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Hartmann, Moritz: Das Schloß im Gebirge. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 11. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. [221]–262. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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Schritte, um dem herrlichen Bau noch näher zu kommen, als ich bei einer Biegung nicht fern von einer Hütte stand, vor welcher auf einer Bank zwei alte Männer saßen, die ebenfalls auffallen mußten, denn sie sahen anders aus als die übrigen verkommenen Bewohner des Dorfes, anders in ihrer Kleidung wie in ihrem Wesen. Sie saßen sorgenlos da, wie zwei Menschen, die der Arbeit nicht bedürfen, und waren auch so gekleidet, wie die andern gewiß nicht an höchsten Feiertagen sich kleiden konnten. Der Eine, eine derbe, breitschulterige Greisengestalt, trug lange graue Locken, die in dichter Fülle auf eine reinliche, weiße, leinwandne Blouse herabfielen, und auf diesen Locken einen Panamahut, wie er damals in Paris Mode war. In der Hand hielt er eine Zeitung und plauderte so vor sich hin, während der Andere immer bejahend mit dem Kopfe nickte und lächelnd zuhörte. Dieser Andere nahm sich neben der derben Blousengestalt doppelt schmächtig aus, und während bei dem Blousenmann eigentlich nur die grauen Haare sein Alter verriethen, sprach bei diesem Alles und Jedes vom Verfall eines hohen Greisenthums. Er hielt einen alten Cylinderhut in der zitternden Hand und zeigte einen kahlen Schädel, der nur von wenigen ganz weißen Löckchen eingefaßt war. Sein Gesicht war zu einer erstaunlichen Kleinheit zusammengeschrumpft, was neben dem breiten, derben Antlitz des Blousenmannes noch mehr auffallen mußte. Ueberaus klein waren auch

Schritte, um dem herrlichen Bau noch näher zu kommen, als ich bei einer Biegung nicht fern von einer Hütte stand, vor welcher auf einer Bank zwei alte Männer saßen, die ebenfalls auffallen mußten, denn sie sahen anders aus als die übrigen verkommenen Bewohner des Dorfes, anders in ihrer Kleidung wie in ihrem Wesen. Sie saßen sorgenlos da, wie zwei Menschen, die der Arbeit nicht bedürfen, und waren auch so gekleidet, wie die andern gewiß nicht an höchsten Feiertagen sich kleiden konnten. Der Eine, eine derbe, breitschulterige Greisengestalt, trug lange graue Locken, die in dichter Fülle auf eine reinliche, weiße, leinwandne Blouse herabfielen, und auf diesen Locken einen Panamahut, wie er damals in Paris Mode war. In der Hand hielt er eine Zeitung und plauderte so vor sich hin, während der Andere immer bejahend mit dem Kopfe nickte und lächelnd zuhörte. Dieser Andere nahm sich neben der derben Blousengestalt doppelt schmächtig aus, und während bei dem Blousenmann eigentlich nur die grauen Haare sein Alter verriethen, sprach bei diesem Alles und Jedes vom Verfall eines hohen Greisenthums. Er hielt einen alten Cylinderhut in der zitternden Hand und zeigte einen kahlen Schädel, der nur von wenigen ganz weißen Löckchen eingefaßt war. Sein Gesicht war zu einer erstaunlichen Kleinheit zusammengeschrumpft, was neben dem breiten, derben Antlitz des Blousenmannes noch mehr auffallen mußte. Ueberaus klein waren auch

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Schritte, um dem herrlichen Bau noch näher zu kommen, als ich bei einer      Biegung nicht fern von einer Hütte stand, vor welcher auf einer Bank zwei alte Männer saßen,      die ebenfalls auffallen mußten, denn sie sahen anders aus als die übrigen verkommenen Bewohner      des Dorfes, anders in ihrer Kleidung wie in ihrem Wesen. Sie saßen sorgenlos da, wie zwei      Menschen, die der Arbeit nicht bedürfen, und waren auch so gekleidet, wie die andern gewiß      nicht an höchsten Feiertagen sich kleiden konnten. Der Eine, eine derbe, breitschulterige      Greisengestalt, trug lange graue Locken, die in dichter Fülle auf eine reinliche, weiße,      leinwandne Blouse herabfielen, und auf diesen Locken einen Panamahut, wie er damals in Paris      Mode war. In der Hand hielt er eine Zeitung und plauderte so vor sich hin, während der Andere      immer bejahend mit dem Kopfe nickte und lächelnd zuhörte. Dieser Andere nahm sich neben der      derben Blousengestalt doppelt schmächtig aus, und während bei dem Blousenmann eigentlich nur      die grauen Haare sein Alter verriethen, sprach bei diesem Alles und Jedes vom Verfall eines      hohen Greisenthums. Er hielt einen alten Cylinderhut in der zitternden Hand und zeigte einen      kahlen Schädel, der nur von wenigen ganz weißen Löckchen eingefaßt war. Sein Gesicht war zu      einer erstaunlichen Kleinheit zusammengeschrumpft, was neben dem breiten, derben Antlitz des      Blousenmannes noch mehr auffallen mußte. Ueberaus klein waren auch<lb/></p>
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[0013] Schritte, um dem herrlichen Bau noch näher zu kommen, als ich bei einer Biegung nicht fern von einer Hütte stand, vor welcher auf einer Bank zwei alte Männer saßen, die ebenfalls auffallen mußten, denn sie sahen anders aus als die übrigen verkommenen Bewohner des Dorfes, anders in ihrer Kleidung wie in ihrem Wesen. Sie saßen sorgenlos da, wie zwei Menschen, die der Arbeit nicht bedürfen, und waren auch so gekleidet, wie die andern gewiß nicht an höchsten Feiertagen sich kleiden konnten. Der Eine, eine derbe, breitschulterige Greisengestalt, trug lange graue Locken, die in dichter Fülle auf eine reinliche, weiße, leinwandne Blouse herabfielen, und auf diesen Locken einen Panamahut, wie er damals in Paris Mode war. In der Hand hielt er eine Zeitung und plauderte so vor sich hin, während der Andere immer bejahend mit dem Kopfe nickte und lächelnd zuhörte. Dieser Andere nahm sich neben der derben Blousengestalt doppelt schmächtig aus, und während bei dem Blousenmann eigentlich nur die grauen Haare sein Alter verriethen, sprach bei diesem Alles und Jedes vom Verfall eines hohen Greisenthums. Er hielt einen alten Cylinderhut in der zitternden Hand und zeigte einen kahlen Schädel, der nur von wenigen ganz weißen Löckchen eingefaßt war. Sein Gesicht war zu einer erstaunlichen Kleinheit zusammengeschrumpft, was neben dem breiten, derben Antlitz des Blousenmannes noch mehr auffallen mußte. Ueberaus klein waren auch

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Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-15T10:58:35Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-15T10:58:35Z)

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Zitationshilfe: Hartmann, Moritz: Das Schloß im Gebirge. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 11. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. [221]–262. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hartmann_gebirge_1910/13>, abgerufen am 19.07.2024.