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Kurz, Hermann: Der Sonnenwirth. Frankfurt (Main), 1855.

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Gern.

Der dreiäugig' Spitzbub'! rief er am andern Abend, als er das
Geld zählte, mit welchem ihn sein Freund vor dem Flecken an der
Straße erwartete: der nimmt ja einen Heidenprofit und milkt mich wie
eine Kuh, aber ich will ihn schon dafür kriegen. Was hat er denn
gesagt?

Er hat gesagt, er hab' dir freilich versprochen, er wolle die Büchse
wieder nehmen, aber nur für den Fall, daß sie dir nicht gut genug
sei, und das könnest du selbst nicht sagen; aber daß die Katze je vom
Mausen lassen könnte, das hab' er nicht geglaubt, und auch kein
Versprechen darauf gethan.

Friedrich lachte überaus lustig. Der Galgenstrick! sagte er: so,
der will mich noch dafür strafen? Nun, setzte er mit ernstem Tone
hinzu, ich hoff' das soll meine letzte Strafe gewesen sein. Auf dem
Weg, den ich geh', kann ich keine Strafe mehr brauchen.

Es war ein doppelter Zweck, den er mit diesem Geschäfte erreichen
wollte. Erstens hatte er nun wieder etwas Klingendes in der Tasche,
denn es wäre ihm unerträglich gewesen mit leeren Händen zu lieben.
Zweitens aber -- und das war der Grund, warum er Christinens
Bruder mit dem Verkauf des Jagdgewehrs beauftragt -- hatte er
sein Mädchen in verdeckter Weise wissen lassen, daß er um ihretwillen
nicht bloß auf den Pfad der Tugend zurückkehren, sondern auch jeden
andern Weg meiden wolle, der, wenn auch nicht gerade bürgerliche
Verabscheuung darauf ruhte, doch anderswohin als zu der Verbin¬
dung mit ihr führen konnte.

6.

Immer häufiger wurden die Besuche und heimlichen Berichte, die
der Fischer der Sonnenwirthin abstattete und für die er nicht nur
manche Gutthat aus Küche und Keller nach Hause trug, sondern auch
das Versprechen erhielt, daß es ihm dereinst, wenn sie durch allfällige
Ereignisse zur ausschließlichen Herrschaft im Hause gelangen würde

Gern.

Der dreiäugig' Spitzbub'! rief er am andern Abend, als er das
Geld zählte, mit welchem ihn ſein Freund vor dem Flecken an der
Straße erwartete: der nimmt ja einen Heidenprofit und milkt mich wie
eine Kuh, aber ich will ihn ſchon dafür kriegen. Was hat er denn
geſagt?

Er hat geſagt, er hab' dir freilich verſprochen, er wolle die Büchſe
wieder nehmen, aber nur für den Fall, daß ſie dir nicht gut genug
ſei, und das könneſt du ſelbſt nicht ſagen; aber daß die Katze je vom
Mauſen laſſen könnte, das hab' er nicht geglaubt, und auch kein
Verſprechen darauf gethan.

Friedrich lachte überaus luſtig. Der Galgenſtrick! ſagte er: ſo,
der will mich noch dafür ſtrafen? Nun, ſetzte er mit ernſtem Tone
hinzu, ich hoff' das ſoll meine letzte Strafe geweſen ſein. Auf dem
Weg, den ich geh', kann ich keine Strafe mehr brauchen.

Es war ein doppelter Zweck, den er mit dieſem Geſchäfte erreichen
wollte. Erſtens hatte er nun wieder etwas Klingendes in der Taſche,
denn es wäre ihm unerträglich geweſen mit leeren Händen zu lieben.
Zweitens aber — und das war der Grund, warum er Chriſtinens
Bruder mit dem Verkauf des Jagdgewehrs beauftragt — hatte er
ſein Mädchen in verdeckter Weiſe wiſſen laſſen, daß er um ihretwillen
nicht bloß auf den Pfad der Tugend zurückkehren, ſondern auch jeden
andern Weg meiden wolle, der, wenn auch nicht gerade bürgerliche
Verabſcheuung darauf ruhte, doch anderswohin als zu der Verbin¬
dung mit ihr führen konnte.

6.

Immer häufiger wurden die Beſuche und heimlichen Berichte, die
der Fiſcher der Sonnenwirthin abſtattete und für die er nicht nur
manche Gutthat aus Küche und Keller nach Hauſe trug, ſondern auch
das Verſprechen erhielt, daß es ihm dereinſt, wenn ſie durch allfällige
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[73/0089] Gern. Der dreiäugig' Spitzbub'! rief er am andern Abend, als er das Geld zählte, mit welchem ihn ſein Freund vor dem Flecken an der Straße erwartete: der nimmt ja einen Heidenprofit und milkt mich wie eine Kuh, aber ich will ihn ſchon dafür kriegen. Was hat er denn geſagt? Er hat geſagt, er hab' dir freilich verſprochen, er wolle die Büchſe wieder nehmen, aber nur für den Fall, daß ſie dir nicht gut genug ſei, und das könneſt du ſelbſt nicht ſagen; aber daß die Katze je vom Mauſen laſſen könnte, das hab' er nicht geglaubt, und auch kein Verſprechen darauf gethan. Friedrich lachte überaus luſtig. Der Galgenſtrick! ſagte er: ſo, der will mich noch dafür ſtrafen? Nun, ſetzte er mit ernſtem Tone hinzu, ich hoff' das ſoll meine letzte Strafe geweſen ſein. Auf dem Weg, den ich geh', kann ich keine Strafe mehr brauchen. Es war ein doppelter Zweck, den er mit dieſem Geſchäfte erreichen wollte. Erſtens hatte er nun wieder etwas Klingendes in der Taſche, denn es wäre ihm unerträglich geweſen mit leeren Händen zu lieben. Zweitens aber — und das war der Grund, warum er Chriſtinens Bruder mit dem Verkauf des Jagdgewehrs beauftragt — hatte er ſein Mädchen in verdeckter Weiſe wiſſen laſſen, daß er um ihretwillen nicht bloß auf den Pfad der Tugend zurückkehren, ſondern auch jeden andern Weg meiden wolle, der, wenn auch nicht gerade bürgerliche Verabſcheuung darauf ruhte, doch anderswohin als zu der Verbin¬ dung mit ihr führen konnte. 6. Immer häufiger wurden die Beſuche und heimlichen Berichte, die der Fiſcher der Sonnenwirthin abſtattete und für die er nicht nur manche Gutthat aus Küche und Keller nach Hauſe trug, ſondern auch das Verſprechen erhielt, daß es ihm dereinſt, wenn ſie durch allfällige Ereigniſſe zur ausſchließlichen Herrſchaft im Hauſe gelangen würde

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Zitationshilfe: Kurz, Hermann: Der Sonnenwirth. Frankfurt (Main), 1855, S. 73. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kurz_sonnenwirth_1855/89>, abgerufen am 11.08.2022.