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Munzinger, Carl: Die Japaner. Berlin, 1898.

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Die Basis des Systems erweist sich als viel zu eng.
Die Gemeinschaft des Blutes und die Blutsverwandt-
schaft läßt sich über die Nation hinaus nicht ausdehnen;
ein Band, das die ganze Menschheit umschlingt, läßt
sich auf diese Weise nicht schaffen, und die Menschlich-
keit, die Humanität im höchsten Sinn des Wortes,
hat in solcher Ethik keinen Platz, so human diese
Ethik auch auf den ersten Blick erscheinen mag. Der
Konfuzianismus ist ein System für patriarchalische Zu-
stände, wie sie in der Zeit des Feudalismus in Japan
herrschten. Mit dem Tage aber, mit welchem sich das
patriarchalische System überlebt hat, mit welchem Japan
aus der patriarchalischen Enge der Familie, des Clans und
der Nation in den Weltverkehr eingetreten ist, hat sich
auch der Konfuzianismus überlebt. Wer wollte es den
Besten des Volkes übel nehmen, wenn sie sich nicht
trennen wollen von dem Manne, welcher seit tausend
Jahren der treueste Freund ihres häuslichen Herdes
gewesen ist? Wer will es ihnen verargen, wenn sie
von ganzem Herzen dem Manne, welcher ihr Lehrmeister
in der Pietät gewesen ist, selber die Pietät wahren
wollen? Und doch ist all ihr Ringen vergebens. Von
allen Mächten, die Japans Kultur seither gestaltet und
erhalten haben, ist der Konfuzianismus als ethisches
System die erste, die von dem Strom der Zeit hinweg-
geschwemmt wird. Der Boden, auf welchem er steht,
ist jetzt schon durch und durch unterwühlt. Und wenn
die Zeichen der Zeit nicht trügen, so wird das meiste
dessen, was hier als Familienleben und Sittenlehre
geschildert wurde, in wenigen Jahrzehnten nur noch
als kulturgeschichtliche Studie von Interesse sein.


Die Baſis des Syſtems erweiſt ſich als viel zu eng.
Die Gemeinſchaft des Blutes und die Blutsverwandt-
ſchaft läßt ſich über die Nation hinaus nicht ausdehnen;
ein Band, das die ganze Menſchheit umſchlingt, läßt
ſich auf dieſe Weiſe nicht ſchaffen, und die Menſchlich-
keit, die Humanität im höchſten Sinn des Wortes,
hat in ſolcher Ethik keinen Platz, ſo human dieſe
Ethik auch auf den erſten Blick erſcheinen mag. Der
Konfuzianismus iſt ein Syſtem für patriarchaliſche Zu-
ſtände, wie ſie in der Zeit des Feudalismus in Japan
herrſchten. Mit dem Tage aber, mit welchem ſich das
patriarchaliſche Syſtem überlebt hat, mit welchem Japan
aus der patriarchaliſchen Enge der Familie, des Clans und
der Nation in den Weltverkehr eingetreten iſt, hat ſich
auch der Konfuzianismus überlebt. Wer wollte es den
Beſten des Volkes übel nehmen, wenn ſie ſich nicht
trennen wollen von dem Manne, welcher ſeit tauſend
Jahren der treueſte Freund ihres häuslichen Herdes
geweſen iſt? Wer will es ihnen verargen, wenn ſie
von ganzem Herzen dem Manne, welcher ihr Lehrmeiſter
in der Pietät geweſen iſt, ſelber die Pietät wahren
wollen? Und doch iſt all ihr Ringen vergebens. Von
allen Mächten, die Japans Kultur ſeither geſtaltet und
erhalten haben, iſt der Konfuzianismus als ethiſches
Syſtem die erſte, die von dem Strom der Zeit hinweg-
geſchwemmt wird. Der Boden, auf welchem er ſteht,
iſt jetzt ſchon durch und durch unterwühlt. Und wenn
die Zeichen der Zeit nicht trügen, ſo wird das meiſte
deſſen, was hier als Familienleben und Sittenlehre
geſchildert wurde, in wenigen Jahrzehnten nur noch
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[155/0169] Die Baſis des Syſtems erweiſt ſich als viel zu eng. Die Gemeinſchaft des Blutes und die Blutsverwandt- ſchaft läßt ſich über die Nation hinaus nicht ausdehnen; ein Band, das die ganze Menſchheit umſchlingt, läßt ſich auf dieſe Weiſe nicht ſchaffen, und die Menſchlich- keit, die Humanität im höchſten Sinn des Wortes, hat in ſolcher Ethik keinen Platz, ſo human dieſe Ethik auch auf den erſten Blick erſcheinen mag. Der Konfuzianismus iſt ein Syſtem für patriarchaliſche Zu- ſtände, wie ſie in der Zeit des Feudalismus in Japan herrſchten. Mit dem Tage aber, mit welchem ſich das patriarchaliſche Syſtem überlebt hat, mit welchem Japan aus der patriarchaliſchen Enge der Familie, des Clans und der Nation in den Weltverkehr eingetreten iſt, hat ſich auch der Konfuzianismus überlebt. Wer wollte es den Beſten des Volkes übel nehmen, wenn ſie ſich nicht trennen wollen von dem Manne, welcher ſeit tauſend Jahren der treueſte Freund ihres häuslichen Herdes geweſen iſt? Wer will es ihnen verargen, wenn ſie von ganzem Herzen dem Manne, welcher ihr Lehrmeiſter in der Pietät geweſen iſt, ſelber die Pietät wahren wollen? Und doch iſt all ihr Ringen vergebens. Von allen Mächten, die Japans Kultur ſeither geſtaltet und erhalten haben, iſt der Konfuzianismus als ethiſches Syſtem die erſte, die von dem Strom der Zeit hinweg- geſchwemmt wird. Der Boden, auf welchem er ſteht, iſt jetzt ſchon durch und durch unterwühlt. Und wenn die Zeichen der Zeit nicht trügen, ſo wird das meiſte deſſen, was hier als Familienleben und Sittenlehre geſchildert wurde, in wenigen Jahrzehnten nur noch als kulturgeſchichtliche Studie von Intereſſe ſein.

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Zitationshilfe: Munzinger, Carl: Die Japaner. Berlin, 1898, S. 155. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/munzinger_japaner_1898/169>, abgerufen am 13.04.2024.