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Hartmann, Moritz: Das Schloß im Gebirge. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 11. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. [221]–262. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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wenig Lust, die Reise über den öden Mont-Cenis allein zu machen, und so beschloß ich die durch das Ausbleiben meines Reisegefährten gewährte Frist zu benutzen, um diesen wilden und in seinen Seitenthälern wenig bekannten Theil Savoyens kennen zu lernen.

Das Elend, das hier überall aus den erblindeten oder ganz und gar scheibenberaubten Fenstern der Hütten blickt, hat allerdings wenig Verlockendes, aber die Wildheit der Gegend, die gewaltigen Felsmassen, die Wildbäche, die aus geheimnißvollen Seitenthälern hervorbrechen, Höhen und Schluchten, die unnahbar scheinen, und der ganze Apparat großartiger Alpennatur versprechen, wenn sie auch bei der Armuth und Gedrücktheit der Menschen dem Herzen mit manchem schmerzlichen Eindruck drohen, doch vielfache Nahrung für Aug' und Phantasie. Wer außerdem seinen Livius gelesen, wird sich leicht überreden, daß er sich hier auf dem Wege befindet, auf dem Hannibal die gewaltigsten Hindernisse zu bekämpfen hatte, und zu den andern Verlockungen tritt noch der allgewaltige historische Reiz. Ich gestattete dem behaglich eingerichteten Zimmer, das mir der Verwalter einräumte, nicht, mein Capua zu werden, und schon eine Stunde nach meiner Ankunft befand ich mich an der Seite eines an der Eisenbahn angestellten Eingebornen auf der Wanderung.

Ungefähr eine halbe Stunde lang südwärts dem Bache entgegenwandernd, bogen wir dann rechts in

wenig Lust, die Reise über den öden Mont-Cenis allein zu machen, und so beschloß ich die durch das Ausbleiben meines Reisegefährten gewährte Frist zu benutzen, um diesen wilden und in seinen Seitenthälern wenig bekannten Theil Savoyens kennen zu lernen.

Das Elend, das hier überall aus den erblindeten oder ganz und gar scheibenberaubten Fenstern der Hütten blickt, hat allerdings wenig Verlockendes, aber die Wildheit der Gegend, die gewaltigen Felsmassen, die Wildbäche, die aus geheimnißvollen Seitenthälern hervorbrechen, Höhen und Schluchten, die unnahbar scheinen, und der ganze Apparat großartiger Alpennatur versprechen, wenn sie auch bei der Armuth und Gedrücktheit der Menschen dem Herzen mit manchem schmerzlichen Eindruck drohen, doch vielfache Nahrung für Aug' und Phantasie. Wer außerdem seinen Livius gelesen, wird sich leicht überreden, daß er sich hier auf dem Wege befindet, auf dem Hannibal die gewaltigsten Hindernisse zu bekämpfen hatte, und zu den andern Verlockungen tritt noch der allgewaltige historische Reiz. Ich gestattete dem behaglich eingerichteten Zimmer, das mir der Verwalter einräumte, nicht, mein Capua zu werden, und schon eine Stunde nach meiner Ankunft befand ich mich an der Seite eines an der Eisenbahn angestellten Eingebornen auf der Wanderung.

Ungefähr eine halbe Stunde lang südwärts dem Bache entgegenwandernd, bogen wir dann rechts in

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[0009] wenig Lust, die Reise über den öden Mont-Cenis allein zu machen, und so beschloß ich die durch das Ausbleiben meines Reisegefährten gewährte Frist zu benutzen, um diesen wilden und in seinen Seitenthälern wenig bekannten Theil Savoyens kennen zu lernen. Das Elend, das hier überall aus den erblindeten oder ganz und gar scheibenberaubten Fenstern der Hütten blickt, hat allerdings wenig Verlockendes, aber die Wildheit der Gegend, die gewaltigen Felsmassen, die Wildbäche, die aus geheimnißvollen Seitenthälern hervorbrechen, Höhen und Schluchten, die unnahbar scheinen, und der ganze Apparat großartiger Alpennatur versprechen, wenn sie auch bei der Armuth und Gedrücktheit der Menschen dem Herzen mit manchem schmerzlichen Eindruck drohen, doch vielfache Nahrung für Aug' und Phantasie. Wer außerdem seinen Livius gelesen, wird sich leicht überreden, daß er sich hier auf dem Wege befindet, auf dem Hannibal die gewaltigsten Hindernisse zu bekämpfen hatte, und zu den andern Verlockungen tritt noch der allgewaltige historische Reiz. Ich gestattete dem behaglich eingerichteten Zimmer, das mir der Verwalter einräumte, nicht, mein Capua zu werden, und schon eine Stunde nach meiner Ankunft befand ich mich an der Seite eines an der Eisenbahn angestellten Eingebornen auf der Wanderung. Ungefähr eine halbe Stunde lang südwärts dem Bache entgegenwandernd, bogen wir dann rechts in

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Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-15T10:58:35Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-15T10:58:35Z)

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Zitationshilfe: Hartmann, Moritz: Das Schloß im Gebirge. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 11. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. [221]–262. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hartmann_gebirge_1910/9>, abgerufen am 14.07.2024.