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[La Roche, Sophie von]: Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Bd. 1. Hrsg. v. Christoph Martin Wieland. Leipzig, 1771.

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Zwar sind Kopf und Füße noch frey, aber
die kleine Jagd, welche auf der andern
Seite nach ihr gemacht wird, soll sie bald
ganz in meine Schlingen treiben, und sie
sogar nöthigen, mich als ihren Erretter
anzusehen. Vortrefflich war mein Ge-
danke, mich nach ihrem Geiste der Wohl-
thätigkeit zu schmiegen, und dabey das
Ansehen der Gleichgültigkeit und Verbor-
genheit zu behalten. Beynahe hätte ich
es zu lange anstehen lassen, und die beste
Gelegenheit versäumt, mich ihr in einem
vortheilhaften Lichte zu zeigen; aber die
Geschwätzigkeit ihrer Tante half mir alles
einbringen.

Jn der letzten Gesellschaft bey Hofe
wurden wir alle durch ein langes Ge-
spräch der Sternheim mit dem Fürsten be-
sonders aufmerksam gemacht; ich hatte
ihren Ton behorcht, welcher süß und ein-
nehmend gestimmt war, und da ich nach-
dachte, was das Mädchen vorhaben
möchte? sah' ich den Fürsten ihre Hände
ergreifen, und wie mich dünkte, eine
küssen. Der Kopf wurde mir schwindlicht,

ich

Zwar ſind Kopf und Fuͤße noch frey, aber
die kleine Jagd, welche auf der andern
Seite nach ihr gemacht wird, ſoll ſie bald
ganz in meine Schlingen treiben, und ſie
ſogar noͤthigen, mich als ihren Erretter
anzuſehen. Vortrefflich war mein Ge-
danke, mich nach ihrem Geiſte der Wohl-
thaͤtigkeit zu ſchmiegen, und dabey das
Anſehen der Gleichguͤltigkeit und Verbor-
genheit zu behalten. Beynahe haͤtte ich
es zu lange anſtehen laſſen, und die beſte
Gelegenheit verſaͤumt, mich ihr in einem
vortheilhaften Lichte zu zeigen; aber die
Geſchwaͤtzigkeit ihrer Tante half mir alles
einbringen.

Jn der letzten Geſellſchaft bey Hofe
wurden wir alle durch ein langes Ge-
ſpraͤch der Sternheim mit dem Fuͤrſten be-
ſonders aufmerkſam gemacht; ich hatte
ihren Ton behorcht, welcher ſuͤß und ein-
nehmend geſtimmt war, und da ich nach-
dachte, was das Maͤdchen vorhaben
moͤchte? ſah’ ich den Fuͤrſten ihre Haͤnde
ergreifen, und wie mich duͤnkte, eine
kuͤſſen. Der Kopf wurde mir ſchwindlicht,

ich
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[304/0330] Zwar ſind Kopf und Fuͤße noch frey, aber die kleine Jagd, welche auf der andern Seite nach ihr gemacht wird, ſoll ſie bald ganz in meine Schlingen treiben, und ſie ſogar noͤthigen, mich als ihren Erretter anzuſehen. Vortrefflich war mein Ge- danke, mich nach ihrem Geiſte der Wohl- thaͤtigkeit zu ſchmiegen, und dabey das Anſehen der Gleichguͤltigkeit und Verbor- genheit zu behalten. Beynahe haͤtte ich es zu lange anſtehen laſſen, und die beſte Gelegenheit verſaͤumt, mich ihr in einem vortheilhaften Lichte zu zeigen; aber die Geſchwaͤtzigkeit ihrer Tante half mir alles einbringen. Jn der letzten Geſellſchaft bey Hofe wurden wir alle durch ein langes Ge- ſpraͤch der Sternheim mit dem Fuͤrſten be- ſonders aufmerkſam gemacht; ich hatte ihren Ton behorcht, welcher ſuͤß und ein- nehmend geſtimmt war, und da ich nach- dachte, was das Maͤdchen vorhaben moͤchte? ſah’ ich den Fuͤrſten ihre Haͤnde ergreifen, und wie mich duͤnkte, eine kuͤſſen. Der Kopf wurde mir ſchwindlicht, ich

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Zitationshilfe: [La Roche, Sophie von]: Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Bd. 1. Hrsg. v. Christoph Martin Wieland. Leipzig, 1771, S. 304. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/laroche_geschichte01_1771/330>, abgerufen am 28.02.2024.