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Lehnert, Josef von u. a.: Die Seehäfen des Weltverkehrs. Bd. 1. Wien, 1891.

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Marseille.

Sechshundert Jahre vor Christus von handelskundigen Griechen
gegründet, ragt die Stadt einer ungeborstenen Säule gleich hoch
empor in der Geschichte des Mittelmeeres, ja in der Geschichte des
europäischen Handels. Eine blühende Zeitgenossin der Handelsemporien
der antiken Welt hat Massilia (Massalia) den Stürmen von Jahr-
tausenden widerstanden, und erhob sich, wiederholt bezwungen,
immer wieder zu neuem Leben und Glanze. Massilia sah Tyrus unter-
gehen und Carthago, ihre mächtige Rivalin, enden; Massilia beherrschte
den Osten des Mittelmeeres schon zu einer Zeit als Alexander der
Grosse den ersten Spatenstich zur Gründung Alexandrias unternahm;
Massilia sah das alte Rom und Byzanz, Athen und Korinth zu Glanz
erstehen und erlebte deren Untergang, Massilia sah das alte Venedig,
Genua und Pisa erblühen und zusammenbrechen.

Obgleich niemals um die Weltherrschaft kämpfend, sah Massilia
Weltreiche in Trümmer sinken und sich selbst zur Grossmacht des
Welthandels erhoben. Mit jugendlicher Thatkraft strebt Marseille
weiter vorwärts und verdunkelt durch glänzende Erfolge neben allen
neueren Hafenstädten des Mittelmeeres auch Constantinopel und Ale-
xandria, die einzigen noch heute mächtigen von allen antiken Handels-
Metropolen.

An Marseille lernt man am besten erkennen, wie die Bedin-
gungen für die Blüthe eines Platzes von der Natur vorgezeichnet sind.
All die herben Schicksale, welchen die Stadt ausgesetzt war, alle
Hindernisse, welche durch den Barbarismus zahlloser Kriege dem Auf-
schwunge wiederholt und oft lange Zeit hindurch entgegenstanden, ja
selbst die Bevorzugung von Concurrenzstädten; nichts vermochte den
bleibenden, verjüngenden und kräftigenden Einfluss der vortheilhaften
natürlichen Lage, welche stets die Quelle des soliden Wohlstandes
ist, zu vernichten.

Kein Theil der nächstgelegenen Küste hätte für die Anlegung

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Marseille.

Sechshundert Jahre vor Christus von handelskundigen Griechen
gegründet, ragt die Stadt einer ungeborstenen Säule gleich hoch
empor in der Geschichte des Mittelmeeres, ja in der Geschichte des
europäischen Handels. Eine blühende Zeitgenossin der Handelsemporien
der antiken Welt hat Massilia (Massalia) den Stürmen von Jahr-
tausenden widerstanden, und erhob sich, wiederholt bezwungen,
immer wieder zu neuem Leben und Glanze. Massilia sah Tyrus unter-
gehen und Carthago, ihre mächtige Rivalin, enden; Massilia beherrschte
den Osten des Mittelmeeres schon zu einer Zeit als Alexander der
Grosse den ersten Spatenstich zur Gründung Alexandrias unternahm;
Massilia sah das alte Rom und Byzanz, Athen und Korinth zu Glanz
erstehen und erlebte deren Untergang, Massilia sah das alte Venedig,
Genua und Pisa erblühen und zusammenbrechen.

Obgleich niemals um die Weltherrschaft kämpfend, sah Massilia
Weltreiche in Trümmer sinken und sich selbst zur Grossmacht des
Welthandels erhoben. Mit jugendlicher Thatkraft strebt Marseille
weiter vorwärts und verdunkelt durch glänzende Erfolge neben allen
neueren Hafenstädten des Mittelmeeres auch Constantinopel und Ale-
xandria, die einzigen noch heute mächtigen von allen antiken Handels-
Metropolen.

An Marseille lernt man am besten erkennen, wie die Bedin-
gungen für die Blüthe eines Platzes von der Natur vorgezeichnet sind.
All die herben Schicksale, welchen die Stadt ausgesetzt war, alle
Hindernisse, welche durch den Barbarismus zahlloser Kriege dem Auf-
schwunge wiederholt und oft lange Zeit hindurch entgegenstanden, ja
selbst die Bevorzugung von Concurrenzstädten; nichts vermochte den
bleibenden, verjüngenden und kräftigenden Einfluss der vortheilhaften
natürlichen Lage, welche stets die Quelle des soliden Wohlstandes
ist, zu vernichten.

Kein Theil der nächstgelegenen Küste hätte für die Anlegung

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[[387]/0407] Marseille. Sechshundert Jahre vor Christus von handelskundigen Griechen gegründet, ragt die Stadt einer ungeborstenen Säule gleich hoch empor in der Geschichte des Mittelmeeres, ja in der Geschichte des europäischen Handels. Eine blühende Zeitgenossin der Handelsemporien der antiken Welt hat Massilia (Massalia) den Stürmen von Jahr- tausenden widerstanden, und erhob sich, wiederholt bezwungen, immer wieder zu neuem Leben und Glanze. Massilia sah Tyrus unter- gehen und Carthago, ihre mächtige Rivalin, enden; Massilia beherrschte den Osten des Mittelmeeres schon zu einer Zeit als Alexander der Grosse den ersten Spatenstich zur Gründung Alexandrias unternahm; Massilia sah das alte Rom und Byzanz, Athen und Korinth zu Glanz erstehen und erlebte deren Untergang, Massilia sah das alte Venedig, Genua und Pisa erblühen und zusammenbrechen. Obgleich niemals um die Weltherrschaft kämpfend, sah Massilia Weltreiche in Trümmer sinken und sich selbst zur Grossmacht des Welthandels erhoben. Mit jugendlicher Thatkraft strebt Marseille weiter vorwärts und verdunkelt durch glänzende Erfolge neben allen neueren Hafenstädten des Mittelmeeres auch Constantinopel und Ale- xandria, die einzigen noch heute mächtigen von allen antiken Handels- Metropolen. An Marseille lernt man am besten erkennen, wie die Bedin- gungen für die Blüthe eines Platzes von der Natur vorgezeichnet sind. All die herben Schicksale, welchen die Stadt ausgesetzt war, alle Hindernisse, welche durch den Barbarismus zahlloser Kriege dem Auf- schwunge wiederholt und oft lange Zeit hindurch entgegenstanden, ja selbst die Bevorzugung von Concurrenzstädten; nichts vermochte den bleibenden, verjüngenden und kräftigenden Einfluss der vortheilhaften natürlichen Lage, welche stets die Quelle des soliden Wohlstandes ist, zu vernichten. Kein Theil der nächstgelegenen Küste hätte für die Anlegung 49*

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Zitationshilfe: Lehnert, Josef von u. a.: Die Seehäfen des Weltverkehrs. Bd. 1. Wien, 1891, S. [387]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lehnert_seehaefen01_1891/407>, abgerufen am 17.04.2024.