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Kotzebue, August von: Menschenhaß und Reue. Berlin, 1790.

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zwey, drey, ist der Mittag da. Gegen Abend
fang ich an herum zu schwärmen, aus dem Garten
in den Park, aus dem Park auf die Wiesen. Ich
füttere mein Feder-Vieh, ich begieße meine Blu-
men, ich pflücke Erdbeeren, schüttle Kirschen von
den Bäumen, oder ich sehe den Bauerknaben zu,
wie sie spielen.
Der Major. Alles das sind Freuden des Som-
mers. Aber der Winter! der Winter!
Eulal. O, wer wird sich nun gerade den Win-
ter immer denken, als einen Greis, in Pelz ge-
hüllt, mit dem Muff in der Hand? Der Winter
hat seine eigenen Freuden. Wenn draußen Schnee
und Hagel an die Fenster stürmt, so thut einem
schon der Gedanke so wohl: ich sitze hier am war-
men Ofen. Und dann ist's Zeit, den Bücher-
schrank zu öfnen, durch Lesen die Seele zu erhei-
tern, bis die Frühlings-Sonne wieder wärmer
scheint. Oder ich lasse mir mein Clavier stimmen,
so gut unser Schulmeister das versteht, und spiele
mir selbst eine Sonate von Mozart, oder singe mir
eine Arie von Paisiello.
Der Major. Selig, wer den Faden seiner Be-
schäftigungen so ganz aus sich selbst zu spinnen vermag!
zwey, drey, iſt der Mittag da. Gegen Abend
fang ich an herum zu ſchwaͤrmen, aus dem Garten
in den Park, aus dem Park auf die Wieſen. Ich
fuͤttere mein Feder-Vieh, ich begieße meine Blu-
men, ich pfluͤcke Erdbeeren, ſchuͤttle Kirſchen von
den Baͤumen, oder ich ſehe den Bauerknaben zu,
wie ſie ſpielen.
Der Major. Alles das ſind Freuden des Som-
mers. Aber der Winter! der Winter!
Eulal. O, wer wird ſich nun gerade den Win-
ter immer denken, als einen Greis, in Pelz ge-
huͤllt, mit dem Muff in der Hand? Der Winter
hat ſeine eigenen Freuden. Wenn draußen Schnee
und Hagel an die Fenſter ſtuͤrmt, ſo thut einem
ſchon der Gedanke ſo wohl: ich ſitze hier am war-
men Ofen. Und dann iſt’s Zeit, den Buͤcher-
ſchrank zu oͤfnen, durch Leſen die Seele zu erhei-
tern, bis die Fruͤhlings-Sonne wieder waͤrmer
ſcheint. Oder ich laſſe mir mein Clavier ſtimmen,
ſo gut unſer Schulmeiſter das verſteht, und ſpiele
mir ſelbſt eine Sonate von Mozart, oder ſinge mir
eine Arie von Paiſiello.
Der Major. Selig, wer den Faden ſeiner Be-
ſchaͤftigungen ſo ganz aus ſich ſelbſt zu ſpinnen vermag!
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[45/0053] zwey, drey, iſt der Mittag da. Gegen Abend fang ich an herum zu ſchwaͤrmen, aus dem Garten in den Park, aus dem Park auf die Wieſen. Ich fuͤttere mein Feder-Vieh, ich begieße meine Blu- men, ich pfluͤcke Erdbeeren, ſchuͤttle Kirſchen von den Baͤumen, oder ich ſehe den Bauerknaben zu, wie ſie ſpielen. Der Major. Alles das ſind Freuden des Som- mers. Aber der Winter! der Winter! Eulal. O, wer wird ſich nun gerade den Win- ter immer denken, als einen Greis, in Pelz ge- huͤllt, mit dem Muff in der Hand? Der Winter hat ſeine eigenen Freuden. Wenn draußen Schnee und Hagel an die Fenſter ſtuͤrmt, ſo thut einem ſchon der Gedanke ſo wohl: ich ſitze hier am war- men Ofen. Und dann iſt’s Zeit, den Buͤcher- ſchrank zu oͤfnen, durch Leſen die Seele zu erhei- tern, bis die Fruͤhlings-Sonne wieder waͤrmer ſcheint. Oder ich laſſe mir mein Clavier ſtimmen, ſo gut unſer Schulmeiſter das verſteht, und ſpiele mir ſelbſt eine Sonate von Mozart, oder ſinge mir eine Arie von Paiſiello. Der Major. Selig, wer den Faden ſeiner Be- ſchaͤftigungen ſo ganz aus ſich ſelbſt zu ſpinnen vermag!

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Zitationshilfe: Kotzebue, August von: Menschenhaß und Reue. Berlin, 1790, S. 45. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kotzebue_menschenhass_1790/53>, abgerufen am 21.02.2024.