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Lessing, Gotthold Ephraim: Fabeln. Berlin, 1759.

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XXVIII.
Der Hirsch.

Die Natur hatte einen Hirsch von mehr als
gewöhnlicher Grosse gebildet, und an dem Halse
hingen ihm lange Haare herab. Da dachte der
Hirsch bey sich selbst: Du könntest dich ja wohl
für ein Elend ansehen lassen. Und was that
der Eitele, ein Elend zu scheinen? Er hing
den Kopf traurig zur Erde, und stellte sich, sehr
oft das böse Wesen zu haben.

So glaubt nicht selten ein witziger Geck, daß
man ihn für keinen schönen Geist halten werde,
wenn er nicht über Kopfweh und Hypochonder klage.



XXIX. Der
XXVIII.
Der Hirſch.

Die Natur hatte einen Hirſch von mehr als
gewöhnlicher Groſſe gebildet, und an dem Halſe
hingen ihm lange Haare herab. Da dachte der
Hirſch bey ſich ſelbſt: Du könnteſt dich ja wohl
für ein Elend anſehen laſſen. Und was that
der Eitele, ein Elend zu ſcheinen? Er hing
den Kopf traurig zur Erde, und ſtellte ſich, ſehr
oft das böſe Weſen zu haben.

So glaubt nicht ſelten ein witziger Geck, daß
man ihn für keinen ſchönen Geiſt halten werde,
wenn er nicht über Kopfweh und Hypochonder klage.



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[108/0128] XXVIII. Der Hirſch. Die Natur hatte einen Hirſch von mehr als gewöhnlicher Groſſe gebildet, und an dem Halſe hingen ihm lange Haare herab. Da dachte der Hirſch bey ſich ſelbſt: Du könnteſt dich ja wohl für ein Elend anſehen laſſen. Und was that der Eitele, ein Elend zu ſcheinen? Er hing den Kopf traurig zur Erde, und ſtellte ſich, ſehr oft das böſe Weſen zu haben. So glaubt nicht ſelten ein witziger Geck, daß man ihn für keinen ſchönen Geiſt halten werde, wenn er nicht über Kopfweh und Hypochonder klage. XXIX. Der

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Zitationshilfe: Lessing, Gotthold Ephraim: Fabeln. Berlin, 1759, S. 108. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lessing_fabeln_1759/128>, abgerufen am 14.04.2021.