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Lehnert, Josef von u. a.: Die Seehäfen des Weltverkehrs. Bd. 1. Wien, 1891.

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St. Petersburg.

Nicht durch landschaftliche Schönheit bezaubert die Residenz-
stadt der russischen Czaren das Auge des Beschauers; die vollkom-
mene Ebene, auf der sich die Stadt ausbreitet, ruft im Gegentheile
den Eindruck der Oede und Nüchternheit hervor. Wenn St. Peters-
burg dennoch durch seine Schönheit unter den Grossstädten Europas
unstreitig eine hervorragende Stelle einnimmt, so ist dies eine Wir-
kung menschlicher Kunst, das Ergebniss der systematischen Anlage
und des Ausbaues der Stadt. Das harmonische Verhältniss zwischen
Strom, Strassen und Plätzen, die grossartige Raumverschwendung bei
der Anlage der Plätze, wodurch die riesigen Paläste und Monumente,
an denen Petersburg so reich ist, erst ihre Bedeutung für die ästhetische
Betrachtung gewinnen, machen die kaiserliche Residenz des russischen
Reiches zu einer wahrhaft schönen Stadt. Die Strassen sind ohne
Ausnahme breit, einzelne darunter durch die herrlichen öffentlichen
und Privatbauten, welche sie auf beiden Seiten umrahmen, von gross-
artiger Schönheit. Unter den öffentlichen Plätzen, deren St. Petersburg
im Ganzen 64 besitzt, gibt es mehrere, auf welchen 60.000--100.000
Menschen sich bewegen können.

St. Petersburg liegt an der Mündung der Newa in den Finni-
schen Meerbusen; die Newa theilt sich innerhalb der Hauptstadt in
mehrere Arme, die Grosse Newa (Bolschaja), Kleine Newa (Malaja)
und die Newka. Der Haupttheil Petersburgs liegt auf dem linken
Ufer des Stromes, die anderen Stadttheile sind auf den Inseln, welche
sich zwischen den Flussarmen befinden, zerstreut. In den Stadttheilen
auf dem linken Newaufer concentrirt sich das geschäftliche und ge-
sellige Leben, dort sind die verkehrsreichsten Strassen, Prospecte ge-
nannt, mit glänzenden Läden, dort befinden sich auch die kaiserlichen
Paläste und Theater.

Petersburg gehört zu den wasserreichsten Städten Europas. Fast
ein Viertel der Stadt zieht sich am Finnischen Meerbusen hin, und

St. Petersburg.

Nicht durch landschaftliche Schönheit bezaubert die Residenz-
stadt der russischen Czaren das Auge des Beschauers; die vollkom-
mene Ebene, auf der sich die Stadt ausbreitet, ruft im Gegentheile
den Eindruck der Oede und Nüchternheit hervor. Wenn St. Peters-
burg dennoch durch seine Schönheit unter den Grossstädten Europas
unstreitig eine hervorragende Stelle einnimmt, so ist dies eine Wir-
kung menschlicher Kunst, das Ergebniss der systematischen Anlage
und des Ausbaues der Stadt. Das harmonische Verhältniss zwischen
Strom, Strassen und Plätzen, die grossartige Raumverschwendung bei
der Anlage der Plätze, wodurch die riesigen Paläste und Monumente,
an denen Petersburg so reich ist, erst ihre Bedeutung für die ästhetische
Betrachtung gewinnen, machen die kaiserliche Residenz des russischen
Reiches zu einer wahrhaft schönen Stadt. Die Strassen sind ohne
Ausnahme breit, einzelne darunter durch die herrlichen öffentlichen
und Privatbauten, welche sie auf beiden Seiten umrahmen, von gross-
artiger Schönheit. Unter den öffentlichen Plätzen, deren St. Petersburg
im Ganzen 64 besitzt, gibt es mehrere, auf welchen 60.000—100.000
Menschen sich bewegen können.

St. Petersburg liegt an der Mündung der Newa in den Finni-
schen Meerbusen; die Newa theilt sich innerhalb der Hauptstadt in
mehrere Arme, die Grosse Newa (Bolschaja), Kleine Newa (Malaja)
und die Newka. Der Haupttheil Petersburgs liegt auf dem linken
Ufer des Stromes, die anderen Stadttheile sind auf den Inseln, welche
sich zwischen den Flussarmen befinden, zerstreut. In den Stadttheilen
auf dem linken Newaufer concentrirt sich das geschäftliche und ge-
sellige Leben, dort sind die verkehrsreichsten Strassen, Prospecte ge-
nannt, mit glänzenden Läden, dort befinden sich auch die kaiserlichen
Paläste und Theater.

Petersburg gehört zu den wasserreichsten Städten Europas. Fast
ein Viertel der Stadt zieht sich am Finnischen Meerbusen hin, und

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Zitationshilfe: Lehnert, Josef von u. a.: Die Seehäfen des Weltverkehrs. Bd. 1. Wien, 1891, S. [861]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lehnert_seehaefen01_1891/881>, abgerufen am 25.02.2024.