Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Pertsch, Johann Georg: Das Recht Der Beicht-Stühle. Halle, 1721.

Bild:
<< vorherige Seite

Vorrede.
wahre Beschaffenheit mancher Sache wissen. Es wäre
weit zuträglicher/ wenn manches vor ihren Augen ver-
borgen bliebe. Höre: dieses ist ein politischer Streich/
den vor langen Zeiten/ da alles in der grösten Barbarie
war/ die Clerisey gespielet. Wenn es länger gewähret/
hätten die Layen Heu fressen lernen. Die Reformation
hat uns hieraus gerissen. Entweder ist daßjenige/ was
ich geschrieben/ wahr/ oder es hat keinen Grund. Jst das
erstere/ warum sollen es nicht alle Menschen wissen. Jst
es das letztere/ so zeige mir/ wo ich geirret. Doch führe
dich als einen gescheuten Disputatorem auf. Jch beschei-
de mich zwar gar wohl/ daß es nicht allezeit gut/ wenn
alle und jede die wahre Beschaffenheit einer Sache wü-
sten. Kindern sind viele Wahrheiten schädlich/ die sie
bey erwachsenen Jahren wissen können. Die Geheim-
nüsse eines Staats müssen vor vieler Augen verborgen
bleiben. Was ich aber geschrieben/ mögen Schuster und
Schneider und andere Ungelehrte lesen. Es ist nichts da-
runter/ das das Staats-Interesse concernirte. Es sind sol-
che Sachen/ die in vita communi vorkommen. Wenn du also
sonst keine Ursache hast auf mich böse zu seyn/ als daß ich
Teutsch geschrieben/ so spare deine Worte/ und bleibe zu
Hause. Du möchtest dich sonsten cum applausu bey der Welt
prostituiren. Also menagire dich selbsten. Noch eines muß ich
gedencken. Die Allegata, wenn sie in einer andern als der
teutschen Sprache geschrieben/ habe in denen Paragraphis
übersetzet/ und die Worte in denen Noten beygefüget.
Doch erinnere daß bey Ubersetzung mehr auf den Sinn/
als die Worte eines Autoris gesehen. Laß es dir nicht
verdriessen/ daß solche Stellen zweymahl vorkommen.
Denn weil vor Gelehrte und Ungelehrte geschrieben/ so hat

es
):( ):( ):(

Vorrede.
wahre Beſchaffenheit mancher Sache wiſſen. Es waͤre
weit zutraͤglicher/ wenn manches vor ihren Augen ver-
borgen bliebe. Hoͤre: dieſes iſt ein politiſcher Streich/
den vor langen Zeiten/ da alles in der groͤſten Barbarie
war/ die Cleriſey geſpielet. Wenn es laͤnger gewaͤhret/
haͤtten die Layen Heu freſſen lernen. Die Reformation
hat uns hieraus geriſſen. Entweder iſt daßjenige/ was
ich geſchrieben/ wahr/ oder es hat keinen Grund. Jſt das
erſtere/ warum ſollen es nicht alle Menſchen wiſſen. Jſt
es das letztere/ ſo zeige mir/ wo ich geirret. Doch fuͤhre
dich als einen geſcheuten Diſputatorem auf. Jch beſchei-
de mich zwar gar wohl/ daß es nicht allezeit gut/ wenn
alle und jede die wahre Beſchaffenheit einer Sache wuͤ-
ſten. Kindern ſind viele Wahrheiten ſchaͤdlich/ die ſie
bey erwachſenen Jahren wiſſen koͤnnen. Die Geheim-
nuͤſſe eines Staats muͤſſen vor vieler Augen verborgen
bleiben. Was ich aber geſchrieben/ moͤgen Schuſter und
Schneider und andere Ungelehrte leſen. Es iſt nichts da-
runter/ das das Staats-Intereſſe concernirte. Es ſind ſol-
che Sachen/ die in vita communi vorkom̃en. Wenn du alſo
ſonſt keine Urſache haſt auf mich boͤſe zu ſeyn/ als daß ich
Teutſch geſchrieben/ ſo ſpare deine Worte/ und bleibe zu
Hauſe. Du moͤchteſt dich ſonſten cum applauſu bey der Welt
proſtituiren. Alſo menagire dich ſelbſten. Noch eines muß ich
gedencken. Die Allegata, wenn ſie in einer andern als der
teutſchen Sprache geſchrieben/ habe in denen Paragraphis
uͤberſetzet/ und die Worte in denen Noten beygefuͤget.
Doch erinnere daß bey Uberſetzung mehr auf den Sinn/
als die Worte eines Autoris geſehen. Laß es dir nicht
verdrieſſen/ daß ſolche Stellen zweymahl vorkommen.
Denn weil vor Gelehrte und Ungelehrte geſchrieben/ ſo hat

es
):( ):( ):(
<TEI>
  <text>
    <front>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0016"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Vorrede.</hi></fw><lb/>
wahre Be&#x017F;chaffenheit mancher Sache wi&#x017F;&#x017F;en. Es wa&#x0364;re<lb/>
weit zutra&#x0364;glicher/ wenn manches vor ihren Augen ver-<lb/>
borgen bliebe. Ho&#x0364;re: die&#x017F;es i&#x017F;t ein politi&#x017F;cher Streich/<lb/>
den vor langen Zeiten/ da alles in der gro&#x0364;&#x017F;ten <hi rendition="#aq">Barbarie</hi><lb/>
war/ die Cleri&#x017F;ey ge&#x017F;pielet. Wenn es la&#x0364;nger gewa&#x0364;hret/<lb/>
ha&#x0364;tten die Layen Heu fre&#x017F;&#x017F;en lernen. Die <hi rendition="#aq">Reformation</hi><lb/>
hat uns hieraus geri&#x017F;&#x017F;en. Entweder i&#x017F;t daßjenige/ was<lb/>
ich ge&#x017F;chrieben/ wahr/ oder es hat keinen Grund. J&#x017F;t das<lb/>
er&#x017F;tere/ warum &#x017F;ollen es nicht alle Men&#x017F;chen wi&#x017F;&#x017F;en. J&#x017F;t<lb/>
es das letztere/ &#x017F;o zeige mir/ wo ich geirret. Doch fu&#x0364;hre<lb/>
dich als einen ge&#x017F;cheuten <hi rendition="#aq">Di&#x017F;putatorem</hi> auf. Jch be&#x017F;chei-<lb/>
de mich zwar gar wohl/ daß es nicht allezeit gut/ wenn<lb/>
alle und jede die wahre Be&#x017F;chaffenheit einer Sache wu&#x0364;-<lb/>
&#x017F;ten. Kindern &#x017F;ind viele Wahrheiten &#x017F;cha&#x0364;dlich/ die &#x017F;ie<lb/>
bey erwach&#x017F;enen Jahren wi&#x017F;&#x017F;en ko&#x0364;nnen. Die Geheim-<lb/>
nu&#x0364;&#x017F;&#x017F;e eines Staats mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en vor vieler Augen verborgen<lb/>
bleiben. Was ich aber ge&#x017F;chrieben/ mo&#x0364;gen Schu&#x017F;ter und<lb/>
Schneider und andere Ungelehrte le&#x017F;en. Es i&#x017F;t nichts da-<lb/>
runter/ das das Staats-<hi rendition="#aq">Intere&#x017F;&#x017F;e concerni</hi>rte. Es &#x017F;ind &#x017F;ol-<lb/>
che Sachen/ die in <hi rendition="#aq">vita communi</hi> vorkom&#x0303;en. Wenn du al&#x017F;o<lb/>
&#x017F;on&#x017F;t keine Ur&#x017F;ache ha&#x017F;t auf mich bo&#x0364;&#x017F;e zu &#x017F;eyn/ als daß ich<lb/>
Teut&#x017F;ch ge&#x017F;chrieben/ &#x017F;o &#x017F;pare deine Worte/ und bleibe zu<lb/>
Hau&#x017F;e. Du mo&#x0364;chte&#x017F;t dich &#x017F;on&#x017F;ten <hi rendition="#aq">cum applau&#x017F;u</hi> bey der Welt<lb/><hi rendition="#aq">pro&#x017F;titui</hi>ren. Al&#x017F;o <hi rendition="#aq">menagi</hi>re dich &#x017F;elb&#x017F;ten. Noch eines muß ich<lb/>
gedencken. Die <hi rendition="#aq">Allegata,</hi> wenn &#x017F;ie in einer andern als der<lb/>
teut&#x017F;chen Sprache ge&#x017F;chrieben/ habe in denen <hi rendition="#aq">Paragraphis</hi><lb/>
u&#x0364;ber&#x017F;etzet/ und die Worte in denen Noten beygefu&#x0364;get.<lb/>
Doch erinnere daß bey Uber&#x017F;etzung mehr auf den Sinn/<lb/>
als die Worte eines <hi rendition="#aq">Autoris</hi> ge&#x017F;ehen. Laß es dir nicht<lb/>
verdrie&#x017F;&#x017F;en/ daß &#x017F;olche Stellen zweymahl vorkommen.<lb/>
Denn weil vor Gelehrte und Ungelehrte ge&#x017F;chrieben/ &#x017F;o hat<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">):( ):( ):(</fw><fw place="bottom" type="catch">es</fw><lb/></p>
      </div>
    </front>
  </text>
</TEI>
[0016] Vorrede. wahre Beſchaffenheit mancher Sache wiſſen. Es waͤre weit zutraͤglicher/ wenn manches vor ihren Augen ver- borgen bliebe. Hoͤre: dieſes iſt ein politiſcher Streich/ den vor langen Zeiten/ da alles in der groͤſten Barbarie war/ die Cleriſey geſpielet. Wenn es laͤnger gewaͤhret/ haͤtten die Layen Heu freſſen lernen. Die Reformation hat uns hieraus geriſſen. Entweder iſt daßjenige/ was ich geſchrieben/ wahr/ oder es hat keinen Grund. Jſt das erſtere/ warum ſollen es nicht alle Menſchen wiſſen. Jſt es das letztere/ ſo zeige mir/ wo ich geirret. Doch fuͤhre dich als einen geſcheuten Diſputatorem auf. Jch beſchei- de mich zwar gar wohl/ daß es nicht allezeit gut/ wenn alle und jede die wahre Beſchaffenheit einer Sache wuͤ- ſten. Kindern ſind viele Wahrheiten ſchaͤdlich/ die ſie bey erwachſenen Jahren wiſſen koͤnnen. Die Geheim- nuͤſſe eines Staats muͤſſen vor vieler Augen verborgen bleiben. Was ich aber geſchrieben/ moͤgen Schuſter und Schneider und andere Ungelehrte leſen. Es iſt nichts da- runter/ das das Staats-Intereſſe concernirte. Es ſind ſol- che Sachen/ die in vita communi vorkom̃en. Wenn du alſo ſonſt keine Urſache haſt auf mich boͤſe zu ſeyn/ als daß ich Teutſch geſchrieben/ ſo ſpare deine Worte/ und bleibe zu Hauſe. Du moͤchteſt dich ſonſten cum applauſu bey der Welt proſtituiren. Alſo menagire dich ſelbſten. Noch eines muß ich gedencken. Die Allegata, wenn ſie in einer andern als der teutſchen Sprache geſchrieben/ habe in denen Paragraphis uͤberſetzet/ und die Worte in denen Noten beygefuͤget. Doch erinnere daß bey Uberſetzung mehr auf den Sinn/ als die Worte eines Autoris geſehen. Laß es dir nicht verdrieſſen/ daß ſolche Stellen zweymahl vorkommen. Denn weil vor Gelehrte und Ungelehrte geſchrieben/ ſo hat es ):( ):( ):(

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/pertsch_recht_1721
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/pertsch_recht_1721/16
Zitationshilfe: Pertsch, Johann Georg: Das Recht Der Beicht-Stühle. Halle, 1721, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/pertsch_recht_1721/16>, abgerufen am 20.02.2024.