"Orte vortheilhafter lang oder kurz gebraucht "werden könne: dieses muß uns lehren, daß "man auf einen Trochäen nicht einen Dakty- "lus müsse folgen lassen, dessen erste Sylbe "lang oder kurz seyn kann, weil sonst das "Sylbenmaas verwirrt wird, und derglei- "chen mehr; alsdenn erfolget statt der Har- "monie eine unausbleibliche Verwirrung, und "das Ohr wird weit mißvergnügter, als bei "einer noch so unharmonischen Prose.
"Folgendes sind also die allgemeinen Re- "geln des Deutschen Hexameters. Die Länge "und Kürze muß nach dem Accente, der Aus- "sprache gemäß, genau beobachtet werden; "die Daktylen müssen insbesondere, so viel "möglich, rein seyn; keine Endung muß einer "andern, oder der Mitte des Verses allzusehr "ähnlich seyn; kein Hexameter muß auf zwei- "erlei Art können scandiret werden. Der "Abschnitt muß, so viel möglich, im dritten "Fuß und männlich seyn.
"Wir haben in unserer Sprache einen "Mangel an Spondäen, und dieser Mangel "entzieht dem Deutschen Theater keinen gerin- "gen Theil von dem gesezten Wohlklange, den
"die
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„Orte vortheilhafter lang oder kurz gebraucht „werden koͤnne: dieſes muß uns lehren, daß „man auf einen Trochaͤen nicht einen Dakty- „lus muͤſſe folgen laſſen, deſſen erſte Sylbe „lang oder kurz ſeyn kann, weil ſonſt das „Sylbenmaas verwirrt wird, und derglei- „chen mehr; alsdenn erfolget ſtatt der Har- „monie eine unausbleibliche Verwirrung, und „das Ohr wird weit mißvergnuͤgter, als bei „einer noch ſo unharmoniſchen Proſe.
„Folgendes ſind alſo die allgemeinen Re- „geln des Deutſchen Hexameters. Die Laͤnge „und Kuͤrze muß nach dem Accente, der Aus- „ſprache gemaͤß, genau beobachtet werden; „die Daktylen muͤſſen insbeſondere, ſo viel „moͤglich, rein ſeyn; keine Endung muß einer „andern, oder der Mitte des Verſes allzuſehr „aͤhnlich ſeyn; kein Hexameter muß auf zwei- „erlei Art koͤnnen ſcandiret werden. Der „Abſchnitt muß, ſo viel moͤglich, im dritten „Fuß und maͤnnlich ſeyn.
„Wir haben in unſerer Sprache einen „Mangel an Spondaͤen, und dieſer Mangel „entzieht dem Deutſchen Theater keinen gerin- „gen Theil von dem geſezten Wohlklange, den
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„Orte vortheilhafter lang oder kurz gebraucht
„werden koͤnne: dieſes muß uns lehren, daß
„man auf einen Trochaͤen nicht einen Dakty-
„lus muͤſſe folgen laſſen, deſſen erſte Sylbe
„lang oder kurz ſeyn kann, weil ſonſt das
„Sylbenmaas verwirrt wird, und derglei-
„chen mehr; alsdenn erfolget ſtatt der Har-
„monie eine unausbleibliche Verwirrung, und
„das Ohr wird weit mißvergnuͤgter, als bei
„einer noch ſo unharmoniſchen Proſe.
„Folgendes ſind alſo die allgemeinen Re-
„geln des Deutſchen Hexameters. Die Laͤnge
„und Kuͤrze muß nach dem Accente, der Aus-
„ſprache gemaͤß, genau beobachtet werden;
„die Daktylen muͤſſen insbeſondere, ſo viel
„moͤglich, rein ſeyn; keine Endung muß einer
„andern, oder der Mitte des Verſes allzuſehr
„aͤhnlich ſeyn; kein Hexameter muß auf zwei-
„erlei Art koͤnnen ſcandiret werden. Der
„Abſchnitt muß, ſo viel moͤglich, im dritten
„Fuß und maͤnnlich ſeyn.
„Wir haben in unſerer Sprache einen
„Mangel an Spondaͤen, und dieſer Mangel
„entzieht dem Deutſchen Theater keinen gerin-
„gen Theil von dem geſezten Wohlklange, den
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 117. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/121>, abgerufen am 11.09.2024.
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