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Mährisches Tagblatt. Nr. 29, Olmütz, 07.02.1887.

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"Mährische Tagblatt"
mit der illustr. Wochenbeilage
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Mährisches
Tagblatt.

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Die 4mal gespaltene Petitze[ile]
oder deren Raum 6 Kreuzer




Außerhalb Olmütz überneh-
men Insertions-Aufträge:
Heinrich Schalek, Annon-
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zeile Nr. 11 Haasenstein &
Vogler
in Wien, Prag, Buda-
pest, Berlin, Frankfurt a. M.
Hamburg, Basel und Leipzig
Alois Opellik, in Wien, R[ud.]
Moose
in Wien. München u.
Berlin, M. Dukes, Wien
I. Schulerstraße 8. G. L. Daube
u. Co. (Ig. Knoll),
Wien, am
Hof 5, Frankfurt a. M.
Adolf Steiner's Annoncen
bureau in Hamburg, sowie
sämmtl. conc. Insertions-Bu-
reaus des In- u. Auslandes.




Manuscripte werden nicht zu
rückgestellt.




Nr. 29. Olmütz, Montag den 7. Februar 1887. 8. Jahrgang.



[Spaltenumbruch]
Der brave Abg. Kronawetter.

(Orig.-Corr.)

Selbst wenn wir uns den Zwang anthäten,
dem Abgeordneten des achten Wiener Bezirkes
aufs Wort zu glauben, daß er es ehrlich und auf-
richtig meint mit Allem, was er in seinen Reden
wider den Arbeiterkammern-Antrag des deutsch-
österreichischen Clubs vorgebracht hat, selbst wenn
wir annehmen, seine Feindseligkeit gegenüber den
Liberalen des österreichischen Abgeordnetenhauses
entspringe dem Unwillen über die von ihm be-
hauptete Schwächlichkeit ihres Liberalismus, wenn
wir uns -- mit Einem Worte -- alle Mühe
gäben, den Herrn Dr. Kronawetter ernst zu
nehmen; an dem Geständnisse, welches er in der
Samstaasitzung des Abgeordnetenhauses in Betreff
seines Verhaltens gegenüber dem deutsch-österrei-
chischen Parteitage vom Jahre 1880 abgelegt
hat, müßte unsere wohlwollende Absicht scheitern.

Nein und tausendmal nein! Ein Mann, dem
so sehr die Empfindung für das im politischen
Leben Zulässige und Anständige abgeht, daß er
eine Rede, die er zur Rechtfertigung einer politi-
schen Handlung angezweifelten Characters hält,
mit den Worten schließt: "So aber geht man zu
Dem, von Dem man Etwas kriegt und
der Etwas gibt
", ein solcher Mann muß
sich eigentlich bedanken, wenn man ihn nicht ernst
nimmt; denn wollten wir ihn ernst nehmen, dann
wäre kein Ausdruck scharf genug, um den Grad
der Mißachtung zu kennzeichnen, welche uns seine
Rechtfertigung einflößt. Seinem eigenen Geständ-
[Spaltenumbruch] nisse zufolge hat sich nämlich Herr Kronawetter
einem slavischen Abgeordneten, der aus seiner
reactionären Gesinnung nie ein Hehl machte,
dem seither verstorbenen slovenischen Abgeordneten
v. Schneid gegenüber dazu hergegeben, in Form
einer Arbeiterversammlung eine Gegendemonstra-
tion gegen den 1880er deutsch-österr. Parteitag
zu veranstalten und sich die hiezu erforderlichen
Geldmittel von ihm schenken lassen, ja nicht nur
schenken zu lassen, sondern sich davon noch einen
Theil "für seine Bemühungen" zurückzu-
behalten. Bedenken über den Ursprung dieser
Gelder sind ihm, wie Herr Kronawetter behaup-
tet[e], nicht aufgestiegen. Ob Herr v. Schneid das
Geld aus seiner eigenen Tasche genommen, ob er
es durch Sammlungen bei seinen Parteigenossen
zusammengebracht oder am Ende gar aus dem
Dispositionsfond erhalten habe, um das kümmerte
er sich nicht. Ich habe -- sagte er gestern --
ihn um das nicht gefragt und auch nicht das
Recht gehabt, ihn zu fragen, das kümmert mich
nichts und interessirt mich auch nicht." Bestim-
mend für Herrn Kronawetter war seiner eigenen
Versicherung zufolge die Mittheilung des Herrn
v. Schneid, daß die Versammlung des deutsch-
österr. Parteitages "ihnen" unangenehm sei --
das verfängliche "ihnen" soll angeblich "seine (des
Herrn v. Schneid) Bekannten" bedeuten -- daß
eine Gegendemonstration erwünscht wäre, daß die
stavisch clericale Majorität den Fünsguldenmän-
nern das Reichsrathswahlrecht zu ertheilen beab-
sichtige, daß die Arbeitervers[a]mmlung von der
k. k. Polizei nicht behelligt werden würde.

Hic haeret! Wenn Herr Dr. Kronawetter
[Spaltenumbruch] auf diese Zusage des Herrn v. Schneid hin, die
Arbeiter zu einer Verfammlung zusammentrom-
melte, welche er ohne diese Zusage im Hinblick
auf die von der k. k. Polizeibehörde gegenüber
von Arbeiterversammlungen beoabachtete Praxis
einzuberufen den Muth nicht gehabt hätte, so
scheint es doch wohl, daß er damals über die
Beziehungen des Herrn v. Schneid und dessen
Partei zu der h. Regierung eine bestimmte Mei-
nung gehabt habe und daß diese Meinung dahin
ging, Herr v. Schneid sei ermächtigt, im Namen
der Regierung Versprechungen zu machen. Für
so ganz "privat" und harmlos, wie er uns jetzt
glauben machen möchte, hat also Herr Krona-
wetter 1880 den Abg. v. Schneid nicht ange-
sehen. Das felsenfeste Vertrauen in dessen Zusage
polizeilicher Indulgenz beweist vielmehr, daß in
Herrn Kronawetter kein Zweifel darüber bestand,
Herr v. Schneid verhandle mit ihm gewisser-
maßen als Regierungsvertreter.

Herr Kronawetter hat also um die 500 fl.
des Herrn v. Schneid nicht nur seine Stammes-
genossen vom deutsch österr. Parteitag verrathen,
sondern auch die Arbeiter durch Verheimlichung
des wahren Sachverhaltes allerdings unbewußt
die häßliche Rolle von Polizeispitzeln und Agents
provocateurs
spielen lassen, ihre Ehre auf's
Spiel gesetzt. Und unsere Arbeiter, denen Hofrath
Exner ein glänzendes Zeugniß ausstellte, haben
Ehre im Leibe. Herr Dr. Kronawetter mag sich
gesagt sein lassen; nicht Jeder denkt wie er:
"So geht man halt zu dem, von dem man was
kriegt!" --






[Spaltenumbruch]
Feuilleton.



Mein Treibhaus.
(Aus den Erinnerungen eines Reporters.)

In meiner zartesten Reporterjugend hatte ich
einen Provinz-Redacteur, der mich marterte.
Worin diese Martern bestanden, läßt sich so genau
nicht beschreiben. Ein Reporter kann tausendfach
gequält werden. Genug, er mochte mich nicht lei-
den und ich haßte ihn. Wenn er mich wieder
einmal zu einer recht eiligen Sache beordert hatte,
zerbrach ich mir den Kopf, wie ich ihn ärgern
könnte, ohne die strenge Disciplin zu verletzen.
Ich beobachtete ihn monatelang, um endlich das
geeignete Mittel zu finden. Diese Ausdauer wurde
belohnt. Ich fand, daß er besonders große Stücke
auf blühende Zweige und verfrühte Schmetterlinge
hielt, wenn solche Anachronismen zur Winterszeit
aus dem Publicum an die Redaction gesendet
wurden. Die Beschreibung dieser liebenswürdigen
Einsendungen besorgte er persönlich, wobei er
immer die nämlichen tiefsinnigen Gedanken über
das "mit einem geheimnißvollen Schleier bedeckte
Walten der Natur" entwickelte, sonstige empfind-
same Redensarten vollbrachte und mit einem Dank
an die "feinsinnigen Beobachter der treibenden
Kräfte im All" schloß. Warte, Du alter Gries-
gram, dachte ich, Du wirst die treibenden Kräfte
noch verfluchen lernen.

Und von dieser Stunde an verwandelte ich mein
Zimmer in ein förmliches Treibhaus. Durch Wärme
und Wasser verleitete ich die ältesten Kirsch-, Birnen-,
[Spaltenumbruch] Pfirsich-, Kastanien-, Weiden- und sonstige Bäume
von welchen ich mir einen Zweig verschaffen konnte
zu den unnatürlichsten Ausschreitungen mitten im
Winter. Wenn so ein Zweig ein paar Knospen
angesetzt, oder wenn ich von irgend einem Gärt-
ner frische Erdbeeren und dergleichen erhandelt
hatte, wurde das Wunder sofort sauber in eine
Schachtel mit Baumwolle verpackt und an meinen
Feind gesendet. Der von einem meiner Freunde
abgeschriebene Begleitbrief, aufgegeben irgendwo
außerhalb der Stadt, lautete ohne wesentliche
Veränderungen ungewöhnlich folgendermaßen:

Euer Wohlgeboren!

Bei einem Spaziergange in meinem Gar-
ten fiel mein erstaunter Blick auf beifolgendes
lebendige Zeugniß von der Wahrheit des Satzes,
daß die treibenden Kräfte im All auch zur
Winterszeit nicht ruhen. Welcher Anblick, bei
so und so viel Grad Kälte Blüthen (Früchte)
an einem sonst winterlich kahlen Baum (Strauch)
zu finden! Allerdings liegt mein Garten gegen
Süden. Trotzdem halte ich die Erscheinung für
interessant genug, daß ich sie Ihnen mittheile in
der angenehmen Hoffnung, ein paar Worte
hierüber in Ihrem geehrten Blatte erwähnt
zu sehen.

Hochachtungsvollst
A. B. oder C. D. u. s. w.

Mein Treibhaus lieferte wöchentlich zwei bis
drei solche poetische Sendungen. Versagte es aber
einmal, so scheute ich die Mühe nicht, auf ein
kahles Zeiglein die Kelche von Maiglöckchen auf-
zupfropfen, wobei ich mich auf die Kurzsichtigkeit
meines Peinigers verließ. Dieser nahm in der
[Spaltenumbruch] That das Surrogat jedesmal arglos hin, noch an-
dächtig dazu und versicherte, es sei im Winter offen-
bar stellenweise eine außergewöhnlich energische
Triebkraft vorhanden, weil das Zeug besser rieche,
als im Frühling. Nachdem drei Wochen lang
Schachtel auf Schachtel eingelangt war und mein
Vorgesetzter bereits eine eigene Rubrik für das
seltsame Walten der Natur hatte errichten müssen,
kam eine Zuschrift aus dem Publikum folgenden
Inhalts:

Werden Sie das so forttreiben mit dem
blühenden Unsinn im Winter? Füllen Sie
Ihren kostbaren Platz nicht mit einem Gefasel
über dumme Bäume und Sträucher aus, die
im Winter Blüthen ansetzen, als ob sie nicht
im Frühjahre noch Zeit genug hätten! Auf
demselben Raum könnten Sie einen anständi-
gen Raubmord oder wenigstens einen Seesturm
unterbringen. Achtungsvoll Einer für Viele.

Natürlich freute ich mich ungemein über
diesen ersten Entrüsteten. Der Alte aber sagte:

-- "Merken Sie das neidische Concurrenz-
manöver? Der Teufel soll mich holen, wenn ich
die von mir erfundene Rubrik "Der Winter als
Ziergärtner aufgebe. Just nicht!"

Nun war es Zeit, die Bestien gegen ihn
loszulassen. Ich hatte unterdessen die Bekanntschaft
eines ländlichen "Pilgers" gemacht und demselben
ein gutes Trinkgeld versprochen, wenn er mir ein
wahnsinniges Insect oder anderes, zur jetzigen
Jahreszeit unmögliches Kleinvieh bringen würde.
Zu meiner fröhlichen Ueberraschung kam der Bur-
sche nach einigen Tagen mit einem Maikäfer an-
geschritten. Wir schrieben December. Ich wunderte


[Spaltenumbruch]

Das
„Mähriſche Tagblatt“
mit der illuſtr. Wochenbeilage
„Illuſtrirt. Sonntagsblatt“
erſcheint mit Ausnahme der
Sonn- und Feiertage täglich
Ausgabe 2 Uhr Nachmittags
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Mähriſches
Tagblatt.

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Vogler
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peſt, Berlin, Frankfurt a. M.
Hamburg, Baſel und Leipzig
Alois Opellik, in Wien, R[ud.]
Moose
in Wien. München u.
Berlin, M. Dukes, Wien
I. Schulerſtraße 8. G. L. Daube
u. Co. (Ig. Knoll),
Wien, am
Hof 5, Frankfurt a. M.
Adolf Steiner’s Annoncen
bureau in Hamburg, ſowie
ſämmtl. conc. Inſertions-Bu-
reaus des In- u. Auslandes.




Manuſcripte werden nicht zu
rückgeſtellt.




Nr. 29. Olmütz, Montag den 7. Februar 1887. 8. Jahrgang.



[Spaltenumbruch]
Der brave Abg. Kronawetter.

(Orig.-Corr.)

Selbſt wenn wir uns den Zwang anthäten,
dem Abgeordneten des achten Wiener Bezirkes
aufs Wort zu glauben, daß er es ehrlich und auf-
richtig meint mit Allem, was er in ſeinen Reden
wider den Arbeiterkammern-Antrag des deutſch-
öſterreichiſchen Clubs vorgebracht hat, ſelbſt wenn
wir annehmen, ſeine Feindſeligkeit gegenüber den
Liberalen des öſterreichiſchen Abgeordnetenhauſes
entſpringe dem Unwillen über die von ihm be-
hauptete Schwächlichkeit ihres Liberalismus, wenn
wir uns — mit Einem Worte — alle Mühe
gäben, den Herrn Dr. Kronawetter ernſt zu
nehmen; an dem Geſtändniſſe, welches er in der
Samſtaaſitzung des Abgeordnetenhauſes in Betreff
ſeines Verhaltens gegenüber dem deutſch-öſterrei-
chiſchen Parteitage vom Jahre 1880 abgelegt
hat, müßte unſere wohlwollende Abſicht ſcheitern.

Nein und tauſendmal nein! Ein Mann, dem
ſo ſehr die Empfindung für das im politiſchen
Leben Zuläſſige und Anſtändige abgeht, daß er
eine Rede, die er zur Rechtfertigung einer politi-
ſchen Handlung angezweifelten Characters hält,
mit den Worten ſchließt: „So aber geht man zu
Dem, von Dem man Etwas kriegt und
der Etwas gibt
“, ein ſolcher Mann muß
ſich eigentlich bedanken, wenn man ihn nicht ernſt
nimmt; denn wollten wir ihn ernſt nehmen, dann
wäre kein Ausdruck ſcharf genug, um den Grad
der Mißachtung zu kennzeichnen, welche uns ſeine
Rechtfertigung einflößt. Seinem eigenen Geſtänd-
[Spaltenumbruch] niſſe zufolge hat ſich nämlich Herr Kronawetter
einem ſlaviſchen Abgeordneten, der aus ſeiner
reactionären Geſinnung nie ein Hehl machte,
dem ſeither verſtorbenen ſloveniſchen Abgeordneten
v. Schneid gegenüber dazu hergegeben, in Form
einer Arbeiterverſammlung eine Gegendemonſtra-
tion gegen den 1880er deutſch-öſterr. Parteitag
zu veranſtalten und ſich die hiezu erforderlichen
Geldmittel von ihm ſchenken laſſen, ja nicht nur
ſchenken zu laſſen, ſondern ſich davon noch einen
Theil „für ſeine Bemühungen“ zurückzu-
behalten. Bedenken über den Urſprung dieſer
Gelder ſind ihm, wie Herr Kronawetter behaup-
tet[e], nicht aufgeſtiegen. Ob Herr v. Schneid das
Geld aus ſeiner eigenen Taſche genommen, ob er
es durch Sammlungen bei ſeinen Parteigenoſſen
zuſammengebracht oder am Ende gar aus dem
Dispoſitionsfond erhalten habe, um das kümmerte
er ſich nicht. Ich habe — ſagte er geſtern —
ihn um das nicht gefragt und auch nicht das
Recht gehabt, ihn zu fragen, das kümmert mich
nichts und intereſſirt mich auch nicht.“ Beſtim-
mend für Herrn Kronawetter war ſeiner eigenen
Verſicherung zufolge die Mittheilung des Herrn
v. Schneid, daß die Verſammlung des deutſch-
öſterr. Parteitages „ihnen“ unangenehm ſei —
das verfängliche „ihnen“ ſoll angeblich „ſeine (des
Herrn v. Schneid) Bekannten“ bedeuten — daß
eine Gegendemonſtration erwünſcht wäre, daß die
ſtaviſch clericale Majorität den Fünſguldenmän-
nern das Reichsrathswahlrecht zu ertheilen beab-
ſichtige, daß die Arbeiterverſ[a]mmlung von der
k. k. Polizei nicht behelligt werden würde.

Hic haeret! Wenn Herr Dr. Kronawetter
[Spaltenumbruch] auf dieſe Zuſage des Herrn v. Schneid hin, die
Arbeiter zu einer Verfammlung zuſammentrom-
melte, welche er ohne dieſe Zuſage im Hinblick
auf die von der k. k. Polizeibehörde gegenüber
von Arbeiterverſammlungen beoabachtete Praxis
einzuberufen den Muth nicht gehabt hätte, ſo
ſcheint es doch wohl, daß er damals über die
Beziehungen des Herrn v. Schneid und deſſen
Partei zu der h. Regierung eine beſtimmte Mei-
nung gehabt habe und daß dieſe Meinung dahin
ging, Herr v. Schneid ſei ermächtigt, im Namen
der Regierung Verſprechungen zu machen. Für
ſo ganz „privat“ und harmlos, wie er uns jetzt
glauben machen möchte, hat alſo Herr Krona-
wetter 1880 den Abg. v. Schneid nicht ange-
ſehen. Das felſenfeſte Vertrauen in deſſen Zuſage
polizeilicher Indulgenz beweiſt vielmehr, daß in
Herrn Kronawetter kein Zweifel darüber beſtand,
Herr v. Schneid verhandle mit ihm gewiſſer-
maßen als Regierungsvertreter.

Herr Kronawetter hat alſo um die 500 fl.
des Herrn v. Schneid nicht nur ſeine Stammes-
genoſſen vom deutſch öſterr. Parteitag verrathen,
ſondern auch die Arbeiter durch Verheimlichung
des wahren Sachverhaltes allerdings unbewußt
die häßliche Rolle von Polizeiſpitzeln und Agents
provocateurs
ſpielen laſſen, ihre Ehre auf’s
Spiel geſetzt. Und unſere Arbeiter, denen Hofrath
Exner ein glänzendes Zeugniß ausſtellte, haben
Ehre im Leibe. Herr Dr. Kronawetter mag ſich
geſagt ſein laſſen; nicht Jeder denkt wie er:
„So geht man halt zu dem, von dem man was
kriegt!“ —






[Spaltenumbruch]
Feuilleton.



Mein Treibhaus.
(Aus den Erinnerungen eines Reporters.)

In meiner zarteſten Reporterjugend hatte ich
einen Provinz-Redacteur, der mich marterte.
Worin dieſe Martern beſtanden, läßt ſich ſo genau
nicht beſchreiben. Ein Reporter kann tauſendfach
gequält werden. Genug, er mochte mich nicht lei-
den und ich haßte ihn. Wenn er mich wieder
einmal zu einer recht eiligen Sache beordert hatte,
zerbrach ich mir den Kopf, wie ich ihn ärgern
könnte, ohne die ſtrenge Disciplin zu verletzen.
Ich beobachtete ihn monatelang, um endlich das
geeignete Mittel zu finden. Dieſe Ausdauer wurde
belohnt. Ich fand, daß er beſonders große Stücke
auf blühende Zweige und verfrühte Schmetterlinge
hielt, wenn ſolche Anachronismen zur Winterszeit
aus dem Publicum an die Redaction geſendet
wurden. Die Beſchreibung dieſer liebenswürdigen
Einſendungen beſorgte er perſönlich, wobei er
immer die nämlichen tiefſinnigen Gedanken über
das „mit einem geheimnißvollen Schleier bedeckte
Walten der Natur“ entwickelte, ſonſtige empfind-
ſame Redensarten vollbrachte und mit einem Dank
an die „feinſinnigen Beobachter der treibenden
Kräfte im All“ ſchloß. Warte, Du alter Gries-
gram, dachte ich, Du wirſt die treibenden Kräfte
noch verfluchen lernen.

Und von dieſer Stunde an verwandelte ich mein
Zimmer in ein förmliches Treibhaus. Durch Wärme
und Waſſer verleitete ich die älteſten Kirſch-, Birnen-,
[Spaltenumbruch] Pfirſich-, Kaſtanien-, Weiden- und ſonſtige Bäume
von welchen ich mir einen Zweig verſchaffen konnte
zu den unnatürlichſten Ausſchreitungen mitten im
Winter. Wenn ſo ein Zweig ein paar Knoſpen
angeſetzt, oder wenn ich von irgend einem Gärt-
ner friſche Erdbeeren und dergleichen erhandelt
hatte, wurde das Wunder ſofort ſauber in eine
Schachtel mit Baumwolle verpackt und an meinen
Feind geſendet. Der von einem meiner Freunde
abgeſchriebene Begleitbrief, aufgegeben irgendwo
außerhalb der Stadt, lautete ohne weſentliche
Veränderungen ungewöhnlich folgendermaßen:

Euer Wohlgeboren!

Bei einem Spaziergange in meinem Gar-
ten fiel mein erſtaunter Blick auf beifolgendes
lebendige Zeugniß von der Wahrheit des Satzes,
daß die treibenden Kräfte im All auch zur
Winterszeit nicht ruhen. Welcher Anblick, bei
ſo und ſo viel Grad Kälte Blüthen (Früchte)
an einem ſonſt winterlich kahlen Baum (Strauch)
zu finden! Allerdings liegt mein Garten gegen
Süden. Trotzdem halte ich die Erſcheinung für
intereſſant genug, daß ich ſie Ihnen mittheile in
der angenehmen Hoffnung, ein paar Worte
hierüber in Ihrem geehrten Blatte erwähnt
zu ſehen.

Hochachtungsvollſt
A. B. oder C. D. u. ſ. w.

Mein Treibhaus lieferte wöchentlich zwei bis
drei ſolche poetiſche Sendungen. Verſagte es aber
einmal, ſo ſcheute ich die Mühe nicht, auf ein
kahles Zeiglein die Kelche von Maiglöckchen auf-
zupfropfen, wobei ich mich auf die Kurzſichtigkeit
meines Peinigers verließ. Dieſer nahm in der
[Spaltenumbruch] That das Surrogat jedesmal arglos hin, noch an-
dächtig dazu und verſicherte, es ſei im Winter offen-
bar ſtellenweiſe eine außergewöhnlich energiſche
Triebkraft vorhanden, weil das Zeug beſſer rieche,
als im Frühling. Nachdem drei Wochen lang
Schachtel auf Schachtel eingelangt war und mein
Vorgeſetzter bereits eine eigene Rubrik für das
ſeltſame Walten der Natur hatte errichten müſſen,
kam eine Zuſchrift aus dem Publikum folgenden
Inhalts:

Werden Sie das ſo forttreiben mit dem
blühenden Unſinn im Winter? Füllen Sie
Ihren koſtbaren Platz nicht mit einem Gefaſel
über dumme Bäume und Sträucher aus, die
im Winter Blüthen anſetzen, als ob ſie nicht
im Frühjahre noch Zeit genug hätten! Auf
demſelben Raum könnten Sie einen anſtändi-
gen Raubmord oder wenigſtens einen Seeſturm
unterbringen. Achtungsvoll Einer für Viele.

Natürlich freute ich mich ungemein über
dieſen erſten Entrüſteten. Der Alte aber ſagte:

— „Merken Sie das neidiſche Concurrenz-
manöver? Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich
die von mir erfundene Rubrik „Der Winter als
Ziergärtner aufgebe. Juſt nicht!“

Nun war es Zeit, die Beſtien gegen ihn
loszulaſſen. Ich hatte unterdeſſen die Bekanntſchaft
eines ländlichen „Pilgers“ gemacht und demſelben
ein gutes Trinkgeld verſprochen, wenn er mir ein
wahnſinniges Inſect oder anderes, zur jetzigen
Jahreszeit unmögliches Kleinvieh bringen würde.
Zu meiner fröhlichen Ueberraſchung kam der Bur-
ſche nach einigen Tagen mit einem Maikäfer an-
geſchritten. Wir ſchrieben December. Ich wunderte


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[[1]/0001] Das „Mähriſche Tagblatt“ mit der illuſtr. Wochenbeilage „Illuſtrirt. Sonntagsblatt“ erſcheint mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage täglich Ausgabe 2 Uhr Nachmittags im Adminiſtrations-Locale Niederring Nr. 41 neu oder den Fleiſchbänken. Abonnement für Olmütz: Ganzjährig fl. 10 — Halbjährig „ 5.— Vierteljährig „ 2.50 Monatlich „ —.90 Zuſtellung ins Haus monat- lich 10 Kreuzer. Auswärts durch die Poſt: Ganzjährig fl. 14.— Halbjährig „ 7.— Vierteljährig „ 3.50 Einzelne Nummer 5 Kreuzer. Mähriſches Tagblatt. Inſertionsgebühren. Die 4mal geſpaltene Petitzeile oder deren Raum 6 Kreuzer Außerhalb Olmütz überneh- men Inſertions-Aufträge: Heinrich Schalek, Annon- cen Exped. in Wien, I., Woll- zeile Nr. 11 Haasenstein & Vogler in Wien, Prag, Buda- peſt, Berlin, Frankfurt a. M. Hamburg, Baſel und Leipzig Alois Opellik, in Wien, Rud. Moose in Wien. München u. Berlin, M. Dukes, Wien I. Schulerſtraße 8. G. L. Daube u. Co. (Ig. Knoll), Wien, am Hof 5, Frankfurt a. M. Adolf Steiner’s Annoncen bureau in Hamburg, ſowie ſämmtl. conc. Inſertions-Bu- reaus des In- u. Auslandes. Manuſcripte werden nicht zu rückgeſtellt. Nr. 29. Olmütz, Montag den 7. Februar 1887. 8. Jahrgang. Der brave Abg. Kronawetter. Wien, 6. Februar. (Orig.-Corr.) Selbſt wenn wir uns den Zwang anthäten, dem Abgeordneten des achten Wiener Bezirkes aufs Wort zu glauben, daß er es ehrlich und auf- richtig meint mit Allem, was er in ſeinen Reden wider den Arbeiterkammern-Antrag des deutſch- öſterreichiſchen Clubs vorgebracht hat, ſelbſt wenn wir annehmen, ſeine Feindſeligkeit gegenüber den Liberalen des öſterreichiſchen Abgeordnetenhauſes entſpringe dem Unwillen über die von ihm be- hauptete Schwächlichkeit ihres Liberalismus, wenn wir uns — mit Einem Worte — alle Mühe gäben, den Herrn Dr. Kronawetter ernſt zu nehmen; an dem Geſtändniſſe, welches er in der Samſtaaſitzung des Abgeordnetenhauſes in Betreff ſeines Verhaltens gegenüber dem deutſch-öſterrei- chiſchen Parteitage vom Jahre 1880 abgelegt hat, müßte unſere wohlwollende Abſicht ſcheitern. Nein und tauſendmal nein! 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Parteitag zu veranſtalten und ſich die hiezu erforderlichen Geldmittel von ihm ſchenken laſſen, ja nicht nur ſchenken zu laſſen, ſondern ſich davon noch einen Theil „für ſeine Bemühungen“ zurückzu- behalten. Bedenken über den Urſprung dieſer Gelder ſind ihm, wie Herr Kronawetter behaup- tete, nicht aufgeſtiegen. Ob Herr v. Schneid das Geld aus ſeiner eigenen Taſche genommen, ob er es durch Sammlungen bei ſeinen Parteigenoſſen zuſammengebracht oder am Ende gar aus dem Dispoſitionsfond erhalten habe, um das kümmerte er ſich nicht. Ich habe — ſagte er geſtern — ihn um das nicht gefragt und auch nicht das Recht gehabt, ihn zu fragen, das kümmert mich nichts und intereſſirt mich auch nicht.“ Beſtim- mend für Herrn Kronawetter war ſeiner eigenen Verſicherung zufolge die Mittheilung des Herrn v. Schneid, daß die Verſammlung des deutſch- öſterr. Parteitages „ihnen“ unangenehm ſei — das verfängliche „ihnen“ ſoll angeblich „ſeine (des Herrn v. 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Das felſenfeſte Vertrauen in deſſen Zuſage polizeilicher Indulgenz beweiſt vielmehr, daß in Herrn Kronawetter kein Zweifel darüber beſtand, Herr v. Schneid verhandle mit ihm gewiſſer- maßen als Regierungsvertreter. Herr Kronawetter hat alſo um die 500 fl. des Herrn v. Schneid nicht nur ſeine Stammes- genoſſen vom deutſch öſterr. Parteitag verrathen, ſondern auch die Arbeiter durch Verheimlichung des wahren Sachverhaltes allerdings unbewußt die häßliche Rolle von Polizeiſpitzeln und Agents provocateurs ſpielen laſſen, ihre Ehre auf’s Spiel geſetzt. Und unſere Arbeiter, denen Hofrath Exner ein glänzendes Zeugniß ausſtellte, haben Ehre im Leibe. Herr Dr. Kronawetter mag ſich geſagt ſein laſſen; nicht Jeder denkt wie er: „So geht man halt zu dem, von dem man was kriegt!“ — Feuilleton. Mein Treibhaus. (Aus den Erinnerungen eines Reporters.) In meiner zarteſten Reporterjugend hatte ich einen Provinz-Redacteur, der mich marterte. Worin dieſe Martern beſtanden, läßt ſich ſo genau nicht beſchreiben. Ein Reporter kann tauſendfach gequält werden. Genug, er mochte mich nicht lei- den und ich haßte ihn. Wenn er mich wieder einmal zu einer recht eiligen Sache beordert hatte, zerbrach ich mir den Kopf, wie ich ihn ärgern könnte, ohne die ſtrenge Disciplin zu verletzen. Ich beobachtete ihn monatelang, um endlich das geeignete Mittel zu finden. Dieſe Ausdauer wurde belohnt. Ich fand, daß er beſonders große Stücke auf blühende Zweige und verfrühte Schmetterlinge hielt, wenn ſolche Anachronismen zur Winterszeit aus dem Publicum an die Redaction geſendet wurden. Die Beſchreibung dieſer liebenswürdigen Einſendungen beſorgte er perſönlich, wobei er immer die nämlichen tiefſinnigen Gedanken über das „mit einem geheimnißvollen Schleier bedeckte Walten der Natur“ entwickelte, ſonſtige empfind- ſame Redensarten vollbrachte und mit einem Dank an die „feinſinnigen Beobachter der treibenden Kräfte im All“ ſchloß. Warte, Du alter Gries- gram, dachte ich, Du wirſt die treibenden Kräfte noch verfluchen lernen. Und von dieſer Stunde an verwandelte ich mein Zimmer in ein förmliches Treibhaus. Durch Wärme und Waſſer verleitete ich die älteſten Kirſch-, Birnen-, Pfirſich-, Kaſtanien-, Weiden- und ſonſtige Bäume von welchen ich mir einen Zweig verſchaffen konnte zu den unnatürlichſten Ausſchreitungen mitten im Winter. Wenn ſo ein Zweig ein paar Knoſpen angeſetzt, oder wenn ich von irgend einem Gärt- ner friſche Erdbeeren und dergleichen erhandelt hatte, wurde das Wunder ſofort ſauber in eine Schachtel mit Baumwolle verpackt und an meinen Feind geſendet. Der von einem meiner Freunde abgeſchriebene Begleitbrief, aufgegeben irgendwo außerhalb der Stadt, lautete ohne weſentliche Veränderungen ungewöhnlich folgendermaßen: Euer Wohlgeboren! Bei einem Spaziergange in meinem Gar- ten fiel mein erſtaunter Blick auf beifolgendes lebendige Zeugniß von der Wahrheit des Satzes, daß die treibenden Kräfte im All auch zur Winterszeit nicht ruhen. Welcher Anblick, bei ſo und ſo viel Grad Kälte Blüthen (Früchte) an einem ſonſt winterlich kahlen Baum (Strauch) zu finden! Allerdings liegt mein Garten gegen Süden. Trotzdem halte ich die Erſcheinung für intereſſant genug, daß ich ſie Ihnen mittheile in der angenehmen Hoffnung, ein paar Worte hierüber in Ihrem geehrten Blatte erwähnt zu ſehen. Hochachtungsvollſt A. B. oder C. D. u. ſ. w. Mein Treibhaus lieferte wöchentlich zwei bis drei ſolche poetiſche Sendungen. Verſagte es aber einmal, ſo ſcheute ich die Mühe nicht, auf ein kahles Zeiglein die Kelche von Maiglöckchen auf- zupfropfen, wobei ich mich auf die Kurzſichtigkeit meines Peinigers verließ. Dieſer nahm in der That das Surrogat jedesmal arglos hin, noch an- dächtig dazu und verſicherte, es ſei im Winter offen- bar ſtellenweiſe eine außergewöhnlich energiſche Triebkraft vorhanden, weil das Zeug beſſer rieche, als im Frühling. Nachdem drei Wochen lang Schachtel auf Schachtel eingelangt war und mein Vorgeſetzter bereits eine eigene Rubrik für das ſeltſame Walten der Natur hatte errichten müſſen, kam eine Zuſchrift aus dem Publikum folgenden Inhalts: Werden Sie das ſo forttreiben mit dem blühenden Unſinn im Winter? Füllen Sie Ihren koſtbaren Platz nicht mit einem Gefaſel über dumme Bäume und Sträucher aus, die im Winter Blüthen anſetzen, als ob ſie nicht im Frühjahre noch Zeit genug hätten! Auf demſelben Raum könnten Sie einen anſtändi- gen Raubmord oder wenigſtens einen Seeſturm unterbringen. Achtungsvoll Einer für Viele. Natürlich freute ich mich ungemein über dieſen erſten Entrüſteten. Der Alte aber ſagte: — „Merken Sie das neidiſche Concurrenz- manöver? Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich die von mir erfundene Rubrik „Der Winter als Ziergärtner aufgebe. Juſt nicht!“ Nun war es Zeit, die Beſtien gegen ihn loszulaſſen. Ich hatte unterdeſſen die Bekanntſchaft eines ländlichen „Pilgers“ gemacht und demſelben ein gutes Trinkgeld verſprochen, wenn er mir ein wahnſinniges Inſect oder anderes, zur jetzigen Jahreszeit unmögliches Kleinvieh bringen würde. Zu meiner fröhlichen Ueberraſchung kam der Bur- ſche nach einigen Tagen mit einem Maikäfer an- geſchritten. Wir ſchrieben December. Ich wunderte

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Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Benjamin Fiechter, Susanne Haaf: Bereitstellung der digitalen Textausgabe (Konvertierung in das DTA-Basisformat). (2018-01-26T15:49:55Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
grepect GmbH: Bereitstellung der Texttranskription und Textauszeichnung. (2018-01-26T15:49:55Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Amelie Meister: Vorbereitung der Texttranskription und Textauszeichnung. (2018-01-26T15:49:55Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.

Weitere Informationen:

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




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URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/nn_maehrisches29_1887
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Zitationshilfe: Mährisches Tagblatt. Nr. 29, Olmütz, 07.02.1887, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_maehrisches29_1887/1>, abgerufen am 20.09.2021.