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Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 1. Leipzig u. a., 1775.

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der moralischen und körperlichen Schönheit.
ten Mahlern und Kupferstechern oft alle Theorie von dem menschlichen Gesichte, von dem Grund-
character, und den Zufälligkeiten eines Gesichtes fehlt. Man vergleicht sich immer mit andern;
und nie oder selten, mit der Wahrheit und Natur. Man ist zufrieden, wenn mans weit bes-
ser gemacht hat, als andre, und frägt sich nicht genug: "Könnt ichs nicht noch besser machen?
"Hab ich mir die Sache, die Person, die Leidenschaft, die Kraft, die ich vorstellen will, ge-
"nug vergegenwärtigt? Kenn ich bestimmt und zuverläßig die eigentlichen festen Kennzeichen
"der Leidenschaft in Ruhe und in Bewegung? Such ich meinem Bilde nicht nur Gefälligkeit,
"sondern unsterblichen Reiz, Schönheit, einzuhauchen?" --

Doch ich schreibe Fragmente -- und dieß ist nur eine Zugabe zu einem Fragmente,
und schon die zwanzigste. ....

Ein und zwanzigste Zugabe.
Ueber den vatikanischen Apoll.
Ekhei suggenes
D'ophthalmos aidoiesaton
Geras, tea touto mi-
gnumenon phreni
PUTh. V.

Le Charactere auguste de tes Pensees
Se peint dans la Majeste de tes regards.
Chabanon.



Nach allem, was schon über diesen Apoll gesagt worden, kann vielleicht nichts mehr gesagt
werden. -- Jch citire ungern, was schon zehnmal citirt worden, was alle Kenner und Liebha-
ber der Schönheit schon oft gelesen und wieder citirt gefunden haben. Und dennoch kann ich
nicht umhin, die berühmte Stelle über den Apoll, aus Winkelmanns Geschichte der Kunst
hieher zu setzen. Sie kann doch nirgends so schicklich hingehören, als in ein physiognomisches
Werk. Vielleicht versuch ichs, einige Scherflein eigner Empfindung zuzulegen.

"Die
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der moraliſchen und koͤrperlichen Schoͤnheit.
ten Mahlern und Kupferſtechern oft alle Theorie von dem menſchlichen Geſichte, von dem Grund-
character, und den Zufaͤlligkeiten eines Geſichtes fehlt. Man vergleicht ſich immer mit andern;
und nie oder ſelten, mit der Wahrheit und Natur. Man iſt zufrieden, wenn mans weit beſ-
ſer gemacht hat, als andre, und fraͤgt ſich nicht genug: „Koͤnnt ichs nicht noch beſſer machen?
„Hab ich mir die Sache, die Perſon, die Leidenſchaft, die Kraft, die ich vorſtellen will, ge-
„nug vergegenwaͤrtigt? Kenn ich beſtimmt und zuverlaͤßig die eigentlichen feſten Kennzeichen
„der Leidenſchaft in Ruhe und in Bewegung? Such ich meinem Bilde nicht nur Gefaͤlligkeit,
„ſondern unſterblichen Reiz, Schoͤnheit, einzuhauchen?“ —

Doch ich ſchreibe Fragmente — und dieß iſt nur eine Zugabe zu einem Fragmente,
und ſchon die zwanzigſte. ....

Ein und zwanzigſte Zugabe.
Ueber den vatikaniſchen Apoll.
Ἐχει συγγενης
Δ᾽ὀφϑαλμος ἀιδοιεσατον
Γερας, τεᾳ τουτο μι-
γνυμενον φρενι
ΠϒΘ. V.

Le Charactere auguſte de tes Penſées
Se peint dans la Majeſté de tes regards.
Chabanon.



Nach allem, was ſchon uͤber dieſen Apoll geſagt worden, kann vielleicht nichts mehr geſagt
werden. — Jch citire ungern, was ſchon zehnmal citirt worden, was alle Kenner und Liebha-
ber der Schoͤnheit ſchon oft geleſen und wieder citirt gefunden haben. Und dennoch kann ich
nicht umhin, die beruͤhmte Stelle uͤber den Apoll, aus Winkelmanns Geſchichte der Kunſt
hieher zu ſetzen. Sie kann doch nirgends ſo ſchicklich hingehoͤren, als in ein phyſiognomiſches
Werk. Vielleicht verſuch ichs, einige Scherflein eigner Empfindung zuzulegen.

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[131/0199] der moraliſchen und koͤrperlichen Schoͤnheit. ten Mahlern und Kupferſtechern oft alle Theorie von dem menſchlichen Geſichte, von dem Grund- character, und den Zufaͤlligkeiten eines Geſichtes fehlt. Man vergleicht ſich immer mit andern; und nie oder ſelten, mit der Wahrheit und Natur. Man iſt zufrieden, wenn mans weit beſ- ſer gemacht hat, als andre, und fraͤgt ſich nicht genug: „Koͤnnt ichs nicht noch beſſer machen? „Hab ich mir die Sache, die Perſon, die Leidenſchaft, die Kraft, die ich vorſtellen will, ge- „nug vergegenwaͤrtigt? Kenn ich beſtimmt und zuverlaͤßig die eigentlichen feſten Kennzeichen „der Leidenſchaft in Ruhe und in Bewegung? Such ich meinem Bilde nicht nur Gefaͤlligkeit, „ſondern unſterblichen Reiz, Schoͤnheit, einzuhauchen?“ — Doch ich ſchreibe Fragmente — und dieß iſt nur eine Zugabe zu einem Fragmente, und ſchon die zwanzigſte. .... Ein und zwanzigſte Zugabe. Ueber den vatikaniſchen Apoll. Ἐχει συγγενης Δ᾽ὀφϑαλμος ἀιδοιεσατον Γερας, τεᾳ τουτο μι- γνυμενον φρενι ΠϒΘ. V. Le Charactere auguſte de tes Penſées Se peint dans la Majeſté de tes regards. Chabanon. Nach allem, was ſchon uͤber dieſen Apoll geſagt worden, kann vielleicht nichts mehr geſagt werden. — Jch citire ungern, was ſchon zehnmal citirt worden, was alle Kenner und Liebha- ber der Schoͤnheit ſchon oft geleſen und wieder citirt gefunden haben. Und dennoch kann ich nicht umhin, die beruͤhmte Stelle uͤber den Apoll, aus Winkelmanns Geſchichte der Kunſt hieher zu ſetzen. Sie kann doch nirgends ſo ſchicklich hingehoͤren, als in ein phyſiognomiſches Werk. Vielleicht verſuch ichs, einige Scherflein eigner Empfindung zuzulegen. „Die S 2

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Zitationshilfe: Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 1. Leipzig u. a., 1775, S. 131. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente01_1775/199>, abgerufen am 04.03.2021.