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Hartmann, Moritz: Das Schloß im Gebirge. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 11. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. [221]–262. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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glänzendsten Cavaliere dieses Hofes, man schmeichelte ihm, man hätschelte ihn, und er durfte sich Vieles erlauben. Der savoyische Adel gehört ja zum ältesten und anerkanntesten Europa's, und Napoleon --

Ja, ja, Napoleon! rief hier wieder der alte Marquis dazwischen, öffnete die Augen und leerte ein Glas Marsala.

So unterbrochen, nahm Herr Laurens den Satz nicht wieder auf, sondern blickte den träumenden Greis lange an, seufzte und sagte dann: Was ist ein Menschenleben! und Glanz und Jugend und Schönheit! Sehen Sie den Herrn Marquis an! Wir dürfen in seiner Gegenwart von ihm sprechen, denn er ist ein großer Philosoph geworden und betrachtet sich seit Jahren, als wäre er nicht er selber, sondern irgend ein Dritter, dessen Geschichte er nur sehr gut kennt. Dieser Herr Marquis hatte Glanz, Jugend, Schönheit, und er war es, der mir Louison entreißen wollte, und gerade in einer Zeit, da meine Liebe in vollster Blüte stand. Sie war schön --

Sie war schön! wiederholte der Marquis, aber diesmal weniger als Echo, sondern mit einem selbständigen Ausdruck tiefster Ueberzeugung und mit einem Lächeln, das wie ein Glanz von Jugend über sein verwittertes Antlitz flog.

Sie war schön, sie war anmuthig, fuhr Laurens fort, nachdem er eine Zeitlang vergebens gewartet hatte, ob nicht der Marquis seinem Lobe etwas

glänzendsten Cavaliere dieses Hofes, man schmeichelte ihm, man hätschelte ihn, und er durfte sich Vieles erlauben. Der savoyische Adel gehört ja zum ältesten und anerkanntesten Europa's, und Napoleon —

Ja, ja, Napoleon! rief hier wieder der alte Marquis dazwischen, öffnete die Augen und leerte ein Glas Marsala.

So unterbrochen, nahm Herr Laurens den Satz nicht wieder auf, sondern blickte den träumenden Greis lange an, seufzte und sagte dann: Was ist ein Menschenleben! und Glanz und Jugend und Schönheit! Sehen Sie den Herrn Marquis an! Wir dürfen in seiner Gegenwart von ihm sprechen, denn er ist ein großer Philosoph geworden und betrachtet sich seit Jahren, als wäre er nicht er selber, sondern irgend ein Dritter, dessen Geschichte er nur sehr gut kennt. Dieser Herr Marquis hatte Glanz, Jugend, Schönheit, und er war es, der mir Louison entreißen wollte, und gerade in einer Zeit, da meine Liebe in vollster Blüte stand. Sie war schön —

Sie war schön! wiederholte der Marquis, aber diesmal weniger als Echo, sondern mit einem selbständigen Ausdruck tiefster Ueberzeugung und mit einem Lächeln, das wie ein Glanz von Jugend über sein verwittertes Antlitz flog.

Sie war schön, sie war anmuthig, fuhr Laurens fort, nachdem er eine Zeitlang vergebens gewartet hatte, ob nicht der Marquis seinem Lobe etwas

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[0034] glänzendsten Cavaliere dieses Hofes, man schmeichelte ihm, man hätschelte ihn, und er durfte sich Vieles erlauben. Der savoyische Adel gehört ja zum ältesten und anerkanntesten Europa's, und Napoleon — Ja, ja, Napoleon! rief hier wieder der alte Marquis dazwischen, öffnete die Augen und leerte ein Glas Marsala. So unterbrochen, nahm Herr Laurens den Satz nicht wieder auf, sondern blickte den träumenden Greis lange an, seufzte und sagte dann: Was ist ein Menschenleben! und Glanz und Jugend und Schönheit! Sehen Sie den Herrn Marquis an! Wir dürfen in seiner Gegenwart von ihm sprechen, denn er ist ein großer Philosoph geworden und betrachtet sich seit Jahren, als wäre er nicht er selber, sondern irgend ein Dritter, dessen Geschichte er nur sehr gut kennt. Dieser Herr Marquis hatte Glanz, Jugend, Schönheit, und er war es, der mir Louison entreißen wollte, und gerade in einer Zeit, da meine Liebe in vollster Blüte stand. Sie war schön — Sie war schön! wiederholte der Marquis, aber diesmal weniger als Echo, sondern mit einem selbständigen Ausdruck tiefster Ueberzeugung und mit einem Lächeln, das wie ein Glanz von Jugend über sein verwittertes Antlitz flog. Sie war schön, sie war anmuthig, fuhr Laurens fort, nachdem er eine Zeitlang vergebens gewartet hatte, ob nicht der Marquis seinem Lobe etwas

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Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-15T10:58:35Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-15T10:58:35Z)

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Zitationshilfe: Hartmann, Moritz: Das Schloß im Gebirge. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 11. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. [221]–262. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hartmann_gebirge_1910/34>, abgerufen am 23.07.2024.