entziehen. Aber es wird eine Zeit kommen, wo die gierige Flamme, die die Väter jetzt noch unschädlich machen könnten, an die Kronen der gesalbten Enkel hinauflecken, und sie auf ihren Häuptern jämmerlich schmelzen wird.

Nicht wahr? Du hast mich doch nicht falsch verstanden? Wir sprachen doch von den Telegra-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0205" n="192"/>
Ungeheuere traut man sich zu, nicht nur die tief, ach! so tief geschlagenen Wurzeln des Hasses auszuheben, sondern sogar an ihre Stelle junge, frische Reiser, Liebe und Vertrauen, zu pflanzen. Neulich hieß es irgendwo, daß die republicanische Richtung, die das Leben in Süddeutschlands constitutionellen Staaten zu nehmen drohe, gefürchtet wird. In der That, dieser Brand ist noch klein, und doch hat er schon so weit um sich gegriffen, daß ich nur noch ein einziges Mittel kenne. Wie man am besten einen Brand erstickt; die Hoheiten müßten sich den Hermelinmantel ihrer Fürstengerechtsame vom Leibe reißen, und die Flamme mit dem Verlust der alten Schönheit ihres Kleides, mit der Entsagung ihrer meisten Vorrechte dämpfen. Aber dazu gehört Entschlossenheit, dazu gehört Demuth, Bescheidenheit. O welche sonderbare Pietät der Fürsten und des Adels! Sie schätzen die Ahnen nicht so hoch, als die Nachkommen, die ihnen noch in der Lende sitzen. Sie wollen ihren Kindeskindern nichts entziehen. Aber es wird eine Zeit kommen, wo die gierige Flamme, die die Väter jetzt noch unschädlich machen könnten, an die Kronen der gesalbten Enkel hinauflecken, und sie auf ihren Häuptern jämmerlich schmelzen wird.</p>
        <p>Nicht wahr? Du hast mich doch nicht falsch verstanden? Wir sprachen doch von den Telegra-
</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[192/0205] Ungeheuere traut man sich zu, nicht nur die tief, ach! so tief geschlagenen Wurzeln des Hasses auszuheben, sondern sogar an ihre Stelle junge, frische Reiser, Liebe und Vertrauen, zu pflanzen. Neulich hieß es irgendwo, daß die republicanische Richtung, die das Leben in Süddeutschlands constitutionellen Staaten zu nehmen drohe, gefürchtet wird. In der That, dieser Brand ist noch klein, und doch hat er schon so weit um sich gegriffen, daß ich nur noch ein einziges Mittel kenne. Wie man am besten einen Brand erstickt; die Hoheiten müßten sich den Hermelinmantel ihrer Fürstengerechtsame vom Leibe reißen, und die Flamme mit dem Verlust der alten Schönheit ihres Kleides, mit der Entsagung ihrer meisten Vorrechte dämpfen. Aber dazu gehört Entschlossenheit, dazu gehört Demuth, Bescheidenheit. O welche sonderbare Pietät der Fürsten und des Adels! Sie schätzen die Ahnen nicht so hoch, als die Nachkommen, die ihnen noch in der Lende sitzen. Sie wollen ihren Kindeskindern nichts entziehen. Aber es wird eine Zeit kommen, wo die gierige Flamme, die die Väter jetzt noch unschädlich machen könnten, an die Kronen der gesalbten Enkel hinauflecken, und sie auf ihren Häuptern jämmerlich schmelzen wird. Nicht wahr? Du hast mich doch nicht falsch verstanden? Wir sprachen doch von den Telegra-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Gutzkow Editionsprojekt: Bereitstellung der Texttranskription und Auszeichnung in der Syntax des Gutzkow Editionsprojekts. (2013-07-01T14:33:31Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme aus dem Gutzkow Editionsprojekt entsprechen muss.
Google Books: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2013-07-01T14:33:31Z)
Frederike Neuber: Konvertierung vom Markup des Gutzkow Editionsprojekts nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat. (2013-07-01T14:33:31Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • Als Grundlage dienen die Gutzkow Editionsprojekt:Editionsprinzipien
  • Langes s (ſ) wird als rundes s (s) wiedergegeben.
  • Übergeschriebenes „e“ über „a“, „o“ und „u“ wird als „ä“, „ö“, „ü“ transkribiert.
  • Die Majuskel J im Frakturdruck wird in der Transkription je nach Lautwert als I bzw. J wiedergegeben.
  • Zeilenumbrüche innerhalb eines Absatzes werden aufgelöst.
  • Silbentrennungen über Zeilengrenzen hinweg werden aufgelöst.
  • Silbentrennungen über Seitengrenzen hinweg werden beibehalten.
  • Anmerkungen und Erläuterungen der Herausgeber der Gutzkow-Edition sind im XML mit <ref target="[Ziel]">...</ref> wiedergegeben. [Ziel] benennt die HTM-Datei und den Abschnitt der jeweiligen Erläuterung auf den Seiten des Gutzkow-Editionsprojekts.
  • Druckfehler und andere Fehler der Vorlage wurden in der Transkription behoben. Zu den hierbei vorgenommenen Textänderungen und zu problematischen Textstellen siehe Abschnitt 2.1.1: Textänderungen auf den Seiten des Gutzkow-Editionsprojekts.



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/gutzkow_narren_1832
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/gutzkow_narren_1832/205
Zitationshilfe: [Gutzkow, Karl:] Briefe eines Narren an eine Närrin. Hamburg, 1832, S. 192. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gutzkow_narren_1832/205>, abgerufen am 30.04.2024.