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Lehmann, Rudolf: Deutsche Poetik. München, 1908.

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übrigens rein negatives Kennzeichen an, indem er feststellt, daß die komische Wirkung ple_217.002
den Gedanken an etwas Schädliches ausschließt; wenn er aber behauptet, daß jedes unschädliche ple_217.003
Häßliche und Mangelhafte lächerlich wirke, so kann uns die Erfahrung täglich ple_217.004
vom Gegenteil überzeugen. Weder ein häßlicher Mensch, noch ein mißgestaltetes ple_217.005
Tier erregt ohne weiteres unser Lachen, und nicht minder falsch wäre die Umkehrung des ple_217.006
Gesetzes, als ob alle komische Wirkung durch etwas Häßliches oder Mangelhaftes hervorgebracht ple_217.007
würde.

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Lessings Bestimmung wendet sich in ihrem Zusammenhang, wie man nicht übersehen ple_217.009
darf, gegen die engherzige moralisierende Äesthetik seiner rationalistischen Vorgänger: ple_217.010
es kommt ihm darauf an, zu zeigen, daß die Wirkung der Komödie, wie das ple_217.011
Gefühl des Komischen überhaupt, nicht notwendigerweise durch einen moralischen Mangel ple_217.012
hervorgebracht werden müsse. Seine Äußerung hat, wie viele andere in der Dramaturgie, ple_217.013
wesentlich negative Bedeutung, sie will eine Schranke niederreißen, nicht aber eine Theorie ple_217.014
des Komischen begründen. Kein Wunder also, wenn sie, als Definition genommen, zu ple_217.015
weit ausfällt und dem Wortlaut nach Gegenstände unter den Begriff des Komischen zu ple_217.016
fassen scheint, die in Wahrheit nichts weniger als komisch sind, nämlich alles Verkümmerte ple_217.017
und Verkrüppelte.

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Auch die Erklärungen Fechners und Wundts sind nicht erschöpfend, wie das namentlich ple_217.019
in Fechners Darstellung hervortritt. Die Verknüpfung des Mannigfaltigen kann auf ple_217.020
die verschiedenste Weise zustande kommen, und phantastische Gedankensprünge brauchen ple_217.021
nichts Komisches zu enthalten: ein Centaur ist an sich keine belustigende Vorstellung, und ple_217.022
selbst die Idee, eine solche Gestalt im modernen Leben erscheinen zu lassen, braucht, ple_217.023
wie man sich aus einer schönen Novelle Paul Heyses überzeugen kann, keineswegs als ple_217.024
Witz zu wirken. Etwas anders steht es mit der Schopenhauerschen Erklärung des Komischen. ple_217.025
Sie bringt unzweifelhaft ein logisches Verhältnis, das bei jeder Art der komischen Wirkung ple_217.026
hervortritt, richtig zum Ausdruck; aber mit diesem Kennzeichen ist weder die psychologische ple_217.027
Wirkung, noch das reale und objektive Wesen des komischen Gegenstandes ple_217.028
irgendwie erklärt. Vor wie nach werden wir also genötigt, nach diesem Wesen zu forschen.

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Inhaltvoller und bedeutsamer als diese rein formalistischen Erklärungsversuche sind ple_217.030
die Lehren von Hobbes und Groos einer-, Kant und Lipps andrerseits. Dennoch überzeugt ple_217.031
man sich leicht, daß das Gefühl der Überlegenheit nicht ausreicht, um den ganzen ple_217.032
Umkreis komischer Wirkungen zu erklären. Am deutlichsten tritt das bei den Erscheinungen, ple_217.033
von denen Fechner ausgeht, also bei Wortspielen und witzigen Vergleichen, hervor. ple_217.034
Wem soll sich der Hörer da überlegen fühlen, sofern sie nicht etwa zufällig auf Kosten ple_217.035
eines Dritten gemacht sind? Man betrachte etwa die scherzhafte Rätselfrage. Wenn die ple_217.036
Komik hier wirklich auf dem Gefühl der Überlegenheit (sei es auch uns selbst gegenüber) ple_217.037
beruhte, so könnten wir sie offenbar nur empfinden, wenn wir die Lösung selber fänden, ple_217.038
nicht aber wenn wir sie von einem andern hören müßten; und gerade auf das letztere ist ple_217.039
doch diese ganze Art von Scherzen berechnet. Aber auch die Dichtung fügt sich nur sehr ple_217.040
gezwungen unter Groos' an sich geistreiche Erklärung. Wenn wir über die Amme in ple_217.041
Romeo und Julia oder über den Kapuziner in Wallensteins Lager lachen, so liegt uns ple_217.042
doch wohl jeder (auch unbewußte) pharisäische Vergleich unserer eigenen Persönlichkeit ple_217.043
mit diesen Gestalten, aus dem ein Gefühl unserer Überlegenheit hervorgehen könnte, ple_217.044
völlig fern. Auch ist Groos feinfühlig genug, um diese Idee abzuweisen, aber sollten wir ple_217.045
uns wirklich, wie er behauptet, wenn auch nur momentan, soweit mit diesen Gestalten ple_217.046
identifizieren, daß wir schließlich über uns selbst lachten? Das ist geistreich konstruiert, ple_217.047
aber entspricht nicht dem psychologischen Vorgang, den wir an uns oder anderen beobachten ple_217.048
können. -- Man muß die Erörterungen, mit denen Lipps die einzelnen Arten des ple_217.049
Komischen feststellt und durchgeht, selbst lesen, um zu sehen, daß für sie ganz Ähnliches ple_217.050
gilt. Auch ihnen ist in allzu viel Fällen der Charakter des Gezwungenen und Gewundenen ple_217.051
aufgedrückt. Das ganze Gebiet der Charakterkomik insbesondere will sich der Definition

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übrigens rein negatives Kennzeichen an, indem er feststellt, daß die komische Wirkung ple_217.002
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Häßliche und Mangelhafte lächerlich wirke, so kann uns die Erfahrung täglich ple_217.004
vom Gegenteil überzeugen. Weder ein häßlicher Mensch, noch ein mißgestaltetes ple_217.005
Tier erregt ohne weiteres unser Lachen, und nicht minder falsch wäre die Umkehrung des ple_217.006
Gesetzes, als ob alle komische Wirkung durch etwas Häßliches oder Mangelhaftes hervorgebracht ple_217.007
würde.

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Lessings Bestimmung wendet sich in ihrem Zusammenhang, wie man nicht übersehen ple_217.009
darf, gegen die engherzige moralisierende Äesthetik seiner rationalistischen Vorgänger: ple_217.010
es kommt ihm darauf an, zu zeigen, daß die Wirkung der Komödie, wie das ple_217.011
Gefühl des Komischen überhaupt, nicht notwendigerweise durch einen moralischen Mangel ple_217.012
hervorgebracht werden müsse. Seine Äußerung hat, wie viele andere in der Dramaturgie, ple_217.013
wesentlich negative Bedeutung, sie will eine Schranke niederreißen, nicht aber eine Theorie ple_217.014
des Komischen begründen. Kein Wunder also, wenn sie, als Definition genommen, zu ple_217.015
weit ausfällt und dem Wortlaut nach Gegenstände unter den Begriff des Komischen zu ple_217.016
fassen scheint, die in Wahrheit nichts weniger als komisch sind, nämlich alles Verkümmerte ple_217.017
und Verkrüppelte.

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Auch die Erklärungen Fechners und Wundts sind nicht erschöpfend, wie das namentlich ple_217.019
in Fechners Darstellung hervortritt. Die Verknüpfung des Mannigfaltigen kann auf ple_217.020
die verschiedenste Weise zustande kommen, und phantastische Gedankensprünge brauchen ple_217.021
nichts Komisches zu enthalten: ein Centaur ist an sich keine belustigende Vorstellung, und ple_217.022
selbst die Idee, eine solche Gestalt im modernen Leben erscheinen zu lassen, braucht, ple_217.023
wie man sich aus einer schönen Novelle Paul Heyses überzeugen kann, keineswegs als ple_217.024
Witz zu wirken. Etwas anders steht es mit der Schopenhauerschen Erklärung des Komischen. ple_217.025
Sie bringt unzweifelhaft ein logisches Verhältnis, das bei jeder Art der komischen Wirkung ple_217.026
hervortritt, richtig zum Ausdruck; aber mit diesem Kennzeichen ist weder die psychologische ple_217.027
Wirkung, noch das reale und objektive Wesen des komischen Gegenstandes ple_217.028
irgendwie erklärt. Vor wie nach werden wir also genötigt, nach diesem Wesen zu forschen.

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Inhaltvoller und bedeutsamer als diese rein formalistischen Erklärungsversuche sind ple_217.030
die Lehren von Hobbes und Groos einer-, Kant und Lipps andrerseits. Dennoch überzeugt ple_217.031
man sich leicht, daß das Gefühl der Überlegenheit nicht ausreicht, um den ganzen ple_217.032
Umkreis komischer Wirkungen zu erklären. Am deutlichsten tritt das bei den Erscheinungen, ple_217.033
von denen Fechner ausgeht, also bei Wortspielen und witzigen Vergleichen, hervor. ple_217.034
Wem soll sich der Hörer da überlegen fühlen, sofern sie nicht etwa zufällig auf Kosten ple_217.035
eines Dritten gemacht sind? Man betrachte etwa die scherzhafte Rätselfrage. Wenn die ple_217.036
Komik hier wirklich auf dem Gefühl der Überlegenheit (sei es auch uns selbst gegenüber) ple_217.037
beruhte, so könnten wir sie offenbar nur empfinden, wenn wir die Lösung selber fänden, ple_217.038
nicht aber wenn wir sie von einem andern hören müßten; und gerade auf das letztere ist ple_217.039
doch diese ganze Art von Scherzen berechnet. Aber auch die Dichtung fügt sich nur sehr ple_217.040
gezwungen unter Groos' an sich geistreiche Erklärung. Wenn wir über die Amme in ple_217.041
Romeo und Julia oder über den Kapuziner in Wallensteins Lager lachen, so liegt uns ple_217.042
doch wohl jeder (auch unbewußte) pharisäische Vergleich unserer eigenen Persönlichkeit ple_217.043
mit diesen Gestalten, aus dem ein Gefühl unserer Überlegenheit hervorgehen könnte, ple_217.044
völlig fern. Auch ist Groos feinfühlig genug, um diese Idee abzuweisen, aber sollten wir ple_217.045
uns wirklich, wie er behauptet, wenn auch nur momentan, soweit mit diesen Gestalten ple_217.046
identifizieren, daß wir schließlich über uns selbst lachten? Das ist geistreich konstruiert, ple_217.047
aber entspricht nicht dem psychologischen Vorgang, den wir an uns oder anderen beobachten ple_217.048
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Komischen feststellt und durchgeht, selbst lesen, um zu sehen, daß für sie ganz Ähnliches ple_217.050
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Zitationshilfe: Lehmann, Rudolf: Deutsche Poetik. München, 1908, S. 217. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lehmann_poetik_1908/231>, abgerufen am 01.03.2024.