Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 3. Stuttgart, 1831.

Bild:
<< vorherige Seite

lich, wie ihr ehemals ganz Europa nachäffte, jetzt,
(oft auf ziemlich groteske Weise), nicht verschmäht,
selbst den Affen der Engländer zu machen, und so-
gar -- wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten --
oft noch über das Original zu rencheriren.

In dem Travellers-Club belustigte mich in dieser
Hinsicht besonders ein vornehmer Fremder aus dem
Süden, der, wahrscheinlich als Satyre auf diese Sit-
tenlicenz und edle Grobheit im Aeussern, gleich den
Chinesen, sich durchaus nicht genirte, sehr häufig beim
Spiel gewisse Laute mit geöffnetem Munde auf's
vernehmlichste von sich zu geben, die chemals wohl
kaum in Schenken gestattet worden wären.

Der Zug ist nicht appetitlich, aber für den Lond-
ner Traveller-Club doch charakteristisch.

Dagegen nimmt man es Fremden sehr übel, wenn
sie im Eßsaal, der doch im Grunde nichts als eine
elegante Restauration ist, und wo jeder auch, wie
dort, seine Zeche nach vollendeter Mahlzeit bezahlt,
mit einem der Diener, der schlecht bedient, lange
warten läßt, oder eins statt des andern bringt,
schmälen, oder überhaupt etwas laut oder herrisch ihre
Befehle geben, obgleich die Engländer selbst sich dies
sehr oft dort, und noch vielmehr bei uns erlauben.
Ja es wird sogar, nicht gerade als unschicklich doch
aber als fatal und unangenehm angesehen, wenn
Jemand während des Mittagessens liest, weil dies
in England nicht Mode ist, und da unter andern
ich selbst diese Unart in hohem Grade an mir habe,

lich, wie ihr ehemals ganz Europa nachäffte, jetzt,
(oft auf ziemlich groteske Weiſe), nicht verſchmäht,
ſelbſt den Affen der Engländer zu machen, und ſo-
gar — wie gewöhnlich bei ſolchen Gelegenheiten —
oft noch über das Original zu rencheriren.

In dem Travellers-Club beluſtigte mich in dieſer
Hinſicht beſonders ein vornehmer Fremder aus dem
Süden, der, wahrſcheinlich als Satyre auf dieſe Sit-
tenlicenz und edle Grobheit im Aeuſſern, gleich den
Chineſen, ſich durchaus nicht genirte, ſehr häufig beim
Spiel gewiſſe Laute mit geöffnetem Munde auf’s
vernehmlichſte von ſich zu geben, die chemals wohl
kaum in Schenken geſtattet worden wären.

Der Zug iſt nicht appetitlich, aber für den Lond-
ner Traveller-Club doch charakteriſtiſch.

Dagegen nimmt man es Fremden ſehr übel, wenn
ſie im Eßſaal, der doch im Grunde nichts als eine
elegante Reſtauration iſt, und wo jeder auch, wie
dort, ſeine Zeche nach vollendeter Mahlzeit bezahlt,
mit einem der Diener, der ſchlecht bedient, lange
warten läßt, oder eins ſtatt des andern bringt,
ſchmälen, oder überhaupt etwas laut oder herriſch ihre
Befehle geben, obgleich die Engländer ſelbſt ſich dies
ſehr oft dort, und noch vielmehr bei uns erlauben.
Ja es wird ſogar, nicht gerade als unſchicklich doch
aber als fatal und unangenehm angeſehen, wenn
Jemand während des Mittageſſens liest, weil dies
in England nicht Mode iſt, und da unter andern
ich ſelbſt dieſe Unart in hohem Grade an mir habe,

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0150" n="110"/>
lich, wie ihr ehemals ganz Europa nachäffte, jetzt,<lb/>
(oft auf ziemlich groteske Wei&#x017F;e), nicht ver&#x017F;chmäht,<lb/>
&#x017F;elb&#x017F;t den Affen der Engländer zu machen, und &#x017F;o-<lb/>
gar &#x2014; wie gewöhnlich bei &#x017F;olchen Gelegenheiten &#x2014;<lb/>
oft noch über das Original zu rencheriren.</p><lb/>
          <p>In dem Travellers-Club belu&#x017F;tigte mich in die&#x017F;er<lb/>
Hin&#x017F;icht be&#x017F;onders ein vornehmer Fremder aus dem<lb/>
Süden, der, wahr&#x017F;cheinlich als Satyre auf die&#x017F;e Sit-<lb/>
tenlicenz und edle Grobheit im Aeu&#x017F;&#x017F;ern, gleich den<lb/>
Chine&#x017F;en, &#x017F;ich durchaus nicht genirte, &#x017F;ehr häufig beim<lb/>
Spiel gewi&#x017F;&#x017F;e Laute mit geöffnetem Munde auf&#x2019;s<lb/>
vernehmlich&#x017F;te von &#x017F;ich zu geben, die chemals wohl<lb/>
kaum in Schenken ge&#x017F;tattet worden wären.</p><lb/>
          <p>Der Zug i&#x017F;t nicht appetitlich, aber für den Lond-<lb/>
ner Traveller-Club doch charakteri&#x017F;ti&#x017F;ch.</p><lb/>
          <p>Dagegen nimmt man es Fremden &#x017F;ehr übel, wenn<lb/>
&#x017F;ie im Eß&#x017F;aal, der doch im Grunde nichts als eine<lb/>
elegante Re&#x017F;tauration i&#x017F;t, und wo jeder auch, wie<lb/>
dort, &#x017F;eine Zeche nach vollendeter Mahlzeit bezahlt,<lb/>
mit einem der Diener, der &#x017F;chlecht bedient, lange<lb/>
warten läßt, oder eins &#x017F;tatt des andern bringt,<lb/>
&#x017F;chmälen, oder überhaupt etwas laut oder herri&#x017F;ch ihre<lb/>
Befehle geben, obgleich die Engländer &#x017F;elb&#x017F;t &#x017F;ich dies<lb/>
&#x017F;ehr oft dort, und noch vielmehr bei uns erlauben.<lb/>
Ja es wird &#x017F;ogar, nicht gerade als un&#x017F;chicklich doch<lb/>
aber als fatal und unangenehm ange&#x017F;ehen, wenn<lb/>
Jemand während des Mittage&#x017F;&#x017F;ens liest, weil dies<lb/>
in England nicht Mode i&#x017F;t, und da unter andern<lb/>
ich &#x017F;elb&#x017F;t die&#x017F;e Unart in hohem Grade an mir habe,<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[110/0150] lich, wie ihr ehemals ganz Europa nachäffte, jetzt, (oft auf ziemlich groteske Weiſe), nicht verſchmäht, ſelbſt den Affen der Engländer zu machen, und ſo- gar — wie gewöhnlich bei ſolchen Gelegenheiten — oft noch über das Original zu rencheriren. In dem Travellers-Club beluſtigte mich in dieſer Hinſicht beſonders ein vornehmer Fremder aus dem Süden, der, wahrſcheinlich als Satyre auf dieſe Sit- tenlicenz und edle Grobheit im Aeuſſern, gleich den Chineſen, ſich durchaus nicht genirte, ſehr häufig beim Spiel gewiſſe Laute mit geöffnetem Munde auf’s vernehmlichſte von ſich zu geben, die chemals wohl kaum in Schenken geſtattet worden wären. Der Zug iſt nicht appetitlich, aber für den Lond- ner Traveller-Club doch charakteriſtiſch. Dagegen nimmt man es Fremden ſehr übel, wenn ſie im Eßſaal, der doch im Grunde nichts als eine elegante Reſtauration iſt, und wo jeder auch, wie dort, ſeine Zeche nach vollendeter Mahlzeit bezahlt, mit einem der Diener, der ſchlecht bedient, lange warten läßt, oder eins ſtatt des andern bringt, ſchmälen, oder überhaupt etwas laut oder herriſch ihre Befehle geben, obgleich die Engländer ſelbſt ſich dies ſehr oft dort, und noch vielmehr bei uns erlauben. Ja es wird ſogar, nicht gerade als unſchicklich doch aber als fatal und unangenehm angeſehen, wenn Jemand während des Mittageſſens liest, weil dies in England nicht Mode iſt, und da unter andern ich ſelbſt dieſe Unart in hohem Grade an mir habe,

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe03_1831
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe03_1831/150
Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 3. Stuttgart, 1831, S. 110. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe03_1831/150>, abgerufen am 26.02.2024.