Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Happel, Eberhard Werner: Der Academische Roman. Ulm, 1690.

Bild:
<< vorherige Seite

Deß Academischen
wol fort. Wann sie Abends schlaffen giengen/ wur-
den sie nach kleinen dunckelen Koyn geführet/ da
Zween und Zween in einem schlechten Bette vorlieb
nehmen musten. Hielten sich nun diese Gefangenen
wol/ und der Wirth hatte keinen Verdacht auf sie/
so ließ er sie wol bißweilen außgehen/ und solcher Ge-
stalt gieng Venereus offt auß/ jedoch daß er allwege
seine schwere Kette am Fuß schleppete/ welche er aber
aufzuziehen wuste/ daß man sie nicht viel rappeln hö-
rete. Solcher Gestalt machte er sich bekandt in der
Stadt/ und sammlete noch offt einen Pfenning/ den
er extra verzehren kunte.

Als einsmahls Troll in der Nacht bey ihm lag/
klagte derselbe über grosse Bauch-Schmertzen/ und
wünschete nichts mehr/ als ein Trüncklein Brandte-
wein. Venereus sprach: Gut/ gut/ darzu wollen wir
schon kommen/ er sprang auf/ nahm einen langen
schmahlen Strick/ und band eine kleine gläserne Fla-
sche daran/ steckete solche durch das eyserne Gitter-
werck eines Mauerlochs hinauß/ und schrye: Gückery
kü/ kü/ wie ein junger Hahn. Die in dem andern
Kayn wusten nicht/ was solches bedeutete/ laureten
demnach fleissig auf. Troll selber fragete: Was er
damit wolte. Ach ihr seyd wol einfältig/ sprach Vene-
reus,
ihr könt ja wol gedencken/ daß das geile Frauen-
zimmer auf solch Hahnen-Geschrey bald erwachet/
ich habe mit unserer Nachbarin selber deßfalls schon
Abrede genommen/ und wann ich das Hahnen-Ge-
schrey beginne/ so wird sie bald mit Brandtewein
hertretten. Wie er nun inzwischen den Strick mit
der Flaschen hinab lässet/ bricht derselbe/ und die Fla-
sche fället an Stücken. Venereus nicht falu/ erwischte
einen Hut/ welcher einen zarten Bind-Faden um
sich hatte/ solchen lösete er ab/ und ließ ihn zum Loch

hinauß/

Deß Academiſchen
wol fort. Wann ſie Abends ſchlaffen giengen/ wur-
den ſie nach kleinen dunckelen Koyn gefuͤhret/ da
Zween und Zween in einem ſchlechten Bette vorlieb
nehmen muſten. Hielten ſich nun dieſe Gefangenen
wol/ und der Wirth hatte keinen Verdacht auf ſie/
ſo ließ er ſie wol bißweilen außgehen/ und ſolcher Ge-
ſtalt gieng Venereus offt auß/ jedoch daß er allwege
ſeine ſchwere Kette am Fuß ſchleppete/ welche er aber
aufzuziehen wuſte/ daß man ſie nicht viel rappeln hoͤ-
rete. Solcher Geſtalt machte er ſich bekandt in der
Stadt/ und ſammlete noch offt einen Pfenning/ den
er extra verzehren kunte.

Als einsmahls Troll in der Nacht bey ihm lag/
klagte derſelbe uͤber groſſe Bauch-Schmertzen/ und
wuͤnſchete nichts mehr/ als ein Truͤncklein Brandte-
wein. Venereus ſprach: Gut/ gut/ darzu wollen wir
ſchon kommen/ er ſprang auf/ nahm einen langen
ſchmahlen Strick/ und band eine kleine glaͤſerne Fla-
ſche daran/ ſteckete ſolche durch das eyſerne Gitter-
werck eines Mauerlochs hinauß/ und ſchrye: Guͤckery
kuͤ/ kuͤ/ wie ein junger Hahn. Die in dem andern
Kayn wuſten nicht/ was ſolches bedeutete/ laureten
demnach fleiſſig auf. Troll ſelber fragete: Was er
damit wolte. Ach ihr ſeyd wol einfaͤltig/ ſprach Vene-
reus,
ihr koͤnt ja wol gedencken/ daß das geile Frauen-
zimmer auf ſolch Hahnen-Geſchrey bald erwachet/
ich habe mit unſerer Nachbarin ſelber deßfalls ſchon
Abrede genommen/ und wann ich das Hahnen-Ge-
ſchrey beginne/ ſo wird ſie bald mit Brandtewein
hertretten. Wie er nun inzwiſchen den Strick mit
der Flaſchen hinab laͤſſet/ bricht derſelbe/ und die Fla-
ſche faͤllet an Stuͤcken. Venereus nicht falu/ erwiſchte
einen Hut/ welcher einen zarten Bind-Faden um
ſich hatte/ ſolchen loͤſete er ab/ und ließ ihn zum Loch

hinauß/
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f1046" n="1024"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Deß <hi rendition="#aq">Academi</hi>&#x017F;chen</hi></fw><lb/>
wol fort. Wann &#x017F;ie Abends &#x017F;chlaffen giengen/ wur-<lb/>
den &#x017F;ie nach kleinen dunckelen Koyn gefu&#x0364;hret/ da<lb/>
Zween und Zween in einem &#x017F;chlechten Bette vorlieb<lb/>
nehmen mu&#x017F;ten. Hielten &#x017F;ich nun die&#x017F;e Gefangenen<lb/>
wol/ und der Wirth hatte keinen Verdacht auf &#x017F;ie/<lb/>
&#x017F;o ließ er &#x017F;ie wol bißweilen außgehen/ und &#x017F;olcher Ge-<lb/>
&#x017F;talt gieng <hi rendition="#aq">Venereus</hi> offt auß/ jedoch daß er allwege<lb/>
&#x017F;eine &#x017F;chwere Kette am Fuß &#x017F;chleppete/ welche er aber<lb/>
aufzuziehen wu&#x017F;te/ daß man &#x017F;ie nicht viel rappeln ho&#x0364;-<lb/>
rete. Solcher Ge&#x017F;talt machte er &#x017F;ich bekandt in der<lb/>
Stadt/ und &#x017F;ammlete noch offt einen Pfenning/ den<lb/>
er <hi rendition="#aq">extra</hi> verzehren kunte.</p><lb/>
          <p>Als einsmahls Troll in der Nacht bey ihm lag/<lb/>
klagte der&#x017F;elbe u&#x0364;ber gro&#x017F;&#x017F;e Bauch-Schmertzen/ und<lb/>
wu&#x0364;n&#x017F;chete nichts mehr/ als ein Tru&#x0364;ncklein Brandte-<lb/>
wein. <hi rendition="#aq">Venereus</hi> &#x017F;prach: Gut/ gut/ darzu wollen wir<lb/>
&#x017F;chon kommen/ er &#x017F;prang auf/ nahm einen langen<lb/>
&#x017F;chmahlen Strick/ und band eine kleine gla&#x0364;&#x017F;erne Fla-<lb/>
&#x017F;che daran/ &#x017F;teckete &#x017F;olche durch das ey&#x017F;erne Gitter-<lb/>
werck eines Mauerlochs hinauß/ und &#x017F;chrye: Gu&#x0364;ckery<lb/>
ku&#x0364;/ ku&#x0364;/ wie ein junger Hahn. Die in dem andern<lb/>
Kayn wu&#x017F;ten nicht/ was &#x017F;olches bedeutete/ laureten<lb/>
demnach flei&#x017F;&#x017F;ig auf. Troll &#x017F;elber fragete: Was er<lb/>
damit wolte. Ach ihr &#x017F;eyd wol einfa&#x0364;ltig/ &#x017F;prach <hi rendition="#aq">Vene-<lb/>
reus,</hi> ihr ko&#x0364;nt ja wol gedencken/ daß das geile Frauen-<lb/>
zimmer auf &#x017F;olch Hahnen-Ge&#x017F;chrey bald erwachet/<lb/>
ich habe mit un&#x017F;erer Nachbarin &#x017F;elber deßfalls &#x017F;chon<lb/>
Abrede genommen/ und wann ich das Hahnen-Ge-<lb/>
&#x017F;chrey beginne/ &#x017F;o wird &#x017F;ie bald mit Brandtewein<lb/>
hertretten. Wie er nun inzwi&#x017F;chen den Strick mit<lb/>
der Fla&#x017F;chen hinab la&#x0364;&#x017F;&#x017F;et/ bricht der&#x017F;elbe/ und die Fla-<lb/>
&#x017F;che fa&#x0364;llet an Stu&#x0364;cken. <hi rendition="#aq">Venereus</hi> nicht falu/ erwi&#x017F;chte<lb/>
einen Hut/ welcher einen zarten Bind-Faden um<lb/>
&#x017F;ich hatte/ &#x017F;olchen lo&#x0364;&#x017F;ete er ab/ und ließ ihn zum Loch<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">hinauß/</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[1024/1046] Deß Academiſchen wol fort. Wann ſie Abends ſchlaffen giengen/ wur- den ſie nach kleinen dunckelen Koyn gefuͤhret/ da Zween und Zween in einem ſchlechten Bette vorlieb nehmen muſten. Hielten ſich nun dieſe Gefangenen wol/ und der Wirth hatte keinen Verdacht auf ſie/ ſo ließ er ſie wol bißweilen außgehen/ und ſolcher Ge- ſtalt gieng Venereus offt auß/ jedoch daß er allwege ſeine ſchwere Kette am Fuß ſchleppete/ welche er aber aufzuziehen wuſte/ daß man ſie nicht viel rappeln hoͤ- rete. Solcher Geſtalt machte er ſich bekandt in der Stadt/ und ſammlete noch offt einen Pfenning/ den er extra verzehren kunte. Als einsmahls Troll in der Nacht bey ihm lag/ klagte derſelbe uͤber groſſe Bauch-Schmertzen/ und wuͤnſchete nichts mehr/ als ein Truͤncklein Brandte- wein. Venereus ſprach: Gut/ gut/ darzu wollen wir ſchon kommen/ er ſprang auf/ nahm einen langen ſchmahlen Strick/ und band eine kleine glaͤſerne Fla- ſche daran/ ſteckete ſolche durch das eyſerne Gitter- werck eines Mauerlochs hinauß/ und ſchrye: Guͤckery kuͤ/ kuͤ/ wie ein junger Hahn. Die in dem andern Kayn wuſten nicht/ was ſolches bedeutete/ laureten demnach fleiſſig auf. Troll ſelber fragete: Was er damit wolte. Ach ihr ſeyd wol einfaͤltig/ ſprach Vene- reus, ihr koͤnt ja wol gedencken/ daß das geile Frauen- zimmer auf ſolch Hahnen-Geſchrey bald erwachet/ ich habe mit unſerer Nachbarin ſelber deßfalls ſchon Abrede genommen/ und wann ich das Hahnen-Ge- ſchrey beginne/ ſo wird ſie bald mit Brandtewein hertretten. Wie er nun inzwiſchen den Strick mit der Flaſchen hinab laͤſſet/ bricht derſelbe/ und die Fla- ſche faͤllet an Stuͤcken. Venereus nicht falu/ erwiſchte einen Hut/ welcher einen zarten Bind-Faden um ſich hatte/ ſolchen loͤſete er ab/ und ließ ihn zum Loch hinauß/

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/happel_roman_1690
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/happel_roman_1690/1046
Zitationshilfe: Happel, Eberhard Werner: Der Academische Roman. Ulm, 1690, S. 1024. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/happel_roman_1690/1046>, abgerufen am 12.04.2024.