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Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, 1778.

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Die Politik im Unglück.

Ich achtete damals auf diese ihre Klage so sehr nicht;
und wir liessen es beyde, bey der allgemeinen Anmerkung
bewenden, daß ein Spieler, wenn er auch sonst nichts
übels thäte schon aus dem einzigen Grunde strafbar wäre,
daß er den kleinen häuslichen Fleis, worauf doch so vieles
ankömmt, und wovon das Glück der mehresten Haushaltun-
gen abhängt, völlig erstickte, und einem guten Weibe die
Gelegenheit raubte, ihm durch ihre Aufmerksamkeit, Ord-
nung und ein selbst gemachtes Gericht zu gefallen. Nach
der Zeit habe ich wohl gedacht, daß er eben durch die kalte
Gleichgültigkeit, womit er auf die stillen Tugenden seiner
Frau herab sahe, durch die wenige Aufmerksamkeit auf ihre
kleinen Liebesfeste, womit sie ihn bisweilen zu überraschen
wünschte, und durch das beständige Gespräch von Sum-
men die verlohren oder gewonnen waren, sie endlich auch
dahin gebracht hat, täglich in Gesellschaften zu gehen, im-
mer zu spielen, und ihre Haushaltung von selbst gehen zu
lassen.

Sie hatte zu vielen Stolz, um sich vor eine zweyte
Rolle zu schicken. Sie würde als die beste Haushälterin,
als die zärtlichste Mutter, und als die vernünftigste Frau,
überall die erste gewesen seyn. Und wie sie in diesem Plan,
welchen sie sich gleich nach den verrauschten Honigmonaten
ihres Ehestandes gemacht hatte, von ihrem unvorsichtigen
Manne gestöret wurde: so suchte Sie die erste Rolle unter
unsern glänzenden Prinzeßinnen zu erhalten; und die Per-
son, die sich mit ihrem Kinderhemdgen eine Fürstin dünkte,
achtete hernach achthundert Mark nicht so viel, als ihre acht
Schillinge. Dieses halte ich für den wahren Grund ihres
Verderbens; und ihre jetzige Aufführung zeugt von ihren
ersten Grundsätzen. Auch in ihrem Unglücke ist sie mit kei-
ner zweyten Rolle zufrieden. Man sieht, sie will auch
hier die einzige in ihrer Art seyn.

Wie
Die Politik im Ungluͤck.

Ich achtete damals auf dieſe ihre Klage ſo ſehr nicht;
und wir lieſſen es beyde, bey der allgemeinen Anmerkung
bewenden, daß ein Spieler, wenn er auch ſonſt nichts
uͤbels thaͤte ſchon aus dem einzigen Grunde ſtrafbar waͤre,
daß er den kleinen haͤuslichen Fleis, worauf doch ſo vieles
ankoͤmmt, und wovon das Gluͤck der mehreſten Haushaltun-
gen abhaͤngt, voͤllig erſtickte, und einem guten Weibe die
Gelegenheit raubte, ihm durch ihre Aufmerkſamkeit, Ord-
nung und ein ſelbſt gemachtes Gericht zu gefallen. Nach
der Zeit habe ich wohl gedacht, daß er eben durch die kalte
Gleichguͤltigkeit, womit er auf die ſtillen Tugenden ſeiner
Frau herab ſahe, durch die wenige Aufmerkſamkeit auf ihre
kleinen Liebesfeſte, womit ſie ihn bisweilen zu uͤberraſchen
wuͤnſchte, und durch das beſtaͤndige Geſpraͤch von Sum-
men die verlohren oder gewonnen waren, ſie endlich auch
dahin gebracht hat, taͤglich in Geſellſchaften zu gehen, im-
mer zu ſpielen, und ihre Haushaltung von ſelbſt gehen zu
laſſen.

Sie hatte zu vielen Stolz, um ſich vor eine zweyte
Rolle zu ſchicken. Sie wuͤrde als die beſte Haushaͤlterin,
als die zaͤrtlichſte Mutter, und als die vernuͤnftigſte Frau,
uͤberall die erſte geweſen ſeyn. Und wie ſie in dieſem Plan,
welchen ſie ſich gleich nach den verrauſchten Honigmonaten
ihres Eheſtandes gemacht hatte, von ihrem unvorſichtigen
Manne geſtoͤret wurde: ſo ſuchte Sie die erſte Rolle unter
unſern glaͤnzenden Prinzeßinnen zu erhalten; und die Per-
ſon, die ſich mit ihrem Kinderhemdgen eine Fuͤrſtin duͤnkte,
achtete hernach achthundert Mark nicht ſo viel, als ihre acht
Schillinge. Dieſes halte ich fuͤr den wahren Grund ihres
Verderbens; und ihre jetzige Auffuͤhrung zeugt von ihren
erſten Grundſaͤtzen. Auch in ihrem Ungluͤcke iſt ſie mit kei-
ner zweyten Rolle zufrieden. Man ſieht, ſie will auch
hier die einzige in ihrer Art ſeyn.

Wie
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[38/0052] Die Politik im Ungluͤck. Ich achtete damals auf dieſe ihre Klage ſo ſehr nicht; und wir lieſſen es beyde, bey der allgemeinen Anmerkung bewenden, daß ein Spieler, wenn er auch ſonſt nichts uͤbels thaͤte ſchon aus dem einzigen Grunde ſtrafbar waͤre, daß er den kleinen haͤuslichen Fleis, worauf doch ſo vieles ankoͤmmt, und wovon das Gluͤck der mehreſten Haushaltun- gen abhaͤngt, voͤllig erſtickte, und einem guten Weibe die Gelegenheit raubte, ihm durch ihre Aufmerkſamkeit, Ord- nung und ein ſelbſt gemachtes Gericht zu gefallen. Nach der Zeit habe ich wohl gedacht, daß er eben durch die kalte Gleichguͤltigkeit, womit er auf die ſtillen Tugenden ſeiner Frau herab ſahe, durch die wenige Aufmerkſamkeit auf ihre kleinen Liebesfeſte, womit ſie ihn bisweilen zu uͤberraſchen wuͤnſchte, und durch das beſtaͤndige Geſpraͤch von Sum- men die verlohren oder gewonnen waren, ſie endlich auch dahin gebracht hat, taͤglich in Geſellſchaften zu gehen, im- mer zu ſpielen, und ihre Haushaltung von ſelbſt gehen zu laſſen. Sie hatte zu vielen Stolz, um ſich vor eine zweyte Rolle zu ſchicken. Sie wuͤrde als die beſte Haushaͤlterin, als die zaͤrtlichſte Mutter, und als die vernuͤnftigſte Frau, uͤberall die erſte geweſen ſeyn. Und wie ſie in dieſem Plan, welchen ſie ſich gleich nach den verrauſchten Honigmonaten ihres Eheſtandes gemacht hatte, von ihrem unvorſichtigen Manne geſtoͤret wurde: ſo ſuchte Sie die erſte Rolle unter unſern glaͤnzenden Prinzeßinnen zu erhalten; und die Per- ſon, die ſich mit ihrem Kinderhemdgen eine Fuͤrſtin duͤnkte, achtete hernach achthundert Mark nicht ſo viel, als ihre acht Schillinge. Dieſes halte ich fuͤr den wahren Grund ihres Verderbens; und ihre jetzige Auffuͤhrung zeugt von ihren erſten Grundſaͤtzen. Auch in ihrem Ungluͤcke iſt ſie mit kei- ner zweyten Rolle zufrieden. Man ſieht, ſie will auch hier die einzige in ihrer Art ſeyn. Wie

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Zitationshilfe: Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, 1778, S. 38. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien03_1778/52>, abgerufen am 15.04.2024.