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Laube, Heinrich: Die Bernsteinhexe. Leipzig, 1846.

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Die Bernsteinhexe.
lang' es mit den Jungfern geht, aber seit Du alle Abende
in den Streckelberg gingst, war's vorbei, und nun konnte
die alte und die junge nichts mehr, die alte aber war da-
bei zu Grund gegangen, und nun fragt mich der junge
Narr, was sie mir gethan!
Wittich.
Genug. Vor Gericht magst Du das wiederholen;
jetzt ist es unnütz.
(Er führt Marie in den Vordergrund und
spricht halblaut.)
Du siehst, Marie, Deine Sache ist so
eingeleitet, daß Du verloren bist, wenn Dir meine Hülfe
entgeht. Die Richter von Usedom sind unterweges und
können jede Minute eintreffen; laß ich sie den Prozeß be-
ginnen, so bist Du binnen wenig Tagen zum brennenden
Holzstoße verurtheilt, und eh' es wieder Sonntag wird,
verbrannt, denn die Richter sind in diesen Dingen so
schnell wie das Unglück -- willst Du Dich aber eines Bes-
seren besinnen, willst meinen Vorschlag von gestern Abend
annehmen und als Ausgeberin zu mir nach Pudagla ziehn
oder im Waldhause wohnen, so schlag' ich den Prozeß
auf der Stelle nieder, und kein Haar soll Dir gekrümmt
werden, es müßte denn mein Finger sein, der Deine
Locke auf und nieder ringelte! -- Entscheide.
Marie (zurücktretend; laut.)
Die Anwesenden mögen entscheiden!
Wittich.
Was soll's?
Die Bernſteinhexe.
lang’ es mit den Jungfern geht, aber ſeit Du alle Abende
in den Streckelberg gingſt, war’s vorbei, und nun konnte
die alte und die junge nichts mehr, die alte aber war da-
bei zu Grund gegangen, und nun fragt mich der junge
Narr, was ſie mir gethan!
Wittich.
Genug. Vor Gericht magſt Du das wiederholen;
jetzt iſt es unnuͤtz.
(Er fuͤhrt Marie in den Vordergrund und
ſpricht halblaut.)
Du ſiehſt, Marie, Deine Sache iſt ſo
eingeleitet, daß Du verloren biſt, wenn Dir meine Huͤlfe
entgeht. Die Richter von Uſedom ſind unterweges und
koͤnnen jede Minute eintreffen; laß ich ſie den Prozeß be-
ginnen, ſo biſt Du binnen wenig Tagen zum brennenden
Holzſtoße verurtheilt, und eh’ es wieder Sonntag wird,
verbrannt, denn die Richter ſind in dieſen Dingen ſo
ſchnell wie das Ungluͤck — willſt Du Dich aber eines Beſ-
ſeren beſinnen, willſt meinen Vorſchlag von geſtern Abend
annehmen und als Ausgeberin zu mir nach Pudagla ziehn
oder im Waldhauſe wohnen, ſo ſchlag’ ich den Prozeß
auf der Stelle nieder, und kein Haar ſoll Dir gekruͤmmt
werden, es muͤßte denn mein Finger ſein, der Deine
Locke auf und nieder ringelte! — Entſcheide.
Marie (zuruͤcktretend; laut.)
Die Anweſenden moͤgen entſcheiden!
Wittich.
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[111/0117] Die Bernſteinhexe. lang’ es mit den Jungfern geht, aber ſeit Du alle Abende in den Streckelberg gingſt, war’s vorbei, und nun konnte die alte und die junge nichts mehr, die alte aber war da- bei zu Grund gegangen, und nun fragt mich der junge Narr, was ſie mir gethan! Wittich. Genug. Vor Gericht magſt Du das wiederholen; jetzt iſt es unnuͤtz. (Er fuͤhrt Marie in den Vordergrund und ſpricht halblaut.) Du ſiehſt, Marie, Deine Sache iſt ſo eingeleitet, daß Du verloren biſt, wenn Dir meine Huͤlfe entgeht. Die Richter von Uſedom ſind unterweges und koͤnnen jede Minute eintreffen; laß ich ſie den Prozeß be- ginnen, ſo biſt Du binnen wenig Tagen zum brennenden Holzſtoße verurtheilt, und eh’ es wieder Sonntag wird, verbrannt, denn die Richter ſind in dieſen Dingen ſo ſchnell wie das Ungluͤck — willſt Du Dich aber eines Beſ- ſeren beſinnen, willſt meinen Vorſchlag von geſtern Abend annehmen und als Ausgeberin zu mir nach Pudagla ziehn oder im Waldhauſe wohnen, ſo ſchlag’ ich den Prozeß auf der Stelle nieder, und kein Haar ſoll Dir gekruͤmmt werden, es muͤßte denn mein Finger ſein, der Deine Locke auf und nieder ringelte! — Entſcheide. Marie (zuruͤcktretend; laut.) Die Anweſenden moͤgen entſcheiden! Wittich. Was ſoll’s?

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Zitationshilfe: Laube, Heinrich: Die Bernsteinhexe. Leipzig, 1846, S. 111. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/laube_bernsteinhexe_1846/117>, abgerufen am 21.07.2024.