Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Keller, Gottfried: Das Sinngedicht. Berlin, 1882.

Bild:
<< vorherige Seite
Siebentes Capitel.
Von einer thörichten Jungfrau.

Denn er fühlte jetzt, als er sie am Arme dahin führte,
daß seine Frage eigentlich nichts anderes sagen wollte, als:
Schönste, weißt du nichts besseres zu thun? oder noch
deutlicher: Was hast du erlebt? darum schritt das sich
gegenseitig unbekannte Paar in gleichmäßiger Verblüffung
nach dem Speisezimmer, und Jedes wünschte meilenweit
vom Andern entfernt zu sein, wohl fühlend, daß sie sich
unvorsichtig in eine kritische Lage hinein gescherzt hatten.

Doch verlor sich die Verlegenheit, als sie in das
bereits erleuchtete Zimmer traten, wo die zwei Mägde
mit dem Auftragen des Abendessens beschäftigt waren.
Man setzte sich zu Tisch und die Mägde, nachdem sie
ihren Dienst vorläufig gethan, nahmen desgleichen Platz,
versahen sich ohne Weiteres mit Speise und aßen mit
Fleiß und gutem Anstand.

"Sie sehen," sagte Lucia zu ihrem Gast, "wir leben
hier ganz patriarchalisch, und hoffentlich werden Sie sich

Siebentes Capitel.
Von einer thörichten Jungfrau.

Denn er fühlte jetzt, als er ſie am Arme dahin führte,
daß ſeine Frage eigentlich nichts anderes ſagen wollte, als:
Schönſte, weißt du nichts beſſeres zu thun? oder noch
deutlicher: Was haſt du erlebt? darum ſchritt das ſich
gegenſeitig unbekannte Paar in gleichmäßiger Verblüffung
nach dem Speiſezimmer, und Jedes wünſchte meilenweit
vom Andern entfernt zu ſein, wohl fühlend, daß ſie ſich
unvorſichtig in eine kritiſche Lage hinein geſcherzt hatten.

Doch verlor ſich die Verlegenheit, als ſie in das
bereits erleuchtete Zimmer traten, wo die zwei Mägde
mit dem Auftragen des Abendeſſens beſchäftigt waren.
Man ſetzte ſich zu Tiſch und die Mägde, nachdem ſie
ihren Dienſt vorläufig gethan, nahmen desgleichen Platz,
verſahen ſich ohne Weiteres mit Speiſe und aßen mit
Fleiß und gutem Anſtand.

„Sie ſehen,“ ſagte Lucia zu ihrem Gaſt, „wir leben
hier ganz patriarchaliſch, und hoffentlich werden Sie ſich

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0054" n="[44]"/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b #g">Siebentes Capitel.</hi><lb/> <hi rendition="#b">Von einer thörichten Jungfrau.</hi><lb/>
          </head>
          <p><hi rendition="#in">D</hi>enn er fühlte jetzt, als er &#x017F;ie am Arme dahin führte,<lb/>
daß &#x017F;eine Frage eigentlich nichts anderes &#x017F;agen wollte, als:<lb/>
Schön&#x017F;te, weißt du nichts be&#x017F;&#x017F;eres zu thun? oder noch<lb/>
deutlicher: Was ha&#x017F;t du erlebt? darum &#x017F;chritt das &#x017F;ich<lb/>
gegen&#x017F;eitig unbekannte Paar in gleichmäßiger Verblüffung<lb/>
nach dem Spei&#x017F;ezimmer, und Jedes wün&#x017F;chte meilenweit<lb/>
vom Andern entfernt zu &#x017F;ein, wohl fühlend, daß &#x017F;ie &#x017F;ich<lb/>
unvor&#x017F;ichtig in eine kriti&#x017F;che Lage hinein ge&#x017F;cherzt hatten.</p><lb/>
          <p>Doch verlor &#x017F;ich die Verlegenheit, als &#x017F;ie in das<lb/>
bereits erleuchtete Zimmer traten, wo die zwei Mägde<lb/>
mit dem Auftragen des Abende&#x017F;&#x017F;ens be&#x017F;chäftigt waren.<lb/>
Man &#x017F;etzte &#x017F;ich zu Ti&#x017F;ch und die Mägde, nachdem &#x017F;ie<lb/>
ihren Dien&#x017F;t vorläufig gethan, nahmen desgleichen Platz,<lb/>
ver&#x017F;ahen &#x017F;ich ohne Weiteres mit Spei&#x017F;e und aßen mit<lb/>
Fleiß und gutem An&#x017F;tand.</p><lb/>
          <p>&#x201E;Sie &#x017F;ehen,&#x201C; &#x017F;agte Lucia zu ihrem Ga&#x017F;t, &#x201E;wir leben<lb/>
hier ganz patriarchali&#x017F;ch, und hoffentlich werden Sie &#x017F;ich<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[44]/0054] Siebentes Capitel. Von einer thörichten Jungfrau. Denn er fühlte jetzt, als er ſie am Arme dahin führte, daß ſeine Frage eigentlich nichts anderes ſagen wollte, als: Schönſte, weißt du nichts beſſeres zu thun? oder noch deutlicher: Was haſt du erlebt? darum ſchritt das ſich gegenſeitig unbekannte Paar in gleichmäßiger Verblüffung nach dem Speiſezimmer, und Jedes wünſchte meilenweit vom Andern entfernt zu ſein, wohl fühlend, daß ſie ſich unvorſichtig in eine kritiſche Lage hinein geſcherzt hatten. Doch verlor ſich die Verlegenheit, als ſie in das bereits erleuchtete Zimmer traten, wo die zwei Mägde mit dem Auftragen des Abendeſſens beſchäftigt waren. Man ſetzte ſich zu Tiſch und die Mägde, nachdem ſie ihren Dienſt vorläufig gethan, nahmen desgleichen Platz, verſahen ſich ohne Weiteres mit Speiſe und aßen mit Fleiß und gutem Anſtand. „Sie ſehen,“ ſagte Lucia zu ihrem Gaſt, „wir leben hier ganz patriarchaliſch, und hoffentlich werden Sie ſich

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/keller_sinngedicht_1882
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/keller_sinngedicht_1882/54
Zitationshilfe: Keller, Gottfried: Das Sinngedicht. Berlin, 1882, S. [44]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/keller_sinngedicht_1882/54>, abgerufen am 26.06.2022.