Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 1. Berlin, 1775.

Bild:
<< vorherige Seite

der Handlung in den Landstädten.
einige besondere Nebenursachen ins Mittel geleget hätten,
daß die 35 vom Hundert auf dasjenige, was nach America
gehet, nicht weiter zurückgegeben würden: so ist nicht der ge-
ringste Zweifel, daß nicht die Schottländischen Fabriken alles
Schlesische, und die Irländische alles Osnabrückische, Ravens-
bergische, Lippische und Weser-Linnien verdrungen haben
würden. Womit wollte aber denn Deutschland noch weiter
bezahlen? Und woran hängt es, daß jener große Entwurf,
nach welchem die Americanischen Colonien entweder Schott-
ländisch und Irrisch Linnen nehmen, oder aber dem Staate
die 35 p. C. davon bezahlen sollten, nicht zum Stande ge-
kommen? An einer Furcht vor den Amerikaner, an einem
Haß gegen Schottland; an einem Neide der Londonschen
Kaufleute, die, so lange das Linnen über Bremen kömmt,
mehr Meister von der Quelle sind; und an einiger Rücksicht
auf die Spanische Handlung, wohin das deutsche Linnen den
Weg mehr über Holland, wie vor dem, genommen haben
möchte. Wie leicht mögen aber diese Bedenklichkeiten nicht
verschwinden, wenn die Seestädter ohne Ueberlegung und
ohne Gewicht nur immer und aus Noth von den Auswärti-
gen abhangen, Weine von Bourdeaux holen, aber nichts als
Holz wieder zurück bringen dürfen?

Ich erwehne mit Fleiß nichts von der Menge des
Caffees, Thees, Zuckers und Weines, welche nunmehro zu
den Bedürfnissen eines Bettlers gehören, und Deutschland
auf das sichtbareste erschöpfen. Dergleichen Dinge sind zu
klar und zu abgenutzt, als daß ich ihrer erwehnen sollte. Und
die Gefahr kann nicht größer seyn, als sie ist, wenn man
die äussersten Bedürfnisse wohlfeiler aus der Fremde ziehet,
als daheim bauet; gleichwohl aber mit seinen Händen wenig
oder nichts schaffet, um das Gleichgewicht dagegen zu halten,

kei-
Mösers patr. Phantas. I. Th. B

der Handlung in den Landſtaͤdten.
einige beſondere Nebenurſachen ins Mittel geleget haͤtten,
daß die 35 vom Hundert auf dasjenige, was nach America
gehet, nicht weiter zuruͤckgegeben wuͤrden: ſo iſt nicht der ge-
ringſte Zweifel, daß nicht die Schottlaͤndiſchen Fabriken alles
Schleſiſche, und die Irlaͤndiſche alles Oſnabruͤckiſche, Ravens-
bergiſche, Lippiſche und Weſer-Linnien verdrungen haben
wuͤrden. Womit wollte aber denn Deutſchland noch weiter
bezahlen? Und woran haͤngt es, daß jener große Entwurf,
nach welchem die Americaniſchen Colonien entweder Schott-
laͤndiſch und Irriſch Linnen nehmen, oder aber dem Staate
die 35 p. C. davon bezahlen ſollten, nicht zum Stande ge-
kommen? An einer Furcht vor den Amerikaner, an einem
Haß gegen Schottland; an einem Neide der Londonſchen
Kaufleute, die, ſo lange das Linnen uͤber Bremen koͤmmt,
mehr Meiſter von der Quelle ſind; und an einiger Ruͤckſicht
auf die Spaniſche Handlung, wohin das deutſche Linnen den
Weg mehr uͤber Holland, wie vor dem, genommen haben
moͤchte. Wie leicht moͤgen aber dieſe Bedenklichkeiten nicht
verſchwinden, wenn die Seeſtaͤdter ohne Ueberlegung und
ohne Gewicht nur immer und aus Noth von den Auswaͤrti-
gen abhangen, Weine von Bourdeaux holen, aber nichts als
Holz wieder zuruͤck bringen duͤrfen?

Ich erwehne mit Fleiß nichts von der Menge des
Caffees, Thees, Zuckers und Weines, welche nunmehro zu
den Beduͤrfniſſen eines Bettlers gehoͤren, und Deutſchland
auf das ſichtbareſte erſchoͤpfen. Dergleichen Dinge ſind zu
klar und zu abgenutzt, als daß ich ihrer erwehnen ſollte. Und
die Gefahr kann nicht groͤßer ſeyn, als ſie iſt, wenn man
die aͤuſſerſten Beduͤrfniſſe wohlfeiler aus der Fremde ziehet,
als daheim bauet; gleichwohl aber mit ſeinen Haͤnden wenig
oder nichts ſchaffet, um das Gleichgewicht dagegen zu halten,

kei-
Möſers patr. Phantaſ. I. Th. B
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0035" n="17"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">der Handlung in den Land&#x017F;ta&#x0364;dten.</hi></fw><lb/>
einige be&#x017F;ondere Nebenur&#x017F;achen ins Mittel geleget ha&#x0364;tten,<lb/>
daß die 35 vom Hundert auf dasjenige, was nach America<lb/>
gehet, nicht weiter zuru&#x0364;ckgegeben wu&#x0364;rden: &#x017F;o i&#x017F;t nicht der ge-<lb/>
ring&#x017F;te Zweifel, daß nicht die Schottla&#x0364;ndi&#x017F;chen Fabriken alles<lb/>
Schle&#x017F;i&#x017F;che, und die Irla&#x0364;ndi&#x017F;che alles O&#x017F;nabru&#x0364;cki&#x017F;che, Ravens-<lb/>
bergi&#x017F;che, Lippi&#x017F;che und We&#x017F;er-Linnien verdrungen haben<lb/>
wu&#x0364;rden. Womit wollte aber denn Deut&#x017F;chland noch weiter<lb/>
bezahlen? Und woran ha&#x0364;ngt es, daß jener große Entwurf,<lb/>
nach welchem die Americani&#x017F;chen Colonien entweder Schott-<lb/>
la&#x0364;ndi&#x017F;ch und Irri&#x017F;ch Linnen nehmen, oder aber dem Staate<lb/>
die 35 p. C. davon bezahlen &#x017F;ollten, nicht zum Stande ge-<lb/>
kommen? An einer Furcht vor den Amerikaner, an einem<lb/>
Haß gegen Schottland; an einem Neide der London&#x017F;chen<lb/>
Kaufleute, die, &#x017F;o lange das Linnen u&#x0364;ber Bremen ko&#x0364;mmt,<lb/>
mehr Mei&#x017F;ter von der Quelle &#x017F;ind; und an einiger Ru&#x0364;ck&#x017F;icht<lb/>
auf die Spani&#x017F;che Handlung, wohin das deut&#x017F;che Linnen den<lb/>
Weg mehr u&#x0364;ber Holland, wie vor dem, genommen haben<lb/>
mo&#x0364;chte. Wie leicht mo&#x0364;gen aber die&#x017F;e Bedenklichkeiten nicht<lb/>
ver&#x017F;chwinden, wenn die See&#x017F;ta&#x0364;dter ohne Ueberlegung und<lb/>
ohne Gewicht nur immer und aus Noth von den Auswa&#x0364;rti-<lb/>
gen abhangen, Weine von Bourdeaux holen, aber nichts als<lb/>
Holz wieder zuru&#x0364;ck bringen du&#x0364;rfen?</p><lb/>
        <p>Ich erwehne mit Fleiß nichts von der Menge des<lb/>
Caffees, Thees, Zuckers und Weines, welche nunmehro zu<lb/>
den Bedu&#x0364;rfni&#x017F;&#x017F;en eines Bettlers geho&#x0364;ren, und Deut&#x017F;chland<lb/>
auf das &#x017F;ichtbare&#x017F;te er&#x017F;cho&#x0364;pfen. Dergleichen Dinge &#x017F;ind zu<lb/>
klar und zu abgenutzt, als daß ich ihrer erwehnen &#x017F;ollte. Und<lb/>
die Gefahr kann nicht gro&#x0364;ßer &#x017F;eyn, als &#x017F;ie i&#x017F;t, wenn man<lb/>
die a&#x0364;u&#x017F;&#x017F;er&#x017F;ten Bedu&#x0364;rfni&#x017F;&#x017F;e wohlfeiler aus der Fremde ziehet,<lb/>
als daheim bauet; gleichwohl aber mit &#x017F;einen Ha&#x0364;nden wenig<lb/>
oder nichts &#x017F;chaffet, um das Gleichgewicht dagegen zu halten,<lb/>
<fw place="bottom" type="sig"><hi rendition="#fr">&#x017F;ers patr. Phanta&#x017F;.</hi><hi rendition="#aq">I.</hi><hi rendition="#fr">Th.</hi> B</fw><fw place="bottom" type="catch">kei-</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[17/0035] der Handlung in den Landſtaͤdten. einige beſondere Nebenurſachen ins Mittel geleget haͤtten, daß die 35 vom Hundert auf dasjenige, was nach America gehet, nicht weiter zuruͤckgegeben wuͤrden: ſo iſt nicht der ge- ringſte Zweifel, daß nicht die Schottlaͤndiſchen Fabriken alles Schleſiſche, und die Irlaͤndiſche alles Oſnabruͤckiſche, Ravens- bergiſche, Lippiſche und Weſer-Linnien verdrungen haben wuͤrden. Womit wollte aber denn Deutſchland noch weiter bezahlen? Und woran haͤngt es, daß jener große Entwurf, nach welchem die Americaniſchen Colonien entweder Schott- laͤndiſch und Irriſch Linnen nehmen, oder aber dem Staate die 35 p. C. davon bezahlen ſollten, nicht zum Stande ge- kommen? An einer Furcht vor den Amerikaner, an einem Haß gegen Schottland; an einem Neide der Londonſchen Kaufleute, die, ſo lange das Linnen uͤber Bremen koͤmmt, mehr Meiſter von der Quelle ſind; und an einiger Ruͤckſicht auf die Spaniſche Handlung, wohin das deutſche Linnen den Weg mehr uͤber Holland, wie vor dem, genommen haben moͤchte. Wie leicht moͤgen aber dieſe Bedenklichkeiten nicht verſchwinden, wenn die Seeſtaͤdter ohne Ueberlegung und ohne Gewicht nur immer und aus Noth von den Auswaͤrti- gen abhangen, Weine von Bourdeaux holen, aber nichts als Holz wieder zuruͤck bringen duͤrfen? Ich erwehne mit Fleiß nichts von der Menge des Caffees, Thees, Zuckers und Weines, welche nunmehro zu den Beduͤrfniſſen eines Bettlers gehoͤren, und Deutſchland auf das ſichtbareſte erſchoͤpfen. Dergleichen Dinge ſind zu klar und zu abgenutzt, als daß ich ihrer erwehnen ſollte. Und die Gefahr kann nicht groͤßer ſeyn, als ſie iſt, wenn man die aͤuſſerſten Beduͤrfniſſe wohlfeiler aus der Fremde ziehet, als daheim bauet; gleichwohl aber mit ſeinen Haͤnden wenig oder nichts ſchaffet, um das Gleichgewicht dagegen zu halten, kei- Möſers patr. Phantaſ. I. Th. B

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775/35
Zitationshilfe: Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 1. Berlin, 1775, S. 17. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775/35>, abgerufen am 12.08.2022.