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Happel, Eberhard Werner: Der Academische Roman. Ulm, 1690.

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Deß Academischen

Daniel Suabius, der Königl. Pohlnische Lithotomus und
Bruchschneider/ thäte an der lincken Seiten einen Schnitt in
das Häutlein deß Eingewäyds/ Peritonaeum genannt/ bey
4. Zoll lang/ und zwar an dem Ort/ wo man eine kleine Ge-
schwulft gemercket/ bey welcher der Patient alle Morgen einigen
Schmertzen empfunden. Hierauf gieng der Chirurgus weiter
zu Werck/ und nachdem er den Magen aufgesuchet/ schnitte er
mit einer Scheer ein Loch darein/ und suchte nach dem Messer.
Wie er dasselbe gefunden/ da löset er das Häutlein deß Magens/
gerade über der Spitze deß Messers/ mit einem Scheer-Messer
gar sanffte/ fassete den tödtlichen Splitter mit einem subtilen
Zänglein/ und zohe also das Messer/ welches schon gantzer
45. Täge und Nächte im Magen gelegen/ auch seine Farbe und
Gestalt nicht anders/ als wäre es im Feuer gewesen/ geändert
hatte/ mit einigem Klang oder Geräusch herauß/ wiewol so
glücklich/ daß sich die Wunde bald wieder geschlossen. Der
Patient ward nunmehr zu Bette gebracht/ die Wunde abge-
waschen/ und mit 5. Häfften geschlossen/ da dann die Vorsichtig-
keit deß Wund-Artztes keines Weges vergessen/ einen guten Bal-
sam und andere kräfftig heilende Säffte zwischen die Häffte
hinein zu giessen/ und ist also der unglückliche Messerschlucker
von seiner Wunden und gefährlichen Zufall nach wenig Tagen
völlig wieder genesen.

Von denen mit gesegnetem Leib gehenden Weibern haben wir
viel Exempel eines unnatürlichen Appetits/ denen ist Kreiden/
Kohlen/ Sand/ roh Fleisch/ Glaß/ Steine/ Holz/ lebendige Thiere/
Wagenschmeer/ etc. offtmablen gar ein angenehmes Lecker-Biß-
lein/ und das alles ohne eintzigen Schaden. Zu Leipzig hat noch
neulich eine Frau gelebet/ welche zur Zeit ihrer Weiblichen Bürde
jedes mahl bey der Mahlzeit einen Teller-voll rohe Wäitzen-
Körner aufsetzen lassen/ darvon sie zwischen den andern Spei-
sen allezeit einen Mund voll zugenieffen pflegte. Zu Pariß
hat vor kurtzer Zeit eine solche Frau gewohnet/ welche auß An-
trieb dergleichen Schwachheit vor 400. Reichsthlr. Genuesische
grosse Kanten oder Spitzen aufgekaufft/ und nach und nach
verzehret/ denen bald hernach vor so viel Geld dergleichen Kan-
ten folgen musten. Eine andere Frau in Sachsen kunte sich
nicht anug sättigen mit der fetten Thon-Erden. Was diese
Kranckheit/ welche Pica genennet wird/ vor ein Affect sey/ sol-
ches überlässet man billich denen Medicis, unter denen abson-
derlich Schenkius vortrefflich hiervon geschrieben hat.

Jnmit-
Deß Academiſchen

Daniel Suabius, der Koͤnigl. Pohlniſche Lithotomus und
Bruchſchneider/ thaͤte an der lincken Seiten einen Schnitt in
das Haͤutlein deß Eingewaͤyds/ Peritonæum genannt/ bey
4. Zoll lang/ und zwar an dem Ort/ wo man eine kleine Ge-
ſchwulft gemercket/ bey welcher der Patient alle Morgen einigen
Schmertzen empfunden. Hierauf gieng der Chirurgus weiter
zu Werck/ und nachdem er den Magen aufgeſuchet/ ſchnitte er
mit einer Scheer ein Loch darein/ und ſuchte nach dem Meſſer.
Wie er daſſelbe gefunden/ da loͤſet er das Haͤutlein deß Magens/
gerade uͤber der Spitze deß Meſſers/ mit einem Scheer-Meſſer
gar ſanffte/ faſſete den toͤdtlichen Splitter mit einem ſubtilen
Zaͤnglein/ und zohe alſo das Meſſer/ welches ſchon gantzer
45. Taͤge und Naͤchte im Magen gelegen/ auch ſeine Farbe und
Geſtalt nicht anders/ als waͤre es im Feuer geweſen/ geaͤndert
hatte/ mit einigem Klang oder Geraͤuſch herauß/ wiewol ſo
gluͤcklich/ daß ſich die Wunde bald wieder geſchloſſen. Der
Patient ward nunmehr zu Bette gebracht/ die Wunde abge-
waſchen/ und mit 5. Haͤfften geſchloſſen/ da dann die Vorſichtig-
keit deß Wund-Artztes keines Weges vergeſſen/ einen guten Bal-
ſam und andere kraͤfftig heilende Saͤffte zwiſchen die Haͤffte
hinein zu gieſſen/ und iſt alſo der ungluͤckliche Meſſerſchlucker
von ſeiner Wunden und gefaͤhrlichen Zufall nach wenig Tagen
voͤllig wieder geneſen.

Von denen mit geſegnetem Leib gehenden Weibern haben wir
viel Exempel eines unnatuͤrlichen Appetits/ denen iſt Kreiden/
Kohlen/ Sand/ roh Fleiſch/ Glaß/ Steine/ Holz/ lebendige Thiere/
Wagenſchmeer/ ꝛc. offtmablen gar ein angenehmes Lecker-Biß-
lein/ und das alles ohne eintzigen Schaden. Zu Leipzig hat noch
neulich eine Frau gelebet/ welche zur Zeit ihrer Weiblichen Buͤrde
jedes mahl bey der Mahlzeit einen Teller-voll rohe Waͤitzen-
Koͤrner aufſetzen laſſen/ darvon ſie zwiſchen den andern Spei-
ſen allezeit einen Mund voll zugenieffen pflegte. Zu Pariß
hat vor kurtzer Zeit eine ſolche Frau gewohnet/ welche auß An-
trieb dergleichen Schwachheit vor 400. Reichsthlr. Genueſiſche
groſſe Kanten oder Spitzen aufgekaufft/ und nach und nach
verzehret/ denen bald hernach vor ſo viel Geld dergleichen Kan-
ten folgen muſten. Eine andere Frau in Sachſen kunte ſich
nicht anug ſaͤttigen mit der fetten Thon-Erden. Was dieſe
Kranckheit/ welche Pica genennet wird/ vor ein Affect ſey/ ſol-
ches uͤberlaͤſſet man billich denen Medicis, unter denen abſon-
derlich Schenkius vortrefflich hiervon geſchrieben hat.

Jnmit-
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[954/0974] Deß Academiſchen Daniel Suabius, der Koͤnigl. Pohlniſche Lithotomus und Bruchſchneider/ thaͤte an der lincken Seiten einen Schnitt in das Haͤutlein deß Eingewaͤyds/ Peritonæum genannt/ bey 4. Zoll lang/ und zwar an dem Ort/ wo man eine kleine Ge- ſchwulft gemercket/ bey welcher der Patient alle Morgen einigen Schmertzen empfunden. Hierauf gieng der Chirurgus weiter zu Werck/ und nachdem er den Magen aufgeſuchet/ ſchnitte er mit einer Scheer ein Loch darein/ und ſuchte nach dem Meſſer. Wie er daſſelbe gefunden/ da loͤſet er das Haͤutlein deß Magens/ gerade uͤber der Spitze deß Meſſers/ mit einem Scheer-Meſſer gar ſanffte/ faſſete den toͤdtlichen Splitter mit einem ſubtilen Zaͤnglein/ und zohe alſo das Meſſer/ welches ſchon gantzer 45. Taͤge und Naͤchte im Magen gelegen/ auch ſeine Farbe und Geſtalt nicht anders/ als waͤre es im Feuer geweſen/ geaͤndert hatte/ mit einigem Klang oder Geraͤuſch herauß/ wiewol ſo gluͤcklich/ daß ſich die Wunde bald wieder geſchloſſen. Der Patient ward nunmehr zu Bette gebracht/ die Wunde abge- waſchen/ und mit 5. Haͤfften geſchloſſen/ da dann die Vorſichtig- keit deß Wund-Artztes keines Weges vergeſſen/ einen guten Bal- ſam und andere kraͤfftig heilende Saͤffte zwiſchen die Haͤffte hinein zu gieſſen/ und iſt alſo der ungluͤckliche Meſſerſchlucker von ſeiner Wunden und gefaͤhrlichen Zufall nach wenig Tagen voͤllig wieder geneſen. Von denen mit geſegnetem Leib gehenden Weibern haben wir viel Exempel eines unnatuͤrlichen Appetits/ denen iſt Kreiden/ Kohlen/ Sand/ roh Fleiſch/ Glaß/ Steine/ Holz/ lebendige Thiere/ Wagenſchmeer/ ꝛc. offtmablen gar ein angenehmes Lecker-Biß- lein/ und das alles ohne eintzigen Schaden. Zu Leipzig hat noch neulich eine Frau gelebet/ welche zur Zeit ihrer Weiblichen Buͤrde jedes mahl bey der Mahlzeit einen Teller-voll rohe Waͤitzen- Koͤrner aufſetzen laſſen/ darvon ſie zwiſchen den andern Spei- ſen allezeit einen Mund voll zugenieffen pflegte. Zu Pariß hat vor kurtzer Zeit eine ſolche Frau gewohnet/ welche auß An- trieb dergleichen Schwachheit vor 400. Reichsthlr. Genueſiſche groſſe Kanten oder Spitzen aufgekaufft/ und nach und nach verzehret/ denen bald hernach vor ſo viel Geld dergleichen Kan- ten folgen muſten. Eine andere Frau in Sachſen kunte ſich nicht anug ſaͤttigen mit der fetten Thon-Erden. Was dieſe Kranckheit/ welche Pica genennet wird/ vor ein Affect ſey/ ſol- ches uͤberlaͤſſet man billich denen Medicis, unter denen abſon- derlich Schenkius vortrefflich hiervon geſchrieben hat. Jnmit-

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Zitationshilfe: Happel, Eberhard Werner: Der Academische Roman. Ulm, 1690, S. 954. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/happel_roman_1690/974>, abgerufen am 15.04.2024.