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Reichspost. Nr. 284, Wien, 14.12.1898.

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Wien, Mittwoch Reichspost 14. December 1898 284

[Spaltenumbruch]

mit Zustimmung des Tiroler Land-
tages
zu erfolgen habe, wurde in namentlicher
Abstimmung mit 22 gegen 16 Stimmen abgelehnt.
Es stimmten für den Antrag: die Abg. Axmann,
Chiari, Groß, Jax, Kaiser, Lecher, Lorber, Mauthner,
Menger, Peschka, Schlesinger, Schwegel, Spens, Stein-
wender, Stürgkh, Tollinger.

Dagegen stimmten: die Abg. Abraha-
mowicz, Berks, Dzieduszycki, Gniewosz, Hagen-
hofer,
Kastan, Kaltenegger, Karlik, Kern,
König, Kolischer, Kulp, Mettal, Milewski, Popovici,
Rutowski, Schwarz, Vukovic, Schuklje, Verkauf, Zedt-
witz, Wachnianyn.

Es ergibt sich also eine Spaltung in der Abstim-
mung der Katholischen Volkspartei;
die Majorität derselben stimmte für den Bruch eines
altererbten Landesrechtes und es folgt als beab-
sichtigte Consequenz, daß Tirol einen Entgang von
1/2 Million jährlicher Landeseinnahmen
haben oder das Reich für eine Ablösung dieses Rechtes
wird aufkommen sollen, die in einer Höhe von circa
10 Millionen erfolgen müßte, um dem Capitals-
werth des Getreidelandesaufschlags gleichzukommen. Die
Wahrscheinlichkeit einer solchen Ablösung ist gleich
Null; wer an dieselbe glauben wollte, müßte wegen
politischer Kindesunschuld bestaunt werden. -- Somit
ergibt also aus der gestrigen Abstimmung,
eine zweisellose Schädigung für das Land Tirol;
denn abgesehen davon, daß in seine Landesrechte ein-
gegriffen wurde, wird es sich mit großen finanziellen
Nachtheilen abzufinden haben. Daß die Katholische
Volkspartei den Abgeordneten Tollinger bei der
Vertretung seines Landesrechtes im Stich gelassen hat,
ist für dieselbe gerade keine parlamentarische Em-
pfehlung. Der Herr Handelsminister Baron Dipauli,
der sich als Tiroler ebenfalls gegen die Aufhebung
des Getreideaufschlages verbürgt hat, sollte aus dieser
Abstimmung seiner Gesinnungsgenossen aus Steier-
mark und Oberösterreich die Consequenzen ziehen. Wie
er es nun auch halten mag -- es ist nicht un-
wahrscheinlich, daß die gestrige Abstimmung das Ver-
hältniß der Tiroler Abgeordneten zum Club der
Katholischen Volkspartei variirt; denn in einer fest-
gefügten Partei dürfen derartige Differenzen nicht vor-
kommen.




Politische Rundschau.


Oesterreich-Ungarn.
"Der Ausgleich mit Ungarn".

In Linz ist
jetzt eine Flugschrist von Seite der Katholischen Volks-
partei erschienen, deren Zweck ist, darzuthun, der neue
Ausgleich sei viel besser als sein Ruf.
Der Verfasser sagt bezüglich der Abänderungsanträge:
"Die Anträge sind nicht geeignet, den Aus-
gleich wesentlich zu verbessern, sind nicht geeignet, den-
selben annehmbarer zu machen. Die Majorität hat,
um das Zustandekommen des Zoll- und Handels-
bündnisses nicht zu verzögern, diese Abänderungs-
anträge der Linken nicht angenommen"
Uns ist nur das eine unerfindlich, warum man von
Seite der Katholischen Volkspartet bisher immer so
gegen den Ausgleich gewettert hat; "Linzer Volks-
blatt" und "Grazer Volksblatt" haben ja zu wieder-
holten Malen erklärt, daß der Ausgleich in der gegen-
wärtigen Form nicht annehmbar sei. Woher dieser
Widerspruch? Man darf es uns doch nicht übel-
nehmen, daß uns die plötzliche Entdeckung der Güte
dieses Ausgleiches ein bitteres Lächeln kostet.

Obstruction?

Die jungezechischen Abgeordneten
freuen sich wie Kinder, daß Deutschliberale und Deutsch-
nationale ihnen und der Regierung jetzt aus der Sack-
gasse helfen, und beim Budget- und Ausgleichsprovi-
sovium wieder die Radau-Obstruction beginnen wollen.
Der Stimmungsmacher des Prager Jungczechenorgans
in Wien, der "kaiserliche Rath" Penizek, ein Jude,
meldet diesem Blatte mit sichtlicher Herzenserleichte-
rung: "Wie wir erfahren, wird die Regierung endlich




Ein dritter Grund ist nach unserer Ansicht das
Talmudstudium. Bei den meisten jüdischen Familien
wird auf die Erlernung der hebräischen Sprache und
die Kenntniß des Talmud eine Unmasse von Zeit ver-
wendet. Auch die ärmeren Juden bringen einen großen
Theil ihres Lebens mit dieser Beschäftigung zu. Es
mag ja sein, daß das Judenthum durch das
Studium des Talmud an Geistesschärfe gewinnt und
sich diese geschäftliche Fähigkeit angeeignet hat, in
welcher es den Christen überlegen sein will.
Aber für die ärmeren Juden wäre es gewiß besser,
statt der Talmudstudien ordentlich lesen und schreiben
zu lernen, bei einem Handwerker oder in ein Geschaft
einzutreten, ein tüchtiger Arbeiter und gewissenhafter
Mensch zu werden. Dann dürfte der Eigendünkel bald
schwinden, der heute die Juden verächtlich macht, und
die Werthschätzung platzgreifen, welche jeder recht-
schaffene Mensch und ehrliche Arbeiter zu fordern hat.

Wir sehen von der Großmannssucht, dem eigen-
thümlichen wiegsamen Geiste, um jedes Ziel zu er-
reichen, der geschäftlichen Gewissenlosigkeit vieler
galizischer Juden ab -- uns berühren nur die religiösen
Hindernisse des Wohlstandes -- es ließen sich darüber
Bücher schreiben -- und wir wären sehr zufrieden,
wenn wir durch diese kurzen Bemerkungen zur Lösung
des jüdischen Elends, so zu sagen, von innen
heraus,
etwas beigetragen hätten. Nun, verehrter
Herr Rabbi, haben wir nicht recht? U. A. w. g.


[Spaltenumbruch]

ihre Vollmachten benützen, und sobald die Deutschen
mit der Obstruction beginnen, das Parlament vertagen
und auf Grund des § 14 das Provisorium procla-
miren. Bis aber die Dinge auch in Ungarn so oder so
zur Lösung kommen, wird auf Grund desselben § 14
das Ausgleichs- und Budgetprovisorium proclamirt
werden. Dann wird das Parlament wieder einberufen,
und wenn die Deutschen Lust haben werden, in
der Obstruction fortzufahren, so wird es neuerlich
heimgeschickt und es wird auf Grund § 14 weiter
regiert werden. Und so bis ins Unendliche? Die
Regierung möge sich nicht täuschen. Sie darf beispiels-
weise auf gewisse Imponderabilien im Staatswesen nicht
vergessen, und wenn sie glaubt, daß sie sich ohne eine
gründliche Revision der Verfassung und ohne Revision
des Verhältnisses zu Ungarn behelfen wird, so wird
selbst der § 14 eingehen. Von dem Augenblicke an,
da das Wiener Parlament nach Hause geschickt wird
und der erwähnte Paragraph die Herrschaft antritt,
muß das Losungswort aller Parteien, welche es mit
diesem Staate aufrichtig meinen, Revision der
Verfassung sein." -- Die Herren juckt der
czechische Nationalstaat.

Ein "Manifest an die Nation"

hat die ver-
einigte Opposition des ungarischen Abgeordnetenhauses
soeben erlassen, das gegen Banffy's geplanten Verfassungs-
bruch in den schärfsten Ausdrücken, als
gegen ein verbrecherisches Attentat wider die ungarische
Nation, Stellung nimmt. Diese Opposition vereinigt die
conservative Nationalpartei Apponyi's, dann
Kossuths radicale Unabhängigkeitspartei und endlich die
vom Abt Molnar geführte Katholische Volks-
partei. Die Opposition fordert bedingungslos Banffy's
Sturz,
der sich jetzt auf dem Ministerstuhle sogar durch
Unterdrückung der verfassungsmäßigen Volks- und
Parlamentsrechte und durch Einführung eines gesetz-
losen Absolutismus nach Neujahr zu halten sucht.
Den Plan dazu lieferte der alte Calviner und Ex-
minister Koloman Tisza durch eine gesetzähnliche
Vorlage, welche mittelst Unterschreibung der liberalen
Regierungspartei dem Ministerium Banffy außer-
parlamentarisch
die Befugniß verfassungs-
widriger Herrschaft zusichern soll. Abt Molnar nannte
dies Wagniß Banffy's bei Berathung des "Manifestes" im
Namen der "kath. Volkspartei" eine "Verläugnung des
legislatorischen Princips", einen "Faustschlag gegen die
ministerielle Verantwortlichkeit", und eine "Vernichtung
und Exarticulirung der ungarischen Verfassung". Und
doch stehen von Bauffy's liberalen Abgeordneten, die
bekanntlich durch Stimmenkauf und schmähliche Wahl-
fälschung unter Leitung des Premiers auf die Stühle der
Gesetzgebung gekommen sind, nur 237 zurechnungsfähige
Leute unter Tisza's Ex-lex-Entwurfe, während mehr
als 220 freie Abgeordnete davon nichts wissen
wollen. Das "Manifest" ist ein Sturmruf an
das ungarische Volk gegen die jetzige Willkür-
herrschaft. Darin heißt es unter Anderem:
"Es ist ein freches Attentat versucht worden, welches,
wenn es gelingt, unsere Verfassung in ihren Grundfesten
erschüttert und zur vollständigen Auflösung des Ver-
fassungslebens führt. Dieser Weg ist schon deßhalb so
gefahrbringend, weil er den Angriff auf das Verfassungs-
leben, die unstatthafte, gesetzwidrige Einhebung der
Steuern und Rekrutenaushebung ohne deren legislatori-
sche Votirung, und jede zu begehende Sünde des unge-
setzlichen Regierens in den Schein der Gesetzlichkeit
hüllen und damit einen Fingerzeig für alle zukünftigen
Zeiten Denjenigen geben will, die bereit sind, das ver-
fassungsmäßige Leben unseres Vaterlandes zu vernichten,
gleichzeitig aber einen Vorwand dafür suchen, den Schein
der Rechtmäßigkeit als Deckmantel zu benützen" -- Die
Führer der Opposition verweigern Banffy jede persönliche
Auseinandersetzung. Selbst im Schoße der Regierung
regen sich bereits Bedenken, und speciell Honved-
minister Baron Fejervary hat Banffy's neuestes Wag-
niß bereits mißbilligt. Am nächsten Samstag geht
der Kaiser nach Budapest. Wir zweiseln kaum mehr,
daß Banffy trotz aller Hartnäckigkeit den Weg
Badeni's
wird antreten müssen. Auffällig ist, daß
das Wiener "Vaterland", obschon Ungarns "Katholische
Volkspartei" so entschieden in der Opposition steht, in
diesem Falle für die calvinische Tisza- und Banffy-
Clique und für die liberale Partei wie auf Ordre eintritt.




Italien.
Kammer.

Deputirter Santini interpellirt
über die Maßregeln zur Hintanhaltung unbefugter Aus-
übung der medicinischen Praxis seitens der Ausländer.
Ministerpräsident Pelloux antwortet, er habe die
Präfecten aufgefordert, darüber zu wachen, ob die aus-
ländischen Aerzte, deren Anzahl sich nun auf 108 be-
läuft, den gesetzlichen Bestimmungen gemäß ihre Praxis
ausüben. Minister des Aeußern Canevaro betont,
das Princip der Reciprocität liege im Interesse Italiens
da die Anzahl der italienischen Aerzte im Auslande
größer sei, als die der ausländischen in Italien.

Senat.

Im Laufe der Verhandlung über den
Vorschuß von einer Million für Kreta führt der italie-
nische Botschafter am Wiener Hof, Graf Nigra,
aus, die Intervention auf Kreta habe die Beziehungen
der Mächte weder beeinträchtigt noch verändert. -- Die
Vorlage wurde mit 71 gegen 9 Stimmen angenommen.

Schweden.

Conflict.

Der König erklärte, daß er den
Beschluß des Storthing, betreffend die Einführung
der rein norwegischen Flagge nicht
[Spaltenumbruch] sanctioniren
werde. Gleichwohl muß der Be-
schluß auf Grund des Artikels 79 der Verfassung als
Gesetz veröffentlicht werden.

Frankreich.

In der Kammer

interpellirt Pascal Grous-
set
über die seitens des Generalstabes in der Dreyfus-
Affaire begangenen Indiscretionen und verliest unter
heftigem Tumult mehrere Journalartikel, welche er als
vom Generalstabe ausgehend bezeichnete. Mehrere De-
putirte gerathen in einen erregten Wortwechsel, wobei
es zu Thätlichkeiten kommt, so daß der Präsident
mehrere Deputirte zur Ordnung ruft. Deputirter De
Mun verlangt, daß die Kammer befragt werde, ob
diese Debatte fortgesetzt werden könne. Ministerpräsident
Dupuy erklärt, daß es dem Redner freistehe, zu sprechen,
doch protestire er als Chef der Regierung mit größtem
Nachdrucke gegen eine Sprache, deren Tragweite der
Redner nicht ermessen habe. Kriegsminister Frey-
cinet
sagt, wenn er hätte vermuthen können, was
den Gegenstand der Interpellation bilden werde, würde
er eine Verschiebung derselben auf einen Monat ver-
langt haben. Die Kammer nahm die einfache Tages-
ordnung mit 483 gegen 78 Stimmen an.




II. niederösterreichischer Katholikenlag.

Dem Präsidenten des II. niederösterreichischen
Katholikentages Herrn Franz Freiherrn von
Walterskirchen ist vom Herrn Statthalter folgen-
der Brief zugekommen:

Hochwohlgeborner Freiherr!

Im Allerhöchsten Auftrage gebe ich dem
II. niederösterreichischen Katholiketnage in Wien
für das durch Euer Hochwohlgeboren als Präsi-
denten dieser Versammlung an Seine k. und k.
Apostolische Majestät gerichtete Huldigungstele-
gramm den Allerhöchsten Dank bekannt.

Es wolle Euer Hochwohlgeboren gefällig
sein, diese Allerhöchste Kundgebung den geehrten
Theilnehmern des II. niederösterreichischen Katho-
likentages in geeigneter Weise zur Kenntniß zu
bringen.

Empfangen Euer Hochwohlgeboren die Ver-
sicherung meiner vollkommensten Hochachtung.






Deutschland und die europäische Lage.

In zwei Reden, von höchststehender und com-
petentester deutscher Seite, ist gestern die europäische
Lage gestreift worden. Einerseits war es der Kaiser
Wilhelm
II. selbst, der auf die ungewisse Zukunft
hinwies, anderseits der eigentliche Träger der aus-
wärtigen Politik Deutschlands, Staatssecretär von
Bülow,
der dieser dunkeln Folie die charakteristischen
Contouren abgewann und nicht versäumte, auch etwas
und zwar ziemlich viel Licht in das Zukunftsbild zu
bringen.

Kaiser Wilhelm II. hat das neugewählte Prä-
sidium des Deutschen Reichstages in fast drei Viertel-
stunden dauernder Audienz empfangen, deren Charakter
ganz zwanglos war. Der Kaiser wies auf eine
vor ihm ausgebreitete Landkarte hin und wies
an der Hand derselben nach, wie vielfach
sich die Verhältnisse mehrerer Großmächte in letzter Zeit
geändert hätten, wie bestimmte Interessengegensätze sich
mehr als zuvor bemerkbar machten, und er hob hervor,
daß diese Gegensätze unter Umständen zu einer Ent-
scheidung führen könnten. Das alles hatte offenbar den
Zweck, das Präsidium für die neuen Militärvorlagen
zu stimmen, und an der Landkarte legte der Kaiser
ausdrücklich dar, welche Truppendislocationen angesichts
der Lage nothwendig seien, und er sprach die Zuversicht
aus, daß der Reichstag der neuen Militärvorlage keine
Schwierigkeiten bereiten werde. Die Vermehrung des
Präsenzstandes und die vorgeschlagene Neuorganisation
sei nothwendig, weil die auswärtige Lage trotz der
freundschaftlichen Beziehungen, in denen Deutschland zu
allen Mächten stehe, Möglichkeiten enthalte, denen gegen-
über es erforderlich sei, sich für die Zukunft vor-
zubereiten.

Die Durchbringung der Militärvorlage war offen-
bar der Hauptzweck der kaiserlichen Darlegungen.
Interessante Momente derselben waren im Einzelnen
der Hinweis auf die Faschoda-Frage, wobei
er den Erfolg hervorhob, den das kraftvolle Auftreten
der englischen Diplomatie davongetragen habe, während
anderseits jedoch nicht die Sicherheit bestehe, daß die
englisch-französischen Differenzen
mit der Erledigung dieser Specialfrage bereits voll-
ständig beglichen seien. Deutschland stehe mit
England auf gutem Fuße,
unbeschadet der
vortrefflichen Beziehungen, die es auch nach der Seite
anderer Mächte hin unterhalte. Der deutsch-
englische Colonialvertrag
sei durch
freundliches Entgegenkommen von beiden Seiten
zu Stande gekommen. Derselbe verfolge eine
Politik des Friedens und der
Wahrung der eigenen Interessen. Bezüglich Ruß-

Wien, Mittwoch Reichspoſt 14. December 1898 284

[Spaltenumbruch]

mit Zuſtimmung des Tiroler Land-
tages
zu erfolgen habe, wurde in namentlicher
Abſtimmung mit 22 gegen 16 Stimmen abgelehnt.
Es ſtimmten für den Antrag: die Abg. Axmann,
Chiari, Groß, Jax, Kaiſer, Lecher, Lorber, Mauthner,
Menger, Peſchka, Schleſinger, Schwegel, Spens, Stein-
wender, Stürgkh, Tollinger.

Dagegen ſtimmten: die Abg. Abraha-
mowicz, Berks, Dzieduszycki, Gniewosz, Hagen-
hofer,
Kaſtan, Kaltenegger, Karlik, Kern,
König, Koliſcher, Kulp, Mettal, Milewski, Popovici,
Rutowski, Schwarz, Vukovic, Schuklje, Verkauf, Zedt-
witz, Wachnianyn.

Es ergibt ſich alſo eine Spaltung in der Abſtim-
mung der Katholiſchen Volkspartei;
die Majorität derſelben ſtimmte für den Bruch eines
altererbten Landesrechtes und es folgt als beab-
ſichtigte Conſequenz, daß Tirol einen Entgang von
½ Million jährlicher Landeseinnahmen
haben oder das Reich für eine Ablöſung dieſes Rechtes
wird aufkommen ſollen, die in einer Höhe von circa
10 Millionen erfolgen müßte, um dem Capitals-
werth des Getreidelandesaufſchlags gleichzukommen. Die
Wahrſcheinlichkeit einer ſolchen Ablöſung iſt gleich
Null; wer an dieſelbe glauben wollte, müßte wegen
politiſcher Kindesunſchuld beſtaunt werden. — Somit
ergibt alſo aus der geſtrigen Abſtimmung,
eine zweiſelloſe Schädigung für das Land Tirol;
denn abgeſehen davon, daß in ſeine Landesrechte ein-
gegriffen wurde, wird es ſich mit großen finanziellen
Nachtheilen abzufinden haben. Daß die Katholiſche
Volkspartei den Abgeordneten Tollinger bei der
Vertretung ſeines Landesrechtes im Stich gelaſſen hat,
iſt für dieſelbe gerade keine parlamentariſche Em-
pfehlung. Der Herr Handelsminiſter Baron Dipauli,
der ſich als Tiroler ebenfalls gegen die Aufhebung
des Getreideaufſchlages verbürgt hat, ſollte aus dieſer
Abſtimmung ſeiner Geſinnungsgenoſſen aus Steier-
mark und Oberöſterreich die Conſequenzen ziehen. Wie
er es nun auch halten mag — es iſt nicht un-
wahrſcheinlich, daß die geſtrige Abſtimmung das Ver-
hältniß der Tiroler Abgeordneten zum Club der
Katholiſchen Volkspartei variirt; denn in einer feſt-
gefügten Partei dürfen derartige Differenzen nicht vor-
kommen.




Politiſche Rundſchau.


Oeſterreich-Ungarn.
„Der Ausgleich mit Ungarn“.

In Linz iſt
jetzt eine Flugſchriſt von Seite der Katholiſchen Volks-
partei erſchienen, deren Zweck iſt, darzuthun, der neue
Ausgleich ſei viel beſſer als ſein Ruf.
Der Verfaſſer ſagt bezüglich der Abänderungsanträge:
„Die Anträge ſind nicht geeignet, den Aus-
gleich weſentlich zu verbeſſern, ſind nicht geeignet, den-
ſelben annehmbarer zu machen. Die Majorität hat,
um das Zuſtandekommen des Zoll- und Handels-
bündniſſes nicht zu verzögern, dieſe Abänderungs-
anträge der Linken nicht angenommen
Uns iſt nur das eine unerfindlich, warum man von
Seite der Katholiſchen Volkspartet bisher immer ſo
gegen den Ausgleich gewettert hat; „Linzer Volks-
blatt“ und „Grazer Volksblatt“ haben ja zu wieder-
holten Malen erklärt, daß der Ausgleich in der gegen-
wärtigen Form nicht annehmbar ſei. Woher dieſer
Widerſpruch? Man darf es uns doch nicht übel-
nehmen, daß uns die plötzliche Entdeckung der Güte
dieſes Ausgleiches ein bitteres Lächeln koſtet.

Obſtruction?

Die jungezechiſchen Abgeordneten
freuen ſich wie Kinder, daß Deutſchliberale und Deutſch-
nationale ihnen und der Regierung jetzt aus der Sack-
gaſſe helfen, und beim Budget- und Ausgleichsprovi-
ſovium wieder die Radau-Obſtruction beginnen wollen.
Der Stimmungsmacher des Prager Jungczechenorgans
in Wien, der „kaiſerliche Rath“ Penižek, ein Jude,
meldet dieſem Blatte mit ſichtlicher Herzenserleichte-
rung: „Wie wir erfahren, wird die Regierung endlich




Ein dritter Grund iſt nach unſerer Anſicht das
Talmudſtudium. Bei den meiſten jüdiſchen Familien
wird auf die Erlernung der hebräiſchen Sprache und
die Kenntniß des Talmud eine Unmaſſe von Zeit ver-
wendet. Auch die ärmeren Juden bringen einen großen
Theil ihres Lebens mit dieſer Beſchäftigung zu. Es
mag ja ſein, daß das Judenthum durch das
Studium des Talmud an Geiſtesſchärfe gewinnt und
ſich dieſe geſchäftliche Fähigkeit angeeignet hat, in
welcher es den Chriſten überlegen ſein will.
Aber für die ärmeren Juden wäre es gewiß beſſer,
ſtatt der Talmudſtudien ordentlich leſen und ſchreiben
zu lernen, bei einem Handwerker oder in ein Geſchaft
einzutreten, ein tüchtiger Arbeiter und gewiſſenhafter
Menſch zu werden. Dann dürfte der Eigendünkel bald
ſchwinden, der heute die Juden verächtlich macht, und
die Werthſchätzung platzgreifen, welche jeder recht-
ſchaffene Menſch und ehrliche Arbeiter zu fordern hat.

Wir ſehen von der Großmannsſucht, dem eigen-
thümlichen wiegſamen Geiſte, um jedes Ziel zu er-
reichen, der geſchäftlichen Gewiſſenloſigkeit vieler
galiziſcher Juden ab — uns berühren nur die religiöſen
Hinderniſſe des Wohlſtandes — es ließen ſich darüber
Bücher ſchreiben — und wir wären ſehr zufrieden,
wenn wir durch dieſe kurzen Bemerkungen zur Löſung
des jüdiſchen Elends, ſo zu ſagen, von innen
heraus,
etwas beigetragen hätten. Nun, verehrter
Herr Rabbi, haben wir nicht recht? U. A. w. g.


[Spaltenumbruch]

ihre Vollmachten benützen, und ſobald die Deutſchen
mit der Obſtruction beginnen, das Parlament vertagen
und auf Grund des § 14 das Proviſorium procla-
miren. Bis aber die Dinge auch in Ungarn ſo oder ſo
zur Löſung kommen, wird auf Grund desſelben § 14
das Ausgleichs- und Budgetproviſorium proclamirt
werden. Dann wird das Parlament wieder einberufen,
und wenn die Deutſchen Luſt haben werden, in
der Obſtruction fortzufahren, ſo wird es neuerlich
heimgeſchickt und es wird auf Grund § 14 weiter
regiert werden. Und ſo bis ins Unendliche? Die
Regierung möge ſich nicht täuſchen. Sie darf beiſpiels-
weiſe auf gewiſſe Imponderabilien im Staatsweſen nicht
vergeſſen, und wenn ſie glaubt, daß ſie ſich ohne eine
gründliche Reviſion der Verfaſſung und ohne Reviſion
des Verhältniſſes zu Ungarn behelfen wird, ſo wird
ſelbſt der § 14 eingehen. Von dem Augenblicke an,
da das Wiener Parlament nach Hauſe geſchickt wird
und der erwähnte Paragraph die Herrſchaft antritt,
muß das Loſungswort aller Parteien, welche es mit
dieſem Staate aufrichtig meinen, Reviſion der
Verfaſſung ſein.“ — Die Herren juckt der
czechiſche Nationalſtaat.

Ein „Manifeſt an die Nation“

hat die ver-
einigte Oppoſition des ungariſchen Abgeordnetenhauſes
ſoeben erlaſſen, das gegen Banffy’s geplanten Verfaſſungs-
bruch in den ſchärfſten Ausdrücken, als
gegen ein verbrecheriſches Attentat wider die ungariſche
Nation, Stellung nimmt. Dieſe Oppoſition vereinigt die
conſervative Nationalpartei Apponyi’s, dann
Koſſuths radicale Unabhängigkeitspartei und endlich die
vom Abt Molnar geführte Katholiſche Volks-
partei. Die Oppoſition fordert bedingungslos Banffy’s
Sturz,
der ſich jetzt auf dem Miniſterſtuhle ſogar durch
Unterdrückung der verfaſſungsmäßigen Volks- und
Parlamentsrechte und durch Einführung eines geſetz-
loſen Abſolutismus nach Neujahr zu halten ſucht.
Den Plan dazu lieferte der alte Calviner und Ex-
miniſter Koloman Tisza durch eine geſetzähnliche
Vorlage, welche mittelſt Unterſchreibung der liberalen
Regierungspartei dem Miniſterium Banffy außer-
parlamentariſch
die Befugniß verfaſſungs-
widriger Herrſchaft zuſichern ſoll. Abt Molnar nannte
dies Wagniß Banffy’s bei Berathung des „Manifeſtes“ im
Namen der „kath. Volkspartei“ eine „Verläugnung des
legislatoriſchen Princips“, einen „Fauſtſchlag gegen die
miniſterielle Verantwortlichkeit“, und eine „Vernichtung
und Exarticulirung der ungariſchen Verfaſſung“. Und
doch ſtehen von Bauffy’s liberalen Abgeordneten, die
bekanntlich durch Stimmenkauf und ſchmähliche Wahl-
fälſchung unter Leitung des Premiers auf die Stühle der
Geſetzgebung gekommen ſind, nur 237 zurechnungsfähige
Leute unter Tisza’s Ex-lex-Entwurfe, während mehr
als 220 freie Abgeordnete davon nichts wiſſen
wollen. Das „Manifeſt“ iſt ein Sturmruf an
das ungariſche Volk gegen die jetzige Willkür-
herrſchaft. Darin heißt es unter Anderem:
„Es iſt ein freches Attentat verſucht worden, welches,
wenn es gelingt, unſere Verfaſſung in ihren Grundfeſten
erſchüttert und zur vollſtändigen Auflöſung des Ver-
faſſungslebens führt. Dieſer Weg iſt ſchon deßhalb ſo
gefahrbringend, weil er den Angriff auf das Verfaſſungs-
leben, die unſtatthafte, geſetzwidrige Einhebung der
Steuern und Rekrutenaushebung ohne deren legislatori-
ſche Votirung, und jede zu begehende Sünde des unge-
ſetzlichen Regierens in den Schein der Geſetzlichkeit
hüllen und damit einen Fingerzeig für alle zukünftigen
Zeiten Denjenigen geben will, die bereit ſind, das ver-
faſſungsmäßige Leben unſeres Vaterlandes zu vernichten,
gleichzeitig aber einen Vorwand dafür ſuchen, den Schein
der Rechtmäßigkeit als Deckmantel zu benützen“ — Die
Führer der Oppoſition verweigern Banffy jede perſönliche
Auseinanderſetzung. Selbſt im Schoße der Regierung
regen ſich bereits Bedenken, und ſpeciell Honved-
miniſter Baron Fejervary hat Banffy’s neueſtes Wag-
niß bereits mißbilligt. Am nächſten Samſtag geht
der Kaiſer nach Budapeſt. Wir zweiſeln kaum mehr,
daß Banffy trotz aller Hartnäckigkeit den Weg
Badeni’s
wird antreten müſſen. Auffällig iſt, daß
das Wiener „Vaterland“, obſchon Ungarns „Katholiſche
Volkspartei“ ſo entſchieden in der Oppoſition ſteht, in
dieſem Falle für die calviniſche Tisza- und Banffy-
Clique und für die liberale Partei wie auf Ordre eintritt.




Italien.
Kammer.

Deputirter Santini interpellirt
über die Maßregeln zur Hintanhaltung unbefugter Aus-
übung der mediciniſchen Praxis ſeitens der Ausländer.
Miniſterpräſident Pelloux antwortet, er habe die
Präfecten aufgefordert, darüber zu wachen, ob die aus-
ländiſchen Aerzte, deren Anzahl ſich nun auf 108 be-
läuft, den geſetzlichen Beſtimmungen gemäß ihre Praxis
ausüben. Miniſter des Aeußern Canevaro betont,
das Princip der Reciprocität liege im Intereſſe Italiens
da die Anzahl der italieniſchen Aerzte im Auslande
größer ſei, als die der ausländiſchen in Italien.

Senat.

Im Laufe der Verhandlung über den
Vorſchuß von einer Million für Kreta führt der italie-
niſche Botſchafter am Wiener Hof, Graf Nigra,
aus, die Intervention auf Kreta habe die Beziehungen
der Mächte weder beeinträchtigt noch verändert. — Die
Vorlage wurde mit 71 gegen 9 Stimmen angenommen.

Schweden.

Conflict.

Der König erklärte, daß er den
Beſchluß des Storthing, betreffend die Einführung
der rein norwegiſchen Flagge nicht
[Spaltenumbruch] ſanctioniren
werde. Gleichwohl muß der Be-
ſchluß auf Grund des Artikels 79 der Verfaſſung als
Geſetz veröffentlicht werden.

Frankreich.

In der Kammer

interpellirt Pascal Grouſ-
ſet
über die ſeitens des Generalſtabes in der Dreyfus-
Affaire begangenen Indiscretionen und verlieſt unter
heftigem Tumult mehrere Journalartikel, welche er als
vom Generalſtabe ausgehend bezeichnete. Mehrere De-
putirte gerathen in einen erregten Wortwechſel, wobei
es zu Thätlichkeiten kommt, ſo daß der Präſident
mehrere Deputirte zur Ordnung ruft. Deputirter De
Mun verlangt, daß die Kammer befragt werde, ob
dieſe Debatte fortgeſetzt werden könne. Miniſterpräſident
Dupuy erklärt, daß es dem Redner freiſtehe, zu ſprechen,
doch proteſtire er als Chef der Regierung mit größtem
Nachdrucke gegen eine Sprache, deren Tragweite der
Redner nicht ermeſſen habe. Kriegsminiſter Frey-
cinet
ſagt, wenn er hätte vermuthen können, was
den Gegenſtand der Interpellation bilden werde, würde
er eine Verſchiebung derſelben auf einen Monat ver-
langt haben. Die Kammer nahm die einfache Tages-
ordnung mit 483 gegen 78 Stimmen an.




II. niederöſterreichiſcher Katholikenlag.

Dem Präſidenten des II. niederöſterreichiſchen
Katholikentages Herrn Franz Freiherrn von
Walterskirchen iſt vom Herrn Statthalter folgen-
der Brief zugekommen:

Hochwohlgeborner Freiherr!

Im Allerhöchſten Auftrage gebe ich dem
II. niederöſterreichiſchen Katholiketnage in Wien
für das durch Euer Hochwohlgeboren als Präſi-
denten dieſer Verſammlung an Seine k. und k.
Apoſtoliſche Majeſtät gerichtete Huldigungstele-
gramm den Allerhöchſten Dank bekannt.

Es wolle Euer Hochwohlgeboren gefällig
ſein, dieſe Allerhöchſte Kundgebung den geehrten
Theilnehmern des II. niederöſterreichiſchen Katho-
likentages in geeigneter Weiſe zur Kenntniß zu
bringen.

Empfangen Euer Hochwohlgeboren die Ver-
ſicherung meiner vollkommenſten Hochachtung.






Deutſchland und die europäiſche Lage.

In zwei Reden, von höchſtſtehender und com-
petenteſter deutſcher Seite, iſt geſtern die europäiſche
Lage geſtreift worden. Einerſeits war es der Kaiſer
Wilhelm
II. ſelbſt, der auf die ungewiſſe Zukunft
hinwies, anderſeits der eigentliche Träger der aus-
wärtigen Politik Deutſchlands, Staatsſecretär von
Bülow,
der dieſer dunkeln Folie die charakteriſtiſchen
Contouren abgewann und nicht verſäumte, auch etwas
und zwar ziemlich viel Licht in das Zukunftsbild zu
bringen.

Kaiſer Wilhelm II. hat das neugewählte Prä-
ſidium des Deutſchen Reichstages in faſt drei Viertel-
ſtunden dauernder Audienz empfangen, deren Charakter
ganz zwanglos war. Der Kaiſer wies auf eine
vor ihm ausgebreitete Landkarte hin und wies
an der Hand derſelben nach, wie vielfach
ſich die Verhältniſſe mehrerer Großmächte in letzter Zeit
geändert hätten, wie beſtimmte Intereſſengegenſätze ſich
mehr als zuvor bemerkbar machten, und er hob hervor,
daß dieſe Gegenſätze unter Umſtänden zu einer Ent-
ſcheidung führen könnten. Das alles hatte offenbar den
Zweck, das Präſidium für die neuen Militärvorlagen
zu ſtimmen, und an der Landkarte legte der Kaiſer
ausdrücklich dar, welche Truppendislocationen angeſichts
der Lage nothwendig ſeien, und er ſprach die Zuverſicht
aus, daß der Reichstag der neuen Militärvorlage keine
Schwierigkeiten bereiten werde. Die Vermehrung des
Präſenzſtandes und die vorgeſchlagene Neuorganiſation
ſei nothwendig, weil die auswärtige Lage trotz der
freundſchaftlichen Beziehungen, in denen Deutſchland zu
allen Mächten ſtehe, Möglichkeiten enthalte, denen gegen-
über es erforderlich ſei, ſich für die Zukunft vor-
zubereiten.

Die Durchbringung der Militärvorlage war offen-
bar der Hauptzweck der kaiſerlichen Darlegungen.
Intereſſante Momente derſelben waren im Einzelnen
der Hinweis auf die Faſchoda-Frage, wobei
er den Erfolg hervorhob, den das kraftvolle Auftreten
der engliſchen Diplomatie davongetragen habe, während
anderſeits jedoch nicht die Sicherheit beſtehe, daß die
engliſch-franzöſiſchen Differenzen
mit der Erledigung dieſer Specialfrage bereits voll-
ſtändig beglichen ſeien. Deutſchland ſtehe mit
England auf gutem Fuße,
unbeſchadet der
vortrefflichen Beziehungen, die es auch nach der Seite
anderer Mächte hin unterhalte. Der deutſch-
engliſche Colonialvertrag
ſei durch
freundliches Entgegenkommen von beiden Seiten
zu Stande gekommen. Derſelbe verfolge eine
Politik des Friedens und der
Wahrung der eigenen Intereſſen. Bezüglich Ruß-

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[2/0002] Wien, Mittwoch Reichspoſt 14. December 1898 284 mit Zuſtimmung des Tiroler Land- tages zu erfolgen habe, wurde in namentlicher Abſtimmung mit 22 gegen 16 Stimmen abgelehnt. Es ſtimmten für den Antrag: die Abg. Axmann, Chiari, Groß, Jax, Kaiſer, Lecher, Lorber, Mauthner, Menger, Peſchka, Schleſinger, Schwegel, Spens, Stein- wender, Stürgkh, Tollinger. Dagegen ſtimmten: die Abg. Abraha- mowicz, Berks, Dzieduszycki, Gniewosz, Hagen- hofer, Kaſtan, Kaltenegger, Karlik, Kern, König, Koliſcher, Kulp, Mettal, Milewski, Popovici, Rutowski, Schwarz, Vukovic, Schuklje, Verkauf, Zedt- witz, Wachnianyn. Es ergibt ſich alſo eine Spaltung in der Abſtim- mung der Katholiſchen Volkspartei; die Majorität derſelben ſtimmte für den Bruch eines altererbten Landesrechtes und es folgt als beab- ſichtigte Conſequenz, daß Tirol einen Entgang von ½ Million jährlicher Landeseinnahmen haben oder das Reich für eine Ablöſung dieſes Rechtes wird aufkommen ſollen, die in einer Höhe von circa 10 Millionen erfolgen müßte, um dem Capitals- werth des Getreidelandesaufſchlags gleichzukommen. Die Wahrſcheinlichkeit einer ſolchen Ablöſung iſt gleich Null; wer an dieſelbe glauben wollte, müßte wegen politiſcher Kindesunſchuld beſtaunt werden. — Somit ergibt alſo aus der geſtrigen Abſtimmung, eine zweiſelloſe Schädigung für das Land Tirol; denn abgeſehen davon, daß in ſeine Landesrechte ein- gegriffen wurde, wird es ſich mit großen finanziellen Nachtheilen abzufinden haben. Daß die Katholiſche Volkspartei den Abgeordneten Tollinger bei der Vertretung ſeines Landesrechtes im Stich gelaſſen hat, iſt für dieſelbe gerade keine parlamentariſche Em- pfehlung. Der Herr Handelsminiſter Baron Dipauli, der ſich als Tiroler ebenfalls gegen die Aufhebung des Getreideaufſchlages verbürgt hat, ſollte aus dieſer Abſtimmung ſeiner Geſinnungsgenoſſen aus Steier- mark und Oberöſterreich die Conſequenzen ziehen. Wie er es nun auch halten mag — es iſt nicht un- wahrſcheinlich, daß die geſtrige Abſtimmung das Ver- hältniß der Tiroler Abgeordneten zum Club der Katholiſchen Volkspartei variirt; denn in einer feſt- gefügten Partei dürfen derartige Differenzen nicht vor- kommen. Politiſche Rundſchau. Wien, 13. December. Oeſterreich-Ungarn. „Der Ausgleich mit Ungarn“. In Linz iſt jetzt eine Flugſchriſt von Seite der Katholiſchen Volks- partei erſchienen, deren Zweck iſt, darzuthun, der neue Ausgleich ſei viel beſſer als ſein Ruf. Der Verfaſſer ſagt bezüglich der Abänderungsanträge: „Die Anträge ſind nicht geeignet, den Aus- gleich weſentlich zu verbeſſern, ſind nicht geeignet, den- ſelben annehmbarer zu machen. Die Majorität hat, um das Zuſtandekommen des Zoll- und Handels- bündniſſes nicht zu verzögern, dieſe Abänderungs- anträge der Linken nicht angenommen“ Uns iſt nur das eine unerfindlich, warum man von Seite der Katholiſchen Volkspartet bisher immer ſo gegen den Ausgleich gewettert hat; „Linzer Volks- blatt“ und „Grazer Volksblatt“ haben ja zu wieder- holten Malen erklärt, daß der Ausgleich in der gegen- wärtigen Form nicht annehmbar ſei. Woher dieſer Widerſpruch? Man darf es uns doch nicht übel- nehmen, daß uns die plötzliche Entdeckung der Güte dieſes Ausgleiches ein bitteres Lächeln koſtet. Obſtruction? Die jungezechiſchen Abgeordneten freuen ſich wie Kinder, daß Deutſchliberale und Deutſch- nationale ihnen und der Regierung jetzt aus der Sack- gaſſe helfen, und beim Budget- und Ausgleichsprovi- ſovium wieder die Radau-Obſtruction beginnen wollen. Der Stimmungsmacher des Prager Jungczechenorgans in Wien, der „kaiſerliche Rath“ Penižek, ein Jude, meldet dieſem Blatte mit ſichtlicher Herzenserleichte- rung: „Wie wir erfahren, wird die Regierung endlich Ein dritter Grund iſt nach unſerer Anſicht das Talmudſtudium. Bei den meiſten jüdiſchen Familien wird auf die Erlernung der hebräiſchen Sprache und die Kenntniß des Talmud eine Unmaſſe von Zeit ver- wendet. Auch die ärmeren Juden bringen einen großen Theil ihres Lebens mit dieſer Beſchäftigung zu. Es mag ja ſein, daß das Judenthum durch das Studium des Talmud an Geiſtesſchärfe gewinnt und ſich dieſe geſchäftliche Fähigkeit angeeignet hat, in welcher es den Chriſten überlegen ſein will. Aber für die ärmeren Juden wäre es gewiß beſſer, ſtatt der Talmudſtudien ordentlich leſen und ſchreiben zu lernen, bei einem Handwerker oder in ein Geſchaft einzutreten, ein tüchtiger Arbeiter und gewiſſenhafter Menſch zu werden. Dann dürfte der Eigendünkel bald ſchwinden, der heute die Juden verächtlich macht, und die Werthſchätzung platzgreifen, welche jeder recht- ſchaffene Menſch und ehrliche Arbeiter zu fordern hat. Wir ſehen von der Großmannsſucht, dem eigen- thümlichen wiegſamen Geiſte, um jedes Ziel zu er- reichen, der geſchäftlichen Gewiſſenloſigkeit vieler galiziſcher Juden ab — uns berühren nur die religiöſen Hinderniſſe des Wohlſtandes — es ließen ſich darüber Bücher ſchreiben — und wir wären ſehr zufrieden, wenn wir durch dieſe kurzen Bemerkungen zur Löſung des jüdiſchen Elends, ſo zu ſagen, von innen heraus, etwas beigetragen hätten. Nun, verehrter Herr Rabbi, haben wir nicht recht? U. A. w. g. ihre Vollmachten benützen, und ſobald die Deutſchen mit der Obſtruction beginnen, das Parlament vertagen und auf Grund des § 14 das Proviſorium procla- miren. Bis aber die Dinge auch in Ungarn ſo oder ſo zur Löſung kommen, wird auf Grund desſelben § 14 das Ausgleichs- und Budgetproviſorium proclamirt werden. Dann wird das Parlament wieder einberufen, und wenn die Deutſchen Luſt haben werden, in der Obſtruction fortzufahren, ſo wird es neuerlich heimgeſchickt und es wird auf Grund § 14 weiter regiert werden. Und ſo bis ins Unendliche? Die Regierung möge ſich nicht täuſchen. Sie darf beiſpiels- weiſe auf gewiſſe Imponderabilien im Staatsweſen nicht vergeſſen, und wenn ſie glaubt, daß ſie ſich ohne eine gründliche Reviſion der Verfaſſung und ohne Reviſion des Verhältniſſes zu Ungarn behelfen wird, ſo wird ſelbſt der § 14 eingehen. Von dem Augenblicke an, da das Wiener Parlament nach Hauſe geſchickt wird und der erwähnte Paragraph die Herrſchaft antritt, muß das Loſungswort aller Parteien, welche es mit dieſem Staate aufrichtig meinen, Reviſion der Verfaſſung ſein.“ — Die Herren juckt der czechiſche Nationalſtaat. Ein „Manifeſt an die Nation“ hat die ver- einigte Oppoſition des ungariſchen Abgeordnetenhauſes ſoeben erlaſſen, das gegen Banffy’s geplanten Verfaſſungs- bruch in den ſchärfſten Ausdrücken, als gegen ein verbrecheriſches Attentat wider die ungariſche Nation, Stellung nimmt. Dieſe Oppoſition vereinigt die conſervative Nationalpartei Apponyi’s, dann Koſſuths radicale Unabhängigkeitspartei und endlich die vom Abt Molnar geführte Katholiſche Volks- partei. Die Oppoſition fordert bedingungslos Banffy’s Sturz, der ſich jetzt auf dem Miniſterſtuhle ſogar durch Unterdrückung der verfaſſungsmäßigen Volks- und Parlamentsrechte und durch Einführung eines geſetz- loſen Abſolutismus nach Neujahr zu halten ſucht. Den Plan dazu lieferte der alte Calviner und Ex- miniſter Koloman Tisza durch eine geſetzähnliche Vorlage, welche mittelſt Unterſchreibung der liberalen Regierungspartei dem Miniſterium Banffy außer- parlamentariſch die Befugniß verfaſſungs- widriger Herrſchaft zuſichern ſoll. Abt Molnar nannte dies Wagniß Banffy’s bei Berathung des „Manifeſtes“ im Namen der „kath. Volkspartei“ eine „Verläugnung des legislatoriſchen Princips“, einen „Fauſtſchlag gegen die miniſterielle Verantwortlichkeit“, und eine „Vernichtung und Exarticulirung der ungariſchen Verfaſſung“. Und doch ſtehen von Bauffy’s liberalen Abgeordneten, die bekanntlich durch Stimmenkauf und ſchmähliche Wahl- fälſchung unter Leitung des Premiers auf die Stühle der Geſetzgebung gekommen ſind, nur 237 zurechnungsfähige Leute unter Tisza’s Ex-lex-Entwurfe, während mehr als 220 freie Abgeordnete davon nichts wiſſen wollen. Das „Manifeſt“ iſt ein Sturmruf an das ungariſche Volk gegen die jetzige Willkür- herrſchaft. Darin heißt es unter Anderem: „Es iſt ein freches Attentat verſucht worden, welches, wenn es gelingt, unſere Verfaſſung in ihren Grundfeſten erſchüttert und zur vollſtändigen Auflöſung des Ver- faſſungslebens führt. Dieſer Weg iſt ſchon deßhalb ſo gefahrbringend, weil er den Angriff auf das Verfaſſungs- leben, die unſtatthafte, geſetzwidrige Einhebung der Steuern und Rekrutenaushebung ohne deren legislatori- ſche Votirung, und jede zu begehende Sünde des unge- ſetzlichen Regierens in den Schein der Geſetzlichkeit hüllen und damit einen Fingerzeig für alle zukünftigen Zeiten Denjenigen geben will, die bereit ſind, das ver- faſſungsmäßige Leben unſeres Vaterlandes zu vernichten, gleichzeitig aber einen Vorwand dafür ſuchen, den Schein der Rechtmäßigkeit als Deckmantel zu benützen“ — Die Führer der Oppoſition verweigern Banffy jede perſönliche Auseinanderſetzung. Selbſt im Schoße der Regierung regen ſich bereits Bedenken, und ſpeciell Honved- miniſter Baron Fejervary hat Banffy’s neueſtes Wag- niß bereits mißbilligt. Am nächſten Samſtag geht der Kaiſer nach Budapeſt. Wir zweiſeln kaum mehr, daß Banffy trotz aller Hartnäckigkeit den Weg Badeni’s wird antreten müſſen. Auffällig iſt, daß das Wiener „Vaterland“, obſchon Ungarns „Katholiſche Volkspartei“ ſo entſchieden in der Oppoſition ſteht, in dieſem Falle für die calviniſche Tisza- und Banffy- Clique und für die liberale Partei wie auf Ordre eintritt. Italien. Kammer. Deputirter Santini interpellirt über die Maßregeln zur Hintanhaltung unbefugter Aus- übung der mediciniſchen Praxis ſeitens der Ausländer. Miniſterpräſident Pelloux antwortet, er habe die Präfecten aufgefordert, darüber zu wachen, ob die aus- ländiſchen Aerzte, deren Anzahl ſich nun auf 108 be- läuft, den geſetzlichen Beſtimmungen gemäß ihre Praxis ausüben. Miniſter des Aeußern Canevaro betont, das Princip der Reciprocität liege im Intereſſe Italiens da die Anzahl der italieniſchen Aerzte im Auslande größer ſei, als die der ausländiſchen in Italien. Senat. Im Laufe der Verhandlung über den Vorſchuß von einer Million für Kreta führt der italie- niſche Botſchafter am Wiener Hof, Graf Nigra, aus, die Intervention auf Kreta habe die Beziehungen der Mächte weder beeinträchtigt noch verändert. — Die Vorlage wurde mit 71 gegen 9 Stimmen angenommen. Schweden. Conflict. Der König erklärte, daß er den Beſchluß des Storthing, betreffend die Einführung der rein norwegiſchen Flagge nicht ſanctioniren werde. Gleichwohl muß der Be- ſchluß auf Grund des Artikels 79 der Verfaſſung als Geſetz veröffentlicht werden. Frankreich. In der Kammer interpellirt Pascal Grouſ- ſet über die ſeitens des Generalſtabes in der Dreyfus- Affaire begangenen Indiscretionen und verlieſt unter heftigem Tumult mehrere Journalartikel, welche er als vom Generalſtabe ausgehend bezeichnete. Mehrere De- putirte gerathen in einen erregten Wortwechſel, wobei es zu Thätlichkeiten kommt, ſo daß der Präſident mehrere Deputirte zur Ordnung ruft. Deputirter De Mun verlangt, daß die Kammer befragt werde, ob dieſe Debatte fortgeſetzt werden könne. Miniſterpräſident Dupuy erklärt, daß es dem Redner freiſtehe, zu ſprechen, doch proteſtire er als Chef der Regierung mit größtem Nachdrucke gegen eine Sprache, deren Tragweite der Redner nicht ermeſſen habe. Kriegsminiſter Frey- cinet ſagt, wenn er hätte vermuthen können, was den Gegenſtand der Interpellation bilden werde, würde er eine Verſchiebung derſelben auf einen Monat ver- langt haben. Die Kammer nahm die einfache Tages- ordnung mit 483 gegen 78 Stimmen an. II. niederöſterreichiſcher Katholikenlag. Dem Präſidenten des II. niederöſterreichiſchen Katholikentages Herrn Franz Freiherrn von Walterskirchen iſt vom Herrn Statthalter folgen- der Brief zugekommen: [FORMEL] Hochwohlgeborner Freiherr! Im Allerhöchſten Auftrage gebe ich dem II. niederöſterreichiſchen Katholiketnage in Wien für das durch Euer Hochwohlgeboren als Präſi- denten dieſer Verſammlung an Seine k. und k. Apoſtoliſche Majeſtät gerichtete Huldigungstele- gramm den Allerhöchſten Dank bekannt. Es wolle Euer Hochwohlgeboren gefällig ſein, dieſe Allerhöchſte Kundgebung den geehrten Theilnehmern des II. niederöſterreichiſchen Katho- likentages in geeigneter Weiſe zur Kenntniß zu bringen. Empfangen Euer Hochwohlgeboren die Ver- ſicherung meiner vollkommenſten Hochachtung. Wien, den 1. December 1898. Kielmansegg. Deutſchland und die europäiſche Lage. In zwei Reden, von höchſtſtehender und com- petenteſter deutſcher Seite, iſt geſtern die europäiſche Lage geſtreift worden. Einerſeits war es der Kaiſer Wilhelm II. ſelbſt, der auf die ungewiſſe Zukunft hinwies, anderſeits der eigentliche Träger der aus- wärtigen Politik Deutſchlands, Staatsſecretär von Bülow, der dieſer dunkeln Folie die charakteriſtiſchen Contouren abgewann und nicht verſäumte, auch etwas und zwar ziemlich viel Licht in das Zukunftsbild zu bringen. Kaiſer Wilhelm II. hat das neugewählte Prä- ſidium des Deutſchen Reichstages in faſt drei Viertel- ſtunden dauernder Audienz empfangen, deren Charakter ganz zwanglos war. Der Kaiſer wies auf eine vor ihm ausgebreitete Landkarte hin und wies an der Hand derſelben nach, wie vielfach ſich die Verhältniſſe mehrerer Großmächte in letzter Zeit geändert hätten, wie beſtimmte Intereſſengegenſätze ſich mehr als zuvor bemerkbar machten, und er hob hervor, daß dieſe Gegenſätze unter Umſtänden zu einer Ent- ſcheidung führen könnten. Das alles hatte offenbar den Zweck, das Präſidium für die neuen Militärvorlagen zu ſtimmen, und an der Landkarte legte der Kaiſer ausdrücklich dar, welche Truppendislocationen angeſichts der Lage nothwendig ſeien, und er ſprach die Zuverſicht aus, daß der Reichstag der neuen Militärvorlage keine Schwierigkeiten bereiten werde. Die Vermehrung des Präſenzſtandes und die vorgeſchlagene Neuorganiſation ſei nothwendig, weil die auswärtige Lage trotz der freundſchaftlichen Beziehungen, in denen Deutſchland zu allen Mächten ſtehe, Möglichkeiten enthalte, denen gegen- über es erforderlich ſei, ſich für die Zukunft vor- zubereiten. Die Durchbringung der Militärvorlage war offen- bar der Hauptzweck der kaiſerlichen Darlegungen. Intereſſante Momente derſelben waren im Einzelnen der Hinweis auf die Faſchoda-Frage, wobei er den Erfolg hervorhob, den das kraftvolle Auftreten der engliſchen Diplomatie davongetragen habe, während anderſeits jedoch nicht die Sicherheit beſtehe, daß die engliſch-franzöſiſchen Differenzen mit der Erledigung dieſer Specialfrage bereits voll- ſtändig beglichen ſeien. Deutſchland ſtehe mit England auf gutem Fuße, unbeſchadet der vortrefflichen Beziehungen, die es auch nach der Seite anderer Mächte hin unterhalte. Der deutſch- engliſche Colonialvertrag ſei durch freundliches Entgegenkommen von beiden Seiten zu Stande gekommen. Derſelbe verfolge eine Politik des Friedens und der Wahrung der eigenen Intereſſen. Bezüglich Ruß-

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Zitationshilfe: Reichspost. Nr. 284, Wien, 14.12.1898, S. 2. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_reichspost284_1898/2>, abgerufen am 16.04.2024.