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Kant, Immanuel: Critik der Urtheilskraft. Berlin u. a., 1790.

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I. Th. Critik der ästhetischen Urtheilskraft.

Angenehme Künste sind die, welche blos zum Ge-
nusse abgezweckt werden, dergleichen alle die Reitze sind,
welche die Gesellschaft an einer Tafel vergnügen können:
als unterhaltend zu erzählen, die Gesellschaft in frey-
müthige und lebhafte Gesprächigkeit zu versetzen, durch
Scherz und Lachen sie zu einem gewissen Tone der Lustig-
keit zu stimmen, wo, wie man sagt, manches ins Gelag
hinein geschwatzt werden kann und niemand über das,
was er spricht, verantwortlich seyn will, weil es nur
auf die augenblickliche Unterhaltung nicht auf einen blei-
benden Stoff zum Nachdenken oder Nachsagen angelegt
ist. (Hiezu gehört denn auch die Art, wie der Tisch zum
Genusse ausgerüstet ist, oder wohl gar bey großen Gela-
gen die Tafelmusik, ein wunderlich Ding, welches nur
als ein angenehmes Geräusch die Stimmung der Ge-
müther zur Fröhlichkeit unterhalten soll und, ohne daß
jemand auf die Composition derselben die mindeste Auf-
merksamkeit verwendet, die freye Gesprächigkeit eines
Nachbars mit dem andern begünstigt.) Dazu gehören
ferner alle Spiele, die weiter kein Jnteresse bey sich füh-
ren, als die Zeit unvermerkt verlaufen zu machen.

Schöne Kunst dagegen ist eine Vorstellungsart, die
für sich selbst zweckmäßig ist und obgleich ohne Zweck,
dennoch die Cultur der Gemüthskräfte zur geselligen
Mittheilung befördert.

Die allgemeine Mittheilbarkeit einer Lust führt es
schon in ihrem Begriffe mit sich, daß diese nicht eine Lust

des
I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.

Angenehme Kuͤnſte ſind die, welche blos zum Ge-
nuſſe abgezweckt werden, dergleichen alle die Reitze ſind,
welche die Geſellſchaft an einer Tafel vergnuͤgen koͤnnen:
als unterhaltend zu erzaͤhlen, die Geſellſchaft in frey-
muͤthige und lebhafte Geſpraͤchigkeit zu verſetzen, durch
Scherz und Lachen ſie zu einem gewiſſen Tone der Luſtig-
keit zu ſtimmen, wo, wie man ſagt, manches ins Gelag
hinein geſchwatzt werden kann und niemand uͤber das,
was er ſpricht, verantwortlich ſeyn will, weil es nur
auf die augenblickliche Unterhaltung nicht auf einen blei-
benden Stoff zum Nachdenken oder Nachſagen angelegt
iſt. (Hiezu gehoͤrt denn auch die Art, wie der Tiſch zum
Genuſſe ausgeruͤſtet iſt, oder wohl gar bey großen Gela-
gen die Tafelmuſik, ein wunderlich Ding, welches nur
als ein angenehmes Geraͤuſch die Stimmung der Ge-
muͤther zur Froͤhlichkeit unterhalten ſoll und, ohne daß
jemand auf die Compoſition derſelben die mindeſte Auf-
merkſamkeit verwendet, die freye Geſpraͤchigkeit eines
Nachbars mit dem andern beguͤnſtigt.) Dazu gehoͤren
ferner alle Spiele, die weiter kein Jntereſſe bey ſich fuͤh-
ren, als die Zeit unvermerkt verlaufen zu machen.

Schoͤne Kunſt dagegen iſt eine Vorſtellungsart, die
fuͤr ſich ſelbſt zweckmaͤßig iſt und obgleich ohne Zweck,
dennoch die Cultur der Gemuͤthskraͤfte zur geſelligen
Mittheilung befoͤrdert.

Die allgemeine Mittheilbarkeit einer Luſt fuͤhrt es
ſchon in ihrem Begriffe mit ſich, daß dieſe nicht eine Luſt

des
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[176/0240] I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft. Angenehme Kuͤnſte ſind die, welche blos zum Ge- nuſſe abgezweckt werden, dergleichen alle die Reitze ſind, welche die Geſellſchaft an einer Tafel vergnuͤgen koͤnnen: als unterhaltend zu erzaͤhlen, die Geſellſchaft in frey- muͤthige und lebhafte Geſpraͤchigkeit zu verſetzen, durch Scherz und Lachen ſie zu einem gewiſſen Tone der Luſtig- keit zu ſtimmen, wo, wie man ſagt, manches ins Gelag hinein geſchwatzt werden kann und niemand uͤber das, was er ſpricht, verantwortlich ſeyn will, weil es nur auf die augenblickliche Unterhaltung nicht auf einen blei- benden Stoff zum Nachdenken oder Nachſagen angelegt iſt. (Hiezu gehoͤrt denn auch die Art, wie der Tiſch zum Genuſſe ausgeruͤſtet iſt, oder wohl gar bey großen Gela- gen die Tafelmuſik, ein wunderlich Ding, welches nur als ein angenehmes Geraͤuſch die Stimmung der Ge- muͤther zur Froͤhlichkeit unterhalten ſoll und, ohne daß jemand auf die Compoſition derſelben die mindeſte Auf- merkſamkeit verwendet, die freye Geſpraͤchigkeit eines Nachbars mit dem andern beguͤnſtigt.) Dazu gehoͤren ferner alle Spiele, die weiter kein Jntereſſe bey ſich fuͤh- ren, als die Zeit unvermerkt verlaufen zu machen. Schoͤne Kunſt dagegen iſt eine Vorſtellungsart, die fuͤr ſich ſelbſt zweckmaͤßig iſt und obgleich ohne Zweck, dennoch die Cultur der Gemuͤthskraͤfte zur geſelligen Mittheilung befoͤrdert. Die allgemeine Mittheilbarkeit einer Luſt fuͤhrt es ſchon in ihrem Begriffe mit ſich, daß dieſe nicht eine Luſt des

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Zitationshilfe: Kant, Immanuel: Critik der Urtheilskraft. Berlin u. a., 1790, S. 176. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kant_urtheilskraft_1790/240>, abgerufen am 15.07.2024.