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Munzinger, Carl: Die Japaner. Berlin, 1898.

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behandeln, ist von den Bewohnern der Nordinsel be-
kannt, daß ihre Frauen eingefangene Bärenjungen an
ihrer eigenen Brust säugen. Der Bär ist ihnen eine
Art Gottheit, die man anbetet. Gleichwohl töten sie
ihn, wo immer sie können, und auch das Fleisch der
mit menschlicher Muttermilch aufgezogenen lassen sie sich
schließlich gut schmecken.

Die Aino sind, vielleicht mit einem andern, längst
ausgestorbenen Volksstamm zusammen, die ursprünglichen
Bewohner der japanischen Inseln, welche von den von
Südwesten hereindringenden Eroberern Schritt für Schritt
zurückgedrängt wurden und endlich auf Yezo ihre letzte
Zuflucht fanden. Früher waren sie ein großes Volk,
heute sind kaum noch fünfzehntausend von ihnen übrig
geblieben. Unterdrückung und Alkohol, diese beiden
entarteten Kinder der großen Völkermutter Kultur, haben
ihr Zerstörungswerk vortrefflich verstanden und das
ihrige dazu gethan, einen ehemals zahlreichen Volks-
stamm auf den Aussterbeetat zu setzen. Heute schon ist
ein Aino in Tokyo eine Seltenheit, die man begafft,
wie man ein seltenes Exemplar in einem zoologischen
Garten betrachtet; und auch die christliche Mission, die
sich seit zwei Jahrzehnten ihrer lebhaft angenommen
hat, wird es schwerlich verhindern können, daß man in
absehbarer Zeit dem letzten Vollblutaino sein Grab gräbt.

Die Japaner sind also keine Ureinwohner. Woher
sie gekommen sind, darüber hat die Wissenschaft ihr
letztes Wort noch nicht gesprochen. Ein frommer Schotte
meinte ihnen einen Gefallen zu erweisen, indem er sie
als die Nachkommen der in der assyrischen Gefangen-
schaft spurlos verschwundenen zehn Stämme von Israel
erklärte. Andere bestreiten die rein mongolische Ab-
stammung und sprechen von einem Mischvolk aus Ma-

behandeln, iſt von den Bewohnern der Nordinſel be-
kannt, daß ihre Frauen eingefangene Bärenjungen an
ihrer eigenen Bruſt ſäugen. Der Bär iſt ihnen eine
Art Gottheit, die man anbetet. Gleichwohl töten ſie
ihn, wo immer ſie können, und auch das Fleiſch der
mit menſchlicher Muttermilch aufgezogenen laſſen ſie ſich
ſchließlich gut ſchmecken.

Die Aino ſind, vielleicht mit einem andern, längſt
ausgeſtorbenen Volksſtamm zuſammen, die urſprünglichen
Bewohner der japaniſchen Inſeln, welche von den von
Südweſten hereindringenden Eroberern Schritt für Schritt
zurückgedrängt wurden und endlich auf Yezo ihre letzte
Zuflucht fanden. Früher waren ſie ein großes Volk,
heute ſind kaum noch fünfzehntauſend von ihnen übrig
geblieben. Unterdrückung und Alkohol, dieſe beiden
entarteten Kinder der großen Völkermutter Kultur, haben
ihr Zerſtörungswerk vortrefflich verſtanden und das
ihrige dazu gethan, einen ehemals zahlreichen Volks-
ſtamm auf den Ausſterbeetat zu ſetzen. Heute ſchon iſt
ein Aino in Tokyo eine Seltenheit, die man begafft,
wie man ein ſeltenes Exemplar in einem zoologiſchen
Garten betrachtet; und auch die chriſtliche Miſſion, die
ſich ſeit zwei Jahrzehnten ihrer lebhaft angenommen
hat, wird es ſchwerlich verhindern können, daß man in
abſehbarer Zeit dem letzten Vollblutaino ſein Grab gräbt.

Die Japaner ſind alſo keine Ureinwohner. Woher
ſie gekommen ſind, darüber hat die Wiſſenſchaft ihr
letztes Wort noch nicht geſprochen. Ein frommer Schotte
meinte ihnen einen Gefallen zu erweiſen, indem er ſie
als die Nachkommen der in der aſſyriſchen Gefangen-
ſchaft ſpurlos verſchwundenen zehn Stämme von Israel
erklärte. Andere beſtreiten die rein mongoliſche Ab-
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[157/0171] behandeln, iſt von den Bewohnern der Nordinſel be- kannt, daß ihre Frauen eingefangene Bärenjungen an ihrer eigenen Bruſt ſäugen. Der Bär iſt ihnen eine Art Gottheit, die man anbetet. Gleichwohl töten ſie ihn, wo immer ſie können, und auch das Fleiſch der mit menſchlicher Muttermilch aufgezogenen laſſen ſie ſich ſchließlich gut ſchmecken. Die Aino ſind, vielleicht mit einem andern, längſt ausgeſtorbenen Volksſtamm zuſammen, die urſprünglichen Bewohner der japaniſchen Inſeln, welche von den von Südweſten hereindringenden Eroberern Schritt für Schritt zurückgedrängt wurden und endlich auf Yezo ihre letzte Zuflucht fanden. Früher waren ſie ein großes Volk, heute ſind kaum noch fünfzehntauſend von ihnen übrig geblieben. Unterdrückung und Alkohol, dieſe beiden entarteten Kinder der großen Völkermutter Kultur, haben ihr Zerſtörungswerk vortrefflich verſtanden und das ihrige dazu gethan, einen ehemals zahlreichen Volks- ſtamm auf den Ausſterbeetat zu ſetzen. Heute ſchon iſt ein Aino in Tokyo eine Seltenheit, die man begafft, wie man ein ſeltenes Exemplar in einem zoologiſchen Garten betrachtet; und auch die chriſtliche Miſſion, die ſich ſeit zwei Jahrzehnten ihrer lebhaft angenommen hat, wird es ſchwerlich verhindern können, daß man in abſehbarer Zeit dem letzten Vollblutaino ſein Grab gräbt. Die Japaner ſind alſo keine Ureinwohner. Woher ſie gekommen ſind, darüber hat die Wiſſenſchaft ihr letztes Wort noch nicht geſprochen. Ein frommer Schotte meinte ihnen einen Gefallen zu erweiſen, indem er ſie als die Nachkommen der in der aſſyriſchen Gefangen- ſchaft ſpurlos verſchwundenen zehn Stämme von Israel erklärte. Andere beſtreiten die rein mongoliſche Ab- ſtammung und ſprechen von einem Miſchvolk aus Ma-

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Zitationshilfe: Munzinger, Carl: Die Japaner. Berlin, 1898, S. 157. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/munzinger_japaner_1898/171>, abgerufen am 15.04.2024.