Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lange, Max: Lehrbuch des Schachspiels. Halle (Saale), 1856.

Bild:
<< vorherige Seite

ist bekannt, dass Deutschland in seinem von Berlin ausge-
sandten Vertreter Anderssen den Sieg davon trug; und wenn
man auch nicht läugnen darf, dass dieser feine Spieler,
dessen geniale Partieführung an Labourdonnais erinnert, den
erstrittenen Ehrenrang würdig vertrat, so steht ihm doch eine
ganze Reihe ebenbürtiger Meister zur Seite mit vollem Rechte
auf gleiche Anwartschaft. Es hatte Herr v. d. Lasa, so-
wie mancher andere ausgezeichnete Spieler, wie Petroff, Harr-
witz, Falkbeer, gar nicht am Turnier Theil genommen, und
mancher tapfere Held, wie Löwenthal, Kieseritzky, war wohl
nur dem eigenthümlich fehlerhaften Arrangement, welchem
Staunton vergebens abzuhelfen suchte, erlegen. Trotzdem
führte die Anregung, welche das Turnier der gesammten
Schachwelt gab, unberechenbare Vortheile für die Praxis mit
sich, und schon dieses einzigen Grundes wegen ist das Tur-
nier, bei all' seiner mangelhaften Einrichtung und trotz seiner
Erfolglosigkeit für wirkliche Fortbildung des Spieles, als Epoche
machend in der Geschichte der Praxis zu betrachten.

§. 420. In allen Clubs und Gesellschaften und unter
den Spielern der höchsten wie niedrigsten Classe wirkte das
Turnier belebend und anregend. Correspondenzpartien, zahl-
reiche Wettkämpfe, einzelne kleine Turniere im Schoose der
Schachgesellschaften suchten das belebte Interesse noch dauern-
der zu fesseln. Ja zur Zeit der französischen Industrieaus-
stellung im letztvergangenen Sommer kam ein ähnliches Turnier
in Frage, das wohl nur wegen ungünstiger Zeitverhältnisse
aufgegeben wurde. Doch wird eine spätere Zeit diesen Plan
sicherlich noch zur Ausführung bringen, wobei man nur die
zu London gemachten Erfahrungen weislich berücksichtigen
möge. Die Reihe bedeutender Wettkämpfe nach dem ersten
Turniere kann dem Schachfreunde als eine sichere Bürgschaft
wahren Interesses am Spiele gelten. Wir erinnern zum Schlusse
nur an die bedeutenden Kämpfe des Jahres 1853 zwischen
von der Lasa und Staunton und zwischen Löwenthal und
Harrwitz, in welchen auf beiden Seiten mit gleich ausge-
zeichneter Bravour gestritten wurde.



16

ist bekannt, dass Deutschland in seinem von Berlin ausge-
sandten Vertreter Anderssen den Sieg davon trug; und wenn
man auch nicht läugnen darf, dass dieser feine Spieler,
dessen geniale Partieführung an Labourdonnais erinnert, den
erstrittenen Ehrenrang würdig vertrat, so steht ihm doch eine
ganze Reihe ebenbürtiger Meister zur Seite mit vollem Rechte
auf gleiche Anwartschaft. Es hatte Herr v. d. Lasa, so-
wie mancher andere ausgezeichnete Spieler, wie Petroff, Harr-
witz, Falkbeer, gar nicht am Turnier Theil genommen, und
mancher tapfere Held, wie Löwenthal, Kieseritzky, war wohl
nur dem eigenthümlich fehlerhaften Arrangement, welchem
Staunton vergebens abzuhelfen suchte, erlegen. Trotzdem
führte die Anregung, welche das Turnier der gesammten
Schachwelt gab, unberechenbare Vortheile für die Praxis mit
sich, und schon dieses einzigen Grundes wegen ist das Tur-
nier, bei all’ seiner mangelhaften Einrichtung und trotz seiner
Erfolglosigkeit für wirkliche Fortbildung des Spieles, als Epoche
machend in der Geschichte der Praxis zu betrachten.

§. 420. In allen Clubs und Gesellschaften und unter
den Spielern der höchsten wie niedrigsten Classe wirkte das
Turnier belebend und anregend. Correspondenzpartien, zahl-
reiche Wettkämpfe, einzelne kleine Turniere im Schoose der
Schachgesellschaften suchten das belebte Interesse noch dauern-
der zu fesseln. Ja zur Zeit der französischen Industrieaus-
stellung im letztvergangenen Sommer kam ein ähnliches Turnier
in Frage, das wohl nur wegen ungünstiger Zeitverhältnisse
aufgegeben wurde. Doch wird eine spätere Zeit diesen Plan
sicherlich noch zur Ausführung bringen, wobei man nur die
zu London gemachten Erfahrungen weislich berücksichtigen
möge. Die Reihe bedeutender Wettkämpfe nach dem ersten
Turniere kann dem Schachfreunde als eine sichere Bürgschaft
wahren Interesses am Spiele gelten. Wir erinnern zum Schlusse
nur an die bedeutenden Kämpfe des Jahres 1853 zwischen
von der Lasa und Staunton und zwischen Löwenthal und
Harrwitz, in welchen auf beiden Seiten mit gleich ausge-
zeichneter Bravour gestritten wurde.



16
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <div n="5">
                <p><pb facs="#f0253" n="241"/>
ist bekannt, dass Deutschland in seinem von Berlin ausge-<lb/>
sandten Vertreter <hi rendition="#g">Anderssen</hi> den Sieg davon trug; und wenn<lb/>
man auch nicht läugnen darf, dass dieser feine Spieler,<lb/>
dessen geniale Partieführung an Labourdonnais erinnert, den<lb/>
erstrittenen Ehrenrang würdig vertrat, so steht ihm doch eine<lb/>
ganze Reihe ebenbürtiger Meister zur Seite mit vollem Rechte<lb/>
auf gleiche Anwartschaft. Es hatte Herr v. d. Lasa, so-<lb/>
wie mancher andere ausgezeichnete Spieler, wie Petroff, Harr-<lb/>
witz, Falkbeer, gar nicht am Turnier Theil genommen, und<lb/>
mancher tapfere Held, wie Löwenthal, Kieseritzky, war wohl<lb/>
nur dem eigenthümlich fehlerhaften Arrangement, welchem<lb/>
Staunton vergebens abzuhelfen suchte, erlegen. Trotzdem<lb/>
führte die Anregung, welche das Turnier der gesammten<lb/>
Schachwelt gab, unberechenbare Vortheile für die Praxis mit<lb/>
sich, und schon dieses einzigen Grundes wegen ist das Tur-<lb/>
nier, bei all&#x2019; seiner mangelhaften Einrichtung und trotz seiner<lb/>
Erfolglosigkeit für wirkliche Fortbildung des Spieles, als Epoche<lb/>
machend in der Geschichte der Praxis zu betrachten.</p><lb/>
                <p>§. 420. In allen Clubs und Gesellschaften und unter<lb/>
den Spielern der höchsten wie niedrigsten Classe wirkte das<lb/>
Turnier belebend und anregend. Correspondenzpartien, zahl-<lb/>
reiche Wettkämpfe, einzelne kleine Turniere im Schoose der<lb/>
Schachgesellschaften suchten das belebte Interesse noch dauern-<lb/>
der zu fesseln. Ja zur Zeit der französischen Industrieaus-<lb/>
stellung im letztvergangenen Sommer kam ein ähnliches Turnier<lb/>
in Frage, das wohl nur wegen ungünstiger Zeitverhältnisse<lb/>
aufgegeben wurde. Doch wird eine spätere Zeit diesen Plan<lb/>
sicherlich noch zur Ausführung bringen, wobei man nur die<lb/>
zu London gemachten Erfahrungen weislich berücksichtigen<lb/>
möge. Die Reihe bedeutender Wettkämpfe nach dem ersten<lb/>
Turniere kann dem Schachfreunde als eine sichere Bürgschaft<lb/>
wahren Interesses am Spiele gelten. Wir erinnern zum Schlusse<lb/>
nur an die bedeutenden Kämpfe des Jahres 1853 zwischen<lb/>
von der Lasa und Staunton und zwischen Löwenthal und<lb/>
Harrwitz, in welchen auf beiden Seiten mit gleich ausge-<lb/>
zeichneter Bravour gestritten wurde.</p>
              </div>
            </div><lb/>
            <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
            <fw place="bottom" type="sig">16</fw><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[241/0253] ist bekannt, dass Deutschland in seinem von Berlin ausge- sandten Vertreter Anderssen den Sieg davon trug; und wenn man auch nicht läugnen darf, dass dieser feine Spieler, dessen geniale Partieführung an Labourdonnais erinnert, den erstrittenen Ehrenrang würdig vertrat, so steht ihm doch eine ganze Reihe ebenbürtiger Meister zur Seite mit vollem Rechte auf gleiche Anwartschaft. Es hatte Herr v. d. Lasa, so- wie mancher andere ausgezeichnete Spieler, wie Petroff, Harr- witz, Falkbeer, gar nicht am Turnier Theil genommen, und mancher tapfere Held, wie Löwenthal, Kieseritzky, war wohl nur dem eigenthümlich fehlerhaften Arrangement, welchem Staunton vergebens abzuhelfen suchte, erlegen. Trotzdem führte die Anregung, welche das Turnier der gesammten Schachwelt gab, unberechenbare Vortheile für die Praxis mit sich, und schon dieses einzigen Grundes wegen ist das Tur- nier, bei all’ seiner mangelhaften Einrichtung und trotz seiner Erfolglosigkeit für wirkliche Fortbildung des Spieles, als Epoche machend in der Geschichte der Praxis zu betrachten. §. 420. In allen Clubs und Gesellschaften und unter den Spielern der höchsten wie niedrigsten Classe wirkte das Turnier belebend und anregend. Correspondenzpartien, zahl- reiche Wettkämpfe, einzelne kleine Turniere im Schoose der Schachgesellschaften suchten das belebte Interesse noch dauern- der zu fesseln. Ja zur Zeit der französischen Industrieaus- stellung im letztvergangenen Sommer kam ein ähnliches Turnier in Frage, das wohl nur wegen ungünstiger Zeitverhältnisse aufgegeben wurde. Doch wird eine spätere Zeit diesen Plan sicherlich noch zur Ausführung bringen, wobei man nur die zu London gemachten Erfahrungen weislich berücksichtigen möge. Die Reihe bedeutender Wettkämpfe nach dem ersten Turniere kann dem Schachfreunde als eine sichere Bürgschaft wahren Interesses am Spiele gelten. Wir erinnern zum Schlusse nur an die bedeutenden Kämpfe des Jahres 1853 zwischen von der Lasa und Staunton und zwischen Löwenthal und Harrwitz, in welchen auf beiden Seiten mit gleich ausge- zeichneter Bravour gestritten wurde. 16

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/lange_schachspiel_1856
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/lange_schachspiel_1856/253
Zitationshilfe: Lange, Max: Lehrbuch des Schachspiels. Halle (Saale), 1856, S. 241. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lange_schachspiel_1856/253>, abgerufen am 25.02.2024.