Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Jean Paul: Flegeljahre. Bd. 4. Tübingen, 1805.

Bild:
<< vorherige Seite
Nro. 55. Pfefferfraß.

Leiden des jungen Walts. -- Einquartirung.

Der Notarius konnte eine ganze Nacht lang
weder schlafen, noch seinen Bruder lieben; son¬
dern der Zorn war sein Traum, und das nächt¬
liche Aufthürmen zankender Gründe erhitzte ihn zu¬
letzt dermassen, daß er, wenn Vult sich an dessen
Bett gewagt hätte, vielleicht fähig gewesen wäre, ihm
zu sagen: "ich rede nun anders mit dir, Bruder;
"setze dich aber nicht aufs scharfe Bettbret, son¬
"dern mehr auf die Kissen herein!" -- Unbegreif¬
lich und unverzeihlich fand er dessen Kraft, Men¬
schen ins Gesicht hinein zu martern, den armen
Flitte und ihn selber. Schon öfters hatt' er bei
der Weltgeschichte versucht, in jene mächtigen
Schnee- und Gletscher-Männer, welche mitten
unter dem Hasse eines ganzen Hofs und Volks
heiter glänzen und gedeihen, sich so gut poetisch
zu versetzen als in andere Karaktere; aber es hatte
nie besondern Erfolg -- er wäre eben so gut einer
Statue durch den Mund ins Herz gekrochen. Ihm
griff schon ein Menschen-Antlitz in die Seele und
wär' es punktirt an der Puppe eines Nachtschmet¬

Nro. 55. Pfefferfraß.

Leiden des jungen Walts. — Einquartirung.

Der Notarius konnte eine ganze Nacht lang
weder ſchlafen, noch ſeinen Bruder lieben; ſon¬
dern der Zorn war ſein Traum, und das naͤcht¬
liche Aufthuͤrmen zankender Gruͤnde erhitzte ihn zu¬
letzt dermaſſen, daß er, wenn Vult ſich an deſſen
Bett gewagt haͤtte, vielleicht faͤhig geweſen waͤre, ihm
zu ſagen: „ich rede nun anders mit dir, Bruder;
„ſetze dich aber nicht aufs ſcharfe Bettbret, ſon¬
„dern mehr auf die Kiſſen herein!” — Unbegreif¬
lich und unverzeihlich fand er deſſen Kraft, Men¬
ſchen ins Geſicht hinein zu martern, den armen
Flitte und ihn ſelber. Schon oͤfters hatt' er bei
der Weltgeſchichte verſucht, in jene maͤchtigen
Schnee- und Gletſcher-Maͤnner, welche mitten
unter dem Haſſe eines ganzen Hofs und Volks
heiter glaͤnzen und gedeihen, ſich ſo gut poetiſch
zu verſetzen als in andere Karaktere; aber es hatte
nie beſondern Erfolg — er waͤre eben ſo gut einer
Statue durch den Mund ins Herz gekrochen. Ihm
griff ſchon ein Menſchen-Antlitz in die Seele und
waͤr' es punktirt an der Puppe eines Nachtſchmet¬

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0106" n="100"/>
      </div>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#aq #b">N</hi> <hi rendition="#aq #b #sup">ro</hi> <hi rendition="#b">. 55. Pfefferfraß.</hi><lb/>
        </head>
        <argument>
          <p rendition="#c">Leiden des jungen Walts. &#x2014; Einquartirung.</p>
        </argument><lb/>
        <p>Der Notarius konnte eine ganze Nacht lang<lb/>
weder &#x017F;chlafen, noch &#x017F;einen Bruder lieben; &#x017F;on¬<lb/>
dern der Zorn war &#x017F;ein Traum, und das na&#x0364;cht¬<lb/>
liche Aufthu&#x0364;rmen zankender Gru&#x0364;nde erhitzte ihn zu¬<lb/>
letzt derma&#x017F;&#x017F;en, daß er, wenn Vult &#x017F;ich an de&#x017F;&#x017F;en<lb/>
Bett gewagt ha&#x0364;tte, vielleicht fa&#x0364;hig gewe&#x017F;en wa&#x0364;re, ihm<lb/>
zu &#x017F;agen: &#x201E;ich rede nun anders mit dir, Bruder;<lb/>
&#x201E;&#x017F;etze dich aber nicht aufs &#x017F;charfe Bettbret, &#x017F;on¬<lb/>
&#x201E;dern mehr auf die Ki&#x017F;&#x017F;en herein!&#x201D; &#x2014; Unbegreif¬<lb/>
lich und unverzeihlich fand er de&#x017F;&#x017F;en Kraft, Men¬<lb/>
&#x017F;chen ins Ge&#x017F;icht hinein zu martern, den armen<lb/>
Flitte und ihn &#x017F;elber. Schon o&#x0364;fters hatt' er bei<lb/>
der Weltge&#x017F;chichte ver&#x017F;ucht, in jene ma&#x0364;chtigen<lb/>
Schnee- und Glet&#x017F;cher-Ma&#x0364;nner, welche mitten<lb/>
unter dem Ha&#x017F;&#x017F;e eines ganzen Hofs und Volks<lb/>
heiter gla&#x0364;nzen und gedeihen, &#x017F;ich &#x017F;o gut poeti&#x017F;ch<lb/>
zu ver&#x017F;etzen als in andere Karaktere; aber es hatte<lb/>
nie be&#x017F;ondern Erfolg &#x2014; er wa&#x0364;re eben &#x017F;o gut einer<lb/>
Statue durch den Mund ins Herz gekrochen. Ihm<lb/>
griff &#x017F;chon ein Men&#x017F;chen-Antlitz in die Seele und<lb/>
wa&#x0364;r' es punktirt an der Puppe eines Nacht&#x017F;chmet¬<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[100/0106] Nro. 55. Pfefferfraß. Leiden des jungen Walts. — Einquartirung. Der Notarius konnte eine ganze Nacht lang weder ſchlafen, noch ſeinen Bruder lieben; ſon¬ dern der Zorn war ſein Traum, und das naͤcht¬ liche Aufthuͤrmen zankender Gruͤnde erhitzte ihn zu¬ letzt dermaſſen, daß er, wenn Vult ſich an deſſen Bett gewagt haͤtte, vielleicht faͤhig geweſen waͤre, ihm zu ſagen: „ich rede nun anders mit dir, Bruder; „ſetze dich aber nicht aufs ſcharfe Bettbret, ſon¬ „dern mehr auf die Kiſſen herein!” — Unbegreif¬ lich und unverzeihlich fand er deſſen Kraft, Men¬ ſchen ins Geſicht hinein zu martern, den armen Flitte und ihn ſelber. Schon oͤfters hatt' er bei der Weltgeſchichte verſucht, in jene maͤchtigen Schnee- und Gletſcher-Maͤnner, welche mitten unter dem Haſſe eines ganzen Hofs und Volks heiter glaͤnzen und gedeihen, ſich ſo gut poetiſch zu verſetzen als in andere Karaktere; aber es hatte nie beſondern Erfolg — er waͤre eben ſo gut einer Statue durch den Mund ins Herz gekrochen. Ihm griff ſchon ein Menſchen-Antlitz in die Seele und waͤr' es punktirt an der Puppe eines Nachtſchmet¬

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/paul_flegeljahre04_1805
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/paul_flegeljahre04_1805/106
Zitationshilfe: Jean Paul: Flegeljahre. Bd. 4. Tübingen, 1805, S. 100. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/paul_flegeljahre04_1805/106>, abgerufen am 20.04.2024.